Hans-Christian Schmid: "Viele leben sponsored by Mami und Papi"
Hans-Christian Schmid zeigt in seinem neuen Film "Was bleibt", wie brüchig das Modell Familie geworden ist. Das Wohlstandsversprechen gilt nicht mehr, sagt der Regisseur.
© Andreas Rentz/Getty Images

Im Februar stellte Hans-Christian Schmid seinen Film auf der Berlinale vor.
Frage: Herr Schmid, warum tun sich die Kinder der Wirtschaftswundergeneration mit dem Modell Familie so schwer?
Hans-Christian Schmid: Weil es diese wunderbare Freiheit gab, die aber auch zur Bürde werden kann. Wer in den siebziger Jahren in Westdeutschland geboren wurde, konnte sich beim Studium Zeit lassen, die Welt kennenlernen und viel ausprobieren, begünstigt durch bezahlbaren Wohnraum in einer Stadt wie Berlin. Dann wachte man auf, war Mitte, Ende 30, aber es gab noch keine Existenzgründung, nichts von substanzieller Bedeutung. Für die Elterngeneration war das anders. Sie wollte den Mief und die Armut der Nachkriegszeit schnell überwinden; das brachte viele Gründer- und Machertypen hervor, Leute wie Günther im Film.
Frage: Man wächst sorglos und behütet auf, in stabilen, meist liberalen Elternhäusern. Warum erwächst ausgerechnet daraus diese verunsicherte Generation?
Schmid: Vielleicht funktioniert das Wohlstandsversprechen nicht mehr. Die Nischen sind enger geworden, die Existenzsicherung ist brüchig. Manche machen mit Internetjobs ein Vermögen, andere treten trotz Hochschulabschluss noch Anfang 30 unbezahlte Praktika an. Hinzu kommt, dass man sich gar nicht unbedingt freistrampeln muss: Wie viele der jungen Familien im Bötzow-Viertel in Prenzlauer Berg sind sponsored by Mami und Papi?
Frage: Corinna Harfouch spielt Gitte, die Mutter, sie ist manisch-depressiv. Warum sind so viele Frauen dieser Generation krank?
Hans-Christian Schmid, 47, gehört zu den profiliertesten Regisseuren des deutschen Films. Dem im oberbayrischen Wallfahrtsort Altötting geborenen Absolventen der Münchner Filmhochschule gelang 1995 mit seinem Kinodebüt Nach fünf im Urwald ein Überraschungserfolg. Nach der Provinzkomödie bewies er mit dem Verschwörungsdrama 23 – Nichts ist so wie es scheint, der Verfilmung von Benjamin Leberts Entwicklungsroman Crazy und dem Exorzisten-Horrorfilm Requiem auch in anderen Genres sein Können. Zuletzt war Sturm (2009) ein Thriller über den Strafgerichtshof in Den Haag und den langen Schatten der Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien. Schmids neuer Film, das bei der Berlinale gefeierte Generationendrama Was bleibt, kommt am Donnerstag in die Kinos.
Schmid: So liberal die Männer sich geben, so klassisch ist doch die Rollenverteilung. Das Problem existiert bis heute, auch weil Kinder ihre Mütter in den ersten Lebensmonaten mehr brauchen als ihre Väter. Also müsste man ein halbes Jahr nach der Geburt gezielt sagen: Stopp, jetzt machen wir das anders. Energiegeladenen Männern wie Günther kommt es nun mal sehr gelegen, wenn sie die Außenkontakte pflegen und die Frau ihnen den Rücken freihält. Auch damals hatten viele Frauen schon Berufe; nach zehn Jahren Familienpause konnten sie aber kaum noch daran anknüpfen. So entstehen unglückliche Biografien, ungelebtes Leben, selbst bei starken Frauen.
Frage: Ist das typisch westdeutsch?
Schmidt: Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich im Westen Wohlstand erwirtschaften konnte, gab es im Osten nicht. Auch nicht die Möglichkeit, aus der Kleinstadt sehr weit weg nach Berlin zu gehen und schon wegen der Entfernung nicht am Wochenende nach Hause zu können. Corinna Harfouch konnte auch kaum verstehen, dass Gitte sich nicht aus diesem Käfig befreien konnte. Bei Frauen aus dem Osten wäre es nie so weit gekommen. Der Film spielt in Siegburg bei Bonn, weil es sich um eine typische Familie aus der Bonner Republik handelt, um einen Frankfurter Verleger, der ein Haus in einem Vorort hat und zur Arbeit pendelt.






Bei der Nachkriegsgeneration konnte auch ein Mann mit einer einfachen Ausbildung alleine eine Familie ernähren. Damals waren sogar Träume vom Eigenheim und Auto noch drin.
Heute sieht die Welt anders aus. Die Arbeitskraft der Frau und Mutter wird als zusätzliche Einkommensquelle benötigt. Hinzu kommt die permanente Unsicherheit bezüglich der eigenen Existenz.
Wer früher ein paar Jahre eine gute bezahlte Arbeit hatte, der hatte Dank Alg/Arbeitslosenhilfe auch schon ausgesorgt, da ein relativ hohes Grundeinkommen gesichert war. Heute fällt man ganz schnell auf den Boden von Hartz IV.
Man kann einen guten Vergleich zu den Tieren im Zoo ziehen: Permanenter Stress verhindert die Nachkommen.
... dass selbst so Dinge wie Elterngeld, Kitas, etc keine signifikante Erhöhung der Geburtenrate mit sich bringt.
Die Aufgabe der Politik wäre es, den Wirtschaftsunternehmen klar zu machen, dass nur eine sichere Zukunft die Geburtenrate erhöht, denn sonst sind Kinder ein Armutsrisiko.
Wenn man mit der Ungewissheit leben muss, dass man eventuell morgen von Hartz4 lebt, dann wird man definitiv keine Kinder zeugen. Denn Kinder kosten Zeit, Geld und Anstrengung und mit Hartz4 wird das Geld schon knapp, da ist man froh, wenn man nicht noch andere Mäuler stopfen muss...
"Bei der Nachkriegsgeneration konnte auch ein Mann mit einer einfachen Ausbildung alleine eine Familie ernähren. Damals waren sogar Träume vom Eigenheim und Auto noch drin."
Schon.
Aber bei den meisten Familien war der Etat arg eng. Da kam Margarine auf den Tisch und Kunsthonig. Alle zwei Jahre wurde eine Woche an die Nordsee gefahren oder an die Adria. Es gab ein Auto (Kadett, Käfer...), keine zwei (Sharan, Passat Kombi) und viele Dinge, die heutzutage die Familienkasse arg belasten, existierten gar nicht (PC, Playstation, DVD-Player, I-Phone...). In den meisten Familien wurde so eisern gespart, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann.
... dass selbst so Dinge wie Elterngeld, Kitas, etc keine signifikante Erhöhung der Geburtenrate mit sich bringt.
Die Aufgabe der Politik wäre es, den Wirtschaftsunternehmen klar zu machen, dass nur eine sichere Zukunft die Geburtenrate erhöht, denn sonst sind Kinder ein Armutsrisiko.
Wenn man mit der Ungewissheit leben muss, dass man eventuell morgen von Hartz4 lebt, dann wird man definitiv keine Kinder zeugen. Denn Kinder kosten Zeit, Geld und Anstrengung und mit Hartz4 wird das Geld schon knapp, da ist man froh, wenn man nicht noch andere Mäuler stopfen muss...
"Bei der Nachkriegsgeneration konnte auch ein Mann mit einer einfachen Ausbildung alleine eine Familie ernähren. Damals waren sogar Träume vom Eigenheim und Auto noch drin."
Schon.
Aber bei den meisten Familien war der Etat arg eng. Da kam Margarine auf den Tisch und Kunsthonig. Alle zwei Jahre wurde eine Woche an die Nordsee gefahren oder an die Adria. Es gab ein Auto (Kadett, Käfer...), keine zwei (Sharan, Passat Kombi) und viele Dinge, die heutzutage die Familienkasse arg belasten, existierten gar nicht (PC, Playstation, DVD-Player, I-Phone...). In den meisten Familien wurde so eisern gespart, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann.
... dass selbst so Dinge wie Elterngeld, Kitas, etc keine signifikante Erhöhung der Geburtenrate mit sich bringt.
Die Aufgabe der Politik wäre es, den Wirtschaftsunternehmen klar zu machen, dass nur eine sichere Zukunft die Geburtenrate erhöht, denn sonst sind Kinder ein Armutsrisiko.
Wenn man mit der Ungewissheit leben muss, dass man eventuell morgen von Hartz4 lebt, dann wird man definitiv keine Kinder zeugen. Denn Kinder kosten Zeit, Geld und Anstrengung und mit Hartz4 wird das Geld schon knapp, da ist man froh, wenn man nicht noch andere Mäuler stopfen muss...
Super Thema, ich bin auch Betroffener (von NRW nach Berlin zum studieren und inzwischen vllt 2x im Jahr kontakt) und kenne viele andere :)
Aber der Trailer war echt langweilig... Und ständig spielen in deutschen Filmen die gleichen Leute, mit der gleichen Rolle mit (wie diese Mutter, die spielt gefühlt bei jedem 2. deutschen Film eine Mutter).
Und diese komischen Auszeichnugen: Der Fliegende Ochse (lol).
bei uns arbeiten welche, die mit 30 noch bei ihren Eltern wohnen. Die können es sich dann leisten nur halbtags zu arbeiten und bekommen dank ihrer Unselbstständigkeit auch noch die Stellen angeboten, weil sie ja so flexibel eingesetzt werden können.
http://www.dailymotion.co...
* Angst
* Gier
* Druck
* Anspruch
* Neid
* Gewalt
beherrschen die heutige Zeit.
Wem es nicht gelingt, sich über viele gesellschaftliche Normen hinweg zu setzen, respektive sie zu ignorieren, hat es schwer.
Es ist Zeit für eine Trendwende.
Normen zu ignorieren, habe mich mit ihnen noch nie identifiziert........! :-) und den Artikel kann ich leider auch nicht nachvollziehen?
"Bei der Nachkriegsgeneration konnte auch ein Mann mit einer einfachen Ausbildung alleine eine Familie ernähren. Damals waren sogar Träume vom Eigenheim und Auto noch drin."
Schon.
Aber bei den meisten Familien war der Etat arg eng. Da kam Margarine auf den Tisch und Kunsthonig. Alle zwei Jahre wurde eine Woche an die Nordsee gefahren oder an die Adria. Es gab ein Auto (Kadett, Käfer...), keine zwei (Sharan, Passat Kombi) und viele Dinge, die heutzutage die Familienkasse arg belasten, existierten gar nicht (PC, Playstation, DVD-Player, I-Phone...). In den meisten Familien wurde so eisern gespart, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann.
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