Er sollte eigentlich nur kurz die Debatte ums Urheberrecht kommentieren, doch dem Sänger und Romanautor Sven Regener platzte der Kragen: "Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist nichts wert. Wir wollen das umsonst haben." Die Wut des Musikers ist verständlich. Kreativität muss sich lohnen, damit Künstler von ihren Werken leben können. Doch die digitale Revolution kann das Urheberrecht nicht unberührt lassen. Es ist wichtig, dass die Interessen der Verbraucher dabei nicht unter den Tisch fallen.

Bislang dient das Urheberrechtsgesetz in erster Linie den Urhebern und Rechteverwertern. Probleme, die sich durch die digitale Form von Inhalten ergeben, wurden stets zulasten der Nutzer gelöst. Kopierschutzprogramme und Allgemeine Geschäftsbedingungen verhindern oft, dass digital erworbene Musik oder Texte kopiert oder weiterverkauft werden können. Dabei ist eine MP3-Sammlung nicht weniger wertvoll als die CD-Jubiläumsbox und ein E-Book kostet fast genauso viel wie ein gedrucktes Buch. Sogenannte körperliche und unkörperliche Werke müssen gesetzlich gleichgestellt werden. Genauso sollte jeder das Recht haben, zu privaten Zwecken Kopien anzufertigen.

Die Debatte um das Urheberrecht lässt zuweilen den Eindruck aufkommen, die Mehrheit der Verbraucher bewege sich im Netz permanent in kriminellen Strukturen. Das Gegenteil ist richtig: Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) nutzen immer mehr Menschen vorwiegend legale Angebote im Internet, fast 70 Prozent der Internetnutzer haben noch nie Raubkopien von Musik, Filmen oder auch Software heruntergeladen. Nicht nur deshalb ist es wichtig, massenhaften Abmahnungen wegen (vermeintlicher) Urheberrechtsverletzungen etwas entgegenzusetzen. Im Dezember 2011 kündigte Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger einen vielversprechenden Gesetzentwurf an. Es wird Zeit, dass die Regierung nun Taten folgen lässt.

Dass Verbraucher mitunter gegen Urheberrechte verstoßen, bedeutet zudem nicht zwingend, dass sie den Wert künstlerischer Werke nicht anerkennen. Viele wissen schlicht nicht, wo Legalität endet und Unerlaubtes beginnt. Wer im Netz kreativ wird und urheberrechtlich geschützte Werke zu etwas Neuem zusammenfügt, braucht klare Regeln, nach denen er sich richten kann. Die Lizenzen der Organisation Creative Commons sind ein gutes Mittel, mit dem Urheber angeben, unter welchen Bedingungen sie ihre Werke zur Verfügung stellen. Nutzer erkennen dadurch direkt, ob und wie sie Inhalte verwenden dürfen.

Damit Künstler und Verwerter auch künftig angemessen für ihre Arbeit entlohnt werden, ist es wichtig, neuen Ideen Raum zu geben: Die Kulturflatrate als GEZ-ähnliche Pauschale oder das vom Chaos Computer Club entwickelte Kulturwertmark-System, bei dem Nutzer individuell entscheiden können, wie viel Geld sie welchem Künstler zukommen lassen, sind Modelle, die ernsthaft diskutiert werden sollten.

In der Geschichte haben Revolutionen immer neue Regulationen erforderlich gemacht. Es ist kurzsichtig, am alten Urheberrecht festzuhalten oder es gar verschärfen zu wollen, wie es Sven Regener zusammen mit zahlreichen anderen Künstlern vorschlägt. Verbraucher sind bereit, für Musik, Filme und Software im Internet zu zahlen – wenn sie diese unter transparenten Bedingungen nutzen können.