Mahnmal in Berlin : Der Brunnen mit dem schwarzen Wasser

Jahrelang hatte es um das Ob, das Wo und das Wie politisches Gezerre gegeben: Nun wird – an der Südseite des Berliner Reichstages – das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma eingeweiht.
Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma © Michael Kappeler/dpa

Fragt man Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, ob er Genugtuung empfinde darüber, dass das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma nun endlich eingeweiht wird, nimmt er sogleich eine förmliche, geradezu staatstragende Haltung ein: "Es geht hier nicht um eine persönliche Genugtuung. Ich bin sehr froh darüber und auch dankbar, dass die Bundesregierung und der Berliner Senat dieses Denkmal jetzt der Öffentlichkeit übergeben. Damit werden nun auch die deutschen Sinti und Roma in das historische Gedächtnis unseres Staates aufgenommen. Und damit wird demonstriert, dass der Völkermord an den 500.000 Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa nicht ein Anhängsel der Shoah ist, so wie er in den vergangenen Jahrzehnten stets behandelt wurde, sondern eine eigene Dimension hatte, eine eigene Bürokratie und Systematik."

Romani Rose will keine großen Worte mehr verlieren über das jahrzehntelange Gezerre um dieses Denkmal , über die Diskussionen und Verzögerungen, die die Planung und seinen Bau begleiteten. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma, das heute im Beisein von Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht wird, hat seine eigene Geschichte, die nicht zuletzt symptomatisch ist für den Umgang mit den Sinti und Roma und den an ihnen begangenen Verbrechen im Nationalsozialismus. Denn tatsächlich wurde deren von Rose erwähnte "eigene Dimension" erst 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt offiziell als eine solche gesehen und als "Völkermord" bezeichnet: "Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Viele von ihnen wurden ermordet. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt", so Schmidt damals gegenüber Vertretern des Zentralrats der Sinti und Roma.

Zehn Jahre später, 1992, stimmte die Bundesregierung der Errichtung eines Denkmals zu. Nachdem Rose den israelischen Künstler Dani Karavan auserkoren hatte, das Mahnmal zu entwerfen, begannen zunächst die Debatten um den Standort. Die damals regierende Berliner CDU und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen wehrten sich Ende der neunziger Jahre gegen ein Denkmal in Reichstagsnähe, gegen eine "Gedenkmeile" im Tiergarten, sie favorisierten Marzahn. Dorthin wurden Berlins Sinti und Roma von den Nazis 1936 wegen der Olympischen Spielen geschafft. 2001 einigte man sich schlussendlich auf den jetzigen Standort im Tiergarten südlich des Reichstags.

Als nächstes entzündete sich der Streit – gerade unter den jeweiligen Verbänden der Sinti und Roma – darüber, wie die Opfergruppe eigentlich in der Inschrift zu bezeichnen sei. Die Bezeichnung "Zigeuner" und auch die englische Bezeichnung "Gypsies" wurde vom Zentralrat der deutschen Sinti und Roma als "Beleidigung und Diffamierung" abgelehnt, von der Allianz der Sinti aber durchaus befürwortet. Und schließlich gab es immer wieder Querelen zwischen der Berliner Bauverwaltung und Dani Karavan um Details in der Gestaltung der Wasserschale. Da ging es um die Farbe des Wassers, die Beschaffenheit der Kieselsteine, da monierte Karavan am Guss für die Brunnenschale "unakzeptable Unebenheiten", oder das Wasser war ihm nicht schwarz genug. Die Baufirma ging indessen pleite, die Baukosten stiegen von zwei auf fast drei Millionen Euro an.

Nun aber ist es vollbracht – und Rose sieht mit dem Denkmal und insbesondere auch seinem Standort den Völkermord an den Sinti und Roma aus dem "Schatten der historischen Aufarbeitung" getreten, "direkt gegenüber dem Reichstag und vor dem Brandenburger Tor". Tatsächlich liegt die Gedenkstätte recht zentral. Auf der Scheidemannstraße kommt man kaum daran vorbei, ohne einen Blick auf die Wasserschale geworfen zu haben. Unübersehbar sind auch zwei Schautafeln mit dem Schmidt-Zitat sowie einem des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1997 den Völkermord an den Sinti und Roma mit jenem an den Juden gleichstellte. Steht man direkt vor dem Brunnen mit seinen zwölf Metern Durchmesser, strahlt er eine gewisse Ruhe im Getöse ringsum aus – mit seinem dunklen Wasser und der kleinen, versenkbaren Stele darin, auf der täglich eine frische Rose drapiert werden soll. Auf dem Rand des Brunnens steht in englischer und deutscher Sprache ein Gedicht des italienischen Rom Santino Spinelli, " Auschwitz ", an der Seite sind weitere Schautafeln mit einer Chronologie des Völkermords an den Sinti und Roma angebracht. Das gesamte Ensemble könnte aus dieser Stelle im Tiergarten vielleicht wirklich einen Ort machen, an dem man "den Schmerz fühlen und sich erinnern kann", wie Dani Karavan es sich vorstellt.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gutes Denkmal

Ich begrüße das Denkmal, auch wenn es 50 Jahre zu spät kommt, sprich die Generation der Täter, also der meines Großvaters, sich weder an den Völkermord der Roma und Sinti, noch an den Holocaust und die jeweiligen Verantwortlichen (die man nicht bestrafen wollte...) erinnern wollte. Nun gibt es dieses Denkmal und angesichts der Tragweite des organisierten Mordes gilt es dieses sehr zu begrüßen.

Ich verstehe allerdings nicht, und als Generation ohne Schuld darf ich dieses Vorgehen wohl kritisieren, warum hier aktuelle Fragen des Asylrechts und der mittlerweile ja als "historisch" zu klassifizierende Völkermord vermischt werden. Richtig ist, dass es in Europa ein Wohlstandsgefälle gibt. Die genannten Herkunftsländer sind sozial sehr schwach und die (als eigene Kultur begriffene) Lebensweise der Roma und Sinti erleichtert das Problem wohl eher nicht. Aber muss die Bundesrepublik nun, weil es dieses Gefälle gibt, nun alle Wirtschaftsfluchtlinge aufnehmen? Sie NRW und den Zustrom von roma und Sinti, die dort auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben, was wieder zu strafrechtlichen Formen, insbesondere bei minderjährigen führt (mal polizeilich auf den Punkt gebracht).

Man muss die Bedingungen der Menschen in den jeweiligen Ländern verbessern, Übergriffe verurteilen etc., einen historisch begründeten Anspruch auf Asyl lehne ich ab. Entschädigungen und Gerechtigkeit haben leider die dt. vorangegangenen Generationen verhindert.
Die Kausalität Völkermord-Asylrecht sehe ich nicht.

"Historischer" Völkermord?

"... der mittlerweile ja als ,historisch' zu klassifizierende Völkermord ..."

Die Wannseekonferenz liegt gerade einmal 70 Jahre zurück, das sind zwei Generationen. Dieser Völkermord ist also zumindest Bestandteil der Zeitgeschichte. Es handelte sich darüber hinaus sich um ein Verbrechen, das alle bis dahin bekannten Grenzen der Amoralität einriss.
Ist es denn angesichts dieser Untaten von damals nicht möglich, das heutige Gerede vom Asylmissbrauch zumindest an dem Tag, an dem ein Denkmal für 500000 ermordete Sinti und Roma eingeweiht wird, zu unterlassen? Ist denn das wirklich zu viel verlangt?
Dieses ewige relativierende "Ja, aber..."-Gerede der Schlussstrichzieher könnte wenigstens für 24 Stunden verstummen.

Aesthetisch gut, politisch fragwuerdig

Auch wenn es kuenstlerisch ansprechend und angemessen ist, finde ich die politische Entscheidung, die einzelnen Opfergruppen separat zu ehren (wie schon beim Holocaust-Mahnmal) fragwuerdig.

Meiner Meinung nach schreibt man damit die von den Nazis vorgenommene Einteilung der Opfer (damals durch die Markierungen auf der Haeftlingskleidung) fort: Hier ist das Mahnmal fuer die mit dem Gelben Stern, da ist das fuer die mit dem Roten Winkel. Dabei sollte doch betont werden, dass alle Opfer gleichwertige Menschen waren.

Dazu kommt, dass es noch viele Opfergruppen gibt, die gar kein Mahnmal haben, wie Kommunisten, Zeugen Jehowas, Polen, Homosexuelle. Wird an sie auch in der Innenstadt von Berlin erinnert werden? Oder gibt es auch bei den Opfern mehr oder weniger wichtige?

Serben

Zitat 2: Dazu kommt, dass es noch viele Opfergruppen gibt, die gar kein Mahnmal haben, wie Kommunisten, Zeugen Jehowas, Polen, Homosexuelle. Wird an sie auch in der Innenstadt von Berlin erinnert werden? Oder gibt es auch bei den Opfern mehr oder weniger wichtige?

Stimme Ihnen zu - nur:
neben den Polen sollten auch die Serben,
die ebenfalls sytematisch verfolgt wurden und
ausgerottet werden sollten
(außerdem gab es unzählige ungesühnte Kriegsverbrechen
an den Serben, was immer "vergessen" wird),
sowie andere, dem "slawischen Untermenschen", wie sie
von den Nazis genannt und behandelt wurden,
nicht vergessen sondern entsprechend gewürdigt werden.

Guter Ansatz, ich denke auch es sollte die Klassifizierung der Menschen, die sich ja oft nur als deutsche Bürger Begriffen haben (man denke an die jüdischen Bürger, die im ersten Krieg für Deutschland gekämpft haben), durch die Nazis nicht fortführen.

Aber viellicht ist es auch, Dank der nicht existierenden Beschäftigung mit den eigenen Taten durch die Tätergeneration, ein Prozess, dass wir nun um eine Meile der Denkmäler nicht herum kommen. Ich selbst würde eine zentrale Gedenkstätte, die dann die Geschichte aller Opfer erklärt, dem Besucher die Schicksale informativ nahebringt, favorisieren.
Aber was nutzt schon ein Denkmal? Es ist wohl besser junge Menschen an den Ort der Verbrechen zu bringen, sprich in die KZs um den Irrsinn ansatzweise zu begreifen. Da muss man nicht nach Berlin, ein KZ findet man in jeder Ecke des Landes, auch wenn die Nazis die Vernichtung in den Osten "exportierten"... Pädagogen sind gefragt und ein Engagement des Staates (Fortbildungen, Fahrten) damit der Wahnsinn nicht vergessen wird, denn das zum Teil herrschende Geschichtsbild von Schülern ist problematisch.

Letztlich muss es darum gehen alle Opfer zu nennen und die Taten nicht in eine historische Ferne zu rücken. Ein Gegeneinander der Gruppen und ihrer Denkmäler gilt es zu vermeiden, ebenso modern aufgeladene Diskussionen um Geschlechter, wie der Irrsinn um Lesben und Transgender, die (histor. korrekt) nicht im schwulen Denkmal erscheinen.

Was jetzt?

"Dazu kommt, dass es noch viele Opfergruppen gibt, die gar kein Mahnmal haben, wie Kommunisten, Zeugen Jehowas, Polen, Homosexuelle. Wird an sie auch in der Innenstadt von Berlin erinnert werden? Oder gibt es auch bei den Opfern mehr oder weniger wichtige?"

Die Frage ist: Was sollte man jetzt konkret tun? Drei Opfergruppen haben ein eigenes Mahnmal: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle. Es ist bedauerlich, dass für die anderen Opfer kein Mahnmal existiert. (Zahlenmäßig die meisten Holocaust-Opfer, worauf ein Forist im "Tagesspiegel" hinwies.

Sollte man so "weitermachen" und jeder der weiteren Opfergruppen separat gedenken? Ein großes Mahnmal für alle Opfer errichten? Das Gedenken "dezentralisieren" und keine weiteren Mahnmale bauen? Ich bin da ratlos.

Jetzt

Meiner Meinung nach haette man von Anfang an nur ein Mahnmal fuer alle Opfer errichten sollen.

Dafuer ist es jetzt natuerlich zu spaet, man kann die bestehenden Denkmale ja nicht abreissen oder umwidmen. Bleibt also nur, allen Gruppen Denkmale in aehnlich prominenter Lage zu geben. Da wird der Tiergarten dann mit Mahnmalen zugepflastert sein. Und wie ehrt man z.B. die als "Asozial" Bezeichneten?

Klischee...

Anmerkung:

Auch den Bundesinnenminister hier, in dem Tagesspiegel Artikel des Autoren Bartels, in eine Position gegen die Roma und Sinti zu bringen, halte ich für wenig statthaft. Der Minister hat schließlich die Aufgabe gegen Missbrauch des Asylrechts (was letztlich den wirklich Bedürftigen schadet) vorzugehen. Ich sehe im Kosovo auch, trotz ethnischen Problemen keine Sicherheitslage wie in eine afrikanischen Bürgerkriegsland. Folglich gibt es aus dem Bereich des Balkans massiven Missbrauch des Asylrechts, dabei gilt anzumerken, dass nicht wenige mit Schleppern ihre "Fahrkarte" ins scheinbar gelobte Deutschland organisieren und keine Rückkehr in das wirtschaftliche problematische Heimatland wünschen. Es sind Wirtschaftsflüchtlinge und hierzu kann man als Bürger eine ablehnende Haltung einnehmen, ohne sich an irgendeiner Diffamierung der Roma und Sinti zu beteiligen.

Außerdem: Journalisten suchen oft nur notleidende Roma Sinti auf, so wird das Klischee auch bestärkt. Zudem gibt es Solwenen, Bulgaren etc die keine Roma sind aber ebenso arm! Was ist mit denen? Asylrecht?

Und dann muss sich die Gesellschaft der Roma und Sinti, trotz kultureller Identität, auch um die Ansprüche des modernen Rechtsstaates kümmern, Stichwort Zwangs- und Kinderehen.. etc.

Aber auch hier darf man nicht in die Klischee-Falle tappen, ebenso wie der Autor, der den Stereotyp des armen, vom Minister verfolgten Roma und Sinti bedient.