Thilo Sarrazin © Sean Gallup/Getty Images

Die Requisite des Gefühlsmenschen ist das Taschentuch, die des Rationalen der Taschenrechner. Zu welcher Gattung Thilo Sarrazin gehören will, hat er jüngst in der Sendung von Günther Jauch gezeigt. Da ermahnte er Peer Steinbrück, die Debatte um den Euro nicht zu emotionalisieren. Schließlich kenne er die Zahlen. Die seien so, wie sie sind, nämlich verheerend. Aber das stehe alles in seinem Buch. Es heißt: Europa braucht den Euro nicht .

Niemand emotionalisiert Deutschland so stark wie der selbsternannte Rationalist Sarrazin. Die nun folgenden Gespräche werden davon handeln, ob Sarrazin seine Meinung sagen darf (natürlich darf er). Es wird darum gehen, dass irgendein linker Mainstream die Ansichten des ehemaligen Berliner Finanzsenators zensiere (das Buch erscheint in einem großen Verlag). Es wird vor allem so getan werden, als sage endlich einmal jemand, was sich sonst niemand zu sagen getraue: Der Euro stürzt uns ins Verderben.

Nicht dass seit Jahren etliche Wirtschaftswissenschaftler und Politiker schon gleicher Meinung gewesen wären . Nicht dass schon etliche Wirtschaftswissenschaftler und Politiker der Meinung widersprochen hätten. Doch der kuriose Eifer, den Sarrazin bei Befürwortern wie Gegnern hervorruft, dreht einen öffentlichen Diskurs auf Null zurück. Wie in der Integrationsdebatte vor zwei Jahren , als Sarrazin das erste Mal schriftlich in Erscheinung trat. Es wirkte plötzlich, als hinge die Zukunft der Migranten in Deutschland allein davon ab, wie die Bewertung von Sarrazins Buch ausfalle.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Und natürlich wird es um Zahlen gehen. Ohne sie kann Thilo Sarrazin nicht. Auf sie verweist er, wann immer eine Frage zu unbequem im Raum steht. Mit ihnen rechnet er abermals die aufdämmernde Weltverfinsterung nach, gewissermaßen als Kassenwart der Apokalypse. Nach der bildungspolitischen tritt also nun die währungspolitische Komponente auf: Erst war es der Migrant, jetzt ist der Euro , der das bedroht, was Sarrazin wichtig ist, nämlich den sozialen Frieden in Deutschland wie Europa . In diesem Sinne erscheint auch der Euro als ein Beispiel misslungener Integration. In dieser Abfolge von erst Deutschland, dann Europa fehlt eigentlich nur noch die ganze Welt. Vielleicht der Klimawandel? Auch da gibt es Zahlen!

Auch zum Euro beruft sich Sarrazin auf die betont gründliche Auswertung von Statistiken. Daraus zieht er seine Schlüsse. Darin ist sich das Buch (neben manchem im Voraus zitierten Aufregersatz über eine gewünschte "Teutonisierung") mit seinem Vorgänger ähnlich. Es geht um Leistungsbilanzdefizite, Außenhandelssummen, Inflationsprozente. Das ist Sarrazins Masche: Zahlen helfen nicht bloß bei einer Interpretation, sie sind sie. Das Für und Wider einer politischen Entscheidung hängt somit einzig davon ab, was in einer Exceltabelle herauskommt. In so einem Determinismus zählen moralische oder ethische Einwände höchstens als großes Minuszeichen vor einer Summe ohne Gegenwert. Aber um die geht es in der gegenwärtigen Euro-Krise auch. Die nackte Logik der Zahlen ist ohne Menschlichkeit.