Nachhaltige ArchitekturAtmende Städte, fühlende Häuser

Architekten und Designer erproben, wie sich unser Umfeld verändern muss, um unseren Bedürfnissen zu entsprechen. Ihre Entwürfe sollen das Leben nachhaltiger gestalten. von Felix Stephan

Das Media Tic-Gebäude in Barcelona

Das Media Tic-Gebäude in Barcelona  |  © Cloud9_web

Als der vielfach ausgezeichnete spanische Architekt Enric Ruiz-Geli vor kurzem in der Berliner Akademie der Künste über die Gebäude der Zukunft sprach, begann er mit einer Selbstbezichtigung. In der Zeit steigender Meeresspiegel müssten die Architekten zuallererst auf sich selbst blicken, sagte er, schließlich gingen etwa 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes auf Gebäude zurück. Für die Designer des zeitgenössischen Bauens könne das nur bedeuten, dass sie sich mit einer einfachen Einsicht auseinanderzusetzen hätten und die lautet: "Wir sind das Problem." 

Das Projekt " Natural Fuse ", das 2009 auf der New Yorker Ausstellung "Toward a Sentient City" vorgestellt wurde, illustriert die Herausforderungen, vor denen die Architekten heute stehen: In zahlreichen Wohnungen auf dem ganzen Globus stehen kleine Lampen, die an Zimmerpflanzen angeschlossen sind. Die Lampen leuchten nur so lange, wie die Pflanze den CO2-Verbrauch, den die Stromproduktion kostet, absorbieren kann. Lässt man sie länger brennen, ergießt sich automatisch Essig über die Pflanze, die dann zwangsläufig stirbt. 

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Allerdings ist es nicht die eigene Pflanze, die der eigenen Maßlosigkeit zum Opfer fällt: Die Anlagen sind untereinander vernetzt, so dass beispielsweise in London eine Pflanze eingeht, wenn in Sidney zu lange das Licht brennt. Was hier wie ein leicht elitärer Erste-Welt-Witz wirkt, verweist auf eine gern verdrängte Realität: Unsere Zivilisation baut bis heute Ressourcen ab, die endlich sind. Und die internationale Bauwirtschaft verantwortet den Bärenanteil.

Unbestritten ist deshalb, dass die Gebäude der Zukunft radikal weniger Energie verbrauchen müssen, wenn die Ziele, die im Kyoto-Protokoll und seinen Folgeverträgen formuliert wurden, wenigstens ansatzweise erreicht werden sollen. Mit einer besseren Wärmedämmung ist es dabei nicht getan. Dass das Bauen der Zukunft von Grund auf neu gedacht werden muss, zeigt das Buch Digital Utopia , das das Architekturbüro "Plan A" und die Berliner Akademie der Künste jetzt veröffentlicht haben. Atmende Materialien, Fassaden, die auf die Sonne reagieren, Räume, die ihr eigenes Klimasystem erzeugen – der Paradigmenwechsel, der sich gerade vollzieht, könnte tiefgreifender kaum sein. 

So wird etwa unsere traditionelle Vorstellung, dass unsere Häuser schützende Bollwerke gegen die äußere Natur sind, gerade von einem architektonischen Entwurf abgelöst, in dem sich die Gebäude an ihr Umfeld anpassen. Geht es nach den zeitgenössischen Architekturvisionären, werden unsere Häuser bald keine statischen Gebilde mehr sein, sondern "adaptive Systeme". 

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Ruiz-Geli selbst: Sein Büro Cloud 9 hat 2010 in Barcelona das Media Tic-Haus gebaut, das im vergangenen Jahr auf dem "World Architecture Festival" als "bestes Gebäude des Jahres" ausgezeichnet wurde. Den wichtigsten Unterschied zu traditionellen Bauweisen sieht man dort gleich von außen: Media Tic kommt ohne klassische Fassade aus. Die Mauern aus Beton oder Glas wurden hier durch ballonartige Kissen ersetzt, wie man sie hierzulande vielleicht von der Allianz Arena in München , der Heimstätte des FC Bayern München, kennt. 

Leserkommentare
  1. Immer öfter liegt der Schwerpunkt bei der Planung von Wohn- bzw. Bürogebäuden im Bereich des ökobiologischen Bauens.

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