UrheberrechtNach einer Revolution muss man neue Regeln finden

Viele Verbraucher wissen nicht, wo Legalität endet und Unerlaubtes beginnt, schreibt Gerd Billen. Der oberste Verbraucherschützer wünscht sich neue Gesetze.

Er sollte eigentlich nur kurz die Debatte ums Urheberrecht kommentieren, doch dem Sänger und Romanautor Sven Regener platzte der Kragen: "Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist nichts wert. Wir wollen das umsonst haben." Die Wut des Musikers ist verständlich. Kreativität muss sich lohnen, damit Künstler von ihren Werken leben können. Doch die digitale Revolution kann das Urheberrecht nicht unberührt lassen. Es ist wichtig, dass die Interessen der Verbraucher dabei nicht unter den Tisch fallen.

Bislang dient das Urheberrechtsgesetz in erster Linie den Urhebern und Rechteverwertern. Probleme, die sich durch die digitale Form von Inhalten ergeben, wurden stets zulasten der Nutzer gelöst. Kopierschutzprogramme und Allgemeine Geschäftsbedingungen verhindern oft, dass digital erworbene Musik oder Texte kopiert oder weiterverkauft werden können. Dabei ist eine MP3-Sammlung nicht weniger wertvoll als die CD-Jubiläumsbox und ein E-Book kostet fast genauso viel wie ein gedrucktes Buch. Sogenannte körperliche und unkörperliche Werke müssen gesetzlich gleichgestellt werden. Genauso sollte jeder das Recht haben, zu privaten Zwecken Kopien anzufertigen.

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Die Debatte um das Urheberrecht lässt zuweilen den Eindruck aufkommen, die Mehrheit der Verbraucher bewege sich im Netz permanent in kriminellen Strukturen. Das Gegenteil ist richtig: Laut einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) nutzen immer mehr Menschen vorwiegend legale Angebote im Internet, fast 70 Prozent der Internetnutzer haben noch nie Raubkopien von Musik, Filmen oder auch Software heruntergeladen. Nicht nur deshalb ist es wichtig, massenhaften Abmahnungen wegen (vermeintlicher) Urheberrechtsverletzungen etwas entgegenzusetzen. Im Dezember 2011 kündigte Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger einen vielversprechenden Gesetzentwurf an. Es wird Zeit, dass die Regierung nun Taten folgen lässt.

Gerd Billen
Gerd Billen

Geboren 1955, ist seit August 2007 Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes.

Dass Verbraucher mitunter gegen Urheberrechte verstoßen, bedeutet zudem nicht zwingend, dass sie den Wert künstlerischer Werke nicht anerkennen. Viele wissen schlicht nicht, wo Legalität endet und Unerlaubtes beginnt. Wer im Netz kreativ wird und urheberrechtlich geschützte Werke zu etwas Neuem zusammenfügt, braucht klare Regeln, nach denen er sich richten kann. Die Lizenzen der Organisation Creative Commons sind ein gutes Mittel, mit dem Urheber angeben, unter welchen Bedingungen sie ihre Werke zur Verfügung stellen. Nutzer erkennen dadurch direkt, ob und wie sie Inhalte verwenden dürfen.

Damit Künstler und Verwerter auch künftig angemessen für ihre Arbeit entlohnt werden, ist es wichtig, neuen Ideen Raum zu geben: Die Kulturflatrate als GEZ-ähnliche Pauschale oder das vom Chaos Computer Club entwickelte Kulturwertmark-System, bei dem Nutzer individuell entscheiden können, wie viel Geld sie welchem Künstler zukommen lassen, sind Modelle, die ernsthaft diskutiert werden sollten.

Künstler und Urheberrecht

Die Debatte über die Reform des Urheberrechts beschäftigt Politiker, Kulturschaffende und Nutzer. Ihr Ausgang wird Auswirkungen auf die Kultur und das freie Internet haben. In unserer Serie Künstler und Urheberrecht gehen wir gemeinsam mit Gastautoren der Frage nach, wie die Wertschöpfungsketten im Kulturbetrieb funktionieren, wie sie sich durch die digitale Revolution verändert haben und wie eine Reform des Urheberrechts aussehen könnte. Wir freuen uns auf Ihre Gastbeiträge unter zeit.de/leserartikel

Alle Beiträge der Serie

Bisher erschienen:

Urheberrecht: Das Ringen um eine Reform

Wie funktioniert der Musikmarkt?

Filesharing: "Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Streaming-Portale: Billiger als kaufen, besser als klauen

Mark Splinter: Des Künstlers Waffe gegen Ausbeutung

Conrad Fritzsch: Wir müssen die Spielregeln ändern

Wer hat die Rechte an Filmen?

Miguel E. Riveros Silva: Youtube ist nicht das Internet

Wolfgang Tischer: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

Gerd Billen: Die digitale Revolution verlangt neue Antworten

Urheberrechtsstreit: Verheddert in Frank Zappas Bart

Kultur des Tauschens: Das Geld findet dich immer

Bildende Kunst: Aus dem Museum ins Netz

Fatboy Slim: "Verlasst Euch nicht auf Download-Verkäufe!"

Streaming, Sampling, Urheberrecht: Musiker zur Debatte

Musikstreaming: "Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Urheberrecht: Wann ist geistiges Eigentum gerecht?

DJ Richie Hawtin: "Kreativität muss so schnell sein dürfen, wie sie will"

In der Geschichte haben Revolutionen immer neue Regulationen erforderlich gemacht. Es ist kurzsichtig, am alten Urheberrecht festzuhalten oder es gar verschärfen zu wollen, wie es Sven Regener zusammen mit zahlreichen anderen Künstlern vorschlägt. Verbraucher sind bereit, für Musik, Filme und Software im Internet zu zahlen – wenn sie diese unter transparenten Bedingungen nutzen können.

 
Leserkommentare
    • hakufu
    • 18.05.2012 um 17:43 Uhr

    Was haben Sie bezahlt, um diesen Beitrag auf ZON zu lesen ?

    Wenn ein Anwalt / Notar / Consultant seine Meinung oder sein Wissen in einem Forum zum Besten gibt, dass man ohne Sperren zu überwinden, aufrufen kann, wird er nicht nachträglich eine Gebühr dafür verlangen ( können ).

    Das Problem derjenigen, die am / durch das Internet
    ( verständlicherweise ) Geld verdienen wollen, haben noch nicht den richtigen Weg gefunden, wie dies am effektivsten geschehen kann.

    Ironischer Vorschlag : die GEZ-Gebühr um den Faktor X erhöhen, damit alle Besitzer eines TV oder Radio Gerätes, Computers, Handys ihren Obolus zum Wohle der Künstler entrichten. Die Probleme der Verteilung der Einkünfte ist schon mehrfach angesprochen worden. Deshalb werden diejenigen, die an diesem Einkommensmodell teilhaben wollen, GEZ Beamte.

    Anmerkung : mein Musikarchiv besteht aus etlichen LP's, Cassetten, CD's, von denen die Künstler nur in seltenen Fällen stärker profitiert haben ( Konzerte o.ä. ).

    Von den Büchern ganz zu schweigen. Was für einen Sinn würde es machen, bestimmte Genres elektronisch zu lesen, das Ansehen zu geniessen ?

    Zeitungen und Magazine haben sehr große Probleme, obwohl ich mir immer noch den Luxus ? leiste, die Zeit, den Spiegel, die FAZ in Papierform zu lesen, weil es zu einer bestimmten Form des Lebens dazugehört.

    • JWGRU
    • 18.05.2012 um 17:57 Uhr

    Natürlich ist die Digitalisierung von Texten, Musik und Videos, demnächst mit den dreidimensionalen Druckern auch von Bildern und Skulpturen eine technische Revolution, da diese neue Technik keinen Unterschied mehr zwischen Original und Kopie zulässt.
    Aber, dieses ändert doch nicht die Rechtslage, dass der Autor Urheberrechte auf seine Werke hat, die nicht einfach wegen der sehr einfachen Kopierbarkeit seiner Werke verschwinden.

    Allerdings sollten die Autoren auch auf ihre Verleger einwirken, so schnell wie möglich eine Prozedur im Internet zu installieren, mit der es wie beim Kauf eines Buches beim Buchhändler oder einer CD beim Musikladen möglich ist, die Rechte zum Lesen, Verleihen und Verschenken zu erwerben. Wo es möglich sein muss, sowohl ein materielle als auch eine eine digitale Kopie zu einem angemessenen Preis erwerben, da es für den Nutzer interessant ist, das materielle Exemplar im Haus zu haben als auch Zugriff auf die digitale Kopie mobil zu haben.
    Das ganze Problem der Kollagen muss gelöst werden.
    Über all dieses wird seit Jahren diskutiert, es werden auch Lösungen diskutiert aber wo sind sie für den normalen Nutzer nutzbar? Insbesondere im Filmbereich gibts nichts ausser Abmahnungen.
    Natürlich muessen auch Urheber von ihren Werken materiellen Nutzen ziehen können. Ob sie auch davon leben können, hängt vom Markt ab. Viele Komponisten, Maler und Filmemacher mussten zuarbeiten, um zu überleben. Und 70 Jahre Schutz hilft da sicher nicht.

    2 Leserempfehlungen
    • GDH
    • 22.05.2012 um 17:15 Uhr

    "Für sie alle gilt, dass ihr Wissen und Können nicht weniger wird, wenn sie Texte schreiben oder Menschen beraten."

    Wenn ich den Rat eines Notars in Anspruch nehme, verbrauche ich seine Zeit. Der Notar hat dann also mehr Aufwand, als wenn ich einfach feststelle, dass ich ihn mir nicht leisten kann.

    Wenn ich ein Musikstück ohne Erwerb der dazu erforderlichen Rechte kopiere, hat das für den Künstler die gleiche Wirkung als ob ich es nicht kopiere (und auch keine Rechte erwerbe).

    Dass erschaffer kopierbarer Werke dennoch bezahlt werden wollen (und i.d.R. auch sollen) ist verständlich aber gerade die Gleichsetzung etwa mit Beratung geht tatsächlich am Problem vorbei.

    Wenn Sie eine Parallele ziehen wollen, versuchen Sie es mit Patenten. Dann werden sie allerdings feststellen, dass der Schutz von Musikstücken weit über den Schutz hinausgeht, den sie für eine Erfingung bekommen können (und auch den nur, wenn Sie auf eigene Kosten einen Antrag stellen).

    In so fern genießen Urheber (oder ihre Auftraggeber oder wer sonst halt Verwertungsrechte erwibt) derzeit schon besonders weitreichende Rechte.

    Antwort auf "Die Künstler wollen"

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