Olympia-DesignWas uns Londons Logo sagen will

Olympisches Design ist eine Königsdisziplin für Gestalter. In London nur bedingt gelungen, aber aufschlussreich, schreibt der Grafiker und Buchautor Alexander Negrelli. von Alexander Negrelli

Das Logo der Olympischen Spiele 2012

Das Logo der Olympischen Spiele 2012  |  © Streeter Lecka/Getty Images

Es ist einfach, die Olympischen Spiele zu kritisieren. Obszöne Mengen öffentlichen Geldes fließen unversteuert in die Taschen weniger; humanitäre Standards werden missachtet, um dies zu ermöglichen; und viele sportliche Leistungen sind ohnehin manipuliert. Schon wer sich darum bewirbt, dieses Spektakel austragen zu dürfen, macht sich der Korruption verdächtig. Dies publikumswirksam in Szene zu setzen, ist vor allem eine Aufgabe des Kommunikationsdesigns. Wie also sieht London 2012 aus?

Auf den ersten Blick sehr, sehr bunt. Derbe Kontraste überall auf dem Fernseh- oder Computerbildschirm. Man wähnt sich in einem Science-Fiction-Streifen der achtziger Jahre. Alles wirkt wie eingepackt, versteckt hinter papierenen Farbflächen, die das Kamerasichtfeld ausfüllen. Werbeplanen werfen Falten. Die digitale Schärfe wiederum erweckt den Eindruck, als sprängen die Sportler durch Verkaufskanaldauerwerbesendungen. Fingernägel in Großaufnahme und glänzende Ringe, die durchs Bild wischen.

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Der maßlosen Buntheit wird das Marketingwort Branding gerecht. London führt fort, was in Peking neu war: fernöstliche Grellheit, die man seit etwa 30 Jahren Trash nennt. Manch blaue Wand mit magentafarbenem Logo und diagonalen Lichtleisten wirkt wie ein übler Scherz. Das Erscheinungsbild macht keinen Hehl aus dem ganzen Zirkus, es geht nicht um Glaubwürdigkeit. Nur um besagtes Branding – mit bezahlsendertauglichem On-Air-Design und ganz viel Violett unter Rot. Schließlich sind die Olympischen Spiele ein Fernsehereignis, eine Megaveranstaltung auf allen Kanälen.

Die Simpsons oder SHIT oder ZION?

Über den Autor
Über den Autor

Alexander Negrelli (*1968) lebt und arbeitet in Berlin als Autor und Designer. Mit olympischer Gestaltung hat er sich auch in seinem Buchprojekt Kommando Otl Aicher befasst, für das er kürzlich mit dem Preis für Interdisziplinäre Kunst und Wissenschaft der Berliner Universität der Künste ausgezeichnet wurde.

Das Logo, bisher stets wichtiger Teil olympischer Erscheinungsbilder, ist in diesem Jahr wenig präsent. Es gefällt auch nur wenigen. Die Zahl 2012 als grelle Zackenfigur (man googele "The Lisa Simpson Blowjob"), die der Londoner Wutbürger gern als SHIT auf dem Hemd trägt oder hinter dem der Antisemit ZION vermutet, zitiert die Ästhetik der 1980er Jahre, inklusive God Save The Queen von den Sex Pistols während der Eröffnungszeremonie.

Manche meinen, man solle dem diesjährigen olympischen Logo etwas Zeit geben. Schon möglich. Aber besser wird es dadurch nicht. Die Platzierung der Ringe innerhalb des Signets ist wenig harmonisch. Links davon steht "London 2012" in einer Schrift namens Headline 2012, einer echten Spaßschrift. Effekthascherisch und nur in der groben Anwendung zu gebrauchen, völlig ungeeignet für technische Anzeigen, von denen es während der Spiele so manche gibt.

Eine Kursivschrift an Krücken

Auf den Nummernsockeln hinter den Startblöcken funktioniert sie gerade noch, die Messleiste der Weitspringer mit ihr zu beschriften wäre unseriös. Auf dem Fernsehbild der Stadionanzeige ist sie schon nicht mehr zu entziffern. Headline 2012 ist eine Kursivschrift, die sportliche Dynamik suggerieren soll, jedoch an Krücken denken lässt – geschätzte Arbeitszeit für diesen Entwurf: ein Nachmittag.

Wasserballer vor dem Schriftzug "London 2012"

Wasserballer vor dem Schriftzug "London 2012"  |  © Al Bello/Getty Images

Als Claim London 2012 ist diese Type auf jedem Bild zu sehen. Das eigentliche Logo (Lisa Simpson) wird also geschwächt durch ein Konkurrenzlogo. Die Grundsätze der Markenbildung lösen sich auf. Ähnlich schwach stehen die Piktogramme da, sonst olympische Königsdisziplin der Gestalter. Diesmal wirken sie steif und unausgewogen, aber eben ganz im Stil der achtziger Jahre. Elegant ist anders.

Dann gibt es noch die Maskottchen, deren Namen sich einfach niemand merken kann. Wie es die Marketinglegende will, erinnern die beiden Stahltropfen an den Stadienbau. Aber dass der nun von schaumstoffumhüllten, unterbezahlten Minijobbern verkörpert wird, ist auch eher eine unglückliche Symbolik.

Die Zukunft von 1984

Neben Tropfen, Logos und Schriften bestimmt vor allem die technoide Hochästhetik der Sportler das Bild dieser olympischen Spiele. Körper, die aussehen wie in Lycra hineingezüchtet, Fechter mit Daft-Punk-Helmen und Fahrräder, die vermutlich nicht mehr als 500 Gramm wiegen. Die Paralympics werden das Bild des futuristischen, technisch erweiterten Menschen noch viel deutlicher zeichnen. Eins ist klar: Wir sehen die Zukunft. So wie man sie sich um 1984 vorgestellt hat. Es kommentiert Max Headroom.


London zeigt sich in den Medien als unbeeindruckter Gastgeber. Keine Spur des monströsen Sicherheitsapparates. Kein einziger Soldat im Fernsehen. Ein paar Wimpel, simple Werbetechnik, die Ringe an der London Bridge. Echte Billiglösungen in Anbetracht der Gesamtkosten des Spektakels. Normalerweise ist Olympia wie ein Ufo, das sich an einem Ort festsaugt, tiefe Spuren gräbt und dann weiterfliegt. Gut, so manches neue Gebäude hat man sich auch hier gegönnt. Doch das meiste Geld wurde offenbar anderweitig investiert.

Es ist das dritte Mal, dass die Stadt die Spiele austrägt. Nach 1908 – als Treffen enthusiastischer Amateure – war Olympia 1948 ein klares Statement zur Nachkriegsweltordnung. Im selben Jahr vertauschte George Orwell die Ziffern und fand den Titel seines neuen Romans. London 2012 ist zweifellos Big Brother und alles, was das Publikum damit assoziieren mag. Gleichzeitig aber auch dessen bewusste Karikatur. Das leuchtende Pink des Logos lässt an Mädchen mit Sicherheitsnadeln in der Wange denken. 1984 war diese Mode schon im Kaufhaus angekommen, als Plastikschmuck aus China. London 2012 zitiert genau diese Ästhetik.

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Leserkommentare
    • kyon
    • 08. August 2012 18:06 Uhr

    Was uns das Londoner Logo sagen will, weiß ich nicht. Wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich auch nicht, was es uns sagen will.

    Was es bei mir als Betrachter auslöst, kann ich hingegen sagen: Es stößt mich ab.

  1. 2. Google

    Evtl. wäre es "angebrachter" direkt zu einer entsprechenden Erklärung des Logos zu verlinken, als lediglich zu einer entsprechenden Suchanfrage...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entweder man hat sich die Suchanfrage nicht (zumindest nicht ohne safe search) angeschaut, oder man will die Leser hier absichtlich verstören... Direkter Link wäre sicher besser gewesen.

  2. Viele der Beschriftungen in den Stadien sehen für mich immer so aus als hätte jemand vergessen die richtige Beschriftung anzubringen und notdürftig etwas mit einer Rolle Tape gebastelt.

    • 2eco
    • 08. August 2012 20:05 Uhr

    Das Design in London ist die Krönung eines aktuellen Trends.

    Mir ist schon die EM 2012 durch den grellen und kitschigen Flower Power Stil negativ aufgefallen. Dazu kamen noch die unglaublich häßlichen pinken Fußballschuhe, welche vorzugsweise mit roten Trickots kombiniert werden.

    Naja hauptsache es ist hipp. Welcome back to the 80´s.

  3. obiges Bild ist natürlich eine Pleite mit dem Grill darunter, aber es sollte eigentlich so sein:
    http://www.reitwelten.de/wp-content/uploads/2012/06/london-logo-olympia-...
    Die Schrift ist natürlich etwas strange, aber passt es nicht zu den strangen Engländern? Warum soll man das Eckige stylish rund machen?! Glattpoliert und glattgebürstet und windschnittig ist doch soundso der Rest der Werbewelt. Man hat überhaupt das Gefühl, dass statt dynamisch demnächst hölzern angesagt ist, siehe z.B. das neue Windows 8 mit dem Kastendesign. Windows war immer ein Trendsetter im Design und alle Welt hat das dann kopiert und weiterentwickelt. Bei dem Bild des Links ist ersichtlich, dass diese Knitterform 2012 darstellen soll. Erinnert ein bißchen an aufgeblasene Bäckertüten, die man am Schluss in einem Händeklatscher zusammenknallt - und dann zum Altpapier wirft.

  4. bei dem von oben fotografierten am Boden unter seiner Hantel liegenden Gewichtheber das Logo an das zerberstende Hakenkreuz. Auch wenn es sicherlich nicht so gemeint sein soll, wäre es auch eine gute Botschaft.

  5. den man noch durch ein Bild der Maskottchen erweitern könnte - zumal jene ironischerweise wie Kameras aussehen.

  6. ... und hat das Logo auf der U-Bahnfahrt zur Presentation auf seinem Laptop zusammengebastelt ;-) Chuzpe!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte George Orwell | London | Olympia | Paralympics | China | London
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