Es ging weiter mit der Brutalität: Nachdem bereits in den ersten beiden Tagen des Klagenfurter Wettlesens Hunde ins Meer geworfen, Katzen an eine Scheunenwand gedonnert oder Hunde in Kartons verpackt und begraben wurden, setzte die Österreicherin Isabella Feimer an Tag drei das Tiersterben nahtlos fort. In ihrem Bewerbsbeitrag verlor ein Huhn seinen Kopf, ein Tintenfisch wurde so lange gegen eine Wand geklatscht, bis er tintenfrei war (so wie die ihren Geliebten verlassende Frau in der Erzählung so lange schrieb, bis die Tinte ihres Füllers leer war; schade, dass das nicht schon früher der Fall war); schließlich musste auch noch ein Goldfisch einsam in seinem Glas verenden.

Es zeigte sich bei der anschließenden Diskussion, dass der Juror Hubert Winkels ein freundlicher Mann ist; fand er doch für Feimers Text gewordene Unverschämtheit ("auch ich hatte eine Großmutter") noch verteidigende Worte, während Daniela Strigl sich ausbat, in der Literatur nicht mehr mit Hühner köpfenden Großmüttern belästigt zu werden und Paul Jandl die Sache mit dem Urteil "Schlagerpoesie und klebrige Sentimentalität" schnell erledigte.

Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur werden, so darf man prophezeien, nicht als die Größten ihrer Art in die Geschichte eingehen, obgleich auch in diesem Jahr, wie sollte es auch anders sein, bemerkenswerte Texte eingebracht wurden. Einem gemischten ersten folgte ein sehr starker zweiter Tag: Inger-Maria Mahlke erzählte ohne Rührung und in einer nicht unumstrittenen und ästhetisch heiklen Du-Perspektive die Geschichte einer in ökonomischen Zwängen gefangenen, allein erziehenden Mutter, die von der Bäckereigehilfin zur Domina wird und am Ende ihren Sohn verlässt. Cornelia Travnicek inszenierte in einer hüpfenden, vielleicht allzu lockeren Sprache einen Übergang von der Jugend ins Erwachsenendasein; Lisa Kränzler las deutlich überprononciert eine hoch aufgeladene Geschichte von sexueller Anziehung und äußerer Formung und Verformung.

Schwierige Beziehungsstrukturen

Der beste Wettberwerbsbeitrag insgesamt allerdings kam von Olga Martynova : Die 1991 von St. Petersburg nach Deutschland gekommene Autorin brachte mit ihrem nach allen Seiten hin offenen, mindestens dreibödigen Stück Ich werde sagen: "Hi!" eine Form von Souveränität im Umgang mit Sprache und Material in die diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur ein, der man bis dahin heuer noch nicht begegnet war.

Zwischen dem erotischen Begehren eines Jungen namens Moritz, der in den Ferien bei Onkel Robert und Tante Anita zu Gast ist, der Verkäuferin einer Eisdiele, der Historie des Städtchens, in dem Moritz sich befindet, der schwierigen Beziehungsstruktur zwischen Robert und Anita, mäandert Martynova leicht und mit untergründigem Humor. Ja, endlich auch ein subtil witziger Text, dem die slawische literarische Prägung seiner Autorin anzumerken war; preiswürdig allein schon dafür: "Mein Onkel Robert wohnte im Erdgeschoss. Während er auf seiner Terrasse seine Guten-Morgen-Zigarette rauchte, wurde er zu dem nach Schweiß riechenden, begossenen Staubsack, der er bis heute geblieben ist."

 Die Bildsprache der japanischen Digitalkamera

Witzig wurde es auch bei Matthias Senkel , der eine Kureinrichtung für Schriftsteller mit Schreibhemmungen und -blockaden erfand, die sich nach dem Zerfall des Ostblocks vor Anträgen ehemaliger Dissidenten, die ohne Zensur nicht mehr produktionsfähig waren, nicht retten konnte. Senkel hatte seine Literaturbetriebssatire gleich in mehrere Handlungsstränge eingebettet; dennoch ging ihr nach ein paar Seiten die Luft aus.

Vielleicht war der Kontrast zwischen Senkel und dem nach ihm lesenden Österreicher Leopold Federmair zu groß. Teile der Jury jedenfalls gingen mit dessen ruhigem und in einer durchdachten Bildsprache erzählten Text deutlich zu hart ins Gericht. Der Autor quittierte die Diskussion zunächst mit Kopfschütteln, bevor er sich darauf verlegte, mit der Digitalkamera in den Saal zu fotografieren. Federmair lebt in Japan ; möglicherweise kann man dort nicht anders als alles zu fotografieren.

Selten war es leicht wie in diesem Jahr, den Zwang, ein Generalthema des Wettbewerbs zu finden, zu erfüllen. Wenn mindestens acht der 14 Bewerbsbeiträge in irgendeiner Form von Kindheit, Adoleszenz, sexuellem Erwachen und dem Grenzbereich von Jugend und Erwachsenendasein handeln, dann könnte das etwas bedeuten. Die These, die man daraus ableiten könnte, ist nicht unbedingt erfreulich: Dass eine Generation junger und jüngerer Autoren es in einer zunehmend unübersichtlichen Welt vorzieht, den Rückzug in die Sicherheit persönlicher Erinnerungswelten anzutreten. Dass kaum einer das Große wagt und aufs Ganze geht.

Beleidigt uns!

Andererseits aber gibt es durchaus Hinweise, wie beispielsweise bei Inger-Maria Mahlke oder auch bei Andreas Stichmann, dass aus dem Privaten heraus auf gesellschaftlich komplexe Vorgänge gezielt wird. Die vielfach und viel zu oft zitierte Bachmann’sche Wahrheit, die dem Menschen zumutbar sei, liegt möglicherweise nicht mehr nur in einer auf Realismus basierenden Kritik, sondern auch in der ästhetischen Wahrheit und Konsistenz literarischer Texte selbst.

Der Schriftsteller Andreas Maier , der im Jahr 2000 in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis gewann, bezeichnete es in seiner Frankfurter Poetikvorlesung als die einzige Aufgabe von Literatur, die Wahrheit zu sagen. Und er zitierte die in Hessen legendäre Fernsehfigur Papa Hesselbach: "Die Wahrheit ist stets die schlimmste aller Beleidigungen." In diesem Sinne kann man sich von den Autoren in Klagenfurt nur wünschen: Beleidigt uns! So vielfältig, wie es nur geht.