Gentrifizierung"Touristen anzünden"

Der neue Feind in einigen Stadtvierteln Berlins ist der Tourist. Die Debatte um Gentrifizierung nimmt kuriose, bisweilen gefährliche Züge an, kommentiert David Hugendick.

Während seiner kurzen Geschichte hat der Rollkoffer beachtliche Beulen im Ansehen erlitten. Erst stand er in seiner verwaisten Variante emblematisch für die Terrorangst an den Flughäfen dieser Welt. In Berlin kann ihn nun selbst die Anwesenheit seines Besitzers nicht mehr retten; sie macht es im Gegenteil schlimmer. "No more Rollkoffer" kann man dort an Hauswänden lesen, gefolgt von "Touristen anzünden" oder "Touristen fisten". Wer Fisten bei Wikipedia nachschlägt, liest von einer sexuellen Praktik, die nur bedingt nach Spaß klingt;  aber um den geht's ja auch nicht. Vielmehr sind solche Inschriften der kurioseste, zugleich drastische Auswuchs einer Debatte, die nirgendwo in der Republik so erhitzt geführt wird wie in ihrer Hauptstadt.

Sie firmiert unter dem Schlagwort Gentrifizierung, was grob gesagt den Aufwertungs- und Verdrängungsprozess in Stadtbezirken meint: Schöne alte Häuser werden saniert, ihre meist ärmeren Bewohner durch reichere Eigentumsinteressenten verdrängt. Eigentlich ist es eine komplexe, führenswerte Diskussion, in der sich Fragen nach sozialer Gerechtigkeit ebenso stellen wie die, ob Wohnraum wirklich einer freien Logik des Marktes unterworfen werden kann und darf. Allerdings lässt sich in Berlin seit Längerem eine merkwürdige Infantilisierung dieser Debatte beobachten.

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Da geht es um ein Zuviel an Kinderwagen und Bioläden. Es geht um falsche Bars und Milchschaumdichte im Kaffee. Es geht um Hostels und Ferienwohnungen und Schwaben und Zugezogene. Und es geht um das Rollkofferrattern, das nicht mehr als kosmopolitisches Hintergrundgeräusch gedeutet wird, sondern als Fanal des Untergangs.

Diejenigen, derentwegen der ganze Radau veranstaltet wird, sind auch gefunden: Neben Touristen werden sogenannte Hipster zu Schuldigen für die unerwünschte Aufwertung erkoren, gefolgt vom Folklorefeindbild des Yuppies, die bevorzugt in den sogenannten Trendbezirken Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln allesamt zum Teufel gewünscht werden. Und gerne auch einmal körperlich angegangen. Die Definition dieser Gruppen ist ebenso nebulös wie die Akteure, die sie anklagen. Es ist eine amorphe Wutmasse, die gegen den Zuzug oder nur die Anwesenheit gewisser Anderer protestiert. Die sich auf eine Art Ältestenrecht beruft, dessen Legitimation bereits obskur ist.

Plötzlich ist es von Belang, wer zuerst wo gewohnt hat, ob man vier oder fünfzehn Jahre schon dort lebt, was beides im Vergleich zum Alter der Häuser, um die es in den betroffenen Vierteln meistens geht, lächerlich kurz ist. Plötzlich wird sehr laut eine verschwindende Form von Ursprünglichkeit gepriesen, zu der unbedingt die eichenbestuhlte Eckkneipe und der Tante-Emma-Laden gehören und in der Obdachlose und sonstige Anzeichen von Armut bisweilen dekorative, nostalgische Zwecke erfüllen. Plötzlich fordern Transparente auf, seinen "Kiez abzuwerten", damit niemand Unerwünschtes mehr kommt. Plötzlich wird nicht nur über Erbrochenes im Hauseingang geklagt, sondern es ist wichtig, wem es gehört: Beim deutschen, autochthonen Säufer wird das unter schützenswertem Lokalkolorit verbucht, während der spanische Erasmusstudent doch bitte da kotzen möge, wo er herkommt. 

Diese nach außen gerichtete, provinzielle Aggression, das Abschotten, das Zumauern, das Wir-bleiben-lieber-unter-uns zählt zu den scheußlichsten Formen deutscher Frustrationsbewältigung. Sympathischer wird das auch nicht, nur weil es die unmanierlichen Mieterhöhungen und Verdrängungen tatsächlich gibt. Oder weil es die Stadt Berlin seit Jahren versäumt hat, für eine gerechte Wohnungsbaupolitik zu sorgen. Hinter dem vagen antikapitalistischen Anstrich, hinter der mitunter cool inszenierten Befreiungsromantik verbirgt sich das hässliche Wort, vor dem Reiseführer bisher nur in Berlins östlicher Peripherie warnen mussten: Es heißt Xenophobie.

 
Leserkommentare
  1. 105. Puhhhh

    "leistungslos ergaunertes Geld" haben aber immer nur die anderen, oder?
    Niemandem "gehört" eine Stadt, ein Stadtteil, ein Ort, was auch immer.
    Ich wohne in einem "Markt" mit ca. 10.000 Einwohnern. Hier herrschte über viele Jahre eine Sippschaft mehrerer großer Bauersfamilien. Dann setzte der Zuzug ein wegen der Arbeitsplätze in der nahen Stadt, Wohnraum ist hier dagegen natürlich wesentlich günstiger als in der Stadt.
    Ich bin heilfroh über diesen Zuzug, die "Eingesessenen", "Einheimischen" mussten sich zähneknirschend daran gewöhnen, dass es auch andere Menschen mit denselben Rechten gibt auf dieser Welt und der Ort ist tausendmal lebenswerter geworden durch den Zuzug. Wem gehört die Welt?

    4 Leserempfehlungen
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    Ich glaube Ihnen ist das Problem nicht richtig bewusst. In den letzten Jahren haben sich die Investitionsmöglichkeiten für Kapitalbesitzer enorm verkleinert. Es gibt kaum noch Anlagemöglichkeiten, die etwas abwerfen. Das führt schonmal dazu, dass Kapital in deutschen Staatsanleihen geparkt werden, die nach 10 jahren mit Verlusten von 1-3% durch Inflation wieder abgeholt werden können.

    Nur Immobilien bieten noch Rendite. Vorallem in Boomstädten wie Berlin.

    Dieser Umstand führt dazu, dass Investoren ganze Häuserzüge kaufen. Nur haben die in der Regel kein Interesse an normalen Mietern. Die wollen diese Mieter möglichst schnell losweren, das Gebäude luxussanieren (steueroptimierend natürlich) und dann die Wohnungen mit 50-100% Aufschlag vermieten.

    Dies nützt niemandem. Und ja, diese Kapitaleigner haben ihr Geld in der Regel durch Zinsen verdient. Das nenne ich leistungslos.

    Diese Typen kaufen übrigens auch das Land rund um ihr Dorf. Die Landpreise kann sich deswegen ein normaler Bauer garnicht mehr leisten.

    Nein, auf diese "Kapital-Parker" kann sowohl Berlin, als auch ihr Dorf sehr gut verzichten.

    Ich glaube Ihnen ist das Problem nicht richtig bewusst. In den letzten Jahren haben sich die Investitionsmöglichkeiten für Kapitalbesitzer enorm verkleinert. Es gibt kaum noch Anlagemöglichkeiten, die etwas abwerfen. Das führt schonmal dazu, dass Kapital in deutschen Staatsanleihen geparkt werden, die nach 10 jahren mit Verlusten von 1-3% durch Inflation wieder abgeholt werden können.

    Nur Immobilien bieten noch Rendite. Vorallem in Boomstädten wie Berlin.

    Dieser Umstand führt dazu, dass Investoren ganze Häuserzüge kaufen. Nur haben die in der Regel kein Interesse an normalen Mietern. Die wollen diese Mieter möglichst schnell losweren, das Gebäude luxussanieren (steueroptimierend natürlich) und dann die Wohnungen mit 50-100% Aufschlag vermieten.

    Dies nützt niemandem. Und ja, diese Kapitaleigner haben ihr Geld in der Regel durch Zinsen verdient. Das nenne ich leistungslos.

    Diese Typen kaufen übrigens auch das Land rund um ihr Dorf. Die Landpreise kann sich deswegen ein normaler Bauer garnicht mehr leisten.

    Nein, auf diese "Kapital-Parker" kann sowohl Berlin, als auch ihr Dorf sehr gut verzichten.

    • Moika
    • 17.08.2012 um 13:56 Uhr

    Was hat das mit Faschismus zu tun? Das sind die Auswirkungen einer Politik, die dieses alles bisher geduldet und hingenommen - teilweise sogar fossiert hat. Siehe Flughähenausbau, Bahnhof Stuttgart usw.

    Toleranz ist eben keine Einbahnstraße, was vielen scheinbar nicht klar ist. Dieser langsam in allen Bereichen ausufernde Gruppenegoismus wird uns noch eine Menge Probleme bringen, das wird oft nicht ohne Tränen abgehen.

    Antwort auf "Armes Berlin"
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    • bayert
    • 18.08.2012 um 12:21 Uhr

    wenn sich Bewohner gegen den Zuzug von Ausländern wehren. Ob Schwaben oder Türken spielt keine Rolle.

    • bayert
    • 18.08.2012 um 12:21 Uhr

    wenn sich Bewohner gegen den Zuzug von Ausländern wehren. Ob Schwaben oder Türken spielt keine Rolle.

  2. 107. Rassismus

    Ich verstehe was Sie meinen, aber wo sehen Sie die Grenze zu "echtem Rassismus"? Die Menschenfeindlichkeit, die Sie beschreiben, lässt sich im Zweifel sehr einfach in eine bestimmte Richtung lenken, und ist somit der optimale Nährboden für Rassismus.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das deutsche Problem"
  3. Nun ja, der Berlinhype wurde ja seit der Wende wie besessen geschürt, und Berlin war super, und jeder musste unbedingt nach Berlin, und jetzt erstickt Berlin halt langsam daran.

  4. wenn ich mir vorstelle, was Sie alles durchmachen müssen, werte(r) urr. Touristen mit Einkaufstüten, wirklich schlimm. Waren Sie schon einmal Tourist? Vielleicht in Venedig, nur so als Beispiel? Dann vergleichen Sie den Touristenrummel dort mal mit dem bißchen Pipifax, der sich im Vergleich dazu in Berlin abspielt. Trotzdem gibt es von Venezianern weder Drohungen noch Übergriffe gegen Touristen.
    Anderswo freuen sich die Leute über eine "gute Saison" (mit vielen Touristen), weil diese eine wichtige Einnahmequelle darstellen und vielen Menschen den Lebensunterhalt sichern. Nicht so in Berlin - dort kommt der Strom ja aus der Steckdose und das Geld aus dem Geldautomaten. Wozu Einnahmen generieren? Es gibt doch den Bundesfinanzausgleich.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich denke"
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    http://www.dradio.de/dkul...
    Venedig erstickt an seinen Touristen und mutiert eher zu einem Disneyland-Venedig!

    http://www.dradio.de/dkul...
    Venedig erstickt an seinen Touristen und mutiert eher zu einem Disneyland-Venedig!

    • webdev
    • 17.08.2012 um 14:01 Uhr

    Ich bin auch zugezogen und wohne im Wrangelkiez.

    Die meisten Kneipen und Lokale haben inzwischen diese "Ab 22 Uhr nicht mehr draußen stehen"-Schilder. Da frag ich ich, was diese Leute erwartet haben, als die den Mietvertrag für die Wohung im 1. OG Vorderhaus hier unterschrieben haben. Hipper Kiez mit viel Kultur aber nur bis 22 Uhr?

    Von Turis und verdreifachten Mietpreisen fange ich lieber garnicht erst an...

    2 Leserempfehlungen
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    • Afa81
    • 17.08.2012 um 14:18 Uhr

    ...von Ihren Aussagen umformulieren:

    Was haben sich die heutigen Kreuzberger gedacht, als sie nach Kreuzberg gegangen sind: Ein Kiez, unglaublich beliebt, in dem die Miete über 50 Jahre konstant bleibt. Oder ein Kiez ohne Touristen, die ja auch das Nachtleben genießen wollen?
    Wir werden langsam wie die Niederländer. In kaum einer Stadt auf der Welt kann man so gut und ohne Sperrstunde Party machen wie in Berlin. Ist doch klar, dass das auch junge Touristen mal genießen wollen. Wenn ich Deutsche in Amsterdam beim kiffen getroffen habe, dann waren das auch nicht selten Berliner... obwohl man sich dort ja mittlerweile schon besser als in Amsterdam versorgen kann.

    Zu denken, dass die Party und Mulli Kulli nach 22 Uhr vorbei sind, ist wirklich naiv. Zu denken, dass andere allerdings nicht auch die Vorzüge genießen wollen, die einen selbst dazu bewegt haben, nach Kreuzberg zu ziehen ist aber ebenfalls naiv. Und zu glauben, dass eine große Nachfrage nach Wohnraum in diesem beliebten Stadtteil die Mieten nicht erhöht, ist auch naiv.
    Die naivsten sind jedoch diese "Aktivisten" die den Stadtteil aufwerten, indem sie ihn abwerten - denn die jungen Leute heute wollen doch genau das - weil das ist eben "cool" und "in". Sag Sie doch mal einem in dieser Szene, dass Sie ins 40Seconds gehst - man wird Sie sicher schief ansehen und die Frage, wieviel ihr Vater verdient kommt sicher gleich danach...

    • Afa81
    • 17.08.2012 um 14:18 Uhr

    ...von Ihren Aussagen umformulieren:

    Was haben sich die heutigen Kreuzberger gedacht, als sie nach Kreuzberg gegangen sind: Ein Kiez, unglaublich beliebt, in dem die Miete über 50 Jahre konstant bleibt. Oder ein Kiez ohne Touristen, die ja auch das Nachtleben genießen wollen?
    Wir werden langsam wie die Niederländer. In kaum einer Stadt auf der Welt kann man so gut und ohne Sperrstunde Party machen wie in Berlin. Ist doch klar, dass das auch junge Touristen mal genießen wollen. Wenn ich Deutsche in Amsterdam beim kiffen getroffen habe, dann waren das auch nicht selten Berliner... obwohl man sich dort ja mittlerweile schon besser als in Amsterdam versorgen kann.

    Zu denken, dass die Party und Mulli Kulli nach 22 Uhr vorbei sind, ist wirklich naiv. Zu denken, dass andere allerdings nicht auch die Vorzüge genießen wollen, die einen selbst dazu bewegt haben, nach Kreuzberg zu ziehen ist aber ebenfalls naiv. Und zu glauben, dass eine große Nachfrage nach Wohnraum in diesem beliebten Stadtteil die Mieten nicht erhöht, ist auch naiv.
    Die naivsten sind jedoch diese "Aktivisten" die den Stadtteil aufwerten, indem sie ihn abwerten - denn die jungen Leute heute wollen doch genau das - weil das ist eben "cool" und "in". Sag Sie doch mal einem in dieser Szene, dass Sie ins 40Seconds gehst - man wird Sie sicher schief ansehen und die Frage, wieviel ihr Vater verdient kommt sicher gleich danach...

  5. "Eine offene freie Stadt und tolerantes Land sollte Berlin möglichst bleiben. Dazu braucht es Toleranz und Respekt aller Beteiligten, Tag für Tag."
    --> Allerdings sind Familien mit Fahrradhelmen durch das damit transportierte Sicherheitsbedürfnis nicht zu tolerieren!? Oder liegt es am zur Schau gestellten Reichtum? Verstehe ich Sie da richtig?
    Wo hier das Freiheitsgefühl flöten geht ist mir allerdings noch nicht ganz klar.

    Ich habe das Gefühl, als geht es hier gar nicht mehr um höhere Mieten etc. Es geht darum, dass andere Menschen einfach nicht akzeptiert werden.

    4 Leserempfehlungen

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