Thilo SarrazinUnser Kassenwart der Apokalypse
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Zahlen als objektivierte Realität

Wie resistent dieses hermetische Prinzip ist, haben aktuell Steinbrück und zuvor all jene erlebt, die Sarrazin wegen seiner Thesen über Migranten des Rassismus beschuldigten. Ob die Zahlen, von denen Sarrazin seine Thesen ableitet, stimmen oder nicht, ist sekundär. Es ist das Verfahren an sich, mit dem sich Sarrazin vor Widerspruch abschottet. Ihn zu widerlegen heißt, die Zahlen zu widerlegen. Erst kürzlich haben Wissenschaftler die Fakten und Quellen von Deutschland schafft sich ab komplett überprüft. Ihr Ergebnis ist vernichtend. Aber so eine Prüfung braucht Zeit, und die Aufmerksamkeit ist längst woanders.

David Hugendick
David Hugendick

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Solange inszeniert Sarrazin seine Zahlen als eine Art objektivierte Realität und sonnt sich im Schein wissenschaftlicher Seriosität, die über jeden Zweifel der ideologischen Instrumentalisierung erhaben sein soll. Mit diesem Trick konnte er vor zwei Jahren sogar seinen Ressentiments den unschuldsweißen Kittel der Empirie überwerfen. Wer seine Ergebnisse anzweifelt, ist bestenfalls Träumer und schlimmstenfalls Gutmensch, der die Augen vor dem verschließt, was im Populistenjargon "unbequeme Wahrheit" heißt. Dann ist die Rede vom Diktat der "political correctness" nicht mehr weit.

Wie knallhart Mathematik tatsächlich sein kann, zeigen schon die Grundrechenarten, mit denen sich Meinungsfreiheit ausrechnen lässt: Eine Startauflage von 350.000 Exemplaren liegt ab heute den Buchhandlungen, bei einem Preis von 22,90 Euro und einer üblichen Gewinnmarge von 10 Prozent macht das 2,29 Euro pro Buch und insgesamt knapp 800.000 Euro, die Sarrazin vermutlich in den ersten Wochen verdienen wird. In D-Mark wäre es sogar das Doppelte.

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Leserkommentare
  1. raus aus dem Euro wären?

    Na sind sie aber schlau!

    Ich vermute, dagegen wäre die Bankenkrise von 2008 ein laues Lüftchen gewesen!

    Wenn wir es im Euro nicht schaffen, schaffen wir es auch nicht außerhalb vom Euro.

    Europa von vor der Währungsunion unterscheidet sich von dem wie es nach einem Eurocrash aussehen würde erheblich. Deutschland hätte wieder das Potential und offensichtlich auch die Geister seine Interessen mit Kriegen durchzusetzen. Die SPD ist dafür das beste Beispiel (siehe Afg und Ex Yugoslawien).

    Wenn Griechenland aus dem Euro ginge müssten wir auch Hilfen leisten und die dürften m.E. nicht weniger ausfallen als heute. Dazu kämen die offen Flanken mit den anderen Wackelkandidaten.

    Die Schritte die folgen müssten wären andere. Schuldenschnitte für ganz Europa und Änderung der Bankenregulierung.

  2. 250. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie den Kommentarbereich bitte, um sich sachlich über den konkreten Artikelinhalt auszutauschen. Danke, die Redaktion/au.

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    • camel1
    • 22. Mai 2012 16:25 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au.

  3. mit den Thesen in seinem neuen Buch?

    Mit dem Tenor seines voran gegangenen Werkes, über die in weiten Teilen völlig misslungene Integration bestimmter Migrationsgruppen, lag er schließlich auch nicht so ganz daneben, wenn man von dem verunglückten Exkurs in die Genetik einmal absieht!

    Und in Bezug auf den Euro dürfte Herr Sarrazin wohl ein ausgewiesener Experte sein, allein schon aus seiner beruflichen Vita heraus und dem Einblick, auch in die Interna rund um den Euro, den ihm seine verantwortungsvolle Position bei Deutschlands oberstem Hüter der Währung umfänglich ermöglicht hat - auch wenn die Bundesbank das, als reiner Papiertieger, heute leider bei weitem nicht mehr ist oder angemessen zu leisten vermag.

  4. ... ob die SPD Sarrazin nun wieder ausschließen will.

    Ich frage mich nur, ob die Reaktionen andere wären, hätte das Buch nicht Sarrazin sondern jemand anders geschrieben.

    Als Sarrazin damals "Deutschland schafft sich ab" schrieb, kritisierten Viele: "Der ist doch Finanzmann, warum schreibt er denn über Themen von denen er keine Ahnung hat?" Nun schreibt er über ein Thema von dem er Ahnung hat, aber diese wird ihm dann sofort wieder abgesprochen. Das ist undifferenziert und - mit Verlaub - keine großartige journalistische Leistung.

    P.S. Über Sarrazin kann man denken was man will, Fan bin ich auch nicht.

  5. Moin,
    der EURO ist nicht (nur) Mathematik! In erster Linie ist der EURO, dass wir heute keine Grenze mehr haben. Mauer wäre falsch, die haben die DDR-Bürger selbst weg bekommen, auch wenn sie in den Köpfen vieler noch immer wirkt. Ich empfehle hierzu die Rede Helmut Schmidts auf dem Berliner Parteitag, wahrlich eine Deutschstunde!
    Und weil eben der EURO unter den politischen Bedingungen der 1990er Jahre entwickelt wurde, haften ihm zwei entscheidende Mängel an, die fehlende gemeinsame Wirtschaftspolitik und die fehlende gemeinsame Geld- und Währungspolitik. Das sage nicht ich, das sagt Schmidt!
    Und in diesem Punkt schätze ich seine Ansichten sehr, denn er macht auch deutlich, beides war im Europa der 1990er nicht durchsetzbar, denn hierzu fehlte die Weiterentwicklung der politischen Union, die Reform der europäischen Institutionen, also der Rat, die Kommission und das Parlament. Also es gibt viel zu tun, das sage jetzt ich. Wir sollten uns nicht so sehr mit Sarrazin und dem Wunsch zur Renationalisierung befassen.
    Die Mängel des Konstrukts vom EURO sind zu beseitigen, dabei fällt als Nebenprodukt ein deutlich demokratischeres Europa ab. Und über das Demokratiedefizit wird ja auch gerne geschimpft.
    So gesehen bietet der EURO in seiner Krise die einmalige Chance zur echten Verbesserung der EU, dann stören auch Bücher von Sarrazin nicht mehr, haben sich überlebt.
    Beste Grüße
    Grabert

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    "Und weil eben der EURO unter den politischen Bedingungen der 1990er Jahre entwickelt wurde, haften ihm zwei entscheidende Mängel an, die fehlende gemeinsame Wirtschaftspolitik und die fehlende gemeinsame Geld- und Währungspolitik."

    Die gibt's aber nicht. Weil die, außer einigen Deutschen, so gut wie niemand in Europa will. Der Traum von der politischen Union ist meines Erachtens die größte Selbsttäuschung der deutschen politischen Eliten. Bisher hielt das europäische Projekt, jenseits aller großen Bekenntnisse, vor allem eines zusammen: Die Aussicht auf den nationalen, finanziellen Profit.

    Da hat Helmut Schmidt vollkommen Recht. Und weil es keine gemeinsame Wirtschafts- und Währungspolitik geben konnte, hätte man weiterhin flexible Wechselkurse zwischen den unterschiedlichen Volkswirtschaften benötigt. Hat er das in seiner Rede auf dem Berliner PArteitag auch gesagt? Eine gemeinsame Währung wäre nur zwischen Staaten mit ungefähr gleich starken Volkswirtschaften sinnvoll gewesen, die sich dem gleichen finanz- und geldpolitischen Ethos verpflichtet fühlen.

    Die auf Sicht einzig sinnvolle Lösung der gegenwärtigen Probleme ist, dass alle Länder, die den Anforderungen an eine gemeinsame Währung nicht gerecht werden können, aus dem Euro ausscheiden sollten. Bei der gegenwärtig in EU-Europa verfolgten Mängelbehebung wird beim besten Willen nicht als Draufgabe mehr Demokratie abfallen. Die Entwicklung in Griechenland geht m. E. eher in Richtung Protektorat.

  6. Ein Sarrazin, der zur Migrationsdebatte mit, oder ein Finanzminister, der zur Eurodebatte ohne Taschenrechner erscheint?

    • Medley
    • 22. Mai 2012 15:41 Uhr

    Was will uns der Autor eigentlich sagen? Das die Welt nicht nur aus Zahlen besteht? Ja gut, stimmt durchaus. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke. Die Redaktion/au.

  7. 256. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au.

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