Ausstellungsmacher Kasper König"Wir sind Sandkörner im Getriebe"

Das Museum als Zeitschöpfungsmaschine: Der bekannte Ausstellungsmacher Kasper König spricht im Tagesspiegel-Interview über Banken, Löcher im Kopf und die Documenta.

Frage: Herr König, mit Ihrer letzten großen Ausstellung Vor dem Gesetz zum Abschied aus Köln werden Sie noch einmal moralisch. Sie halten ein Plädoyer auf die humanistische Kraft der Kunst.

Kasper König: Vielleicht ist das naiv, aber es geht hier um etwas Existenzielles, das nackte Leben. Die gezeigten Skulpturen versuchen, diesem Thema eine Form zu geben: ein Balanceakt zwischen Wahrheit und einem uns heute fast kitschig erscheinendem Pathos. In der Ausstellung gibt es nichts Ironisches oder Zynisches. Wir versuchen einer allgemeinen Amnesie entgegenzutreten und plädieren für die Notwendigkeit des Museums.

Anzeige

Frage: Warum ist das Museum notwendig?

König: Es ist eine Zeitschöpfungsmaschine. Fragen werden darin untersucht, die verschiedene Generationen beschäftigt haben. Das Museum ist ein Ort für alle. Erstaunlicherweise gibt es aber Leute, die glauben, das Museum gehöre ihnen – meist Angehörige einer Generation, die selbst wenig, deren Eltern und Großeltern aber viel Engagement im Nachkriegsdeutschland gezeigt haben. Das bürgerschaftliche Engagement, das beim Erweiterungsbau des Städels in Frankfurt gefeiert wurde, ist Augenwischerei. Die Banken leihen ihre Kunst für 20 Jahre. Würden sie ihre Bilder hergeben, müssten sie Schenkungssteuer zahlen, die sie ihren Aktionären nicht zumuten wollen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber man sollte es nicht als große Gabe feiern.

Frage: Inwiefern vermag Kunst Themen wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit zu verhandeln?

König: Indem sie formalisiert, also deutlich macht, dass es sich um Kunst handelt. Die Gestalt wird dabei wichtig. Eine Skulptur entsteht immer im Auftrag, und sei es durch einen fiktiven Auftraggeber: die Schande oder die moralische Verpflichtung. Das Pathos von Wolfgang Borcherts Erzählung Draußen vor der Tür fand ich damals unerträglich. Dennoch hat sie ihre Form gefunden. Ähnlich ist es bei Gerhard Marcks’ Gefesseltem Prometheus, der nach dem Krieg entstand. Es bleibt immer ein Rest, der sich nicht erklären lässt.

Frage: Ihre Ausstellung zeigt fast ausschließlich Skulptur. Ist die Malerei weniger geeignet, sich Fragen der Moral zu widmen?

König: Bei der Skulptur geht es um das Grundsätzliche, das Schaffen eines Raums, das konkrete Einstehen für eine Sache. Dabei wirkt Kunst im realen Leben unmittelbarer als im Museum. Zadkines Monument „Die zerstörte Stadt“ war im wieder aufgebauten Hafen der zerbombten Stadt Rotterdam eine Metapher für den Neuanfang, auf der Documenta II dagegen wurde es zum Zeichen des Krieges.

Frage: Die Hälfte der Exponate stammt aus der Nachkriegszeit. Kehren Sie an die Anfänge Ihrer eigenen Seherfahrungen zurück?

König: Für mich war der Ausgangspunkt Bruce Naumans Forderung: "Kunst soll sein wie ein Schlag in den Nacken mit dem Baseballschläger." Es geht um die unmittelbare ästhetische Erfahrung. Wie konnte man nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Trauma umgehen? Das Publikum heute nimmt die Dinge eher an der Oberfläche wahr, es scannt: "Aha, ein Kirchner, ein Mondrian, ein Warhol." Alles wird unter moderner Kunst subsummiert, egal ob es 1918, ’28 ’58 oder ’68 entstand. Die Kunst ist heute Teil der Warenwelt.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 29.03.2012 um 16:54 Uhr

    Nauman saß in der Galerie Konrad Fischers und tat Nichts
    Das war selbst dem Conny Fischer zu wenig.
    aber Das Sagen hatte der König
    https://zeitmagazin.adhoc...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service