Wie resistent dieses hermetische Prinzip ist, haben aktuell Steinbrück und zuvor all jene erlebt, die Sarrazin wegen seiner Thesen über Migranten des Rassismus beschuldigten. Ob die Zahlen, von denen Sarrazin seine Thesen ableitet, stimmen oder nicht, ist sekundär. Es ist das Verfahren an sich, mit dem sich Sarrazin vor Widerspruch abschottet. Ihn zu widerlegen heißt, die Zahlen zu widerlegen. Erst kürzlich haben Wissenschaftler die Fakten und Quellen von Deutschland schafft sich ab komplett überprüft. Ihr Ergebnis ist vernichtend. Aber so eine Prüfung braucht Zeit, und die Aufmerksamkeit ist längst woanders.

Solange inszeniert Sarrazin seine Zahlen als eine Art objektivierte Realität und sonnt sich im Schein wissenschaftlicher Seriosität, die über jeden Zweifel der ideologischen Instrumentalisierung erhaben sein soll. Mit diesem Trick konnte er vor zwei Jahren sogar seinen Ressentiments den unschuldsweißen Kittel der Empirie überwerfen. Wer seine Ergebnisse anzweifelt, ist bestenfalls Träumer und schlimmstenfalls Gutmensch, der die Augen vor dem verschließt, was im Populistenjargon "unbequeme Wahrheit" heißt. Dann ist die Rede vom Diktat der "political correctness" nicht mehr weit.

Wie knallhart Mathematik tatsächlich sein kann, zeigen schon die Grundrechenarten, mit denen sich Meinungsfreiheit ausrechnen lässt: Eine Startauflage von 350.000 Exemplaren liegt ab heute den Buchhandlungen, bei einem Preis von 22,90 Euro und einer üblichen Gewinnmarge von 10 Prozent macht das 2,29 Euro pro Buch und insgesamt knapp 800.000 Euro, die Sarrazin vermutlich in den ersten Wochen verdienen wird. In D-Mark wäre es sogar das Doppelte.