Komponist Wolfgang Rihm"Natürlich schreibe ich mit Blut"

Nicht per Telefon, E-Mail oder gar Skype! Wer den großen Komponisten Wolfgang Rihm zu seinem 60. Geburtstag interviewen will, muss faxen. Dafür wird es dann umso heiterer.

Frage: Herr Rihm, wir führen dieses Interview per Fax: Ich faxe Fragen, Sie faxen Antworten, und ich darf nachfragen. Was haben Sie gegen ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat?

Wolfgang Rihm: Gegen ein persönliches Gespräch habe ich gar nichts. Nur habe ich zurzeit keine Zeit. Seit 59 Jahren ist bekannt, dass ich im März 2012 60 Jahre alt werde, aber plötzlich müssen alle Journalisten die letzten drei Wochen vor diesem Geburtstag nutzen, um – endlich! – ein Gespräch mit mir zu führen. Sie verstehen!? Am Telefon mag ich nicht interviewt werden: Ich kann Ihre Augen nicht sehen. Die sehe ich zwar jetzt auch nicht, aber ihre Fragen schauen mich ja an. Eher fragend.

Frage: Sie antworten, so wurde mir versichert, handschriftlich und gut lesbar. Sitzen oder stehen Sie dabei? Mit was schreiben Sie?

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Rihm: Im Moment sitze ich. Auf dem Schreibtisch ist gerade Platz für ein DIN-A4-Blatt. Ich bin nachlässig gekleidet. Es ist Nacht. Der Mond scheint durch ungeputzte Scheiben. Natürlich schreibe ich mit Blut. Eine Fledermaus … im März?

Frage: Mögen Sie Ihre eigene Schrift? Spiegelt sich deren Charakter in Ihrer Notenschrift wieder? Haben Sie in Ihrem Leben bei 350 veröffentlichten Werken mehr Noten geschrieben oder mehr Buchstaben?

Rihm:  a) ja, b) durchaus möglich, c) Natürlich habe ich mehr Buchstaben geschrieben. Sie wissen doch: Eine Note, sagt man, sagt mehr als 1000 Worte.

Frage: Was ist Handwerk (Hand-Werk)?

Wolfgang Rihm

Der Komponist Wolfgang Rihm wird 60. Er wurde in Karlsruhe geboren, seine Lehrer sind u.a. Wilhelm Killmayer, Karlheinz Stockhausen und Klaus Huber. Seit 1974 wird Rihm in Donaueschingen gespielt, seinen Durchbruch erzielt er 1979 mit der Kammeroper Jacob Lenz. Anfang Juli zeigt die Berliner Staatsoper seine Opernfantasie Dionysos, die 2010 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde. Rihm lebt in Karlsruhe und Berlin.

Rihm: In der Kompositionskunst ist das eine Metapher. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass der Komponist das, was er erreichen will, auf adäquate Weise darzustellen weiß.

Frage: Medienphilosophen behaupten seit den achtziger Jahren, die menschliche Schrift würde bald von den Programmiercodes unserer Computer abgelöst. Auch wenn es noch nicht so weit ist (weil außer den Programmierern niemand diese Codes lesen kann, geschweige denn begreifen): Was sagt der Komponist dazu?

Rihm: Der Komponist sagt dazu nichts. Aber er denkt sich: Diese Philosophen verstanden wahrscheinlich nichts vom Komponieren.

Frage: Was ist das fortschrittlichste technische Gerät, das Sie je bedient haben?

Rihm: Ein selbst verfertigter Zahnstocher, echtes Produkt einer Notsituation.

Frage: Was sind die Vorteile des Alters?

Rihm: Besserer Sex.

Frage: Echt?

Rihm: Eben: echt! Ohne Balz-Stress etc.

Frage: Was sind die Nachteile des Alters?

Rihm: Zu viele Interviews.

Frage: Haben Zahlen für Sie eine metaphorische Kraft oder Qualität? Falls ja: Für was steht die 60? Falls nein: gleiche Frage.

Rihm: Zahlen stehen für sich. Die 60 sieht aus wie eine lädierte Brezel, die versonnen in ein Loch blickt (– oder horcht?).

Frage: John Cage wäre heuer 100 geworden, Sie werden 60. Das Berliner Maerzmusik-Festival feiert Sie beide im Huckepackverfahren. Fühlen Sie sich dabei wohl?

Rihm: Der Zufall mit Cage ist doch ganz in seinem Sinn. Also auch in meinem.

Leserkommentare
  1. Ich gebe zu, ein musikalisches Wildschwein zu sein und von Wolfgang Rihm allenfalls einmal gehört zu haben.

    Dieses Interview ist jedoch aus humoristischer Sicht grandios. Das beginnt bei der Art und Weise, wie es geführt (und beendet) wurde und endet bei Aussagen wie "Die 60 sieht aus wie eine lädierte Brezel, die versonnen in ein Loch blickt".

    Ich habe laut gelacht.

    • TNE
    • 13.03.2012 um 10:19 Uhr

    Hier müssten noch ein Absatz und ein fettgedruckter "Rihm:" hinzugefügt werden:

    hier ---> Im Moment sitze ich. Auf dem Schreibtisch ist gerade Platz für ein DIN-A4-Blatt. Ich bin nachlässig gekleidet. Es ist Nacht. Der Mond scheint durch ungeputzte Scheiben. Natürlich schreibe ich mit Blut. Eine Fledermaus … im Februar?

  2. Der Typ hat keine Lust auf Interviews und fühlt sich auch sonst nicht genötigt sinnvolle Antworten zu geben. Es ist als würde er dem minderwertigen menschlichen Dasein längst entfleucht sein und sich sowie für nichts interessieren, außer vielleicht für sich selbst. Ich finde die Staatlichen Förderprogramme die solche Menschen unterstützen/aufbauen sollten restlos gestrichen werden.

    Wer ist denn eigentlich Wolfgang Rihm? war der mal im Dschungelcamp?

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    • rastar
    • 13.03.2012 um 13:41 Uhr

    Ich habe selten einen derart vielsagenden, ehrlichen und schreiend komischen Jubiläums-Beitrag gelesen, der zudem die Beteiligten und ihre Intentionen auf lakonische Art so kenntlich macht, wie man es sich von einem Gespräch nur wünschen kann. Ein echtes Fundstück!

    Wenn staatliche Förderprogramme solche Gesprächspartner hervorbringen könnten (was ich nicht glaube), dann sollten sie dringend ausgebaut werden. Auch das Stellen dummer Fragen will ja gelernt sein...

    • rastar
    • 13.03.2012 um 13:41 Uhr

    Ich habe selten einen derart vielsagenden, ehrlichen und schreiend komischen Jubiläums-Beitrag gelesen, der zudem die Beteiligten und ihre Intentionen auf lakonische Art so kenntlich macht, wie man es sich von einem Gespräch nur wünschen kann. Ein echtes Fundstück!

    Wenn staatliche Förderprogramme solche Gesprächspartner hervorbringen könnten (was ich nicht glaube), dann sollten sie dringend ausgebaut werden. Auch das Stellen dummer Fragen will ja gelernt sein...

  3. Da ist ein Formatierungsfehler unterlaufen. In dem zweiten Frage:-Absatz steckt die Antwort von Rihm gleich mit drin, was sich aber nur aus dem Kontext erkennen lässt. Können Sie das so umformatieren, dass der entsprechenden Antwort Rihm: vorangestellt ist?

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    Redaktion

    Liebe Leser, vielen Dank für die Hinweise. Der Formatierungsfehler ist behoben. Beste Grüße aus der Redaktion!

    Redaktion

    Liebe Leser, vielen Dank für die Hinweise. Der Formatierungsfehler ist behoben. Beste Grüße aus der Redaktion!

    • rastar
    • 13.03.2012 um 13:41 Uhr

    Ich habe selten einen derart vielsagenden, ehrlichen und schreiend komischen Jubiläums-Beitrag gelesen, der zudem die Beteiligten und ihre Intentionen auf lakonische Art so kenntlich macht, wie man es sich von einem Gespräch nur wünschen kann. Ein echtes Fundstück!

    Wenn staatliche Förderprogramme solche Gesprächspartner hervorbringen könnten (was ich nicht glaube), dann sollten sie dringend ausgebaut werden. Auch das Stellen dummer Fragen will ja gelernt sein...

    Antwort auf "Lustig Lustig"
  4. Redaktion

    Liebe Leser, vielen Dank für die Hinweise. Der Formatierungsfehler ist behoben. Beste Grüße aus der Redaktion!

    Antwort auf "@Redaktion"

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