Wer die Euro-Krise ignorieren will, darf keinen Fußball gucken. Wer von Fußball verschont bleiben will, sollte Euro-Krisenberichte meiden. Denn es scheint, als habe sich die gegenwärtige wirtschaftspolitische Situation wie ein Filter über die Europameisterschaft gelegt. Alles ist eins geworden, der Euro oder die Euro: bloß noch eine Frage der Grammatik.

Es kann daran liegen, dass sich der Ton von Sportberichten dem Ton der Politikberichte annähert und umgekehrt. Es kann an den unvermeidlichen Pointen liegen, die  je nach Spielpaarung aufzuklauben sind, wenn Spanien gegen Irland spielt, Portugal verliert oder die deutsche Mannschaft, wie an diesem Freitag, auf Griechenland trifft. Ja, es sind gute Zeiten für Scherzkekse, Cartoonisten und deren Multiplikatoren in sozialen Netzwerken, die hoffen, ein wenig humoristischer Glanz möge auf sie abfallen. Gute Zeiten erlebt auch der Boulevard: "Gegen Jogi hilft kein Rettungsschirm", warnte neulich die Bild- Zeitung im Hinblick auf das Viertelfinale. "Deutschland schießt Portugal in die Euro-Krise", titelte ihr portugiesisches Pendant wenige Tage zuvor.

Nun stimmt es, dass jeder für seine Assoziationen selbst verantwortlich ist. Aber wie viel Spielraum bleibt angesichts drei Jahre währender Krisenberichte übrig, wenn der Kommentator im Eröffnungsspiel sagt: " Griechenlands Mittel sind begrenzt"? Obwohl er selbstverständlich nur das uninspirierte Geschiebe meint, also jenes unten im Mittelfeld. Wenigstens könnte hieraus so etwas wie Komik entstehen, anderswo bleibt nur die Tragik: Pique, ein spanischer Verteidiger, sagte vor der Partie gegen Italien , man wolle gewinnen, um den Menschen daheim etwas Trost zu spenden in dieser schweren Zeit. Der Gewinn der Europameisterschaft wird so zur nationalen Angelegenheit erhoben, jenseits des üblichen Fahnenschwenkdeliriums. Müssen Fußballer solche Sätze sagen müssen? Wie viel Verantwortung fürs nationale Wohlergehen verträgt der Sport?

Wie weitreichend diese sprachliche Formatierung inzwischen ist, zeigte unlängst ein Interview mit Joachim Löw . Das Spiel gegen Griechenland sehe er "rein sportlich", betonte er. Die Politik sei außen vor. Als müsse ein Bundestrainer die Öffentlichkeit daran erinnern, dass er keine Bundeskanzlerin ist. Vielleicht, und das wäre ein frommer Wunsch, geschieht diese Überhöhung einer EM aus der romantischen Hoffnung heraus, das Große möge sich im Kleinen spiegeln, wodurch es weniger komplex würde. Aus manchen Kommentaren spricht sogar die kuriose Vorstellung einer ausgleichenden Gerechtigkeit, der im Stadion genüge getan werden solle: Dass Griechenland Deutschland schlagen muss, allein um des sozialen Friedens oder außenpolitischer Erwägungen willen.

Wenn es stimmt, dass alle Antwort auf dem Platz liegt, so muss man sich hin und wieder vergewissern, auf welchem man sich gerade befindet: Ein Rasen ist ein Rasen ist ein Rasen. Und selbst wenn Leute rundherum sitzen und schreien, ist er noch kein Parlament.