Leistungsschutz : CCC und Blogger weisen Vorwürfe der "Tatort"-Autoren zurück

Ein offener Brief, mit dem sich die Drehbuchautoren in die Leistungsschutzrecht-Debatte einschalteten, löst Kritik aus. Die Argumente seien unredlich.

Der Chaos Computer Club (CCC) hat einen offenen Brief von Drehbuchautoren des Tatort als unzeitgemäß zurückgewiesen. Die 51 Urheber hatten eine Stärkung der Kunstschaffenden und eine Korrektur der bisherigen politischen Stoßrichtung in der Urheberrechtsdiskussion gefordert. "Das von Euch als gottgegeben hingestellte sogenannte 'geistige Eigentum' ist bei näherem Hinsehen eine Chimäre jüngeren Datums", schreibt der CCC in seiner Replik auf den offenen Brief.

Die Organisation stellte dennoch klar: "Wir kämpfen eigentlich auf derselben Seite, aber Ihr merkt es nicht einmal." Gemeint sei damit, dass auch viele Programmierer, Hacker, Gestalter, Musiker, Autoren von Büchern und Artikeln mit ihren Werken selbst als Urheber im Internet aufträten. Der gemeinsame Gegner in der Diskussion sei folglich die Verwertungsindustrie oder "prädigitale Ignoranten mit Rechteverwertungsfetisch". Der CCC unterstützt mit der Kulturwertmark ein eigenes Vergütungsmodell für Kreative.

Auf der Website Netzpolitik.org kommentiert Leonhard Dobusch, "das Pamphlet der Tatort-Autoren" bediene sich "einer unredlichen Argumentationsstrategie", die die Debatte nicht voranbringe. Es sollte vielmehr der Versuch unternommen werden, "berechtigte Kritik auch anzuerkennen. Wie das gehen könnte, zeigt die ebenfalls von Kulturschaffenden gestartete Initiative Copylike".

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Kommentare

50 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Debatten ohne Gesprächsbereitschaft sinnfrei

Andi Popp von der Piratenpartei, einer der profiliertesten Urheberrechtsdiskutanten, geht in diesem Beitrag auf den offenen Brief ein:
http://andipopp.wordpress...

Und ich kann mich da nur anschließen: Die Aussage "wir stehen für Diskussionen zur Verfügung, solang das was wir wollen als Grundlage anerkannt wird" ist ungeeignet um sich in eine laufende Debatte einzuklinken.

Denn es gibt schon viele Urheber und Konsumenten, die sich länger mit der Problematik auseinandergesetzt haben, als die "Tatort-Schreiber", die in ihrem Brief noch nicht einmal auf die grundlegendsten Argumente für ein moderneres Urheberrecht eingegangen sind.
Da ist es vielleicht besser, wenn die öffentlich-rechtlich-staatsnahen Autoren sich mit unfundierten Äußerungen zurückhalten.

Ich kenne auch einen Autor, der fürs Fernsehen schreibt

Der bibbert Jahr für Jahr, dass er ausreichend Drehbuchaufträge bekommt. Das Bibbern hat aber nichts mit dem Internet zu tun, sondern damit, dass es viele Autoren gibt und nicht immer genügend Aufträge, um allen Autoren ein sorgenfreies Leben zu bescheren.

Da die Autoren ihren Frust nicht an die Auftraggeber weitergeben wollen/können, adressieren sie in ans Internet. Das machen alle. Das geht immer, und wenn einer widerspricht, ist er gewiss einer dieser kulturzerstörenden Raubkopierer, selbstredend.

Behauptungen, wo bleiben die Argumente?. Und Verwertungsrechte hin oder her. Erst das Urheberrecht hat dem gemeinen Publikum den Zugang zur Kunst aller Art eröffnet, weil der Künstler nicht mehr nur auf Gönner angewiesen war. Er hatte Chancen auf dem öffentlichen Markt im wahrsten Sinne des Wortes.

Und wenn alles zum Gemeingut wird, wird die Kunst wieder in der Exklusivität verschwinden. Dann darf die Internetgemeinde ihre Feste feiern, solange es noch zu bezahlen und frei ist wie heute.

Die größten kulturellen Blüten gab es ohne Urheberrecht

Wenn man mal ein wenig in den Geschichtsbüchern blättert, fällt folgendes auf:
Das Aufblühen der deutschen Literatur zu Zeiten Goethes und Schillers, das Aufkommen des Landes der "Dichter und Denker" kam, weil es damals kein Urheberrecht in Deutschland gab (bzw. dieses vielmehr wegen der Kleinstaaterei nicht durchsetzbar war).
Im Gegensatz zu England, wo es damals bereits ein "Copyright" gab, vervielfachte sich zu dieser Zeit in Deutschland aufgrund des hohen Wettbewerbs die Anzahl der Veröffentlichungen und der Leserkreis ebendieser (und mit der größeren Anzahl Leser auch die Zahl potentieller Autoren).

Zeitsprung, um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es in den Oststaaten der USA strenge Regeln, was Patente und Urheberrechte im damals neuartigen Filmgeschäft anging. Um dies zu umgehen wurde an der am weitesten entfernten Stelle, wo man vor der Verfolgung der Rechteinhaber sicher war, damit angefangen gegen diese Rechte zu verstoßen und Filme zu drehen. Dieser Ort heißt Hollywood.

Einfach nur zu sagen "Urheberrechte braucht man nicht" ist platt und verkürzend. Zu sagen "Ohne Urheberrechte gibt es keine Kultur" ist aber in jedem Fall auch falsch.

Martin Lange (Pol. Geschäftsführer Piraten BaWü)

Dichter & Denker

"Das Aufblühen der deutschen Literatur zu Zeiten Goethes und Schillers, das Aufkommen des Landes der "Dichter und Denker" kam, weil es damals kein Urheberrecht in Deutschland gab (bzw. dieses vielmehr wegen der Kleinstaaterei nicht durchsetzbar war)."

Das ist natürlich richtig: Urheberrecht als solches gab es nicht.
Allerdings wurden die Künstler damals von den Herrschern bezahlt (die das Geld dafür sich vom Volk holten) und das gemeine Volk hatte nicht einmal die Möglichkeit den Kram dann zu sehen oder zu lesen. Gerade der von Ihnen erwähnte Goethe hat es sich ziemlich gut gehen lassen.

Mal ganz davon abgesehen finde ich es ziemlich fragwürdig zu behaupten, daß das Fehlen des Urheberrechtes für die Kulturelle Entwicklung damals verantwortlich sei. Das ist sogar ziemlich grober Unfug.

Sie sind Pol. Geschäftsführer Piraten BaWü? Ein weiterer Grund diese Partei nicht zu wählen.

Auch das Kino selbst

konnte sich ueberhaupt nur deshalb als leicht bezahlbares Massenprodukt so schnell verbreiten, weil z.B. Edison in Europa kein (!) Patent auf seinen Kinematographen anmelden konnte (weil es bereits zu viele Vorstufen zu diesem Geraet gab, die anderswo entstanden waren, und das Verfahren deshalb sehr lange gedauert haette). Das ermoeglichte kostengeunstige Kopien und Weiterentwicklungen des Geraets.

Vielleicht nochmal drüber nachdenken...

Leider habe ich im Moment den Originalartikel nicht zur Hand und kann deshalb nur hiermit dienen:
http://www.spiegel.de/spi...

Aber auch dort wird explizit gesagt, dass die Bücher sich über den Verkauf finanziert haben, nicht über ein Mäzenatentum. Das war ja gerade der große Vorteil der billigen Kopiermöglichkeiten.

@RAKoenen:
Es gibt durchaus Leute, die den Eigentumscharakter von Ideen in Frage stellen, da man Ideen nicht stehlen sondern nur kopieren kann. So weit möchte ich hier gar nicht gehen, und ich behaupte ja auch nicht, dass wir alle Schutzrechte abschaffen sollten. Im Gegenteil.
Aber es kann keine Lösung sein immer mehr demokratische Grundprinzipien aufzugeben, nur damit ein Industriezweig sich nicht an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen anpassen muss.

Wir haben Supermärkten auch nicht das Recht gegeben uns auf der Straße zu durchsuchen oder in unsere Wohnung einzubrechen um diese nach eventuell gestohlenen Artikeln zu durchsuchen. Doch im digitalen Raum ist dies gang und gäbe.

Ich habe nur gesagt, dass ich, wenn ich mich entscheiden muss, eher für die Demokratie entscheide als für Urheberrechte. Und wenn ich eines verändern muss um das andere zu bewahren, dann ist die Entscheidung für mich leicht. Für das Grundgesetz übrigens auch.

Über einen finanziellen Ausgleich würden wir ja gerne reden, nur wird das schwierig, wenn dem anderen eher am beibehalten des Status Quo gelegen ist.

Sie gestatten 1

Sie gestatten, dass ich einmal ihr Geschichtsbild update.
Ihre These, das Aufblühen der Deutschen Kultur hinge mit einem noch nicht formulierten Urheberrecht zusammen, ist schlicht falsch. Den Zusammenhang kann es schon allein daher nicht geben, da auch in den Jahrhunderten vorher kein solches vorhanden war, und es dennoch nicht diese kulturelle Blüte gab (es gab natürlich dennoch Kultur). Ursächlich sind stattdessen zwei Dinge: zum ersten eine breitere Bildung der Bevölkerung auch durch das Aufblühen des Bürgertums, des Voranbringens von Schulen usw. und zweitens eine liberalere Grundeinstellung der Bevölkerung angeregt durch die philosophische Denkart der Aufklärung. Dennoch ist es keines Wegs so, wie Sie uns glaubhaft machen wollen, dass jenes vom urheberrecht befreite Kulturwesen die größte Produktionskraft der deutschen Geschichte hatte.

Sie gestatten 2

Im gegenteil gab es wohl nie ein Zeitalter, das in den musischen Disziplinen quantitativ mehr hervorbrachte als unseres. Die Verhältnisse des 18. Jahrhunderts hingegen, verhinderten im großen Maße sogar die freie Entfaltung der Künste. Besonders schön zu sehen an dem Lebenslauf Schillers, den sie ja selbst auch anführen. Das Urheberrecht hingegen stärkte den Autor und machte ihn unabhängig von den Mäzenen, die natürlich auch Mitbestimmer waren. Goethe und Schiller und konnten sich später so frei entfalten, weil Weimar eine liberale Insel war, unter anderen Fürsten wäre ihnen das unmöglich gewesen (siehe Schubert). Schwächen wir den Künstler so stärken wir die Rolle der Mäzenen, das können Sie nicht wollen. Oder glauben sie, dass Banker Kapitalismuskritik bezahlen würden?

Schwache Argumente beiderseits

Das Argument "Das von Euch als gottgegeben hingestellte sogenannte 'geistige Eigentum' ist bei näherem Hinsehen eine Chimäre jüngeren Datums" ist wohl vom niveau her recht dünn. Nur weil das Frauenwahlrecht erst jüngeren Datums ist bedeutet dies nicht, dass dies weniger gewichtig wäre.

Letzten Endes brauch es einen Urheberschutz in den Bereichen in denen der geistige Schaffensprozess über viele Jahre sich später auch refinanzieren muss.
Das Copyright ist da wieder ein anderes Thema. Eventuell sollte man sich einfach mal überlegen, was genug tiefe hat um für welche Zeit schützenswert zu sein.
Erst mal aus dem holen bauch heraus:
- Ein Lied - ein Jahr?
- Ein Film - zwei Jahre?
- Außergewöhnliche geistige Leistungen zum Wohle der Menschheit bis zum Lebensende des Autors und seinem Lebenspartner?

Das sind vergleichsweise radikale Forderungen

selbst die Piraten fordern Schutzfristen von 10 Jahren ;)

Das Problem ist nur: Das private Kopieren von Kulturgütern kann man nicht verhindern. Besonders im Internet nicht. Jeder Versuch es einzuschränken greift jedoch tief in die Freiheitsrechte aller ein. Deshalb sollte man überlegen ob es für solche Fälle, wo die Kulturschaffenden sich nicht sinnvoll refinanzieren können, neue Lösungen schafft.
Auch wäre es schön gewesen, wenn es in Deutschland legale Möglichkeiten gegeben hätte digitale Kulturgüter zu beziehen. Doch das hat Jahre gedauert, Systeme wie Netflix oder Hulu gibt es immer noch nicht (Maxxdome oder Lovefilm sind nicht einmal näherungsweise vergleichbar). Stattdessen haben Rechteverwerter Fans verfolgt und beschimpft.
Naja, ob das dauerhaft sinnvoll ist?