Seit 1992 lebe ich in Deutschland. Gelegentlich fahre ich nach Serbien, um einen Teil der Verwandtschaft zu besuchen. Wie es der Zufall wollte, hatte eine liebe Freundin beim letzten Ausflug nach Belgrad noch eine Karte für das Musical Die Zeit der Zigeuner übrig.

Das Haus war voll, der große Saal im Sava-Center mit rund 3.700 Sitzplätzen restlos ausverkauft. Selbst die politische Prominenz hat sich die Vorstellung nicht entgehen lassen, um im Wahlkampf zu punkten. Das Ensemble wurde am Ende mit fünfminütigen Ovationen verabschiedet. Das alles ist in etwa vergleichbar mit den Wagner-Festspielen auf dem Grünen Hügel, zwar auf die Balkanart, aber nicht minder anstrengend für die Sinne.

Das Musical wird in Serbien als Punk-Oper angepriesen und ist für die dortige Kulturszene ein großes Event. Natürlich kenne ich den Spielfilm von 1988. Mit den Werken von Emir Kusturica bin ich aufgewachsen. Film und Musical sind sich sehr ähnlich, das Bühnenstück folgt fast exakt der Handlung des Spielfilms. Hier gibt es keine Überraschungen.

Die Szenen, die Kusturica fasziniert haben, werden geschickt in die Handlung eingebaut. So wird das Weltklassetor von Maradona bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexico gegen England in Zeitlupe gezeigt. In einer anderen Szene spielt Perhan mit der Pistole, wie Robert de Niro seinerzeit im Film Taxi Driver. Der Ausschnitt aus dem Meisterwerk von Scorsese wird genau wie Maradonas Alleingang auf einer überdimensionalen Leinwand abgebildet. Die traumhaften Massenszenen aus dem Film sind allesamt mit einer perfekten Leistung des gesamten Teams auf der Bühne nachgespielt.
 

 
Deutlich sind die Seitenhiebe auf die Schattenseiten der Konsum- und Wegwerfgesellschaft zu erkennen, mit denen Kusturica seine Liebes- und Rachegeschichte überlädt: Das reicht von der Kapitalismuskritik über die Medienschelte bis hin zu den Grenzen der Demokratie. Alles wunderbar anarchistisch.

Gemeinsam mit dem Musikvirtuosen Goran Bregović öffnet Kusturica den Zugang zur Balkanseele. Diese Seele ist imstande, die Protagonisten in beispiellos grausamer Leidenschaft zuerst gemeinsam um den Hochzeitstisch tanzen zu lassen, um sich später die Köpfe einzuschlagen. Die Moral am Ende lautet: Was uns einigt, trennt uns unwiederbringlich. Das lässt sich als Anspielung auf die nationalistischen Bewegungen deuten, die den Vielvölkerstaat Jugoslawien gesprengt haben.

Das Musical ist aufwendig inszeniert, teuer und auf Weltklasseniveau. Dennoch ist es nicht zu vergleichen mit den kommerziellen Produktionen, die in den Metropolen der westlichen Welt täglich die Touristen anlocken sollen. Es ist ein Erlebnis, das trotz des hohen Tempos, der bisweilen dröhnenden Lautstärke und des enormen Anspruchs an das Publikum geradezu kontemplativ wirkt. Die letzte Szene wird jedem Besucher in Erinnerung bleiben: Gemeinsam werden alle Charaktere, ob gut oder böse, am Bühnenhimmel aufgehängt.