Thilo SarrazinUnser Kassenwart der Apokalypse

Thilo Sarrazins Deutung von Wirklichkeit beruht allein auf der Macht der Zahlen. So eine Weltsicht verkürzt die Euro-Debatte auf Mathematik, kommentiert David Hugendick. von 

Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Die Requisite des Gefühlsmenschen ist das Taschentuch, die des Rationalen der Taschenrechner. Zu welcher Gattung Thilo Sarrazin gehören will, hat er jüngst in der Sendung von Günther Jauch gezeigt. Da ermahnte er Peer Steinbrück, die Debatte um den Euro nicht zu emotionalisieren. Schließlich kenne er die Zahlen. Die seien so, wie sie sind, nämlich verheerend. Aber das stehe alles in seinem Buch. Es heißt: Europa braucht den Euro nicht .

Niemand emotionalisiert Deutschland so stark wie der selbsternannte Rationalist Sarrazin. Die nun folgenden Gespräche werden davon handeln, ob Sarrazin seine Meinung sagen darf (natürlich darf er). Es wird darum gehen, dass irgendein linker Mainstream die Ansichten des ehemaligen Berliner Finanzsenators zensiere (das Buch erscheint in einem großen Verlag). Es wird vor allem so getan werden, als sage endlich einmal jemand, was sich sonst niemand zu sagen getraue: Der Euro stürzt uns ins Verderben.

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Nicht dass seit Jahren etliche Wirtschaftswissenschaftler und Politiker schon gleicher Meinung gewesen wären . Nicht dass schon etliche Wirtschaftswissenschaftler und Politiker der Meinung widersprochen hätten. Doch der kuriose Eifer, den Sarrazin bei Befürwortern wie Gegnern hervorruft, dreht einen öffentlichen Diskurs auf Null zurück. Wie in der Integrationsdebatte vor zwei Jahren , als Sarrazin das erste Mal schriftlich in Erscheinung trat. Es wirkte plötzlich, als hinge die Zukunft der Migranten in Deutschland allein davon ab, wie die Bewertung von Sarrazins Buch ausfalle.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Und natürlich wird es um Zahlen gehen. Ohne sie kann Thilo Sarrazin nicht. Auf sie verweist er, wann immer eine Frage zu unbequem im Raum steht. Mit ihnen rechnet er abermals die aufdämmernde Weltverfinsterung nach, gewissermaßen als Kassenwart der Apokalypse. Nach der bildungspolitischen tritt also nun die währungspolitische Komponente auf: Erst war es der Migrant, jetzt ist der Euro , der das bedroht, was Sarrazin wichtig ist, nämlich den sozialen Frieden in Deutschland wie Europa . In diesem Sinne erscheint auch der Euro als ein Beispiel misslungener Integration. In dieser Abfolge von erst Deutschland, dann Europa fehlt eigentlich nur noch die ganze Welt. Vielleicht der Klimawandel? Auch da gibt es Zahlen!

Auch zum Euro beruft sich Sarrazin auf die betont gründliche Auswertung von Statistiken. Daraus zieht er seine Schlüsse. Darin ist sich das Buch (neben manchem im Voraus zitierten Aufregersatz über eine gewünschte "Teutonisierung") mit seinem Vorgänger ähnlich. Es geht um Leistungsbilanzdefizite, Außenhandelssummen, Inflationsprozente. Das ist Sarrazins Masche: Zahlen helfen nicht bloß bei einer Interpretation, sie sind sie. Das Für und Wider einer politischen Entscheidung hängt somit einzig davon ab, was in einer Exceltabelle herauskommt. In so einem Determinismus zählen moralische oder ethische Einwände höchstens als großes Minuszeichen vor einer Summe ohne Gegenwert. Aber um die geht es in der gegenwärtigen Euro-Krise auch. Die nackte Logik der Zahlen ist ohne Menschlichkeit.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte nutzen Sie den Kommentarbereich, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/mk

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    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au.

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    • CM
    • 22. Mai 2012 12:06 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf polemische Kommentare. Die Redaktion/ds

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    ...erweist sich derzeit das festhalten am Euro.

    Der Artikel ist ein bisschen platt, wenn er nur auf Rationalität vs. Emotion rumreitet. Das ist in Wirklichkeit nämlich kein Widerspruch sondern ergänzt sich und man sollte sich ebenso wie bei der Integrationsdebatte darauf konzentrieren faktenorientiert zu argumentieren.

    Bzw. sollte es sich ergänzen, Steinbrück konnte offenbar nur emotional. Im Kollegenkreis gilt er deshalb übrigens als der Verlierer der Jauchschen Diskussionsrunde.

    Ich habe mir das nicht angetan, von beiden erwarte ich nicht wirklich neue Sichtweisen. Einschaltquotentheater der üblichen Machart.

    • Askay
    • 22. Mai 2012 12:34 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au.

    • LaoLu
    • 22. Mai 2012 12:41 Uhr

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    • LaoLu
    • 22. Mai 2012 13:18 Uhr

    meines Postings ("bitte bleiben Sie sachlich") geführt hat.

    Als erstes werde ich meine persönlich Einschätzung des Herrn Sarrazin weglassen.

    Dann liest sich das so:

    Schlimm finde ich, daß "Deutschlands beliebtester Moderator" diesem [Herrn Sarrazin] ein Podium bietet.

  2. von mir..das kann ich garantieren..

    Grüße
    Montessori

  3. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/mk

  4. Statistik ist Mathematik, Risikoanalyse ist Mathematik, Risikoabschätzung ist Mathematik, Wahrscheinlichkeitsrechnung ist Mathematik.
    Der Euro als solcher ist unromantisch, sonst würde es nicht so viele jungendliche Arbeitslose in Europa geben.
    Sarrazin stellte eine Betrachtungsweise vor, die man ernstnehmen sollte.

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    Ja nur das die Mathematiker nicht zweitstärkste Kraft in Griechenland geworden sind. Sarrazin spaltet und begründet es mit Mathematik, einen Glauben kann man nicht begründen oder wie erklären Sie es, dass wir ein wertloses Papier inzwischen mit Häusern tauschen können.

  5. Der Euro ist vor allem ein ökonomisches Projekt. Eines mit erheblichen politischen Nebenwirkungen. Und die hängen davon ab, ob er ökonomisch funktioniert. Das kann er aber nicht, und zwar sowohl wegen ökonomischer, als auch politischer Gegebenheiten. Das hat Sarrazin, so weit aus der Diskussion erkennbar, sauber analysiert.

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    Genau das ist der Punkt.

    Und genau weil unsere Politiker das Projekt EURO wohl ohne diese harte mathematische Sicht starteten, droht es nun zu scheitern, bzw. wird von uns allen einiges abverlangen, an sich sind die Folgen gar nicht abschätzbar.

    Der Euro ist viel mehr ein politisches als ein ökonomisches Projekt. Weil elementare ökonomische Grundsätze missachtet worden sind, funktioniert der Euro auch nicht. Das war won Ökonomen bereits in den 90er Jahren prognostiziert worden. Seit einigen Jahren ist es manifest. Die Politik aber macht im selben Trott weiter. Unter der Losung "Scheitert der Euro, scheitert Europa", was nach Fidel Castros "Sozialismus oder der Tod" klingt, weigert sich die Politik die notwendigen Konsequenzen aus den eigenen Fehlern zu ziehen.

    Das alles wusste man schon vor Thilo Sarrazins Buch. Es ist aber gut, dass er es noch einmal auf den Punkt bringt. Eine qualifizierte Beurteilung seines Buches gestern in den Tagesthemen der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer [Vgl.: http://www.tagesschau.de/... ]

    Moin,
    der EURO ist nicht (nur) Mathematik! In erster Linie ist der EURO, dass wir heute keine Grenze mehr haben. Mauer wäre falsch, die haben die DDR-Bürger selbst weg bekommen, auch wenn sie in den Köpfen vieler noch immer wirkt. Ich empfehle hierzu die Rede Helmut Schmidts auf dem Berliner Parteitag, wahrlich eine Deutschstunde!
    Und weil eben der EURO unter den politischen Bedingungen der 1990er Jahre entwickelt wurde, haften ihm zwei entscheidende Mängel an, die fehlende gemeinsame Wirtschaftspolitik und die fehlende gemeinsame Geld- und Währungspolitik. Das sage nicht ich, das sagt Schmidt!
    Und in diesem Punkt schätze ich seine Ansichten sehr, denn er macht auch deutlich, beides war im Europa der 1990er nicht durchsetzbar, denn hierzu fehlte die Weiterentwicklung der politischen Union, die Reform der europäischen Institutionen, also der Rat, die Kommission und das Parlament. Also es gibt viel zu tun, das sage jetzt ich. Wir sollten uns nicht so sehr mit Sarrazin und dem Wunsch zur Renationalisierung befassen.
    Die Mängel des Konstrukts vom EURO sind zu beseitigen, dabei fällt als Nebenprodukt ein deutlich demokratischeres Europa ab. Und über das Demokratiedefizit wird ja auch gerne geschimpft.
    So gesehen bietet der EURO in seiner Krise die einmalige Chance zur echten Verbesserung der EU, dann stören auch Bücher von Sarrazin nicht mehr, haben sich überlebt.
    Beste Grüße
    Grabert

    der Deutschen Bank die Frage gestellt, wie er die Aussage des Buches einschätzt. Mir schien, die Antwort fiel nicht aus wie erhofft: Sarrazin hat recht.

    • spacko
    • 22. Mai 2012 12:08 Uhr

    "Doch der kuriose Eifer, den Sarrazin bei Befürwortern wie Gegnern hervorruft, dreht einen öffentlichen Diskurs auf Null zurück."
    "...insgesamt knapp 800.000 Euro, die Sarrazin vermutlich in den ersten Wochen verdienen wird."

    Herr Hugendick, sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie gerade kurios und eifrig ein Glashaus demolieren, für Sarrazins Konto?

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    Redaktion

    Lieber spacko,

    wieso ein Glashaus? Ich stelle anfangs lediglich fest, dass Sarrazins Thesen auf Diskussionen stoßen werden, ganz gleich, ob er der Debatte etwas Neues hinzufügt oder nicht. Es stellt lediglich fest, dass dieses Buch gekauft werden wird – eine Auflage von 350.000 setzt man nicht einfach aus heiterem Himmel fest.

    Beste Grüße
    DH

  6. ...diesem Mann endlich einmal wieder Gehör geschenkt wird!

    Nachdem seine haltbaren Thesen in einer medialen Hetzkampagne Stück für Stück dekonstruiert wurden, wird es Zeit, dass einige Tatsachen erneut diskutiert werden!

    Der zynisch-wertende Unterton des Artikels ist dem Thema leider gänzlich unangemessen.

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

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    Sicher; wenn man die Augen vor der Wirklichkeit verschließt und nur gelten läßt, was man selbst glauben will, dann vielleicht.

    Siehe dazu:

    http://www.von-galton-zu-...

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke. Die Redaktion/au.

    • xpeten
    • 22. Mai 2012 17:40 Uhr

    Andere Mitbürger, mich eingeschlossen, sind wohl eher zurecht darüber besorgt, dass wieder einmal diesem rechts-gewickelten Bauernfänger die volle Breite der medialen Bühne zur Verfügung gestellt wird.

    Zudem würde ich mir wünschen, dass man,

    wenn schon die Tagesthemen-Redaktion ausgerechnet einen Deutschbänker mit der Rezension seiner blutleeren Anti-Europa-Propaganda beauftragen muss,

    zumindest ein politisches Gegengewicht zu Wort kommen lässt,

    welches in der Lage ist, die ausschließlich aus dem Blickwinkel der Finanzwirtschaft beurteilten Zusammenhänge in ein ausgewogenes Licht zu rücken.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Thilo Sarrazin | Günther Jauch | Apokalypse | D-Mark | Euro | Euro-Krise
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