Der Bär trug einen waldgrünen Rock, feste Stiefel und schulterte eine Flinte. Verkleidet als Förster schmuggelte sich der Bär so auf den Försterball, und weil er eine besonders tiefe Brummstimme hatte, hielt man ihn gar für den Oberförster. Auf diese Weise erfuhr der Bär aus erster Hand, wie man, zumal unter trunkenen Förstern, so über Bären sprach. Als er dann noch allerhand Verwirrung stiftete, kamen die Grünröcke ins Grübeln über sich selber. Peter Hacks’ Fabel vom Bär auf dem Försterball, erschienen als Drama und Kinderbuch, bebildert den Kern der Faszination vom Spiel mit Tarnung und Rollen, bei der sich der Unterlegene oder Gejagte in die Sphäre der Mächtigen begibt, um Informationen zu sammeln, an die er anders nie gelangen würde, und um bei den Bespitzelten Zweifel auszulösen, die anders kaum geweckt werden könnten.

Der Autor, Journalist und Undercover-Rechercheur Günter Wallraff, der am heutigen Montag 70 wird, hat dieses Spiel im Ernst gespielt, jahrzehntelang. Schon als er 1969, als 28-Jähriger, "13 unerwünschte Reportagen" publizierte, hatte er als Ministerialrat Kröver einer erfundenen (!) Dienststelle Informationen zu Notstandsplänen in Fabriken erhalten, wo man gegen streikende Arbeiter bewaffnete "Werkschutzgruppen" aufbauen wollte. Auf konventionellem Weg, als fragender Journalist, hatte er, wie er sagt, "nur Zwecklügen und Ausflüchte" zu hören bekommen. Bei der Amtsbezeichnung Ministerialrat aber sei "bei den Zuständigen, denen das Preußentum noch in den Knochen" saß, am Telefon die Autoritätshörigkeit "eingerastet", und schon redeten sie. So erfuhr er von einer Geheimtagung der Gesellschaft zum Schutz der deutschen Wirtschaft mit Bundeswehr, Grenzschutz und Polizei. Wegen fahrlässiger Amtsanmaßung klagte die Staatsanwaltschaft den Bären an, der die Förster genarrt hatte – mit Glück endete die Sache durch Freispruch.

Geboren am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln als Sohn eines Arbeiters bei Ford und einer Mutter, deren hugenottische Familie eine Musikalienhandlung mit Klavieren besaß, wurde Wallraff zunächst Buchhändler, bis ihn die Bundeswehr rief. Dort diagnostizierte man bei dem jungen Pazifisten, er sei "untauglich für Krieg und Frieden". Heinrich Böll, mit dessen Nichte Wallraff in erster Ehe verheiratet war, brachte ihn auf die Idee, seine Erlebnisse bei der Bundeswehr aufzuschreiben.

Ermutigt vom Ertrag des ersten Rollenspiels machte Wallraff, der früh auch Lyrik und Dramen verfasst hatte, weiter. Seine Rollen perfektionierte er von Mal zu Mal, er suchte Verkleidungen, trug Bärte, probierte Akzente und übte etwa den Habitus eines Industriellen, der Napalm herstellte, und katholische Moraltheologen mit einem Gewissenskonflikt konfrontierte – fast alle der Etablierten sahen im Verkauf von Giftgas für den Krieg kein Problem. In einem Heim für Asylbewerber mimte Wallraff einen Obdachlosen, als williger V-Mann der NPD suchte er Nähe zum Verfassungsschutz, als Bote erkundete er Machenschaften des Gerling-Versicherungskonzerns. Unter dem Namen Hans Esser schmuggelte sich Wallraff in die Hannoversche Redaktion der Bild-Zeitung, und schrieb über deren unlautere Methoden den Bestseller Der Aufmacher. International erfolgreich wurde Wallraffs Bericht Ganz unten über die Zumutungen, wie er sie als Hilfsarbeiter und "Türke Ali" auf dem Bau erfuhr. Ganz unten erschien 1977, hatte in Deutschland eine Auflage von vier Millionen und wurde in 33 Sprachen übersetzt. Dunkel geschminkt testete Wallraff die rassistischen Reaktionen der Deutschen auf einen "Schwarzen". Nach einer Publikationspause deckte Wallraff in jüngster Zeit wieder als Undercover-Berichterstatter, unter anderem für die ZEIT und in TV-Produktionen Ausbeutung in Billiglohnjobs bei Callcentern, Paketservice-Firmen oder Großbäckereien von Supermarktketten auf.

Trotz aller Rollen, wird Wallraff nie zum Schauspieler, sondern bleibt immer mit sich selbst identisch

"Wallraff täuschte, um nicht getäuscht zu werden", erklärte ein Moderator des WDR in einem Interview 2008, und bezeichnete Wallraffs detektivisches Vorgehen in Tarnrollen als "totalen Journalismus". Sich selber sieht Wallraff weniger als Journalist – journalistischer Spielraum sei, so erklärte er, je nach Arbeitgeber meist begrenzt – denn als Aufklärer, der "den Interessen der Mehrheit" dient indem er sich für Freiheitsrechte einsetzt. Handeln, Botschaft und Ziel sind in seiner Person vereint, und wohl deshalb wirken Wallraffs politische Aktivitäten unter seinem Klarnamen auch so stimmig. Der Mann, der so viele Rollen spielen, in so viele Häute schlüpfen kann, wird nie zum Schauspieler, sondern bleibt mit sich selbst stets identisch.

Ohne Pathos, aber mit Verve und treffsicherer Provokation ist er in den Sphären unterwegs, die sein Leben prägen: Investigation, politische Aktion, Bildungsprojekte für Arbeiterkinder. Oft auch gehört das Risiko an Leib und Leben zur Wallraff-Aktion. 1974, im letzten Jahr der griechischen Militärdiktatur, kettete er sich in Athen an einen Laternenmast, forderte die Freilassung von Oppositionellen aus der Haft und wurde in der Folge selber gefoltert und wochenlang inhaftiert. Als Biermann ausgebürgert wurde, 1976, nahm Wallraff ihn eine Weile auf, und mehrmals beherbergte er Salman Rushdie, auf den Ayatollahs im Iran ein Kopfgeld ausgesetzt haben. Bis vor wenigen Wochen war Shahin Najib Wallraffs Hausgast, der iranische Rap-Musiker, der ebenfalls von einer Fatwa bedroht wird. Weil zu viele davon wussten, brachte der Gastgeber den Verfolgten an einen weiter weg gelegenen Ort.

Wallraff wünscht sich mehr Leute mit Zivilcourage am Arbeitsplatz

Für die Öffentlichkeit ist zweifellos Wallraffs Rolle des Bären auf dem Försterball die faszinierendste. Im liberalen Skandinavien ist sein Ruf so groß, dass sich das Verb "wallraffen" für das Aufdecken von Missständen mit den Mitteln der Tarnung eingebürgert hat. Gewallrafft hatten indes schon vor ihm einige Mutige, etwa in den USA, wo Journalisten sich zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg darin betätigten, Korruption in Institutionen aufzudecken. Theodore Roosevelt soll sie als Erster "muckraker" genannt haben – etwa "Mist-Harker" und pejorativ für Enthüllungsjournalisten gebräuchlich. Muckraker galten einerseits als Heroen der Aufklärung, wurden aber auch beargwöhnt, hinter jeder Kulisse Verkommenheiten zu vermuten und vor allem die üblen Seiten der Gegenwart zu beleuchten. Ohne Rollenspiel arbeiteten frühe Enthüller um den Kalifornier Lincoln Steffens im McClure’s Magazine, für das auch Jack London und Upton Sinclair schrieben. Sie brachten die Armut in den Städten ans Licht, Kinderarbeit, staatliche Gewalt, verfilzte Strukturen, und interviewten nicht nur offizielle Vertreter des Systems, sondern "the people" – damals eine Sensation.

Tatsächliche Insider als Enthüller von Missständen bilden eine weitere Variante des Genres. Zu den folgenreichsten und wenig bekannten gehört Edmund Dene Morel, Ende des 19. Jahrhunderts Angestellter einer Liverpooler Firma für den Handel mit Übersee. Dem Buchhalter kam es verdächtig vor, dass Transportdampfer aus König Leopolds "Kongo-Freistaat" voll beladen mit Waren wie Kautschuk und Elfenbein waren, während Schiffe, die dorthin ausliefen, nur Waffen, Ketten, Munition und Geschütze an Bord hatten. Morel beschaffte sich Informationen über das hunderttausendfache Morden und die Zwangsarbeit in Leopolds Kolonie, und veröffentlichte einflussreiche Artikel und Bücher, als engagierter Zeuge erster Ordnung und als investigativer Kolonialkritiker. Vermutlich die erste Undercover-Reporterin überhaupt war die New Yorker Journalistin Elizabeth Cochran (1864 –1922), die unter dem Namen Nellie Bly unter Fabrikarbeiterinnen recherchierte und Industriereportagen verfasste, und sich als strategische Simulantin in eine New Yorker Irrenanstalt einweisen ließ. Einer schockierten Öffentlichkeit berichtete sie davon, wie Insassen mit Seilen aneinandergefesselt, geschlagen und mit verdorbenen Lebensmitteln ernährt wurden.

Doch verdeckte Ermittlungen sind staatliches Monopol, daher lehrt Wallraff nicht an Journalistenschulen. Er wünsche sich, sagt er, mehr Leute mit Zivilcourage am Arbeitsplatz, die bereit sind, Missstände aufzudecken. Auf Webseiten wie whistleblower-net.de rufen Bürger zum konstruktiven "Verrat" auf, wenn etwa Rechte von Arbeitnehmern und Patienten verletzt werden. Ihr Vorbild ist der Hackerchef Julian Assange; als virtuelle Bären sind sie auf virtuellen Bällen in Datenarchiven unterwegs.

Dass ausgerechnet Deutschland einen herausragenden Autor hervorbrachte, der getarnt ausforscht, was hinter den Fassaden von Konzernen oder Boulevardblättern passiert, verdankt sich wohl auch der Tatsache, dass wenige Jahrzehnte zuvor staatskriminelles Geschehen hinter Stacheldraht und unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstatten ging. Wallraffs hoch entwickelter Sinn für Recht und Gerechtigkeit hat seine Methode moralisch legitimiert, und immer wieder folgte ihm darin sogar die Staatsanwaltschaft – gegen seine Gegner. Wer weiß, vielleicht gratuliert ihm heute, undercover, auch von irgendwo ein Staatsanwalt. Auf dem Försterball wird dieser Bär jedoch gewiss nicht feiern.

Erschienen im Tagesspiegel