Ja, ich bin Referenzjunkie. Ich mag es, auf Texte, Lieder, Filme, Posen, Gesten anderer Bezug zu nehmen. Ich mag es, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören, die aus verschiedenen Zeiten und/oder verschiedenen Gegenden der Welt stammen und zusammengedrängt werden müssen, mit aller Kraft (sich abstoßende magnetische Pole). Dass es möglich ist, das zu tun und überhaupt zu denken, ist dem Netz zu verdanken.

Und das weiterzutreiben, noch viel weiter, wäre mein Traum. In einem Roman könnten die Figuren eine Fernsehserie sehen, deren Folgen nur grob beschrieben wären, doch im Netz könnte man genau diese Folgen finden, komplett produziert, und die Musik zur Serie würde von einem fiktiven isländischen Elektroduo stammen, dessen Musik man über einen Klick im Abspann der Fernsehserie fände, nur um festzustellen, dass sich ihr Konzeptalbum auf eine verschollene italienische Oper bezöge, deren Grundlage wiederum ein Roman wäre, der dem Roman, von dem wir ausgegangen sind, verdammt ähnlich sähe.

Ich würde so ein Spiel lieben, weil es verschwenderisch wäre. Aber nur, wenn man die Fernsehserie nicht Folge für Folge bei iTunes kaufen müsste, sondern jeder sie einfach anschauen könnte, der auf sie stieße. Aber kann man sich, indem man kostenlos seine Werke anbietet, der Logik des Geldes entziehen, die längst auch das Netz beherrscht? Oder setzt man sich dieser Logik noch mehr aus, weil man sowieso nichts erreicht, nur das, was man sich unter einem künstlerisch verwirklichten Selbst so vorstellt? Und am Ende hat man nicht mal Geld für die Miete und die KSK.

Was ich mir auf jeden Fall wünsche: Dass die Kultur des Tauschens und Teilens überlebt. Es wäre für mich das frühe Ende des 21. Jahrhunderts, wenn es die nicht mehr gäbe. Und doch: Wo getauscht und geteilt werden soll und will, muss ja auch etwas zum Tauschen und Teilen entstehen. Wenn alle Kunst frei verfügbar wird – weil sie es werden soll –, wird es sie irgendwann kaum noch geben. Jemand, der Texte schreibt, Videos dreht, Musik macht, muss die Chance bekommen, davon zu leben – zumindest teilweise. Dass eine große Menge an Menschen Kunst konsumiert, ohne dass derjenige, der sie produziert hat, das auf dem Konto merkt, ist nicht hinnehmbar.

Also: Ich kann süchtig sein nach Referenzen und trotzdem einsehen, dass nicht alles frei verfügbar sein KANN. Nur weil ich mich auf irgendeinen Film beziehe, muss ja dieser Film nicht kostenlos zu sehen sein. Andererseits: Wenn Musik- oder Theaterstücke in (analogen) Archiven liegen und niemand sie mehr aufführt, und zwar deshalb, weil wieder mal Erben die Werktreue verordnet haben, Werktreue bis zum Tod (des Kunstwerks), dann wünsche ich mir dieses verschwenderische System: Dass man sich auf die Werke anderer beziehen darf, sie aufnehmen, umformen darf, ohne von den Erben gemaßregelt zu werden . Ich wünsche mir, dass die Kunstwerke untereinander kommunizieren können, ohne dass das Geld dazwischengeht.

Aber ich sehe schon: In dreißig Jahren ist das alles gescheitert, und ich kritzele in einer von Wohngeld finanzierten Wohnung meine Texte handschriftlich auf Altpapier, von Verteilung ist da nicht mehr zu träumen. Das Netz wird tot sein. Unser Gespräch, das, was wir in diesem schönen und schrecklichen Jahrhundert längst selbst geworden sind, wird auch tot sein. Nur das Geld wird weiterleben, weiterarbeiten. Forever and ever.