Ingeborg-Bachmann-PreisKaum ein junger Autor wagt das große Ganze

Trotz Tiersterben und souveräner Offenheit: Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur werden nicht als die Größten ihrer Art in die Geschichte eingehen. von 

Ruhige und durchdachte Bildsprache: Leopold Federmair aus Österreich

Ruhige und durchdachte Bildsprache: Leopold Federmair aus Österreich  |  © Ingeborg-Bachmann-Preis

Es ging weiter mit der Brutalität: Nachdem bereits in den ersten beiden Tagen des Klagenfurter Wettlesens Hunde ins Meer geworfen, Katzen an eine Scheunenwand gedonnert oder Hunde in Kartons verpackt und begraben wurden, setzte die Österreicherin Isabella Feimer an Tag drei das Tiersterben nahtlos fort. In ihrem Bewerbsbeitrag verlor ein Huhn seinen Kopf, ein Tintenfisch wurde so lange gegen eine Wand geklatscht, bis er tintenfrei war (so wie die ihren Geliebten verlassende Frau in der Erzählung so lange schrieb, bis die Tinte ihres Füllers leer war; schade, dass das nicht schon früher der Fall war); schließlich musste auch noch ein Goldfisch einsam in seinem Glas verenden.

Es zeigte sich bei der anschließenden Diskussion, dass der Juror Hubert Winkels ein freundlicher Mann ist; fand er doch für Feimers Text gewordene Unverschämtheit ("auch ich hatte eine Großmutter") noch verteidigende Worte, während Daniela Strigl sich ausbat, in der Literatur nicht mehr mit Hühner köpfenden Großmüttern belästigt zu werden und Paul Jandl die Sache mit dem Urteil "Schlagerpoesie und klebrige Sentimentalität" schnell erledigte.

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Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur werden, so darf man prophezeien, nicht als die Größten ihrer Art in die Geschichte eingehen, obgleich auch in diesem Jahr, wie sollte es auch anders sein, bemerkenswerte Texte eingebracht wurden. Einem gemischten ersten folgte ein sehr starker zweiter Tag: Inger-Maria Mahlke erzählte ohne Rührung und in einer nicht unumstrittenen und ästhetisch heiklen Du-Perspektive die Geschichte einer in ökonomischen Zwängen gefangenen, allein erziehenden Mutter, die von der Bäckereigehilfin zur Domina wird und am Ende ihren Sohn verlässt. Cornelia Travnicek inszenierte in einer hüpfenden, vielleicht allzu lockeren Sprache einen Übergang von der Jugend ins Erwachsenendasein; Lisa Kränzler las deutlich überprononciert eine hoch aufgeladene Geschichte von sexueller Anziehung und äußerer Formung und Verformung.

Schwierige Beziehungsstrukturen

Der beste Wettberwerbsbeitrag insgesamt allerdings kam von Olga Martynova : Die 1991 von St. Petersburg nach Deutschland gekommene Autorin brachte mit ihrem nach allen Seiten hin offenen, mindestens dreibödigen Stück Ich werde sagen: "Hi!" eine Form von Souveränität im Umgang mit Sprache und Material in die diesjährigen Tage der deutschsprachigen Literatur ein, der man bis dahin heuer noch nicht begegnet war.

Zwischen dem erotischen Begehren eines Jungen namens Moritz, der in den Ferien bei Onkel Robert und Tante Anita zu Gast ist, der Verkäuferin einer Eisdiele, der Historie des Städtchens, in dem Moritz sich befindet, der schwierigen Beziehungsstruktur zwischen Robert und Anita, mäandert Martynova leicht und mit untergründigem Humor. Ja, endlich auch ein subtil witziger Text, dem die slawische literarische Prägung seiner Autorin anzumerken war; preiswürdig allein schon dafür: "Mein Onkel Robert wohnte im Erdgeschoss. Während er auf seiner Terrasse seine Guten-Morgen-Zigarette rauchte, wurde er zu dem nach Schweiß riechenden, begossenen Staubsack, der er bis heute geblieben ist."

Witzig wurde es auch bei Matthias Senkel , der eine Kureinrichtung für Schriftsteller mit Schreibhemmungen und -blockaden erfand, die sich nach dem Zerfall des Ostblocks vor Anträgen ehemaliger Dissidenten, die ohne Zensur nicht mehr produktionsfähig waren, nicht retten konnte. Senkel hatte seine Literaturbetriebssatire gleich in mehrere Handlungsstränge eingebettet; dennoch ging ihr nach ein paar Seiten die Luft aus.

Vielleicht war der Kontrast zwischen Senkel und dem nach ihm lesenden Österreicher Leopold Federmair zu groß. Teile der Jury jedenfalls gingen mit dessen ruhigem und in einer durchdachten Bildsprache erzählten Text deutlich zu hart ins Gericht. Der Autor quittierte die Diskussion zunächst mit Kopfschütteln, bevor er sich darauf verlegte, mit der Digitalkamera in den Saal zu fotografieren. Federmair lebt in Japan ; möglicherweise kann man dort nicht anders als alles zu fotografieren.

Selten war es leicht wie in diesem Jahr, den Zwang, ein Generalthema des Wettbewerbs zu finden, zu erfüllen. Wenn mindestens acht der 14 Bewerbsbeiträge in irgendeiner Form von Kindheit, Adoleszenz, sexuellem Erwachen und dem Grenzbereich von Jugend und Erwachsenendasein handeln, dann könnte das etwas bedeuten. Die These, die man daraus ableiten könnte, ist nicht unbedingt erfreulich: Dass eine Generation junger und jüngerer Autoren es in einer zunehmend unübersichtlichen Welt vorzieht, den Rückzug in die Sicherheit persönlicher Erinnerungswelten anzutreten. Dass kaum einer das Große wagt und aufs Ganze geht.

Beleidigt uns!

Andererseits aber gibt es durchaus Hinweise, wie beispielsweise bei Inger-Maria Mahlke oder auch bei Andreas Stichmann, dass aus dem Privaten heraus auf gesellschaftlich komplexe Vorgänge gezielt wird. Die vielfach und viel zu oft zitierte Bachmann’sche Wahrheit, die dem Menschen zumutbar sei, liegt möglicherweise nicht mehr nur in einer auf Realismus basierenden Kritik, sondern auch in der ästhetischen Wahrheit und Konsistenz literarischer Texte selbst.

Der Schriftsteller Andreas Maier , der im Jahr 2000 in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis gewann, bezeichnete es in seiner Frankfurter Poetikvorlesung als die einzige Aufgabe von Literatur, die Wahrheit zu sagen. Und er zitierte die in Hessen legendäre Fernsehfigur Papa Hesselbach: "Die Wahrheit ist stets die schlimmste aller Beleidigungen." In diesem Sinne kann man sich von den Autoren in Klagenfurt nur wünschen: Beleidigt uns! So vielfältig, wie es nur geht.

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Leserkommentare
  1. 1. na ja

    gut dotierte literaturpreise sind immer auch eine geschlossene gesellschaft. das betrifft die beiträge, die juroren und die kriterien.

    insofern ist es schwer, da etwas ableiten zu wollen, was verallgemeinert werden kann, ganz zu schweigen von bewertungen, die immer auch eine selbstbespielgelung gefühlter literatureliten sind.

    insofern sind literaturpreise nur große oder kleine säcke, die in china umfallen ...

  2. "Der beste Wettberwerbsbeitrag insgesamt allerdings kam von Olga Martynova"

    Würden Sie mir bitte mal Ihr Literarometer ausleihen, werter Rezensent? Außerdem: Wenn Sie schon so präzise Beurteilungen abgeben, wäre es nett, wenn Sie Maßeinheit und Messergebnisse offen legen könnten. Wieviel "Zeitlits" hat die gute Olga denn erreicht? Und wie schlecht schnitt dagegen Feimers "Text gewordene Unverschämtheit" ab? Ich bewundere jeden, der Literatur mit solch wissenschaftlicher Präzision in Schubladen packen kann. Bei Gott, das bewundere ich wirklich...

    Einen unterwürfigen Intellektuellengruß schickt

    Michael Freuding

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    • Ijon
    • 07. Juli 2012 19:36 Uhr

    Folgendes Zitat stammt aus "Garner's Modern American Usage", einer Art Wörterbuch für den amerikanischen Sprachgebrauch.
    Es geht um den Gebrauch von "I", also "ich", in veröffentlichten Artikeln:

    "None of this should suggest that every personal opinion should include the word "I". Most opinions are transparently personal and need no direct mention of the writer -- e.g.: "Though Einstein is routinely lionized as a great scientific mind, Newton was the most original thinker that science has ever produced." No moderatly sophisticated reader would assume that this statement is anything more than an opinion. And it is much more convincingly stated without inserting the phrase "in my opinion"."

    Ganz in dem Sinne kann ich nur fragen: Was dachten Sie denn, das der von Ihnen zitierte Satz ist, als eine persönliche Meinung des Autors? Literatur kann man ja kaum anders als subjektiv beurteilen. Herrn Schröder vorzuwerfen, er habe nicht nach jedem zweiten Satz die Floskel "meiner Meinung nach" eingebaut, ist etwas überzogen.

    Oder hätte ich Herr Schröder Ihrer Meinung nach auf eine Nacherzählung der Inhalte oder Beschreibung der örtlichen Gegebenheiten beschränken sollen?

    Freier Autor

    Ich freue mich immer, wenn meine Arbeit auch einmal gewürdigt wird.
    Mein Literaometer speist sich aus einem Studium, langjähriger Lektüre und der täglichen Beschäftigung mit Literatur. Ausleihbar ist all das leider nicht. Den Exkurs über die Subjektivität von Literaturkritik erspare ich mir. Einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt mein Text nicht und behauptet das auch nicht. Wie kommen Sie darauf?

    • Ijon
    • 07. Juli 2012 19:36 Uhr

    Folgendes Zitat stammt aus "Garner's Modern American Usage", einer Art Wörterbuch für den amerikanischen Sprachgebrauch.
    Es geht um den Gebrauch von "I", also "ich", in veröffentlichten Artikeln:

    "None of this should suggest that every personal opinion should include the word "I". Most opinions are transparently personal and need no direct mention of the writer -- e.g.: "Though Einstein is routinely lionized as a great scientific mind, Newton was the most original thinker that science has ever produced." No moderatly sophisticated reader would assume that this statement is anything more than an opinion. And it is much more convincingly stated without inserting the phrase "in my opinion"."

    Ganz in dem Sinne kann ich nur fragen: Was dachten Sie denn, das der von Ihnen zitierte Satz ist, als eine persönliche Meinung des Autors? Literatur kann man ja kaum anders als subjektiv beurteilen. Herrn Schröder vorzuwerfen, er habe nicht nach jedem zweiten Satz die Floskel "meiner Meinung nach" eingebaut, ist etwas überzogen.

    Oder hätte ich Herr Schröder Ihrer Meinung nach auf eine Nacherzählung der Inhalte oder Beschreibung der örtlichen Gegebenheiten beschränken sollen?

  3. "...in der Literatur nicht mehr mit Hühner köpfenden Großmüttern belästigt zu werden..."

    Nachdem dies ja schon anhand der Erwähnung in der Überschrift äußerst wichtig zu sein scheint, hätte ich auch gern etwas darüber erfahren. Wurde das Huhn einfach nur gechlachtet oder in einem Voodoo-Ritual geopfert? Eine kurze Einschätzung des Geschriebenen ist so jedenfalls nicht möglich.

    "...Wenn mindestens acht der 14 Bewerbsbeiträge in irgendeiner Form von Kindheit, Adoleszenz, sexuellem Erwachen und dem Grenzbereich von Jugend und Erwachsenendasein handeln, dann könnte das etwas bedeuten. ..."

    Betreff des "jugendlichen infantilen Erwachsensein" möglicherweise unter anderem auch, daß manche Autoren nicht mehr in der Lage sind die nötige Reife zu entwickeln sich von dem täglich medial bis zur Übelkeit und Beleidigung der Sinne auf den Menschen ergießenden Lebensbild zu lösen.

    Ach Beleidigung, "..."Die Wahrheit ist stets die schlimmste aller Beleidigungen."..." - Na mit solch Sichtweisen braucht man zumindest nicht mehr allzu lang über die Gründe nachlassender Literaturfähigkeit sinnieren.

  4. Freier Autor

    Ich freue mich immer, wenn meine Arbeit auch einmal gewürdigt wird.
    Mein Literaometer speist sich aus einem Studium, langjähriger Lektüre und der täglichen Beschäftigung mit Literatur. Ausleihbar ist all das leider nicht. Den Exkurs über die Subjektivität von Literaturkritik erspare ich mir. Einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt mein Text nicht und behauptet das auch nicht. Wie kommen Sie darauf?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 08. Juli 2012 0:14 Uhr

    dass ich schon was den Begriff des großen Ganzen anbelangt,
    wissen möchte was damit gemeint sein soll.
    ich habe auch in den Bachmannpreis-Lesemarathon nur mal partiell
    reinhören können,da ich noch DIE ZEIT g a n z zu Ende durchlesen muss.Also schon rein zeitbedingt gibts doch nichts Ganzes und nichts Halbes.

    schön, dass Sie mir antworten. Damit hätte ich nicht gerechnet. Aber, mit Verlaub: Sie widersprechen sich da ein wenig. Einerseits weisen Sie mich auf Ihr Studium hin (bin beeindruckt), andererseits erheben sie keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Wenn Sie allerdings so zielsicher "beste" und "schlechteste" Beiträge unterscheiden können, gehe ich davon aus, dass Sie gemessen haben. Das wäre dann ja wohl wissenschaftlich, oder?

    Natürlich liest sich eine bissige Literaturkritik gefälliger als eine ausgewogene. Deshalb sei Ihnen verziehen, wenn sie meine Ansprüche enttäuschen. Dennoch finde ich, dass Sie den Literaturzirkus etwas realistischer betrachten sollten. Das ist wie mit dem Betten von Babys: Ein paar Jahre sollen sie auf dem Rücken schlafen, dann ändert sich der Trend - und man muss sie wieder auf den Bauch legen.

    Genug gewettert - jetzt widme ich Ihnen noch ein Stück „Weltliteratur“;)

    Er übt Kritik, der Schröder:
    „Das große Ganze fehlt!“
    Mir scheint, er ist kein Blöder,
    wenn er die Güte zählt.

    Sein Wort wirkt wie ein Messer,
    zuweilen scharf und spitz.
    Er kennt das Gut und Besser,
    verschmäht und lobt gewitzt.

    „Nun gut, so mag er walten“,
    gestehen wir’s ihm zu.
    Er mag die Kunst erhalten,
    Kritik ist da tabu.

    Schade, dass Sie mir Ihren "Exkurs über die Subjektivität von Literaturkritik" erspart haben. Ich hätte nämlich gerne mit einem Exkurs über die Subjektivität der Kritik an der Kritik geantwortet.

    Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen.

    • Mari o
    • 08. Juli 2012 0:14 Uhr

    dass ich schon was den Begriff des großen Ganzen anbelangt,
    wissen möchte was damit gemeint sein soll.
    ich habe auch in den Bachmannpreis-Lesemarathon nur mal partiell
    reinhören können,da ich noch DIE ZEIT g a n z zu Ende durchlesen muss.Also schon rein zeitbedingt gibts doch nichts Ganzes und nichts Halbes.

    Antwort auf "Besten Dank"
    • TNE
    • 08. Juli 2012 0:57 Uhr
    7. *meld*

    Ich würde auch gerne wissen, was dieses "große Ganze" sein soll.

  5. ... du je ...

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