Verhandlungspause im Moskauer Gerichtssaal: Die Angeklagten, drei schmächtige junge Frauen, werden aus ihrem Glaskäfig abgeführt, in dem schon der frühere Ölmilliardär Michail Chodorkowskij hilflos den Windungen der russischen Rechtssuche folgte. Sie treten an die Tür, umringt von Polizistinnen, strecken die Arme vor, und die Handschellen klicken.

Es geht nicht um Mord oder Raub, sondern um den 40 Sekunden währenden Krawall-Auftritt der Punkgruppe Pussy Riot am 21. Februar vor der Ikonenwand der Moskauer Hauptkirche, der Christus-Erlöser-Kathedrale. Für ihr "Punk-Gebet" mit dem imitiert lithurgischen Refrain "Mutter Gottes, verjage Putin!" sind sie des "Rowdytums" und der "Aufwiegelung zum Hass" angeklagt. Maximal drohen sieben Jahre Haft.

Zumindest eine der Angeklagten, soviel wurde am gestrigen ersten Prozesstag vor dem Chamownitscheskij-Gericht bekannt, hat tatsächlich am Kirchenauftritt von Pussy Riot teilgenommen. Nadjeschda Tolokonnikowa bezeichnete den Auftritt als "ethischen Fehler". Die Punkerinnen hätten allerdings keineswegs Gläubige kränken oder gar zum antireligiösen Hass aufrufen wollen. Ihr Motiv, so lautet die Prozessstrategie von Pussy Riot, sei rein politisch und ihr Mittel künstlerisch gewesen: Sie wollten gegen den Aufruf des Oberhaupts der Kirche, Patriarch Kyrill, prostestieren, der sich für Wladimir Putins Wiederwahl zum Präsidenten einsetzte.

Red Hot Chili Peppers solidarisieren sich

Der Protest, dessen Videoclip im Internet in den Tagen nach dem Kathedralen-Auftritt gerade ein paar Hunderte interessierte, ist mittlerweile weltweit gehört worden. Die Musiker Bono von der Gruppe U2 und Madonna sollen ihr Entsetzen über die Verfolgung der Punkerinnen geäußert haben. Die Red Hot Chili Peppers zogen T-Shirts mit der Aufschrift "Pussy Riot" an. Sting , die Gruppe Franz Ferdinand und Stephen Fry solidarisierten sich. Als Faith No More vor vier Wochen in Moskau auftraten, standen auch weitere Aktivistinnen von Pussy Riot auf der Bühne und skandierten Anti-Putin-Zeilen.


Fünf Monate Untersuchungsgefängnis und eine Haftverlängerung bis zum 12. Januar des kommenden Jahres haben die drei angeklagten Frauen, darunter zwei Mütter, zu Ikonen des Protests gegen die Macht in Russland erhöht. Ihr Image, die einfarbig bunten Kleider und Masken, die schrammelnden Gitarren und geschrienen Texte einfachen Zuschnitts ("Putin pisst sich in die Hose"), ist zum internationalen Markenzeichen geworden. Insofern war Pussy Riot erfolgreich. Doch der Fall Pussy Riot hat die Kunstwelt gespalten – allerdings in ungleiche Hälften.

Zur Prozesseröffnung tauchte ein Brief auf, in dem russische Schriftsteller und Publizisten die strafrechtliche Verfolgung der Punkerinnen begrüßen und ihr "antichristliches Wesen" und die "russophobe Ausrichtung ihrer verlogen künstlerischen Tätigkeit" beklagen. "Anhängerinnen der Demokratie" seien die Frauen, was in den Ohren der Autoren wohl als besonders starkes Schimpfwort klingt.

Viel ist von aufrichtigem Patriotismus und moralischem Recht die Rede. Die Prominenz der Unterzeichner ist bescheiden. Nur der Schriftsteller Walentin Rasputin, der das wahre, russische Wesen in Christentum und Dorfwelt erkennt, ragt als Berühmtheit heraus.

Einen Monat zuvor hatte Pussy Riot zu einer Künstlersolidarität geführt, wie sie Russland seit langem nicht mehr gesehen hat. Ende Juni forderten mehr als 100 Künstler in einem offenen Brief die Freilassung der Angeklagten. In der Liste der Unterzeichner fanden sich nicht nur die bekannten oppositionell Denkenden wie die Schriftsteller Ludmila Ulizkaja oder Boris Akunin , der schon einen literarischen Spaziergang der Protestbewegung über Moskaus Boulevard-Ring geführt hatte, oder der Bandleader der Gruppe DDT, Jurij Schewtschuk.