Es ist einfach, die Olympischen Spiele zu kritisieren. Obszöne Mengen öffentlichen Geldes fließen unversteuert in die Taschen weniger; humanitäre Standards werden missachtet, um dies zu ermöglichen; und viele sportliche Leistungen sind ohnehin manipuliert. Schon wer sich darum bewirbt, dieses Spektakel austragen zu dürfen, macht sich der Korruption verdächtig. Dies publikumswirksam in Szene zu setzen, ist vor allem eine Aufgabe des Kommunikationsdesigns. Wie also sieht London 2012 aus?

Auf den ersten Blick sehr, sehr bunt. Derbe Kontraste überall auf dem Fernseh- oder Computerbildschirm. Man wähnt sich in einem Science-Fiction-Streifen der achtziger Jahre. Alles wirkt wie eingepackt, versteckt hinter papierenen Farbflächen, die das Kamerasichtfeld ausfüllen. Werbeplanen werfen Falten. Die digitale Schärfe wiederum erweckt den Eindruck, als sprängen die Sportler durch Verkaufskanaldauerwerbesendungen. Fingernägel in Großaufnahme und glänzende Ringe, die durchs Bild wischen.

Der maßlosen Buntheit wird das Marketingwort Branding gerecht. London führt fort, was in Peking neu war: fernöstliche Grellheit, die man seit etwa 30 Jahren Trash nennt. Manch blaue Wand mit magentafarbenem Logo und diagonalen Lichtleisten wirkt wie ein übler Scherz. Das Erscheinungsbild macht keinen Hehl aus dem ganzen Zirkus, es geht nicht um Glaubwürdigkeit. Nur um besagtes Branding – mit bezahlsendertauglichem On-Air-Design und ganz viel Violett unter Rot. Schließlich sind die Olympischen Spiele ein Fernsehereignis, eine Megaveranstaltung auf allen Kanälen.

Die Simpsons oder SHIT oder ZION?

Das Logo, bisher stets wichtiger Teil olympischer Erscheinungsbilder, ist in diesem Jahr wenig präsent. Es gefällt auch nur wenigen. Die Zahl 2012 als grelle Zackenfigur (man googele "The Lisa Simpson Blowjob"), die der Londoner Wutbürger gern als SHIT auf dem Hemd trägt oder hinter dem der Antisemit ZION vermutet, zitiert die Ästhetik der 1980er Jahre, inklusive God Save The Queen von den Sex Pistols während der Eröffnungszeremonie.

Manche meinen, man solle dem diesjährigen olympischen Logo etwas Zeit geben. Schon möglich. Aber besser wird es dadurch nicht. Die Platzierung der Ringe innerhalb des Signets ist wenig harmonisch. Links davon steht "London 2012" in einer Schrift namens Headline 2012, einer echten Spaßschrift. Effekthascherisch und nur in der groben Anwendung zu gebrauchen, völlig ungeeignet für technische Anzeigen, von denen es während der Spiele so manche gibt.

Eine Kursivschrift an Krücken

Auf den Nummernsockeln hinter den Startblöcken funktioniert sie gerade noch, die Messleiste der Weitspringer mit ihr zu beschriften wäre unseriös. Auf dem Fernsehbild der Stadionanzeige ist sie schon nicht mehr zu entziffern. Headline 2012 ist eine Kursivschrift, die sportliche Dynamik suggerieren soll, jedoch an Krücken denken lässt – geschätzte Arbeitszeit für diesen Entwurf: ein Nachmittag.

Wasserballer vor dem Schriftzug "London 2012" © Al Bello/Getty Images

Als Claim London 2012 ist diese Type auf jedem Bild zu sehen. Das eigentliche Logo (Lisa Simpson) wird also geschwächt durch ein Konkurrenzlogo. Die Grundsätze der Markenbildung lösen sich auf. Ähnlich schwach stehen die Piktogramme da, sonst olympische Königsdisziplin der Gestalter. Diesmal wirken sie steif und unausgewogen, aber eben ganz im Stil der achtziger Jahre. Elegant ist anders.

Dann gibt es noch die Maskottchen, deren Namen sich einfach niemand merken kann. Wie es die Marketinglegende will, erinnern die beiden Stahltropfen an den Stadienbau. Aber dass der nun von schaumstoffumhüllten, unterbezahlten Minijobbern verkörpert wird, ist auch eher eine unglückliche Symbolik.

Die Zukunft von 1984

Neben Tropfen, Logos und Schriften bestimmt vor allem die technoide Hochästhetik der Sportler das Bild dieser olympischen Spiele. Körper, die aussehen wie in Lycra hineingezüchtet, Fechter mit Daft-Punk-Helmen und Fahrräder, die vermutlich nicht mehr als 500 Gramm wiegen. Die Paralympics werden das Bild des futuristischen, technisch erweiterten Menschen noch viel deutlicher zeichnen. Eins ist klar: Wir sehen die Zukunft. So wie man sie sich um 1984 vorgestellt hat. Es kommentiert Max Headroom.


London zeigt sich in den Medien als unbeeindruckter Gastgeber. Keine Spur des monströsen Sicherheitsapparates. Kein einziger Soldat im Fernsehen. Ein paar Wimpel, simple Werbetechnik, die Ringe an der London Bridge. Echte Billiglösungen in Anbetracht der Gesamtkosten des Spektakels. Normalerweise ist Olympia wie ein Ufo, das sich an einem Ort festsaugt, tiefe Spuren gräbt und dann weiterfliegt. Gut, so manches neue Gebäude hat man sich auch hier gegönnt. Doch das meiste Geld wurde offenbar anderweitig investiert.

Es ist das dritte Mal, dass die Stadt die Spiele austrägt. Nach 1908 – als Treffen enthusiastischer Amateure – war Olympia 1948 ein klares Statement zur Nachkriegsweltordnung. Im selben Jahr vertauschte George Orwell die Ziffern und fand den Titel seines neuen Romans. London 2012 ist zweifellos Big Brother und alles, was das Publikum damit assoziieren mag. Gleichzeitig aber auch dessen bewusste Karikatur. Das leuchtende Pink des Logos lässt an Mädchen mit Sicherheitsnadeln in der Wange denken. 1984 war diese Mode schon im Kaufhaus angekommen, als Plastikschmuck aus China. London 2012 zitiert genau diese Ästhetik.