ZEIT ONLINE: Herr Weber, Sie kennen Syrien , weil Sie lange dort gelebt und geforscht haben. Mittlerweile wird auch in Aleppo gekämpft . Welche Kunstschätze sind dort von der Zerstörung bedroht?

Stefan Weber: Aleppo ist neben Damaskus eine der zwei großen Kulturstädte in Syrien . Sie gehört zu den ältesten durchgehend besiedelten Städten der Geschichte überhaupt. Es gibt wunderbar erhaltene alte Basarstraßen, große Handelshäuser und wichtige Moscheen aus der frühislamischen Zeit, also aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Darunter und dazwischen befinden sich noch ältere byzantinische und römische Bauten und Straßenmuster.

Und es gibt die berühmte Zitadelle aus dem Mittelalter, die auf einem Siedlungshügel liegt, der Tausende Jahre Geschichte hat. Dort hat bis vor Kurzem noch ein deutsches Team von der HTW Berlin gegraben. Es sind Schätze, die es anderswo kaum noch so gibt. Sie sind einmalig.

ZEIT ONLINE: Was droht der Stadt ganz konkret?

Weber: Wenn es jetzt mit Maschinengewehren zu Straßenkämpfen kommt, dann richtet das erstmal keine strukturellen Zerstörungen an. Das liegt aber daran, dass in Aleppo vieles aus Stein gebaut ist. Damaskus ist anfälliger, weil viele alte Gebäude aus Holz sind. Dort zerstören jetzt schon Feuer viele alte Häuser. Aber auch in Aleppo gibt es Zerstörungen. So wurden die vollständig erhaltenen, handbeschlagenen Tore aus dem 13. Jahrhundert in der Zitadelle gesprengt.

ZEIT ONLINE: Stadtgrundrisse oder ganze Stadtstrukturen zerstört ein Bürgerkrieg aber eher nicht, oder?

Weber: Doch. Denn es wird auch aus der Luft gebombt und mit Artillerie geschossen. Die Zerstörungen sind großflächiger. Bei solchen Konflikten geht der Staat auch mit dem Bagger durch die Straßen um Schneisen zu schlagen für gepanzertes Gerät. Dabei wird die Stadtstruktur zerstört.

ZEIT ONLINE: Welches Ausmaß könnte die Zerstörung erreichen?

Weber: Was einer Altstadt im Krieg passieren kann, haben wir 1982 in Homs gesehen. Damals hat Assads Vater die Stadt zu großen Teilen zerstört. Gebäude wurden gesprengt oder mit Baggern plattgewalzt, um gegen Rebellen vorzugehen. Der Altstadtkern ist bis auf wenige Reste verloren gegangen. Das kann im schlimmsten Fall auch in Aleppo oder Damaskus passieren und sogar noch großflächiger, wenn das Regime um sein Überleben kämpfen würde.

ZEIT ONLINE: In Syrien sind aber zurzeit nicht nur die Altstädte gefährdet, oder?

Weber: Nein, auch die archäologischen Ausgrabungsstätten. Da ist zum einen das nordsyrische Kalksteinmassiv mit seinen wunderbaren byzantinischen Gebäuden. Dort hat die Armee Straßensperren aus altem Gebäudematerial gebaut. Dann gibt es Apameia, eine der wichtigsten Städte der Antike, wo es eine einzigartige, große Arkadenstraße gibt. Auch dort ist es zu Zerstörungen gekommen. Dort ist die Armee mit Panzern durchgefahren, um eine Zitadelle zu beschießen, in der sich Rebellen verschanzt hatten. Dann Bosra. Eine Stadt, die zum großen Teil aus schwarzem Basalt gebaut ist und eines der größten römischen Theater der Welt hat. Auch dort sind Panzer durch die archäologische Zone gefahren.

Außerdem werden in alte Siedlungshügel Panzerstellungen gegraben. Alte Bauwerke eignen sich eben besonders gut für militärische Schutzmaßnahmen. Wie groß die Schäden an diesen Orten sind, wissen wir noch nicht, weil es keine unabhängige Kommission gibt, die Schäden dokumentiert.

ZEIT ONLINE: Ein weiteres Problem, von dem im Internet zu lesen ist, sind die Plünderungen. Haben Sie nähere Informationen?

Weber: Das ist der Irak-Effekt. Sobald der Staat zerfällt, kommen die Grabräuber. Das ist eine eher schleichende Zerstörung, die aber hochdramatisch ist.

ZEIT ONLINE: Die Plünderer sollen mit Bulldozern arbeiten und die ersten Artefakte sind schon auf den Märkten in Jordanien und der Türkei aufgetaucht.

Weber: In Palmyra fanden schon vor Monaten Plünderungen statt, außerdem gab es Massendiebstähle aus Museen. Allerdings gab es den Antikenraub schon früher und er wurde in Mafia-artigen Strukturen organisiert. Damals wurden die Kunstschätze über die Militärstraßen in den Libanon geschmuggelt. Das wird sich jetzt deutlich verstärken. Erst gestern habe ich wieder schockierende Nachrichten über Raubgrabungen bekommen.