Gentrifizierung : "Touristen anzünden"

Der neue Feind in einigen Stadtvierteln Berlins ist der Tourist. Die Debatte um Gentrifizierung nimmt kuriose, bisweilen gefährliche Züge an, kommentiert David Hugendick.

Während seiner kurzen Geschichte hat der Rollkoffer beachtliche Beulen im Ansehen erlitten. Erst stand er in seiner verwaisten Variante emblematisch für die Terrorangst an den Flughäfen dieser Welt. In Berlin kann ihn nun selbst die Anwesenheit seines Besitzers nicht mehr retten; sie macht es im Gegenteil schlimmer. "No more Rollkoffer" kann man dort an Hauswänden lesen, gefolgt von "Touristen anzünden" oder "Touristen fisten". Wer Fisten bei Wikipedia nachschlägt, liest von einer sexuellen Praktik, die nur bedingt nach Spaß klingt;  aber um den geht's ja auch nicht. Vielmehr sind solche Inschriften der kurioseste, zugleich drastische Auswuchs einer Debatte, die nirgendwo in der Republik so erhitzt geführt wird wie in ihrer Hauptstadt.

Sie firmiert unter dem Schlagwort Gentrifizierung, was grob gesagt den Aufwertungs- und Verdrängungsprozess in Stadtbezirken meint: Schöne alte Häuser werden saniert, ihre meist ärmeren Bewohner durch reichere Eigentumsinteressenten verdrängt. Eigentlich ist es eine komplexe, führenswerte Diskussion , in der sich Fragen nach sozialer Gerechtigkeit ebenso stellen wie die, ob Wohnraum wirklich einer freien Logik des Marktes unterworfen werden kann und darf. Allerdings lässt sich in Berlin seit Längerem eine merkwürdige Infantilisierung dieser Debatte beobachten.

Da geht es um ein Zuviel an Kinderwagen und Bioläden. Es geht um falsche Bars und Milchschaumdichte im Kaffee. Es geht um Hostels und Ferienwohnungen und Schwaben und Zugezogene. Und es geht um das Rollkofferrattern, das nicht mehr als kosmopolitisches Hintergrundgeräusch gedeutet wird, sondern als Fanal des Untergangs.

Diejenigen, derentwegen der ganze Radau veranstaltet wird, sind auch gefunden: Neben Touristen werden sogenannte Hipster zu Schuldigen für die unerwünschte Aufwertung erkoren, gefolgt vom Folklorefeindbild des Yuppies, die bevorzugt in den sogenannten Trendbezirken Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln allesamt zum Teufel gewünscht werden. Und gerne auch einmal körperlich angegangen . Die Definition dieser Gruppen ist ebenso nebulös wie die Akteure, die sie anklagen. Es ist eine amorphe Wutmasse, die gegen den Zuzug oder nur die Anwesenheit gewisser Anderer protestiert. Die sich auf eine Art Ältestenrecht beruft, dessen Legitimation bereits obskur ist.

Plötzlich ist es von Belang, wer zuerst wo gewohnt hat, ob man vier oder fünfzehn Jahre schon dort lebt, was beides im Vergleich zum Alter der Häuser, um die es in den betroffenen Vierteln meistens geht, lächerlich kurz ist. Plötzlich wird sehr laut eine verschwindende Form von Ursprünglichkeit gepriesen, zu der unbedingt die eichenbestuhlte Eckkneipe und der Tante-Emma-Laden gehören und in der Obdachlose und sonstige Anzeichen von Armut bisweilen dekorative, nostalgische Zwecke erfüllen. Plötzlich fordern Transparente auf, seinen " Kiez abzuwerten ", damit niemand Unerwünschtes mehr kommt. Plötzlich wird nicht nur über Erbrochenes im Hauseingang geklagt, sondern es ist wichtig, wem es gehört: Beim deutschen, autochthonen Säufer wird das unter schützenswertem Lokalkolorit verbucht, während der spanische Erasmusstudent doch bitte da kotzen möge, wo er herkommt. 

Diese nach außen gerichtete, provinzielle Aggression, das Abschotten, das Zumauern, das Wir-bleiben-lieber-unter-uns zählt zu den scheußlichsten Formen deutscher Frustrationsbewältigung. Sympathischer wird das auch nicht, nur weil es die unmanierlichen Mieterhöhungen und Verdrängungen tatsächlich gibt. Oder weil es die Stadt Berlin seit Jahren versäumt hat, für eine gerechte Wohnungsbaupolitik zu sorgen. Hinter dem vagen antikapitalistischen Anstrich, hinter der mitunter cool inszenierten Befreiungsromantik verbirgt sich das hässliche Wort, vor dem Reiseführer bisher nur in Berlins östlicher Peripherie warnen mussten: Es heißt Xenophobie.

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Kommentare

357 Kommentare Seite 1 von 33 Kommentieren

Ein weises Wort

Gentrifizierung ist ein komplexer Prozess.

Der Anfang von Gentrifizierung ist dabei nicht unbedingt negativ, sondern eher positiv: Ein Stadtteil mit miesem Image wird durch alternative Künstler, die sich dort niederlassen aufgewertet. Die Frage ist, wie man Gentrifzierung nutzen kann, um stadtviertel aufzuwerten, gleichzeitig dem Prozess aber stoppen kann bevor die Mieten so steigen, dass die alteingesessene Bevölkerung dort ebenso umziehen muss wie die Künstler, mit denen die Aufwertung begann (In Berlin-Mitte, einer der ersten Stadtteile, der der Gentrifizierung zum Opfer fiel, gibt es soweit ich weiß inzwischen keine einzige Galerie mehr, zu hoch sind die Mieten dort inzwischen.)

Über die Frage sollte man ernsthaft diskutieren. Das Ganze lösen zu wollen, in dem man gegen Touristen, Zugezogene und Schwaben meckert und sogar Gewalt andeutet, ist man peinlich, mal wirklich gefährlich. Kann dem artikel nur zustimmen, so ist die wichtige Debatte sicher nicht möglich.

Zeigt doch, dass es vielen, die gegen Gentrifizierung protestieren wohl eher darum geht, Frust abzulassen, das Andere, das (aus ihrer Sicht) Fremde, das Neue zu bekämpfen.

Es ist in der Tat sehr erstaunlich, wie konservativ einige autonome Linke sein können :-)

@ 1 positive Entwicklung

Eigentlich ist das eine positive Entwicklung: die Boheme entdeckt einen malerischen Stadtteil, der durch Verarmung und Vernachlässigung unattraktiv ist. Nun wird er attraktiv und die Wohlhabenden kommen und der Stadtteil blüht auf. Die Mieten steigen, die Boheme zieht weiter und der nächste Stadtteil blüht auf. Wenn das lange genug so weiter geht, ist die Stadt irgendwann rundum saniert. Ohne daß Wowereit auch nur einen Groschen raustun muß.

Gentrifizierung ist überhaupt nicht komplex.

Dass diese These immer wieder von der Redaktion empfohlen wird, ist wenig durchdacht. Gentrifizierung ist kein komplexer Prozess, sondern die natürlichste aller Millieuverschiebung im Markt des entfesselten Humankapitals.

Man sagt den Leuten: es ist gut, wenn ihr ein möglichst prekäres Leben führt, wenn ihr alle drei Jahre den Job, die Stadt, evtl. das Land wechselt, d.h. wenn ihr umzieht. Natürlich steigt dann die Fluktuation, natürlich greifen die Immobilienbesitzer dann den Wohlstand, der eigentlich durch das Karriereversprechen mit der Prekarität kommen sollte, ab. Der normaler Arbeitnehmer hat nichts mehr davon, allenfalls Umzugsstress und orientierungslosigkeit, während diejenigen, die dieses Karrierespiel verweigern, total abgehängt werden.

Die Diskussion lohnt sich mE nicht irgendwelche "komplexen Prozesse" an der Oberfläche wegretuschieren zu wollen, sondern tiefgreifende Veränderungen in den Lebensverhältnissen der Menschen durchzusetzen, ergo Planungssicherheit zurück geben und Volatilitäten begrenzen. Damit es auch in 50 Jahren noch junge Leute in Kreuzberg gibt, die sich staunend ihrer 80-Jährigen Nachbarin vorstellen, die in dem Haus schon seit 50 Jahren wohnt.

Und damit ist dieses Problem, lieber Herr Autor, gar wohl auch kein rein xenophobes, sondern eher ein nicht durchdacht gesellschaftstheoretisches Problem, das allein wahlweise als radikal oder extremistisch zu benennen sich gewisse Leute noch immer nicht zu fein sind.

Kreativer Umgang mit der Plünderung

Zeigt doch, dass es vielen, die gegen Gentrifizierung protestieren wohl eher darum geht, Frust abzulassen, das Andere, das (aus ihrer Sicht) Fremde, das Neue zu bekämpfen.

Ich möchte Ihnen zustimmen, dass Auswüchse wie Touristen anpöpeln ein ziemlich sicheres Anzeichen von Frust ist.

Trotzdem sollte man das Problem angehen. Ich meine da kommt ein skandinavischer Investor und will ein ganzes Haus in schönem Kiez kaufen. Weil er nicht weiss wohin mit seinem Geld. Die Bewohner sollen möglichst verschwinden, man will ja Luxus-Sanieren. Wieviele Neureiche gibt es eigentlich? Alle Neubauten die ich sehe sind Luxus. Uns scheint es ja wirklich gut zu gehen habe ich den Eindruck.

Was erwartet man von den Bewohnern? Dass sie Platz machen und ihre Wohnung räumen? Nein, wir sind hier in Berlin und nicht in München - Wo selbst Lehrer und Beamte samt Frau und Kind auf 50qm wohnen.

In Berlin stellt man stinkenden Müll vor die Tür wenn der Investor die Wohnungen besichtigen will. Oder man lässt rund um die Uhr Punk laufen obwohl man Jazz hört. Vielleicht kotzt man aber auch absichtlich in den Hausgang.

Das ist Berlin. Das ist kreativer Umgang mit plündernden Investoren die nicht wissen wohin mit ihrem leistungslos ergaunerten Geld. Und auch eine Wasserbombe auf die nächste Billig-Klassenausflug-Karawane mit Rollkoffern vor der Haustür ist da erlaubt.

Das erhält den Flair. Irgentwann ziehen die Geier sowieso weiter. Nur durchhalten...

Puhhhh

"leistungslos ergaunertes Geld" haben aber immer nur die anderen, oder?
Niemandem "gehört" eine Stadt, ein Stadtteil, ein Ort, was auch immer.
Ich wohne in einem "Markt" mit ca. 10.000 Einwohnern. Hier herrschte über viele Jahre eine Sippschaft mehrerer großer Bauersfamilien. Dann setzte der Zuzug ein wegen der Arbeitsplätze in der nahen Stadt, Wohnraum ist hier dagegen natürlich wesentlich günstiger als in der Stadt.
Ich bin heilfroh über diesen Zuzug, die "Eingesessenen", "Einheimischen" mussten sich zähneknirschend daran gewöhnen, dass es auch andere Menschen mit denselben Rechten gibt auf dieser Welt und der Ort ist tausendmal lebenswerter geworden durch den Zuzug. Wem gehört die Welt?

Kapital-Parker

Ich glaube Ihnen ist das Problem nicht richtig bewusst. In den letzten Jahren haben sich die Investitionsmöglichkeiten für Kapitalbesitzer enorm verkleinert. Es gibt kaum noch Anlagemöglichkeiten, die etwas abwerfen. Das führt schonmal dazu, dass Kapital in deutschen Staatsanleihen geparkt werden, die nach 10 jahren mit Verlusten von 1-3% durch Inflation wieder abgeholt werden können.

Nur Immobilien bieten noch Rendite. Vorallem in Boomstädten wie Berlin.

Dieser Umstand führt dazu, dass Investoren ganze Häuserzüge kaufen. Nur haben die in der Regel kein Interesse an normalen Mietern. Die wollen diese Mieter möglichst schnell losweren, das Gebäude luxussanieren (steueroptimierend natürlich) und dann die Wohnungen mit 50-100% Aufschlag vermieten.

Dies nützt niemandem. Und ja, diese Kapitaleigner haben ihr Geld in der Regel durch Zinsen verdient. Das nenne ich leistungslos.

Diese Typen kaufen übrigens auch das Land rund um ihr Dorf. Die Landpreise kann sich deswegen ein normaler Bauer garnicht mehr leisten.

Nein, auf diese "Kapital-Parker" kann sowohl Berlin, als auch ihr Dorf sehr gut verzichten.

Wie war das noch mit dem Kreuzberger Flair?

Und auch eine Wasserbombe auf die nächste Billig-Klassenausflug-Karawane mit Rollkoffern vor der Haustür ist da erlaubt.

Das ist in Kreuzberg doch eigentlich Folklore.

In den 80ern hat man mitunter aus Protestgründen gerne mal das Mobiliar aus dem Fenster geworfen und damit Scharen an Polizisten auf der Straße in Schach gehalten - zumindest solange, bis einem das Mobiliar ausging. ;)

Dagegen ist ein Wasserbömbchen eher niedlich...

Warum Rücksicht nehmen wenn Ihnen andere Menschen am A...

[...] Warum sollte irgendwer Ihnen auch nur ein Stückweit entgegenkommen? Sie liefern Investoren nur Gründe und eine Rechtfertigung sie loszuwerden.. und man kann es denen noch nciht einmal übel nehmen.
Um das Problem anzugehen bedarf es mehr als egoistisches, selbstgerechtes und menschenverachtendes Verhalten!

Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke. Die Redaktion/sh

@ 112 H. Chavez

Haben sich die Kapialparker die Grundstücke per Landnahme angeeignet wie in manch andern Ländern oder wurden die verkauft. Und wenn ja von wem?.

Die Armen, die da immer zitiert werden, gibt es im Bereich der Kapitalparker definitv nicht. Denn der wirklich Arme wird froh sein, durch Geldveremhrung seinem Milieu enttfliehen zu können. Und das schlimme ist, dass da gar nichts oder sehr wenig gemacht wird und von den ach so Progressiven auch nichts bis wenig zu erwarten ist.

Rücksicht nehmen

Zuerst einmal habe ich nicht von mir gesprochen. Ich bevorzuge es etwas ruhiger und wohne in einer sehr familienfreundlichen Gegend in Berlin. Ich kenne nur die Geschichten von Freunden und Bekannten.

Sie reden von Rücksicht nehmen? Warum sollten diese Mieter denn Rücksicht nehmen auf einen Investor aus Skandinavien? Nimmt der Rücksicht auf die Mieter? Nimmt die Politik Rücksicht auf die Mieter?

Nein. Also muss man mit solchen kreativen Formen des Protestes rechnen. Man stelle sich mal vor die Leute würden alles so hinnehmen und so denken wie Sie. Dann wäre Berlin eine ganz andere Stadt.

Wenn der Politik nichts einfällt zu diesen Problem, nehmen die Leute ihr Schicksal eben selber in die Hand.

Es geht nicht immer nur um Rendite,

es geht auch darum, dass die Welt sich verändert, nicht immer nur zum Positiven, aber die Veränderung ist nicht per se böse.
Ohne die bösen Arbeitnehmer, die in unserem Ort den Bauern teuren Grund abgekauft haben, um dort ihr Haus zu bauen, wäre dieser Ort bei weitem nicht das, was er ist.
Die alten Bauersfamilien haben zum einen (ein Teil davon) ihren Reibach gemacht mit den Grundstücksverkäufen, zum anderen haben sie aufgehört, sich wie die adligen Grundbesitzer aufzuführen und alles und jedes zu verdammen, was dem status quo der letzten 500 Jahre nicht entspricht.
Die Welt hat sich weitergedreht, und in diesem Fall war das mehr als gut so.
Veränderungen müssen sozialverträglich gestaltet werden, das ist wahr. Aber mit Gewalt jeder Veränderung Einhalt gebieten zu wollen kann doch auch nicht richtig sein. Ist der Zugezogene oder der Tourist Abschaum, weil er seine Lebenschance sucht und ergreift? Sollte jeder hübsch daheim bleiben, um nicht Finanzinvestoren in die Hände zu spielen? Da gehören andere Lösungen her als Anfeindungen von Menschen, die nicht schlechter sind als der Rest der Welt.

Diesen Kommentar würde ich gerne mal in Neukölln...

...auf eine Hauswand schmieren, denn er zeigt das wahre Problem und, wenn man unbedingt welche braucht, auch die Hauptschuldigen.

Ich möchte an dieser Stelle noch etwas zum Thema Luxussanierung sagen. Der Hass auf die Yuppies und Hippster erklärt sich ja dadurch, dass man annimmt, das luxussanierte Wohnung den Bedarf dieser Feindbilder befriedigen soll. Das ist falsch. Unsanierte Wohnung sind kaum noch zu bekommen. Wenn so etwas angeboten wird kann man damit rechnen, dass die Liste der Wohnungsinteressenten über mehrere Seiten geht.
Diese Wohnungssanierungen tragen nicht dazu bei, einen Bedarf zu decken - viel mehr wird ein Bedarf erzeugt und erzwungen. Entweder du gehst in so eine Wohnung oder du gehst nach Marzahn oder Hohen Schönhausen. Dann musst du aber morgens eine Stunde früher aufstehen und hast Abends eine Stunde weniger Freizeit. Also, zahlt man eben etwas mehr für die Wohnung.

Hier gäbe es wirklich die Möglichkeit für die Politik, auf relativ einfachem Weg sich gegen Fremdenfeindlichkeit zu engagieren - den diesen Kampf wollen die meisten nicht. Und das dumme Aktivisten nicht merken, wer ihnen die Miete erhöht, können wir nicht ändern. Bürgermeister Fanz Schulz hat schon öfters versucht, Friedrichshain und Kreuzberg als Sanierungsgebiet anzumelden um damit eine Mietobergrenze zu erreichen - bisher meines Wissens ohne Erfolg.

Sie vergleichen hier ein bisschen Äpfel mit Birnen. In ihrem speziellen fall haben zugezogene Investitionen von Privatleuten zu Belebung geführt. In Berlin führen diese Investitionen aber zu Vertreibung und Absterben von Kultur.

Das ist ein großer Unterschied. Sie können die Situation in Ihrem Dorf (die ich bestimmt genau so sehen würe) garnicht vergleichen mit den Vorgängen in Berlin.

Aber mit Gewalt jeder Veränderung Einhalt gebieten zu wollen kann doch auch nicht richtig sein.

In bestimmten Fällen muss man sich wehren. Und ich rede jetzt nicht von irgentwelchen dämlichen Vorurteilen gegen Schwaben, sondern um die Existenzberechtigung und Erhaltung von gesunden Wohngebieten.

Respekt

Ich würde mich auch ärgern, oder besser ich ärgere mcih auch. Ich wohne in München und hohe Mietpreise sind für mich nichts Neues - ein Leben im Szeneviertel ist für mich praktisch ausgeschlossen und stand wegen den Preisen nie zur Debatte. Sie können mir glauben, ich würde daran gerne etwas ändern!

Aber auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass man das Eigentum anderer Menschen achten sollte - nicht nur das von ärmeren Menschen. Und es ja nciht immer der große Investor, sondern auch immer mehr der "kleine Anleger", der hoffnungsvoll sein Geld investiert. Diese Menschen tun im Grunde etwas Gutes, denn Sie investieren ihr Geld in Berlin - schaffen damit Arbeitsplätze und machen Berlin damit durchaus attraktiver für unterschiedlichste Menschen.

Den Haß auf Touristen kann ich noch am allerwenigsten vestehen. Die sind ein paar Tage da, lassen ordentlich Kohle in der Stadt und tragen zum internationalen Flair in der Stadt bei.

Ich verstehe beide Seiten aber selbstgerechter Pauschalhaß stößt mir einfach sauer auf. (das war nicht auf Sie bezogen)

Gute und böse Investoren

Und es ja nciht immer der große Investor, sondern auch immer mehr der "kleine Anleger", der hoffnungsvoll sein Geld investiert. Diese Menschen tun im Grunde etwas Gutes, denn Sie investieren ihr Geld in Berlin - schaffen damit Arbeitsplätze und machen Berlin damit durchaus attraktiver für unterschiedlichste Menschen.

Ja sicher gibt es auch "gute" Investoren. Von denen habe ich aber nicht gesprochen. Aber das witzige ist, dass die "bösen" Investoren sogar noch die "Guten" vertreiben.

Ich selber würde gerne eine Wohnung kaufen. Das Geld dafür habe ich seit ca. 2 jahren. Pustekuchen. Innerhalb des Rings sind die Preise explodiert. In meiner Preislage ist eigentlich nichtsmehr zu finden. Das war vor ca. 5 jahren noch ganz anders.

Die Großinvestoren und die Bankenkrise haben die Preise so dermaßen nach oben getrieben, dass ich jetzt auf eine Blase hoffe in der ich dann zuschlagen werde. Ansonsten muss ich weit raus ziehen...

ich wünsche mir MEHR Grentifizierung

Ich musste vor kurzem aus beruflichen Gründen umziehen und hatte mich leider für einen Stadtteil entschieden, in dem die Gentrifizierung noch nicht ganz angekommen ist....

Mir persönlich sind jedoch nette Bio-Muttis, spanische Touristen, schwäbische Studenten, us-amerikanische Hipsters oder Latte Macchiato Trinker auf jeden Fall sympathischer als Punks, die um 3 Uhr nachts auf der Straße rumbrüllen, 20 Mal den gleichen Schriftzug an die Hauswand schmieren und sich schon deshalb als unkonventionelle Rebellen fühlen... Oder als halb-verrückte Drogensüchtige, die an der Supermarkt Kasse grundlos in Schimpftiraden ausbrechen oder die U-Bahn Haltestelle als Toilette missbrauchen. (Ich möchte nicht über alle Punks, Alkoholiker oder Drogensüchtige verallgemeinern.. doch einige verhalten sich extrem rücksichtslos.)

Es gibt kein gottgegebenes Anrecht auf zentrumsnahes Wohnen in Altbauten. In den Plattenbauvierteln in den Außenbeirken von Berlin sind genug günstige Wohnungen frei und dort muss man sich nicht von Touristen und Zugezogenen "gestört" fühlen.

Außerdem ist gerade für Berlin der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor durch den die Stadt Einnahmen hat, aus denen dann wider Leistungen für sozial schwache Bürger gezahlt werden können.

Wer gerne gegen die intolerante, spießige Gesellschaft demonstriert sollte erstmal anfangen in der eigenen Nachbarschaft tolerant zu sein !

Berlin ist aber eine Stadt der Gegensätze...

... auf kleinster Fläche. Und nicht selten sieht es schon ganz anders aus, wenn man sein Wohnquartier 3 Querstraßen weiter verlegt.

Die Hasenheide ist so ein typisches Berliner Beispiel für Gegensätze. Nahe der BfA kann es manchmal ganz schön grauslig sein (vor allem Nachts). Ich hab mir da mal ein paar Buden angeschaut, nennen wir sie lieber Löcher. Anscheinend hat heutzutage auch jeder Dealer 'ne Verkaufsschulung genossen, denn sobald man einen Fuß in den Park setzt, wird man mitunter befremdlich offensiv umworben. ;)

Ein kleines Stück weiter liegt der Südstern, wo regelmäßig die Polizei Streife um die päpstliche Nuntiatur herum fährt und der noblere Bergkammkiez beginnt (einer meiner Lieblingskieze in Berlin).

Noch ein Stückchen weiter hoch in der Gneisenaustr. ist wiederum ein Drogenumschlagplatz. Hab mal zwei Jahre direkt obendrüber gewohnt, das war ein ganz schön emsiges Treiben. Dafür gabs Karneval der Kulturen live.

In der entgegengesetzten Richtung runter nach Neukölln sind Teile der Karl-Marx-Str. (Reuterkiez) auch wieder recht ranzig mit einer teils etwas zwielichtigen Anwohnerschaft.

Als ich dann ein paar Querstraßen runter in den Donaukiez nähe Rathaus zog, war da plötzlich ein gemütliches, verschlafenes Nestchen mit schnuffigen Kneipen wie das Tüddeltönnchen.

Das alles spielt sich auf einer Geraden vom Mehringdamm über Hermannplatz bis Karl-Marx-Str./Rathaus ab.

Das ist Berlin. Ich persönlich liebe es genau wegen dieser Gegensätze.

Hasenheide ohne Dealer ist nicht Hasenheide....

"Ich hab mir da mal ein paar Buden angeschaut, nennen wir sie lieber Löcher. Anscheinend hat heutzutage auch jeder Dealer 'ne Verkaufsschulung genossen, denn sobald man einen Fuß in den Park setzt, wird man mitunter befremdlich offensiv umworben. ;)"

Ich hatte mal Besuch aus Russland - die waren in der Hasenheide spazieren. Als sie wieder zurück kamen waren sie total happy und meinten: "Die Schwarzen in Berlin sind ja so freundlich. Wir waren im Park und die haben uns alle mit 'Hallo, alles klar' begrüßt..."

Sorry, ich weiß, das hat mit dem Thema nichts zutun - aber die Story musste ich einfach erzählen...

Das glaube ich gern!

Coole Story!

Aber das ist eben Berlin. Man mag es aus anderen Teilen Deutschlands oder der Welt kommend schwer fassen können, aber Berlin ist bislang mit seinen "dunkleren Seiten" prima klargekommen - weil die Berliner ihre Freiheit lieben und drum auch zwielichtigen Nachbarn ihre Nischen zugestehen.

Auch wenn es in der Debatte momentan in Vergessenheit gerät: Die Berliner sind insgesamt ein sehr tolerantes aber eben auch rebellisches Völkchen. Die Ironie ist leider, daß einige diese Toleranz nun im Kampf gegen die Gentrifizierung einbüßen.

warum sollte ich ??

Erstens finde ich persönlich meine Miete überhaupt nicht überteuert. Außerdem liegt die Wohnung in der Nähe von meinem Arbeitsplatz. Ich wollte in meinem Kommentar darauf hinweisen, dass es auch Leute gibt, die eine Gentrifizierung begrüßen.

Nur weil intolerante Grantler "ihren" Kiez abschotten wollen oder Angst haben, dass das Sozialamt irgendwann sagt, dass die Miete zu teuer ist und nicht mehr übernommen wird, heißt es bei Weitem nicht, dass alle Bewohner der betroffenen Stadtteile so denken !

Diejenigen die am Lautesten schreien und xenophobe Parolen gegen Touristen oder Schwaben an die Wände schmieren sind bestimmt auch in Kreuzberg nicht die Mehrhei !! (Obwohl sie das gerne glauben.) Einige Leute brauchen vielleicht zwanghaft ein Feindbild gegen dass man stänkern und demonstrieren kann. Und da Schwaben oder Rollkoffertouristen keine besondere Lobby zu haben scheinen, werden eben die ausgesucht...

Mich stören Punks, Alkis oder Drogensüchtige nicht, wenn sie sich wie jeder andere Bürger respektvoll und höflich verhalten.

Ich denke, ich bin nicht verpflichtet Rumgegröhle oder Vandalismus für toll zu halten, auch wenn ich deswegen in ihren Augen spießig bin. Ich finde die Parolen gegen Touristen oder Hipster einfach nur infantil und lächerlich. In Paris oder Venedig gibt es viel mehr Touristen auf kleinerem Raum als in Berlin und trotzdem sind die Leute dort allgemein sehr höflich und hilfsbereit.

Gentrifizierung

Es geht auch nicht darum, zu "stoppen und konservieren" sondern es geht darum, wie die Entwicklung stattfindet. Gentrifizierung bezeichnet einen Prozess, in dem statusniedrigere Bevölkerung durch statushöhere Bevölkerung ausgetauscht wird, verbunden mit Aufwertung der Immobilien.

Da müssen Lösungen gefunden werden für Probleme wie, wohin soll die statusniedrigere Bevölkerung gehen - und vor allem, ist es in Ordnung, dass kulturell-kreative Aktivitätsmöglichkeiten dadurch vernichtet werden?

Und zunehmends werden solche Wohnungen nicht durch höhrerwertige Wohnungen ersetzt, sondern sie werden zu Gewerberäumen umfunktioniert (welche dann teilweise leer stehen).

Sind Immobilien inzwischen nur zu Investitionsobjekten geworden und nicht zu Räumlichkeiten, welche man mit Liebe pflegt um sich darin wohl zu fühlen?

Der Streitpunkt bei der Gentrifizierung

ist die durch die Marktgesetze bzw. durch den deregulierten Wohnungsmarkt beschleunigte Segregation entlang des sozioökonomischen Status der Wohnraumbewerber.

Was Sie als Bewohner eines somit sozial homogenisierten Viertels als angenehm beschreiben, hat Folgen.

Gerade Paris ist in den Innenstadtlagen durch und durch gentrifiziert, d.h. alle die die nicht mithalten konnten wurden ausgelagert. Wohin? In die Vorstädte, die banlieues.
Diese frankreichweite das-Quartier-als-Markt-Politik hat zu mind. 15 Sicherheitszonen - sprich abgehängte Vorstadtquartiere mit hoher Kriminalitätsrate - geführt, dafür sind die Stadtlagen nun optisch gepflegter und vom Anblick massenhaften Elends gesäubert, so wie der Spießer sich das gewünscht hat...

es muss nicht immer so sein

Ein Student aus Schwaben, ein Bio-Mutti, die ein Praktikum beim Theater macht oder ein italienischer Rucksacktourist hat auch nicht unbedingt viel mehr Geld als ein alteingesessener Kiez Bewohner.

Warum soll das Thema nur auf die ökonomische Sicht reduziert werden ? In vielen Städten in Deutschland findet seit Jahren kein sozialer Wohnungsbau mehr Stadt, was zu einem Mangel an bezahlbaren Wohnungen führt. Doch daran hat bestimmt kein Tourist Schuld.

Entwicklung

Eben. Es muss nicht so sein. Deshalb habe ich geschrieben, dass es um das "wie" geht.

Man kann auch Stadtteile sozial verträglich und Kultur erhaltend sanieren. Das muss man aber wollen.

Spekulanten sind dran nicht interessiert. Wer ein Hotel errichtet, lebt meist nicht mal in der Stadt, er interessiert sich nur für seine Gewinne.

Was funktioniert sind eher engagierte Bürgerinitiativen und eine Politik, die einsieht, dass Kiez die Attraktivität einer Stadt und Wohnqualität erhöht (mit Kiez ist hier nicht Randale und Gewalt gemeint, sondern eher Alternativ-Szenen wie Eck-Kneipen, Tante-Emma-Läden, Hinterhof-Ateliers, Kleinverlage).

Manchmal gibt es auch Investoren, welche die Stadt lieben und auf Nachhaltigkeit achten. Das sind Glücksfälle.

Stadt

Lustigerweise ging das Schwabenbashing von Anfang an von den Schwaben aus, die den einst grauen Hipster Kontinent Penzlauer Berg + Mitte erstbesiedelten, und sukzessive die Ureinwohner verschwanden (Wir). Zu der Zeit freuten wir uns sogar sehr über die recht merkwürdigen Fremden mit der unglaublich unklingenden Sprache, weil sie das Geld mitbrachten, um den Zerfall der einst schönen Viertel zu stoppen. Und wer sich einmal vergegengewärtigen will, wie der Prenzlauer Berg ausgesehen hätte, wäre dem Wohnungsbauprogramm 90 der DDR nicht rechtzeitig das Geld ausgegangen, der kann gerne sich auf Google Earth die Ecke Greifswalder/DanzigerStraße Richtung Weißensee anschauen. Insofern alles prima. Nur das die Viertel nicht nur saniert, sondern auch durch immer schneller wachsende Mietsteigerungen desinfiziert wurden, ist ein Prozess, der in den letzten 5 Jahre so dramatisch an Fahrt genommen, daß es offenbar extremeren Methoden braucht,um darauf aufmerksam zu machen. Und traurigerweise geschah dies alles unter den Augen einer ROT*ROTEN Regierung!!! Nun ja, es ist natürlich idiotisch zu glauben, nur weil man eine Straße 20 jahre auf und ab geht, gehöre sie einen oder wäre unverwechselbarer Teil von ihr. Auf diese Art wären wohl nie Städte entstanden. Aber das aus Prenzlauer Berg und Mitte solch uniforme Hippster Ghettos wurden, ist eben Stadt, die alles frißt und manchmal auch Übelstes verdauen muß.

Grundsatzfrage zum Spießertum

Ist man ein Spießer wenn man pöbelnde Punks oder im Delirium aggressive Drogensüchtige nicht cool und nicht "total spannend" findet ? Vielleicht muss man selber erst mal durch Zufall eine Zeit lang in einer solchen Wohngegend gelebt haben, um dies einschätzen zu können.

Ich finde es zu einfach die Alteingesessenen pauschal als arme Opfer der sozialen Kälte und die Neuzuzügler pauschal als verwöhnte Yuppies darzustellen. Studenten, Musiker, Angestellte im "kreativen Bereich", Migranten und junge Familien haben auch nicht unbedingt mehr Geld. Trotzdem legen sie oft mehr Wert auf Rücksichtnahme und freundliche Nachbarschaft als einige Alteingesessene. Einige Stadtteile können durch Zuzügler in Punkten wie Höflichkeit und Lebensqualität nur aufgewertet werden und die Berliner sollten froh sein, dass ihre Stadt so viele Neubürger aus dem In- und Ausland anzieht.

Unterstellungen ohne Grundlage

Touristen, Kitas und Kneipen machen einen Stadtteil lebenswert !! Gerade gegen diese Gentrifizierung wird ja von einigen demonstriert: Touristen besuchen Kneipen, junge Familien brauchen für ihre Kinder Kitas und die Mütter können sich einen Latte Macchiato für 7 EUR leisten. Das nervt vermutlich einige Leute, die vielleicht nur auf andere neidisch sind, die Dinge erreicht haben, die sie selber nicht schaffen.

Pöbelnde Punks und Erbrochenes im Hauseingang steigern meiner Ansicht nach nicht die Lebensqualität.

Hören Sie auf mir, nur weil ich ihre Meinung nicht teile, zu unterstellen ich würde mich über Touristen und Kitas ärgern... Ich hatte ausdrücklich gesagt, dass ich diese Art der Gentrifizierung begrüße.

Akzeptieren Sie einfach, dass auch Linksradikale engstirnig sein können und dass das Beschimpfen von Touristen und Menschen, die anders leben und denken als man selbst, genau gegen die Toleranz verstößt, die Punks gerne für sich einfordern !!

Ich vermute der Artikel und mein Beitrag hat bei Ihnen einen wirklich wunden Punkt getroffen. ;) Aber gerade wegen der Offenheit im Denken in alle Richtungen und wegen der kontroversen Diskussionen schätze ich die "Zeit" und die "Zeit Foren".

hab geschaut

Was qualifiziert Sie dazu festzulegen welche Meinung das "eigentliche" Problem ist ? Wie ich schon gesagt habe nerven mich Punks oder Drogensüchtige nur, wenn Sie grundlos im Delirium Passanten anpöbeln.

Ich würde aber niemals auf die Idee kommen Graffitis mit hetzerischen Aufrufen gegen Punks an Wände zu schmieren oder jemand nur wegen seinem Aussehen als Punk dumme Sprüche hinterherzugröhlen, wie einige es mit den "Yuppies" oder "Touries" im Kiez machen. Ohne Zuzügler wird eine Stadt ein graues versifftes Loch.

Und wenn dann irgendwann die Transferzahlungen aus Bayern oder BaWü und das Geld der Touris und Yuppies ausbleibt kommt der völlige Absturz. Womit soll das Bier in der Trinkhalle bezahlt werden, wenn die Stadt kein Geld mehr einnimmt, um die Sozialleistungen zu finanzieren ? Die Kosten für die Unterkunft beim ALG II muss zum Beispiel die Kommune zahlen.

Mietsteigerungen

... sind aber nun einmal Folge von Sanierungen, zumindest, wenn man das sanierte Haus nicht selbst bewohnt. Warum sollte irgendjemand ein von ihm unbewohntes Haus sanieren, wenn er nicht zumindest die Sanierungskosten wieder hereinholen kann? Und warum sollte Berlin dauerhaft durch fremdes Geld versorgt werden, wenn diejenigen, die das Geld zur Verfuegung stellen, da nicht willkommen sind? Ja, ich finde es auch traurig, wenn die Kinder der Einwohner sich das Leben im Viertel in dem sie aufwuchsen nicht mehr oder nicht sofort wieder leisten koennen (fuer die "alten" Eltern greift ja das Mietrecht, deren langjaehrig niedrige Mieten sind geschuetzt), aber mal ehrlich: wer kann denn heute noch wohnen bleiben, wo er oder sie aufwuchs? Schlimm, wenn man 2 Bezirke weiterziehen muss. Als die Besserverdiener noch nicht nach Neukoelln gezogen sind, hat man ihnen Ghettoisierung der dortigen Einwohner vorgeworfen. So ist es eben, Staedte sind lebendig, Viertel aendern ihre Sozialstruktur und ihr Image, wenn die jetzigen Bewohner von Prenzlauer Berg alt sind und keiner mehr ins "Rentnerdorf" ziehen will, werden die Mieten wieder billig und damit interessant fuer Studenten und Niedrigloehner.

im Artikel geht es aber um die gewalttätigen "Protest"aktionen

Clair11, die Städte anfangen wieder in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Private Investoren bauen leider fast nur Immobilien im Hochpreissegment. Sozialverbände warnen schon seit langem vor einer Knappheit von bezahlbaren Wohnungen.

Der Artikel spricht jedoch nicht über dieses Problem. Er berichtet, dass sich der "Protest" pauschal gegen Neuzuzüge aus dem Aus- und Inland, schwäbische Mütter mit Kinderwagen oder spanische Rucksacktouristen wendet. In Berlin wurden z.B. Leute mit Tränengas angegriffen, weil sie ein "Protestler" für Studenten gehalten hat.

Es geht nicht nur um einen Konflikt zwischen "arm" und "reich", sondern auch darum dass einige Punks und Linksradikale in ihrem Kiez gerne unter sich sein wollen und sich von jedem gestört fühlen, der anders lebt oder anders aussieht als es ihren Anforderungen entspricht.

Protest gegen die Verknappung von bezahlbaren Wohnungen ist völlig legitim. Anpöbeln von Touristen und arrogantes Herabsehen auf Schwaben oder Studenten nicht. Die Idioten, die Touristen anpöbeln sollten sich überlegen, wie sie sich fühlen würden, wenn sie in Paris oder Rom ähnliches erleben würden.

Zwei unterschiedliche Schuhe

Diese gewalttätige "Protestler" wollen ja eigentlich auch gar keine Verbesserung herbeiführen, sondern sie wollen nur ihre Aggression loswerden. Das sind eben radikale Gewaltätige. Sie helfen den Betroffenen (brotlose Akademiker, Künstler, Alleinerziehende usw.) damit auch nicht.

Nur weil ich diese Leute nicht gut finde, heißt nicht, dass ich Gentrifizierung gut finden muss.

Sondern ich kann gegen diese gewalttätigte Radikale sein und gleichzeitig gegen die Spekulanten.

So einfach ist das nicht...

Studenten werden Lehrer, Aerzte,Rechtsanwaelte. Und wenn sie dann die alte WG Wohnung alleine uebernehmen, renovieren und darin eine Familie gruenden, werden sie schnell von Gentrifizierungsopfern zu Gentrifizierern. Auch "Kreative", deren kleine Frima gut laeuft - sollten die etwas ihr Viertel fluchtartig verlassen und nach Koepenick ziehen, nur weil sie auf einmal etwas mehr Geld haben? Es gibt doch auch Baugenossenschaften und damit die Moeglichkeit, auch als alteingesessener Buerger mit geringem Einkommen an eine gute Mietwohnung zu kommen. Die Stadt ist allerdings verpflichtet, fuer genuegend Sozialwohnungen zu sorgen - und im Zweifel bei steigenden Mieten eben auch mitzuziehen (sie hat ja dann auch mehr Steuereinnahmen). Alternativ soll sie eben selbst Haeuser kaufen oder bauen.

Unnatürliche Prozesse

Natürlich ist es nicht so einfach. Aber - und das ist wichtig - Gentrifizierung heißt nicht (nur), dass Hartz-IV-Empfänger aus Sozialwohnungen oder aus unsanierten stinkenden Wohnhäusern vertrieben werden. Sondern es geht auch darum, dass Alternativ-Intellektuelle aus normalen Wohnungen vertrieben werden und dass dadurch Flair und Stadtteilkultur verloren gehen.

Gentrifizierung gibt es nicht nur in Berlin.

Und problematisch sind in erster Linie nicht die Akademiker und Kreative, die etwas mehr verdienen als früher und trotzdem da bleiben, weil sie sich mit dem Stadtteil verbunden fühlen. Sondern problematisch ist, dass ganze Häuser abgerissen werden, um Platz für Bürokomplexe, Hotels oder Kaufhäuser zu schaffen. Oder wo aus einem Haus mit Wohnungen für 600 Euro Miete plötzlich ein Haus mit Wohnungen für 3000 Euro Miete gemacht wird, für Leute, die ganz andere Bedürfnisse haben als vorher.

Jeder wohnt irgendwo...

... aber mit dem Einkommen steigen oft auch die Quadratmeter, die man sich fuer sich allein goennt. Klar, dass ein Vermieter eine 3-Zimmer-Wohnung lieber an einen Single als an eine vierkoepfige Familie vermietet. Daher kann man sich schon ueberlegen, ob man alleine oder zu zweit eine familiengeeignete Wohnung belegen sollte, oder ob es auch eine Nummer kleiner geht, wenn man sich dem Viertel verbunden fuehlt.

ja stimmt schon

... wenn sie als Gutverdiener in eine billige Wohnung ziehen "schnappen Sie den Beduerftigeren die guenstige Wohnung weg", nehmen Sie die teurere "treiben Sie die Mieten nach oben", bleibeb Sie, sind Sie "Gentrifizierer", gehen Sie, sind Sie verantwortlich fuer Ghettoisierung. Ich habe eher von der Groesse der Wohnung gesprochen - wenn Sie als Single eine 100qm-Wohnung belegen in einer Gegend, in der Familien verzweifelt nach bezahlbarem Wohnraum, gerade in dieser Groesse, suchen, ist das ethisch problematischer, als wenn Sie alleine ein ganzes Haus in einer Gegend mit grossem Leerstand bewohnen. Letztlich aber sind die Bewohner selbst dafuer verantwortlich, wen sie in den Stadtrat waehlen. Dann sollen sie eben mehrheitlich eine Partei waehlen, die sich staerker im sozialen Wohnungsbau engagiert, zinsfreie Mietkautionsdarlehen fuer alle mit einem Einkommen unter 24.000 im Jahr bereitstellt und keine Genehmigungen fuer Hotelneubauten mehr erteilt.

Diffuser Gruppenegoismus.

Was hat das mit Faschismus zu tun? Das sind die Auswirkungen einer Politik, die dieses alles bisher geduldet und hingenommen - teilweise sogar fossiert hat. Siehe Flughähenausbau, Bahnhof Stuttgart usw.

Toleranz ist eben keine Einbahnstraße, was vielen scheinbar nicht klar ist. Dieser langsam in allen Bereichen ausufernde Gruppenegoismus wird uns noch eine Menge Probleme bringen, das wird oft nicht ohne Tränen abgehen.

einige kleine denkfehler ...

- touristen sind wohl mitnichten für erhöhte mietpreise auf dem wohnungsmarkt verantwortlich (die in berlin immer noch durchaus moderat im vgl. zu anderen deutschen/europäischen städten sind)
- die "rollkofferaffen" (wie sie sie nennen) verändern einen stadtteil nicht, sondern honorieren eine veränderung nur mit interesse oder desinteresse
- stadtteile werden auch von bewohnern verändert (wobei veränderung immer noch ein ganz natürlicher prozess ist und sowohl positiv als auch negativ ausfallen kann, wobei das auch wieder eine frage der sichtweise ist)

PS: auch heute noch hat der prenzlauer berg durchaus potenzial (ebendieses aus büchern zu lesen ist lustig), man muss nur wissen wo!

Touristen und Mietpreissteigerungen

"touristen sind wohl mitnichten für erhöhte mietpreise auf dem wohnungsmarkt verantwortlich"

Doch, natürlich trägt der Tourismus auch zu den steigenden Mietpreisen bei. Wenn Wohnungen im Kiez nicht mehr an normale Mieter vermietet, sondern in Ferienwohnungen umgewandelt werden, weil das mehr Geld bringt, sind diese Wohnungen dem Mietwohnungsmarkt entzogen und das Angebot verkleinert sich. Bei gleicher Nachfrage > steigende Preise.

Der Artikel trifft es leider

Ein Lehrstück, wie konservativ oder gar reaktionär sogenannte Linke sein können.

Einzige Chance, diesem Irrsinn der falsch verstandenen Kiezromantik in den "In-Bezirke" Berlins zu entkommen, sind nach meinem Empfinden die Außenbezirke. Im Übrigen hindert auch niemand Leute daran, dort hinzuziehen, wenn sie sich von Touristen oder einer Veränderung der Innenstadt gestört fühlen.

Hilfe es brennt, her mit dem Benzin!

Als her mit den Sündenböcken - für Sie offensichtlich "Linke", was immer Sie darunter verstehen.
Aus eigener Beobachtung - hier in Prenzlauer Berg - kann ich nur bestätigen, was der Autor des Artikels schreibt. Es handelt sich um eine amorphe Wutmasse, die sich nur bedingt irgendwelchen Definitionen zuordnen lässt.
Darunter sind sowohl sogenannte Linke und Rechte, als auch frustrierte Kleinbürger, die vor allem eins gemeinsam haben, nämlich die Schuld für ihren Lebensfrust bei anderen nebulös definierten Gruppen zu sehen.
Die wirklich wichtige Diskussion über Gentrifizierung steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Diese Leute könnten sie eh nicht führen.