UrheberrechtDas Geld findet dich immer

Der Schriftsteller Jörg Albrecht wünscht sich, dass die Kultur des Tauschens überlebt. Kunst soll untereinander kommunizieren können – ohne dass Geld dazwischen steht. von Jörg Albrecht

Ja, ich bin Referenzjunkie. Ich mag es, auf Texte, Lieder, Filme, Posen, Gesten anderer Bezug zu nehmen. Ich mag es, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören, die aus verschiedenen Zeiten und/oder verschiedenen Gegenden der Welt stammen und zusammengedrängt werden müssen, mit aller Kraft (sich abstoßende magnetische Pole). Dass es möglich ist, das zu tun und überhaupt zu denken, ist dem Netz zu verdanken.

Und das weiterzutreiben, noch viel weiter, wäre mein Traum. In einem Roman könnten die Figuren eine Fernsehserie sehen, deren Folgen nur grob beschrieben wären, doch im Netz könnte man genau diese Folgen finden, komplett produziert, und die Musik zur Serie würde von einem fiktiven isländischen Elektroduo stammen, dessen Musik man über einen Klick im Abspann der Fernsehserie fände, nur um festzustellen, dass sich ihr Konzeptalbum auf eine verschollene italienische Oper bezöge, deren Grundlage wiederum ein Roman wäre, der dem Roman, von dem wir ausgegangen sind, verdammt ähnlich sähe.

Anzeige

Ich würde so ein Spiel lieben, weil es verschwenderisch wäre. Aber nur, wenn man die Fernsehserie nicht Folge für Folge bei iTunes kaufen müsste, sondern jeder sie einfach anschauen könnte, der auf sie stieße. Aber kann man sich, indem man kostenlos seine Werke anbietet, der Logik des Geldes entziehen, die längst auch das Netz beherrscht? Oder setzt man sich dieser Logik noch mehr aus, weil man sowieso nichts erreicht, nur das, was man sich unter einem künstlerisch verwirklichten Selbst so vorstellt? Und am Ende hat man nicht mal Geld für die Miete und die KSK.

Jörg Albrecht
Jörg Albrecht

geboren 1981 in Bonn, ist ein deutscher Schriftsteller. Er studierte Komparatistik, Neuere Deutsche Literatur, Geschichte und Theaterwissenschaft in Bochum und Wien. Im Jahr 2006 erschien sein Debütroman Drei Herzen im Wallstein Verlag, 2008 folgte Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif. In diesem Jahr veröffentlichte er den Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf. Albrecht ist zudem Autor zahlreicher Hörspiele. Er lebt in Berlin.

Was ich mir auf jeden Fall wünsche: Dass die Kultur des Tauschens und Teilens überlebt. Es wäre für mich das frühe Ende des 21. Jahrhunderts, wenn es die nicht mehr gäbe. Und doch: Wo getauscht und geteilt werden soll und will, muss ja auch etwas zum Tauschen und Teilen entstehen. Wenn alle Kunst frei verfügbar wird – weil sie es werden soll –, wird es sie irgendwann kaum noch geben. Jemand, der Texte schreibt, Videos dreht, Musik macht, muss die Chance bekommen, davon zu leben – zumindest teilweise. Dass eine große Menge an Menschen Kunst konsumiert, ohne dass derjenige, der sie produziert hat, das auf dem Konto merkt, ist nicht hinnehmbar.

Also: Ich kann süchtig sein nach Referenzen und trotzdem einsehen, dass nicht alles frei verfügbar sein KANN. Nur weil ich mich auf irgendeinen Film beziehe, muss ja dieser Film nicht kostenlos zu sehen sein. Andererseits: Wenn Musik- oder Theaterstücke in (analogen) Archiven liegen und niemand sie mehr aufführt, und zwar deshalb, weil wieder mal Erben die Werktreue verordnet haben, Werktreue bis zum Tod (des Kunstwerks), dann wünsche ich mir dieses verschwenderische System: Dass man sich auf die Werke anderer beziehen darf, sie aufnehmen, umformen darf, ohne von den Erben gemaßregelt zu werden . Ich wünsche mir, dass die Kunstwerke untereinander kommunizieren können, ohne dass das Geld dazwischengeht.

Künstler und Urheberrecht

Die Debatte über die Reform des Urheberrechts beschäftigt Politiker, Kulturschaffende und Nutzer. Ihr Ausgang wird Auswirkungen auf die Kultur und das freie Internet haben. In unserer Serie Künstler und Urheberrecht gehen wir gemeinsam mit Gastautoren der Frage nach, wie die Wertschöpfungsketten im Kulturbetrieb funktionieren, wie sie sich durch die digitale Revolution verändert haben und wie eine Reform des Urheberrechts aussehen könnte. Wir freuen uns auf Ihre Gastbeiträge unter zeit.de/leserartikel

Alle Beiträge der Serie

Bisher erschienen:

Urheberrecht: Das Ringen um eine Reform

Wie funktioniert der Musikmarkt?

Filesharing: "Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Streaming-Portale: Billiger als kaufen, besser als klauen

Mark Splinter: Des Künstlers Waffe gegen Ausbeutung

Conrad Fritzsch: Wir müssen die Spielregeln ändern

Wer hat die Rechte an Filmen?

Miguel E. Riveros Silva: Youtube ist nicht das Internet

Wolfgang Tischer: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

Gerd Billen: Die digitale Revolution verlangt neue Antworten

Urheberrechtsstreit: Verheddert in Frank Zappas Bart

Kultur des Tauschens: Das Geld findet dich immer

Bildende Kunst: Aus dem Museum ins Netz

Fatboy Slim: "Verlasst Euch nicht auf Download-Verkäufe!"

Streaming, Sampling, Urheberrecht: Musiker zur Debatte

Musikstreaming: "Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Urheberrecht: Wann ist geistiges Eigentum gerecht?

DJ Richie Hawtin: "Kreativität muss so schnell sein dürfen, wie sie will"

Aber ich sehe schon: In dreißig Jahren ist das alles gescheitert, und ich kritzele in einer von Wohngeld finanzierten Wohnung meine Texte handschriftlich auf Altpapier, von Verteilung ist da nicht mehr zu träumen. Das Netz wird tot sein. Unser Gespräch, das, was wir in diesem schönen und schrecklichen Jahrhundert längst selbst geworden sind, wird auch tot sein. Nur das Geld wird weiterleben, weiterarbeiten. Forever and ever.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Der Text spiegelt ziemlich genau wieder wie verfahren die Situation im Urheberrecht ist.

    Es bedarf einen ehrlichen, unvoreingenommenen Dialog und den Willen und Mut von Künstlern und Kunst-Konsumenten (die ja oft genug beides sind) einen neuen Kompromiss zu finden.

    Ich hoffe Jörg Albrecht ist in seiner Zunft bald nicht mehr die Ausnahme in der Einsicht, dass sharing und caring sich auch in der Kunst nicht ausschließen (gerade hier sollte es selbstverständlich sein).

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Es bedarf einen ehrlichen, unvoreingenommenen Dialog und den Willen und Mut von Künstlern und Kunst-Konsumenten (die ja oft genug beides sind) einen neuen Kompromiss zu finden."

    jener kompromiss wird entscheiden, ob sich noch jemand entscheidet, kunst zum beruf zu machen.

    • R_B
    • 19. Juni 2012 9:19 Uhr

    typischer Kommentar: "Wir wollen es billig, am besten kostenlos, und wir wollen es jetzt!"

    Cui bono?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich will reich werden! Weltberühmt und reich!
    ist Kunst nicht etwas, was man um der Tätigkeit und der Kunst Willen selber tut? Wenn dann nebenbei noch etwas abfällt ist das doch toll und jedem gegönnt, auch wenn er damit reich wird. Umso mehr sollte er dann, wenn er es dann ist, überlegen, zu welchem Zweck er weiterhin Kunst betreibt, der Kunst wegen oder des Geldes wegen, oder vielleicht sogar anderen Interessen wegen.

  2. Ich will reich werden! Weltberühmt und reich!
    ist Kunst nicht etwas, was man um der Tätigkeit und der Kunst Willen selber tut? Wenn dann nebenbei noch etwas abfällt ist das doch toll und jedem gegönnt, auch wenn er damit reich wird. Umso mehr sollte er dann, wenn er es dann ist, überlegen, zu welchem Zweck er weiterhin Kunst betreibt, der Kunst wegen oder des Geldes wegen, oder vielleicht sogar anderen Interessen wegen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "jaja..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    heißt das doch nicht, dass man dafür keinen Anspruch auf Entlohnung hat.

    Kunst um ihrer selbst willen, mag die Motivation sein - anders als beim Sachbearbeiter, der einen Vorgang bearbeitet.

    Dass der Künstler allerdings wegen seiner intrinsischen Motivation, die zunächst einmal lediglich eine Unterstellung ist, auf Finanzierung verzichten soll, halte ich für geradezu infam.

    Wieso soll Kunst nicht zu Wohlstand führen?

    "ist Kunst nicht etwas, was man um der Tätigkeit und der Kunst Willen selber tut? "

    auch künster tun profane dinge wie essen und schlafen.

  3. Eine Leserempfehlung
  4. Das Urheberrecht ist die Altersversorgung vieler Künstler. Wer das sieht und vor Allem einsieht, der ist auch bereit für die Kultur, Kunst etwas zu zahlen.

    Auch wenn wir die Idee des Tauschen aufgreifen so nimmt ja der, der gibt von seinem Gegenüber ebenfalls etwas was einen entsprechenden Wert hat.

    Das Urheberrecht zum Discount verkommen zu lassen verhindert die Inspiration ohne die Kunst undenkbar ist.

    Also Kunst von Aldi oder Lidl?

    Nein Danke!!!

    3 Leserempfehlungen
  5. ...hat der Herr Albrecht, wenn er schreibt: "Jemand, der Texte schreibt, Videos dreht, Musik macht, muss die Chance bekommen, davon zu leben – zumindest teilweise." Wo steht denn das? Muss denn etwa jeder, der ein Brot backt, die Chance bekommen, davon zu leben? Mal abgesehen davon, dass "teilweise leben" nicht geht und wohl auch nicht gemeint, sondern nur schlecht ausgedrückt ist.
    Wollen die Künstler, nur weil sie ihre Arbeit für etwas Besonderes halten, Ausnahmeregeln im Kapitalismus? In welchem sie, seit es ihn gibt, ihre Rechte und ihre Bezahlung weniger von den Lesern oder Hörern fordern mussten, sondern von den Verlegern, Redaktionen, Galeristen?
    Aber immerhin, der Autor hat seinen - nu ja: mittelmäßigen - Text an die "Zeit" verkauft und damit profitiert auch er von den Downloadern und der von ihnen ausgehenden Debatte.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sollte man schon davon ausgehen, dass er dafür bezahlt wird. Und wenn die Werke des Künstlers genutzt werden, sollte man davon ausgehen, dass er dafür bezahlt wird.

  6. Kirby Ferguson hat hierzu auch eine interessante Doku names 'Everything is a remix' gedreht

    http://vimeo.com/14912890
    http://vimeo.com/19447662
    http://vimeo.com/25380454
    http://vimeo.com/36881035

    2 Leserempfehlungen
  7. Als Hobbymusiker hätte ich viele Sache machen können, HABE viele Sachen gemacht, die gut klingen, aber das Licht der Welt nie erreichen können, weil es alles zusammengeklaubt ist, klassisxche Musik Einspielungen, Ard Tagesschau Nachrichten und anderes zusammengemixt. Es ist eine völlig neue Wirkung, aber urheberschrecklich verboten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Künstler und Urheberrecht
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Musik | Archiv | Erbe | Fernsehserie | Geld
Service