Während seiner kurzen Geschichte hat der Rollkoffer beachtliche Beulen im Ansehen erlitten. Erst stand er in seiner verwaisten Variante emblematisch für die Terrorangst an den Flughäfen dieser Welt. In Berlin kann ihn nun selbst die Anwesenheit seines Besitzers nicht mehr retten; sie macht es im Gegenteil schlimmer. "No more Rollkoffer" kann man dort an Hauswänden lesen, gefolgt von "Touristen anzünden" oder "Touristen fisten". Wer Fisten bei Wikipedia nachschlägt, liest von einer sexuellen Praktik, die nur bedingt nach Spaß klingt;  aber um den geht's ja auch nicht. Vielmehr sind solche Inschriften der kurioseste, zugleich drastische Auswuchs einer Debatte, die nirgendwo in der Republik so erhitzt geführt wird wie in ihrer Hauptstadt.

Sie firmiert unter dem Schlagwort Gentrifizierung, was grob gesagt den Aufwertungs- und Verdrängungsprozess in Stadtbezirken meint: Schöne alte Häuser werden saniert, ihre meist ärmeren Bewohner durch reichere Eigentumsinteressenten verdrängt. Eigentlich ist es eine komplexe, führenswerte Diskussion , in der sich Fragen nach sozialer Gerechtigkeit ebenso stellen wie die, ob Wohnraum wirklich einer freien Logik des Marktes unterworfen werden kann und darf. Allerdings lässt sich in Berlin seit Längerem eine merkwürdige Infantilisierung dieser Debatte beobachten.

Da geht es um ein Zuviel an Kinderwagen und Bioläden. Es geht um falsche Bars und Milchschaumdichte im Kaffee. Es geht um Hostels und Ferienwohnungen und Schwaben und Zugezogene. Und es geht um das Rollkofferrattern, das nicht mehr als kosmopolitisches Hintergrundgeräusch gedeutet wird, sondern als Fanal des Untergangs.

Diejenigen, derentwegen der ganze Radau veranstaltet wird, sind auch gefunden: Neben Touristen werden sogenannte Hipster zu Schuldigen für die unerwünschte Aufwertung erkoren, gefolgt vom Folklorefeindbild des Yuppies, die bevorzugt in den sogenannten Trendbezirken Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln allesamt zum Teufel gewünscht werden. Und gerne auch einmal körperlich angegangen . Die Definition dieser Gruppen ist ebenso nebulös wie die Akteure, die sie anklagen. Es ist eine amorphe Wutmasse, die gegen den Zuzug oder nur die Anwesenheit gewisser Anderer protestiert. Die sich auf eine Art Ältestenrecht beruft, dessen Legitimation bereits obskur ist.

Plötzlich ist es von Belang, wer zuerst wo gewohnt hat, ob man vier oder fünfzehn Jahre schon dort lebt, was beides im Vergleich zum Alter der Häuser, um die es in den betroffenen Vierteln meistens geht, lächerlich kurz ist. Plötzlich wird sehr laut eine verschwindende Form von Ursprünglichkeit gepriesen, zu der unbedingt die eichenbestuhlte Eckkneipe und der Tante-Emma-Laden gehören und in der Obdachlose und sonstige Anzeichen von Armut bisweilen dekorative, nostalgische Zwecke erfüllen. Plötzlich fordern Transparente auf, seinen " Kiez abzuwerten ", damit niemand Unerwünschtes mehr kommt. Plötzlich wird nicht nur über Erbrochenes im Hauseingang geklagt, sondern es ist wichtig, wem es gehört: Beim deutschen, autochthonen Säufer wird das unter schützenswertem Lokalkolorit verbucht, während der spanische Erasmusstudent doch bitte da kotzen möge, wo er herkommt. 

Diese nach außen gerichtete, provinzielle Aggression, das Abschotten, das Zumauern, das Wir-bleiben-lieber-unter-uns zählt zu den scheußlichsten Formen deutscher Frustrationsbewältigung. Sympathischer wird das auch nicht, nur weil es die unmanierlichen Mieterhöhungen und Verdrängungen tatsächlich gibt. Oder weil es die Stadt Berlin seit Jahren versäumt hat, für eine gerechte Wohnungsbaupolitik zu sorgen. Hinter dem vagen antikapitalistischen Anstrich, hinter der mitunter cool inszenierten Befreiungsromantik verbirgt sich das hässliche Wort, vor dem Reiseführer bisher nur in Berlins östlicher Peripherie warnen mussten: Es heißt Xenophobie.