DokumentarfilmItalien ist nicht auszuhalten

Auf der Suche nach einem besseren Italien reisen die Journalisten Gustav Hofer und Luca Ragazzi durch ihr Land: Ihr Film "Italy – Love it or Leave It" ist sehenswert. von 

Gehen oder bleiben? Luca Ragazzi (links) und Gustav Hofer auf der Suche nach Italiens Schönheit

Gehen oder bleiben? Luca Ragazzi (links) und Gustav Hofer auf der Suche nach Italiens Schönheit  |  © Déjà-vu Film

Die Ruinen der Moderne stehen in Sizilien . Betonskelette, geplant als Sport- oder Kulturzentren, die ins Leere ragen, weil Giarre zum "Eldorado der Bauspekulation" geworden ist. Zu den zwölf monströsen Bauten gehören Mehrzweckzentren, ein Polostadion für 22.000 Zuschauer (und niemand spielt hier Polo), ein Theater, ein Kinderzentrum, Rennstrecken für ferngesteuerte Modellautos, Schwimmbäder und andere Rohbauten, finanziert mit öffentlichem und europäischem Geld, nie fertiggestellt und nie genutzt.

Die Regisseure Gustav Hofer und Luca Ragazzi stoppen in Giarre auf ihrer Reise durch Italien . Nachdem ihre Wohnung in Rom gekündigt wurde, überlegen sie, ob sie das Land verlassen sollten – wie ihre Freunde, die nach Berlin , Neuseeland oder in die Schweiz ausgewandert sind: Sie haben die Vetternwirtschaft satt oder möchten in einem Land leben, das homosexuelle Paare akzeptiert.

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Gehen oder bleiben? Für sich selbst haben Hofer und Ragazzi keine Antwort parat, und so reisen sie im Fiat 500 durch Italien, von Apulien bis in die Lombardei, um anderen Menschen diese Frage zu stellen. Ihr Film Italy – Love it or leave it lief bereits im Winter 2011 als Fernsehfassung, nun kommt er ins Kino, nachdem er auf diversen Festivals gezeigt wurde, unter anderem in Göteborg, Helsinki und Mailand .

Hofer und Ragazzi werden dabei zu Touristen in ihrem eigenen Land. Sie thematisieren die Klischees, die Reisekataloge vorspiegeln, vom guten Essen, dem Strand von Rimini, den schönen Seen und frischem Obst. Sie finden: Orte, in denen Nutztiere, die eines Tages zu Nahrungsmitteln werden sollen, auf vergrabenem Giftmüll grasen; Badeorte, die von Teutonen- zu Russengrills geworden sind; idyllisch anmutende Seen wie den Comer See und den Iseo-See, die aber durch die Einleitung von menschlichen Fäkalien nicht zum Baden geeignet sind; schwarze Einwanderer, die in heruntergekommenen Häusern ohne fließend Wasser hausen müssen, weil sie bei der Orangenernte mit maximal 25 Euro am Tag entlohnt werden. In Predappio, Mussolinis Geburtsort , finden sie einen Laden mit Faschismus-Devotionalien. Der Besitzer sagt, da er eine Andenkenkonzession habe, würde sein Geschäft nicht geschlossen werden.

Auf der anderen Seite steht die Dekadenz der Mächtigen, allen voran Silvio Berlusconis: Hofer und Ragazzi reisen nach Mailand zum Beginn des Rubygate -Prozesses. Sie besuchen eine Veranstaltung, die im Theater unter dem Motto "In Unterhosen, aber lebendig" Propaganda für Berlusconi macht. "Lauter alte Männer! Beängstigend!", sagt Luca Ragazzi. Einer verteidigt unter großem Applaus Berlusconis Sexpartys: "Was weiß denn ich, aus welchem Gemütszustand heraus er diesen Mädchen eine Freude machen will und sie zu sich zum Essen einlädt, ihnen Geschenke macht. Wer bin ich denn, ihn moralisch beurteilen zu können?"

Es sind besonders die Älteren und die Alten, die eine erstaunliche Aggressivität an den Tag legen, wenn es um die Unterstützung Berlusconis geht: Männer und Frauen verteidigen ihn mit Vehemenz, besingen ihn hymnisch – und werfen Hofer und Ragazzi vor, sie seien im Kopf die wirklich Alten.

Als visuelle Trenner zwischen den einzelnen thematischen Stationen der Reise durch Italien nutzen die Filmemacher dann auch Animationsfilme, die an Monty Python's Flying Circus erinnern: Frauen fallen direkt aus sexistischen Werbeplakaten in den Fleischwolf, um sie noch mundgerechter anzurichten. "Was ist das bloß für ein Land?", fragt Luca Ragazzi aus dem Off.

Hofers und Ragazzis Dokumentarfilm ist wie ein ehrlicher Reisekatalog, der auf einer Doppelseite das Paradies verspricht – und auf der nächsten Doppelseite die Hässlichkeit einer Gesellschaft zeigt, ihre moralischen Abgründe, diejenigen, die kein Rückgrat im Leben zeigen, sondern die scheinbare Bequemlichkeit dem Widerstand vorziehen. Während der Fahrten im Auto reflektieren Hofer und Ragazzi, was sie erleben. Leider wirken diese Szenen oft bemüht, weil ihre Rollen dabei klar verteilt sind. Es ist Ragazzi, der versucht, etwas Gutes in allem zu finden. Hofer will nicht in Italien bleiben, will lieber nach Berlin auswandern. 

Das wirklich Gute finden sie vor allem dort, wo sich etwas verändert. Carla Girasole zum Beispiel, die Bürgermeisterin von Capo Rizzuo wendet das Gesetz an. Ihre Stadt in Kalabrien gilt als Herz der Mafiaorganisation 'Ndrangheta . Girasole sagt, sie hätte "einfach eine gute Verwaltung aufbauen" wollen – wenn jemand das als Kampf gegen die Mafia auffasse, "erkennen wir uns darin kaum". Öffentliche Ausschreibungen werden in Capo Rizzuo transparent gemacht, "vorher kam immer dasselbe heraus". Ihr Auto wurde angezündet, sie bekommt Pistolenkugeln und anonyme Briefe zugesandt, aber lässt sich dadurch nicht beirren.

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Sie treffen Nichi Vendola, den Präsidenten von Apulien, "einen Katholiken, Kommunisten und bekennenden Schwulen". Er kämpft für die Freiheit von Angst, Armut, Ignoranz und Aberglauben – und ist sich zugleich bewusst: "Heute geht es in der Politik nur darum, den Witz des Tages zu schaffen." Sie sprechen mit Lorella Zanardo, Regisseurin des Films Der Körper der Frauen : Sie kämpft dagegen, dass junge Frauen als Frischfleisch wahrgenommen und behandelt werden. Mit Internetkampagnen haben sie und Tausende Frauen gegen sexistische Werbung großer Unternehmen protestiert – und mitunter Erfolg gehabt.

Doch selbst die Hoffnungsträger können den beiden Filmemachern nicht beantworten, wie sich die Zustände, die sie bemängeln, manifestierten: Die Ruinen in Giarre seien "wie ein Schwarzes Loch: Keiner will darüber sprechen, keiner weiß, wie alles gekommen ist", sagt Claudia D’Aita vom Festival Unfinished Sicily . Ihr Satz beschreibt, was Luca Ragazzi und Gustav Hofer an vielen Orten ihrer Reise erleben: Für die Misere will keiner verantwortlich sein.

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Leserkommentare
  1. eine wirklich gelungene dokumentation. zeigt nüchtern italien in all seinen facetten, man lernt das land dabei wahrlich kennen. die beiden sind auch cool drauf, macht spaß.
    war nur verwundert dass der artikel dazu jetzt erst kommt, ich hab die doku schon vor langer zeit auf arte gesehen aber besser spät als nie denn das ist es absolut wert.

    4 Leserempfehlungen
  2. Der Film läuft ab 4. Oktober in den deutschen Kinos - daher der Artikel.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Italien | Dokumentarfilm | Fiat | Animationsfilm | Apulien | Giftmüll
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