Streaming-PortaleBilliger als kaufen, besser als klauen

Legale Streaming-Angebote könnten für Kulturkonsumenten ein Kompromiss sein. Eine Patentlösung für die Urheber sind sie nicht. Ein Überblick von Astrid Herbold

Zwölf Jahre ist es her, dass der Wirtschaftswissenschaftler Jeremy Rifkin das Zeitalter des Zugangs anbrechen sah. Das Streben nach Besitz werde zukünftig kaum noch eine Rolle spielen, schreibt er in seinem Buch Access : "Die Anbieter der neuen Ökonomie werden ihr Eigentum verpachten und vermieten oder Zugangsgebühren, Abonnement- oder Mitgliedsbeiträge für seinen befristeten Gebrauch erheben." Und auch die Mentalität der Verbraucher werde sich grundlegend ändern: "Sie streben weniger nach dem Eigentum an einer Sache, denn nach seiner Verfügbarkeit."

Ein gutes Jahrzehnt später ist das Zugangsprinzip zumindest in der Musikbranche angekommen. Zwischen teurem Kaufen und illegalem Besorgen hat sich das legale Streaming, also der auf allen Endgeräten verfügbare Zugang zur Cloud, als beliebter Mittelweg herausgebildet: Der Musik-Streaming-Dienst Spotify , der seit wenigen Wochen auch in Deutschland verfügbar ist, meldet aktuell 10 Millionen Nutzer aus 13 Ländern, drei Millionen davon sind zahlende Abonnenten. Beim Konkurrenten Simfy sind zwei Millionen Nutzer aus Deutschland, Österreich , Belgien und der Schweiz registriert. Und die Plattform Last.fm , die 14 Millionen Musiktitel zum Streaming bereithält, hat in Deutschland drei Millionen Nutzer.

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Bei der Gema freut man sich über diese neuen Geschäftspartner. "Wir sind froh um jeden Anbieter, der seinen Dienst in Deutschland startet und seine Musiknutzung lizensiert", sagt der Gema-Sprecher Peter Hempel. Seit Dezember 2011 gibt es einen Rahmenvertrag zwischen der Gema und dem Branchenverband Bitkom , der erstmals auch die Abgaben von Musik-on-Demand-Angeboten einheitlich regelt. Danach stehen den Rechteinhabern 10,25 Prozent der durch Nutzung generierten Einnahmen zu, egal, ob diese Einnahmen durch Download, "entgeltliches Streaming" oder werbefinanzierte Angebote erzielt werden. Wie hoch die Ausschüttungen allerdings letztlich ausfallen werden, könne man zurzeit noch nicht beurteilen, sagt Hempel. "Beim Streaming macht es natürlich die Masse." Die abgestuften Mindestvergütungen, die der Tarif ebenfalls festschreibt, fangen über werbefinanzierte Dienste bei 0,02 Cent pro Stream an.

Auswahl ist noch lückenhaft

Mit den Einnahmen aus Verkäufen sind solche Beträge nicht vergleichbar, Streaming fällt für die Urheber finanziell eher unter Kleinvieh, das in Zukunft hoffentlich noch viel mehr Mist machen wird. Trotzdem sind mit dem Geschäftsmodell viele Hoffnungen verknüpft: Zum einen zeichnet sich ab, dass kostengünstige oder werbefinanzierte Streaming-Plattformen von einem Großteil der Nutzer als angenehme Alternative zu riskanten Downloads auf illegalen Tauschbörsen wahrgenommen werden. Zum anderen haben die diversen Streaming-Dienste durchaus das Potenzial, in der bislang eher unfruchtbaren Diskussion um eine staatliche Kulturabgabe im Netz einfach privatwirtschaftliche Fakten zu schaffen. "Für internetaffine Musikfans stellen die Angebote der Streaming-Dienste wohl schon heute eine perfekte Alternative zur vieldiskutierten Kulturflatrate dar", sagt der Simfy-Pressesprecher Marcus von Husen.

Künstler und Urheberrecht

Die Debatte über die Reform des Urheberrechts beschäftigt Politiker, Kulturschaffende und Nutzer. Ihr Ausgang wird Auswirkungen auf die Kultur und das freie Internet haben. In unserer Serie Künstler und Urheberrecht gehen wir gemeinsam mit Gastautoren der Frage nach, wie die Wertschöpfungsketten im Kulturbetrieb funktionieren, wie sie sich durch die digitale Revolution verändert haben und wie eine Reform des Urheberrechts aussehen könnte. Wir freuen uns auf Ihre Gastbeiträge unter zeit.de/leserartikel

Alle Beiträge der Serie

Bisher erschienen:

Urheberrecht: Das Ringen um eine Reform

Wie funktioniert der Musikmarkt?

Filesharing: "Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Streaming-Portale: Billiger als kaufen, besser als klauen

Mark Splinter: Des Künstlers Waffe gegen Ausbeutung

Conrad Fritzsch: Wir müssen die Spielregeln ändern

Wer hat die Rechte an Filmen?

Miguel E. Riveros Silva: Youtube ist nicht das Internet

Wolfgang Tischer: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

Gerd Billen: Die digitale Revolution verlangt neue Antworten

Urheberrechtsstreit: Verheddert in Frank Zappas Bart

Kultur des Tauschens: Das Geld findet dich immer

Bildende Kunst: Aus dem Museum ins Netz

Fatboy Slim: "Verlasst Euch nicht auf Download-Verkäufe!"

Streaming, Sampling, Urheberrecht: Musiker zur Debatte

Musikstreaming: "Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Urheberrecht: Wann ist geistiges Eigentum gerecht?

DJ Richie Hawtin: "Kreativität muss so schnell sein dürfen, wie sie will"

Warum also kein Spotify für Filme, für Bücher, für alles? Auch Kinofilme oder TV-Serien will kaum noch jemand besitzen, einmal ausleihen und anschauen reicht in der Regel. Das Rezeptionsmodell ließe sich also durchaus ausweiten. Allerdings steckt der Teufel im Detail. Beim Film-Streaming sind das neben den technischen Voraussetzungen (nötig ist eine Breitbahnverbindung mit mindestens 2 MBit/s) auch kartellrechtliche Hürden. Gerade erst hat das Bundeskartellamt RTL und ProSiebenSat1 die Gründung einer gemeinsamen Streaming-Plattform untersagt, weil durch den Zusammenschluss eine zu starke Konzentration auf dem Markt für Fernsehwerbung drohe.

In Deutschland gibt es zwar bereits etliche legale Online-Verleihportale, die Streaming anbieten, doch bisher ist die Auswahl überall lückenhaft und Flatrates immer noch eine Seltenheit. Abgesehen davon graben sich Anbieter wie Videoload ( T-Online ), Maxdome (ProSieben) und Lovefilm ( Amazon ) auch beim Aufbau ihres Kundenstamms gegenseitig das Wasser ab. Und die Konkurrenz schläft nicht: Gerade haben ARD und ZFD angekündigt, in Kürze ebenfalls mit einer kommerziellen Streaming-Plattform in den Markt einzusteigen.

 

Leserkommentare
  1. Das ist der erste Schritt.

    Hernach kommt noch der zweite Schritt, der auch bereits angedacht und ausgetestet wird.

    Nicht nur wird dem Konsumenten (sprich: uns allen) die Möglichkeit des Eigentums an der Sache genommen, sondern es wird sogar noch versucht die Möglichkeit der Nutzung zu kontrollieren.

    Konkret bedeutet das folgendes: bei "realen" Gütern wie z.B. einem Staubsauger erwerben wir beim Kauf das Eigentum an der Sache. Wir können danach damit machen was wir wollen. Die Mitsprache des Herstellers ist nur aus Gründen des Verbraucherschutzes interessant, da Gewährleistungsansprüche bestehen.

    Der Punkt ist, dass wir die Freiheit haben, den Staubsauger nach unseren Wünschen einzusetzen. Innerhalb gesetzlicher Grenzen versteht sich.

    Bei digitalen Dingen wird bereits das Eigentum vorbehalten und uns nur eine Lizenz verkauft. Unsere Freiheit die Sache zu nutzen wird also bereits grundlegend eingeschränkt. Dennoch ist es allgemein akzeptiert weil es (bis jetzt) funktioniert.

    Der neueste Schritt sind allerdings Vorschriftssysteme wie DRM, mit denen uns der Hersteller detailliert vorschreiben kann, wie und wann wir die Medien nutzen können. Im konkreten Fall bedeutet dass, dass der Musikverlag sagen kann, dass wir das Lied nicht auf dem mp3-Player abspielen können.

    Der Punkt ist, dass wir nicht mehr die Freiheit haben, den Film zu sehen wann wie wollen, sondern dass es uns vom Lizenzgeber vorgeschrieben werden kann. Wieder innerhalb der Grenzen.

    Wollen wir das wirklich?

    Antwort auf "Verbrauchsgüter"
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    • GDH
    • 26. April 2012 16:22 Uhr

    Das sehe ich auch so:
    Streaming ist quasi noch eine Steigerung von DRM. Man kann Medien nur nutzen während eine Internetverbindung zum Anbieter besteht. Also nicht nur nicht auf den MP3-Spieler kopieren sondern nichtmal in den Urlaub mitnehmen.
    Dass dieser dann weis, wann ich seinen Film gucke, wie oft und wie lange ich den Pause-Knopf drücke (und an welchen Stellen) kommt noch dazu...

  2. Ja bitte bitte bitte.

    Gerade lustigen Serien wie Family Guy und South Park sind auf Deutsch unerträglich.
    Als southpark.com nicht mehr zugänglich war und southpark.de (legale Streams, liebe Redaktion) nur die deutschen Folgen gezeigt hat sind die User auch Sturm gelaufen. Warum wird sowas nicht auch von Maxxdome und Lovefilm bedient? Verstehe ich nicht was daran so schwierig sein soll die Originaltonspur anzubieten.

    Antwort auf "Lovefilm"
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    Ein sehr gutes Beispiel. Southpark ist auf Deutsch wirklich nicht auszuhalten. Die Mache der Serie haben kein Problem damit die Folgen nach Erstaustraung ins Netz zu stellen. Warum wurde das abgeschafft? Ich persönlich hatte dann keine Möglichkeit mehr Southpark anzuschauen, ausser illegal herunterzuladen. Ich hätte in diesem Fall sogar gezahlt für einen Stream der aktuellen Folge.

    • GDH
    • 26. April 2012 16:22 Uhr

    Das sehe ich auch so:
    Streaming ist quasi noch eine Steigerung von DRM. Man kann Medien nur nutzen während eine Internetverbindung zum Anbieter besteht. Also nicht nur nicht auf den MP3-Spieler kopieren sondern nichtmal in den Urlaub mitnehmen.
    Dass dieser dann weis, wann ich seinen Film gucke, wie oft und wie lange ich den Pause-Knopf drücke (und an welchen Stellen) kommt noch dazu...

    Antwort auf "Ein liberaler Gedanke:"
  3. Ein sehr gutes Beispiel. Southpark ist auf Deutsch wirklich nicht auszuhalten. Die Mache der Serie haben kein Problem damit die Folgen nach Erstaustraung ins Netz zu stellen. Warum wurde das abgeschafft? Ich persönlich hatte dann keine Möglichkeit mehr Southpark anzuschauen, ausser illegal herunterzuladen. Ich hätte in diesem Fall sogar gezahlt für einen Stream der aktuellen Folge.

    Antwort auf "Originalsprache!"
  4. Spotify ist zwar für den Konsumenten sicherlich attraktiv. Dennoch verdienen mit dieser Plattform Leute extrem viel Geld mit Dingen von anderen Menschen. Wird ein Song etwa 1000x gestreamt, bekommt die Planntenfirma cicra 2 Cent!!
    Und komme jetzt niemand mit den großen Plattnfirmen wie Sony. Es gibt zahlreiche kleine Indiependent-Label, die nicht mehr wissen, wie sie sich und ihre Künstler noch halbwegs über Wasser halten können. Es ist einfach ein großer Missstand, wie ein Kulturgut wie Musik vom Vebraucher angesehen wird. Also, bei spotify reinhören und Album kaufen ist das Beste, was man machen kann.

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    • oseose
    • 26. April 2012 17:41 Uhr

    Mit 2 Cent lässt sich wunderbar Stimmung machen - es klingt ja nach soooo wenig Geld. Aber schauen wir uns doch mal die Fakten an:

    Im Artikel heißt es, dass die Rechteinhaber etwas über 10 Prozent der Umsätze bekommen. Bei einem Preis von 10 Euro/Monat im Jahr also 12 Euro, wenn dazu noch Werbeerlöse kommen, sind es ganz schnell 15 Euro.

    Im CD-Geschäft bekommen die Rechteinhaber etwa 40-50% der Erlöse. Bei aktuell 37,50 Euro pro Kopf-Umsatz mit Musik in Deutschland (CDs und Digital-Verkäufe, Annahme: Nur 60 Mio. Deutsche kaufen überhaupt CDs) sind das etwa 15-19 Euro pro Jahr und Kopf.

    Kein großer Unterschied also.

    Und das rein werbefinanzierte Streaming (wo sicherlich keine 10 Euro pro Nutzer rauskommen) substituiert weniger den CD-Verkauf als den Radio-Konsum - der ist finanziell aber auch schon heute wenig attraktiv.

    Für Indie-Labels mag das anders aussehen, da deren Kunden vermutlich pro Kopf deutlich mehr für Musik ausgeben. In der Masse ist Streaming für die Labels aber durchaus attraktiv.

  5. Mich wundert, dass sich anscheinend ueberhaupt niemand an der Umdeutung des Begriffs "Klauen" in der Überschrift stört. Es wird hier nichts "geklaut", denn es kommt ja nichts weg. Allenfalls könnte man von illegaler Nutzung sprechen.

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    • bugme
    • 26. April 2012 16:53 Uhr

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

    • GDH
    • 27. April 2012 8:24 Uhr

    Sie haben Recht, diese Wortwahl ist ungefähr so sachlich wie der Begriff "Raubkopie". Mitlerweile bin ich es allerdings leid, immerwieder darauf hinzuweisen.

    Um es kurz zu fassen:
    Lizenzwidriges Kopieren ist für den Rechteinhaber ungefähr das, was das Selberbacken für den Bäcker oder Schwarzfahren (im Zug mit freien Plätzen) für die Bahn ist. Es schädigt das Geschäftsmodell, über die rechtliche Bewertung kann man diskutieren, weggenommen (laut Definition erforderlich für Diebstahl) wird nichts.

    Die Beispiele sind absichtlich so gewählt, dass klar wird, dass die rechtliche Bewertung halt zu diskutieren ist. Schwarzfahren ist verboten, einen Kuchen selberbacken (auch wenn man ihn beim Bäcker in der Vitrine gesehen hat) ist im Allgemeinen erlaubt.

    • bugme
    • 26. April 2012 16:52 Uhr

    0,02 Cent pro Stream sind also okay für die Rechteinhaber.

    Warum kann ich das Lied dann nicht für 10 Cent kaufen? Gehen die davon aus, dass ich jedes Lied im Durchschnitt >500 mal anhören werde?

    • bugme
    • 26. April 2012 16:53 Uhr
    24. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

    Antwort auf "umdeutung"

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