Grass-DebatteSchadet Grass seinem Werk?

Politische Äußerungen können das literarische Werk eines Dichters stark beschädigen. Für den Fall Günter Grass gilt das jedoch nicht.

Wer eigentlich spricht, wenn sich ein Schriftsteller in politischen Dingen äußert, das gehört zu den beliebtesten Fragen eines literarischen Betriebes, der gern auf der Autonomie der Kunst beharrt, ohne die Figur des eingreifenden Intellektuellen preisgeben zu wollen. Ist es der Spezialist des Allgemeinen, der auf fiktivem Terrain Einblicke in das Wesen des Menschen gewonnen hat und seine solchermaßen erworbene Autorität auf die Weltläufte ausweitet? Ist es der Formulierungsvirtuose, den sein Handwerk trainiert hat, Sprachklischees und Denkreflexe zu durchschauen? Oder ist es der Staatsbürger, der seinen Dichternimbus nutzt, um im Dienst einer gerechten Sache (und manchmal der moralischen Eitelkeit) Gehör zu finden?

Die Dickköpfigkeit, mit der Günter Grass Verteidigungsring um Verteidigungsring um sein israelkritisches Gedicht Was gesagt werden muss zieht, gibt längst mehr Anlass zu psychologischen Interpretationen als zu ästhetischen Debatten. Doch auch ihn ereilt nun der Verdacht, er werde sich noch um politischen Kopf und literarischen Kragen zugleich reden, wenn er weiterhin gallige Einwürfe wie in der Süddeutschen Zeitung vom Donnerstag veröffentlicht. In dem kleinen Text berichtet er, dass ihm bisher nur zwei diktatorische Regimes die Einreise verweigert hätten: die DDR und Birma. Mit Israel sei nun eine Demokratie dazu gekommen, die er jedoch als weitaus hoffnungsloser beurteile als die neue Regierung von Birma.

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Dies ist nicht der Ort, um die Absurdität der Diskussion ihrer politischen Substanz nach aufzuklären. Es ist allerdings eine traurige Tatsache, dass erst Grass eine Problematik ins öffentliche Bewusstsein hob, die im vergangenen November, als Israel gegenüber dem Iran mit allen verfügbaren Säbeln rasselte, in den Politikressorts mit weitaus höheren Vernunftanteilen geführt wurde als jetzt, wo die eingespielten Reaktionen den Ernst des Themas gleich wieder ad absurdum führen. Sinnvoll erörtern lässt sich am Beispiel Grass aber, ob politische Irrtümer, Halbwahrheiten oder gar Dummheiten ein literarisches Werk beschädigen können. Dahinter steht nichts anderes als die Umkehrung der Frage nach der moralischen Autorität des Schriftstellers, und diese Umkehrung zeigt vielleicht auch, warum es darauf keine verbindlichen Antworten gibt.

Man kann mit Recht behaupten, dass Grass’ Gedicht nicht nur den inneren Gesetzen einer Gattung Hohn spricht, die er als junger, "Die Vorzüge der Windhühner" preisender Lyriker viel eher beherzigte. Es ist in dem Sinn gar kein Teil der Literatur, als es sich durch Zeilenbruch und einige wenige Metaphern zwar um die Simulation von Literarizität bemüht, im Willen, etwas möglichst unverblümt auszusprechen, aber im Pamphletistischen steckenbleibt. Wenn also der Literat Grass spricht, dann höchstens ein entkräfteter. Deutlichkeit und Undeutlichkeit kommen hier einander allerdings auf eine Weise in die Quere, die sich auch in der autobiografischen Prosa der letzten Jahre beobachten lässt.

Was in dem Erinnerungsbuch Beim Häuten der Zwiebel die Legionen von Fragezeichen waren, die das, was er aus dem Gedächtnis hervorkramte, sofort wieder in Zweifel zogen, das waren in der Box die unzähligen Auslassungszeichen. Grass erging sich in Orgien der Vagheit und übertraf damit noch die Nebelkerzenprosa des Vorgängers. Wo man in "Zwiebel" und ihrem wie nebenbei erfolgenden Geständnis, ihr Held sei kurzzeitig Mitglied der Waffen-SS gewesen, noch eine gewisse Moral- und Erinnerungsschwäche vermuten konnte, da erhoben die Unbestimmtheitsfloskeln der Box das Herumstochern zum Programm.

Das alles war so schwache wie kraftmeiernde Literatur, und es verschob die Gewichte zwischen den weniger gelungenen und den gelungenen Partien seines Werks zuungunsten der letzteren, wenn man sich nicht gleich darauf einigen will, dass Die Blechtrommel nach wie vor ziemlich einsam dasteht.

Leserkommentare
  1. Ich denke, man sollte Grass nicht allzu vorschnell eine Nähe zum Faschismus unterstellen und ihn nicht mit Schriftstellern wie Pound, Hamsun etc. in einen Topf werfen. Ich glaube, ein israelischer Außenminister wie Avigdor Lieberman weist da eine weitaus höhere Affinität zum Faschismus auf.

    Ich empfehle nachdrücklich einen Artikel von Neve Gordon, eines Israelis, der im Guardian erschienen ist, und der den aufmerksamen Leser Aufschluss geben kann, warum Grass vielleicht diese Gedicht geschrieben hat.

    http://www.guardian.co.uk...

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    "Ich denke, man sollte Grass nicht allzu vorschnell eine Nähe zum Faschismus unterstellen "

    um diese aussage wenigstens zu relativieren...

    "Ich denke, man sollte Grass nicht allzu vorschnell eine Nähe zum Faschismus unterstellen "

    um diese aussage wenigstens zu relativieren...

  2. mussten viele deutschsprachige Schriftsteller ins Exil.

    Wegen ihrer Werke (Freiligrath z.B.).

    Wolf Biermann, wenn ich korrekt erinnere, musste in den 70ern, also vor etwa 50 Jahre seine Heimat verlassen.

    Europa schreit auf, wenn Künstler wegen ihrer Kunst, wegen ihres Erfolges in China kriminalisiert werden ....

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  3. ... natürlich hat Grass seinen Nimbus als Dichter dafür genutzt, ein Problem mit großem Trara in die Öffentlichkeit zu bringen. Er hat bewusst eine unübliche literarische Form gewählt (die sonst nie auf Titelblättern zu finden ist). Dass das kaum mehr als schlechte Agitprop-Poesie ist, bezweifeln nur wenige - auch wenn eine angemessene literaturwissenschaftliche Analyse des Texts übrigens noch aussteht. Mir imponiert Grassens Mut, seine nicht geringe Dichterehre für etwas zu riskieren, von dem er "hier stehe ich, ich kann nicht anders" sagen muss! Auch seine Weigerung zwischen politischer und literarischer Aktivität zu unterscheiden, imponiert mir - nicht weil ich diese Ansicht teile, sondern weil Grass hier authentisch und mit sich selbst identisch ist. Seine literarische Aktivität hatte seit der Blechtrommel immer eine öffentliche politische Dimension, das war ihr Grundimpuls. Warum sollte er als alter Mann davon abrücken? Mann darf das altmodisch finden (den Typus des politischen Dichters gibt es unter jüngeren Autoren schließlich nicht einmal mehr als ironisches Zitat). Aber ich meine, all die Schnellschuss-Belehrungen von oben herab, die sich Grass jetzt (u.a. auch vom Herrn Jessen in der ZEIT) anhören muss, sind oft unangemessen und eher billige Profilierung auf Kosten eines alternden Weltstars der deutschen Literatur. Man muss ihm nicht in allem folgen, aber eines gebührt dem engagierten Literaten Günter Grass für seine riskante Intervention ganz sicher: Respekt!

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  4. Ich finde es mal wieder bezeichnend, wie die Presse auf diesen "Skandal" reagiert. Ich denke mal, die deutsche Bevölkerung ist aufgeklärt genug, des Dichters Text so zu verstehen, wie er ihn gemeint hat, aber oh mein Gott, er hat das böse Wort gesagt!!! Erinnert mich irgendwie an den Film "Das Leben des Brian": "Er hat Jehova gesagt, steinigt ihn" Lächerlich. Dass die deutschen nichts gegen Juden sagen dürfen ist ja okay (abgesehen davon, dass ich diese Religion genauso anzweifle wie jede andere) aber gegen aggressive Atomstaaten darf man ja mal wohl das Wort erheben! Ich finde es ein Unding, dass Deutschland überhaupt Staaten mit Atomwaffen unterstützt. Ob das jetzt Juden oder Hindus u.s.w. sind, darum geht´s hier doch überhaupt nicht. Wozu die Hysterie?

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    ... aber sie lässt sich wohl beantworten. Wenn ich mir die letzten größeren Konfliktberichte? - nein das ist zu sanft, die größeren konzertierten Beschimpfungskampagnen gegen "öffentliche" Einzelpersonen in der Presse bzw. im Internet anschaue (V. Guttenberg, Wulff, jetzt Grass (ohne ihn damit in Bezug auf andere Dinge in einer Reihe mit den beiden Politikern sehen zu wollen), so stellt sich mir die Frage nach einem gemeinsamen Schema in den drei "Vorgängen".

    Ob eine vermeintliche oder echte Fehlleistung der "Zielpersonen" vorliegt, scheint erstmal eine weniger wichtige Rolle zu spielen. Entscheidend scheint die Lust am bösen Wort, an der Herabsetzung und In-Frage-Stellung.
    Die Formulierungen suggerieren teilweise, dass die Autoren der Kommentare moralische Instanzen seien, die jenseits von Gut und Böse jedes Recht haben, nicht nur zu urteilen sondern auch vor-zu-verurteilen.

    Das ist aus meiner Sicht nichts anderes als schlichtes Mobbing und zwar vor dem Hintergrund eines Machtkampfes um die Deutungshoheit des Verhaltens politsch relevanter Personen. Dieser Machtkampf tobt nicht zwischen Volk und Politikern, wie so häufig unterstellt wird, sondern zwischen Presse und Politik und wird ebenso trickreich wie teilweise brutal geführt.
    Der Grund für meine Einlassung: Ist da noch jemand in beiden Lagern, der genug Verstand und Einfluss besitzt, um die "Kollateralschäden" der ganzen Sache im Auge zu behalten und für ein für die Gesamtgesellschaft erträgliches Maß zu sorgen?

    ... aber sie lässt sich wohl beantworten. Wenn ich mir die letzten größeren Konfliktberichte? - nein das ist zu sanft, die größeren konzertierten Beschimpfungskampagnen gegen "öffentliche" Einzelpersonen in der Presse bzw. im Internet anschaue (V. Guttenberg, Wulff, jetzt Grass (ohne ihn damit in Bezug auf andere Dinge in einer Reihe mit den beiden Politikern sehen zu wollen), so stellt sich mir die Frage nach einem gemeinsamen Schema in den drei "Vorgängen".

    Ob eine vermeintliche oder echte Fehlleistung der "Zielpersonen" vorliegt, scheint erstmal eine weniger wichtige Rolle zu spielen. Entscheidend scheint die Lust am bösen Wort, an der Herabsetzung und In-Frage-Stellung.
    Die Formulierungen suggerieren teilweise, dass die Autoren der Kommentare moralische Instanzen seien, die jenseits von Gut und Böse jedes Recht haben, nicht nur zu urteilen sondern auch vor-zu-verurteilen.

    Das ist aus meiner Sicht nichts anderes als schlichtes Mobbing und zwar vor dem Hintergrund eines Machtkampfes um die Deutungshoheit des Verhaltens politsch relevanter Personen. Dieser Machtkampf tobt nicht zwischen Volk und Politikern, wie so häufig unterstellt wird, sondern zwischen Presse und Politik und wird ebenso trickreich wie teilweise brutal geführt.
    Der Grund für meine Einlassung: Ist da noch jemand in beiden Lagern, der genug Verstand und Einfluss besitzt, um die "Kollateralschäden" der ganzen Sache im Auge zu behalten und für ein für die Gesamtgesellschaft erträgliches Maß zu sorgen?

    • anin
    • 13.04.2012 um 12:04 Uhr

    Nachkriegsdichter von Weltgeltung, den wir haben. Selbst die, die nahe an ihn heranreichen sind schon weit über 80. Vielleicht sollte uns das zu denken geben. Wo ist unsere Gegenwartskultur? Im Kulturbeutel?

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    Die ist auf "Linie" gebracht.

    Die ist auf "Linie" gebracht.

  5. Siehe Link.

    http://www.fr-online.de/i...

    Haltet ein - Die Zeit Online; es wird allmählich peinlich,
    diese Hybris gegen Günter Grass.

    Und zur Erinnerung nochmal dieser Link.

    http://www.fes.de/archiv/...

    Könnte man was draus lernen.

    Eine Leserempfehlung
  6. ... aber sie lässt sich wohl beantworten. Wenn ich mir die letzten größeren Konfliktberichte? - nein das ist zu sanft, die größeren konzertierten Beschimpfungskampagnen gegen "öffentliche" Einzelpersonen in der Presse bzw. im Internet anschaue (V. Guttenberg, Wulff, jetzt Grass (ohne ihn damit in Bezug auf andere Dinge in einer Reihe mit den beiden Politikern sehen zu wollen), so stellt sich mir die Frage nach einem gemeinsamen Schema in den drei "Vorgängen".

    Ob eine vermeintliche oder echte Fehlleistung der "Zielpersonen" vorliegt, scheint erstmal eine weniger wichtige Rolle zu spielen. Entscheidend scheint die Lust am bösen Wort, an der Herabsetzung und In-Frage-Stellung.
    Die Formulierungen suggerieren teilweise, dass die Autoren der Kommentare moralische Instanzen seien, die jenseits von Gut und Böse jedes Recht haben, nicht nur zu urteilen sondern auch vor-zu-verurteilen.

    Das ist aus meiner Sicht nichts anderes als schlichtes Mobbing und zwar vor dem Hintergrund eines Machtkampfes um die Deutungshoheit des Verhaltens politsch relevanter Personen. Dieser Machtkampf tobt nicht zwischen Volk und Politikern, wie so häufig unterstellt wird, sondern zwischen Presse und Politik und wird ebenso trickreich wie teilweise brutal geführt.
    Der Grund für meine Einlassung: Ist da noch jemand in beiden Lagern, der genug Verstand und Einfluss besitzt, um die "Kollateralschäden" der ganzen Sache im Auge zu behalten und für ein für die Gesamtgesellschaft erträgliches Maß zu sorgen?

  7. "Ich denke, man sollte Grass nicht allzu vorschnell eine Nähe zum Faschismus unterstellen "

    um diese aussage wenigstens zu relativieren...

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    den Verbrechen des Faschismus.

    Wie kann jemand ernsthaft einem damals 17jährigen vorwerfen, dass er damals eingezogen wurde/sich einziehen hat lassen?

    Bei der Propagandamaschinerie, die ja noch Jahrzehntelang nachwirkte?

    den Verbrechen des Faschismus.

    Wie kann jemand ernsthaft einem damals 17jährigen vorwerfen, dass er damals eingezogen wurde/sich einziehen hat lassen?

    Bei der Propagandamaschinerie, die ja noch Jahrzehntelang nachwirkte?

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