Berlin-TourismusEine City Tax zum Wohle der Kunst?

Drei Viertel der Touristen kommen wegen der Kultur nach Berlin. Von der geplanten City Tax erhofft sich die freie Szene in der Hauptstadt einen Geldsegen. Zu Recht? von Patrick Wildermann

Ein Tanzabend mit dem Mahler Chamber Orchestra im Radialsystem, einem der gut besuchten neuen Spielorte ohne institutionelle Förderung

"Radiale Nacht“ mit dem Mahler Chamber Orchestra und der Compagnie Sasha Waltz & Guests im Radialsystem, einem der gut besuchten neuen Spielorte ohne institutionelle Förderung.  |  © Radialstem/Holger Talinski

Der Tourist hat in Berlin ein Beliebtheitsproblem. Kürzlich, im Theater, trat er mal wieder als Spottfigur in Erscheinung. Genauer: als saufseliger Maulheld im Fußballtrikot, der schlechte Manieren im Gepäck hat. Das Stück hieß Beertourist , die Gruppe Wunderbaum führte es zum Saisonstart am neuen HAU auf. Das passt in eine Stadt, wo gern mal "Touristen fisten" an die Wand gesprüht wird.

Alles schön und lustig, aber womöglich wird bald eine Imagekorrektur des Kurzurlaubers fällig. Schließlich bringt jeder reisende Fremde etwas mit, für das ihn künftig gerade die Künstler schätzen dürften: sein Geld. Nach dem Stand der Dinge wird Berlin für 2013 die City Tax beschließen, eine Steuer auf private Hotelübernachtungen in Höhe von fünf Prozent. Und nach dem Willen nicht weniger Kunstproduzenten in der Hauptstadt sollen die erwarteten Millioneneinnahmen zum Großteil der Kultur und mindestens zur Hälfte der freien Szene zugute kommen. Der Tourist von morgen, ein Mäzen und Avantgarde-Ermöglicher?

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Stattliche 75 Prozent der Berlin-Besucher kommen wegen der Kultur. Das hat der Tourismusverband Visit Berlin ermittelt. Eine City Tax zum Wohle der Kunst – die Kay Wuschek, Sprecher des Rats für die Künste, lieber gleich Kulturförderabgabe nennen würde – erscheint da nur logisch. In Metropolen wie New York oder Paris gibt es die Bettensteuer längst, auch Köln und Weimar haben sie schon, in über 90 deutschen Städten wird über die Einführung diskutiert.

Und was geschieht dort mit dem Geld? Am Rhein etwa flossen die Einnahmen 2011 großenteils in die Renovierung von Museen und Kulturbauten, in Stadtverschönerungsmaßnahmen und Standortmarketing. Der Kreativität der Haushälter sind keine Grenzen gesetzt.

In Berlin sehen die freischaffenden Künstler ihre Chance gekommen, mit der chronischen Unterfinanzierung ihrer Arbeit aufzuräumen. Von den 375 Millionen, die die Stadt sich ihre Kultur jährlich kosten lässt, fließen derzeit 95 Prozent in die institutionelle Förderung. Also unter anderem an die Opernhäuser, Theater, Orchester und ihre Angestellten. Um den überschaubaren Rest balgt sich die Vielzahl der unabhängigen Tänzer, Performer, Bildenden Künstler und Musiker. Das kreative Prekariat.

Die Koalition der Freien Szene – ein Zusammenschluss von über 70 Institutionen, Verbänden und Einzelpersonen sämtlicher Sparten – hat jetzt ein Positionspapier in zehn Punkten aufgesetzt, das zum Sturm auf die Bescheidenheit bläst. Die Annahme: Eine City Tax spült 40 Millionen Euro in die Berliner Kassen. Davon sollen 17,65 Millionen der freien Szene zugute kommen. Die detaillierten Forderungen reichen von Honoraruntergrenzen bei senatsgeförderten Projekten bis zur Schaffung von Orten mit eigenem Produktionsetat. Ist das nun vermessen oder recht und billig? Christophe Knoch, der Sprecher der Koalition, ist jedenfalls überzeugt, dass von einer derart verwendeten City Tax "ein größerer Impuls ausgehen könnte als von der Gründung des Hauptstadtkulturfonds". Was bekanntlich die Geburtsstunde der prosperierenden Berliner Kulturlandschaft war.

Auch Kulturmanager Jochen Sandig sieht die freie Szene in einer "fast historischen Situation". Einen solchen Schulterschluss der künstlerischen Sparten habe es in Berlin noch nie gegeben, selten zuvor solche Aufbruchsstimmung. Sandig hat das Tacheles mitgegründet, das jüngst zu Grabe getragen wurde , er hat die Sophiensäle angeschoben und das Radialsystem aus der Taufe gehoben. Er verkörpert das gewachsene Selbstbewusstsein einer Szene, die sich professionalisiert und internationalisiert hat, die längst nicht mehr nur in Hinterhöfen haust. Immer wieder erschließt sie innovative Spielorte und will ihre Bedeutung als Wirtschaftsfaktor gewürdigt sehen – statt nur dem Image der Stadt zu dienen.

Leserkommentare
  1. Na, wie voll kann man den Gaul denn laden, bis er zusammenbricht?

    Ein neuer Trog, für ein leistungsloses Einkommen der selbsternannten "Kreativen". Na wenn das mal nichts ist. Anstatt irgend etwas abzuliefern, für das die Touristen und andere Interessierte, wirklich bereit sind Geld auszugeben, gibt es Geschrei und einen Tanz um die Töpfe. Typisch Berlin.

    Eine Leserempfehlung
  2. kommen dann bitte investieren:

    mehr Tempo 30 Schilder

    mehr Radwege

    besseres Schulessen

    mehr sozialer Wohnungsbau

    mehr Polizeibeamte

    Schuldenabbau

    wenn dann noch ein paar Euro übrig sein sollten würde es mich wundern.

    Der Durchschnittstourist, so günstig wie möglich untergebracht, so günstig wie möglich unterwegs,
    Junkfoodkonsoment, Alkoholinderöffentlichkeittrinker/in etc
    darauf könnte die Stadt verzichten genau so wie auf die ganzen Wohnungen die nun Ferienwohnungen sind damit billig übernachtet werden kann.

    Mehr für die Bürger der Stadt und nicht für Touristen das wäre mal eine Aktion die sich lohnt.

    • TDU
    • 16. November 2012 16:45 Uhr

    Berlin ist der größte Transferempfänger. Vielleicht sollte also mit dem Geld auch daran was getan werden, und die freie Szene, für die am Rhein übrigens auch viel getan wird, sollte nicht zu unbescheiden sein.

    Als Privatmann oder Griechenland kann ich auch keine Einnahmen verwenden und die Schulden völlig ausser acht lassen.

    Grundsätzlich sollte sich die freie Szene verstärkt in der freien Wirtschaft umschauen. Da müssen sie überzeugen, das stärkt die Kompetenz, und freier sind sie auch.

    Und vielleicht ändert sich bei machen Reichen und Schönen einiges an Bewusstsein im Hinblick auf Soziales Handeln.

  3. Der Kultursektor in Berlin saugt die Landeskasse schon jetzt leer. Pro Kopf zahlt Berlin mehr für die Kunst als Hamburg. Und Hamburg ist viel reicher.

    Die Tax sollte hier Zahlungen ersetzen, damit die Stadt wieder atmen kann.

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    Die Stadt Berline bekommt auch eine Sonderzulage als Bundeshauptstadt. Die dort reingerechneten Beträge enthalten auch beträge für die kulturelle Erbauung des diplomatischen Korps unserer Gäste. Warum eine Metropole, die sich gerne auf Augenhöhe mit Paris und Co. sieht, diese Sonderaufwendungen braucht, kann sich jeder selbst überlegen.

  4. Die Stadt Berline bekommt auch eine Sonderzulage als Bundeshauptstadt. Die dort reingerechneten Beträge enthalten auch beträge für die kulturelle Erbauung des diplomatischen Korps unserer Gäste. Warum eine Metropole, die sich gerne auf Augenhöhe mit Paris und Co. sieht, diese Sonderaufwendungen braucht, kann sich jeder selbst überlegen.

  5. alles schön und lustig?
    Scheint ja echt Geschmackssache zu sein, welche Aufforderung zur Gewalt gegen Fremde schön und lustig ist.

    • the_cat
    • 21. November 2012 13:52 Uhr

    Als ehemaliger Berliner kann ich sagen, dass die sogenannte freie Szene definitiv einen wichtigen Teil zur Attraktivität der Stadt für Touristen, aber auch Migranten darstellt.
    Dies trägt dazu bei, dass Berlin dynamischer wird und auflebt.
    Das die freie Szene nun jetzt einen Teil von der Stadtsteuer (was ist City Tax wieder für ein scheiss Anglizismus bitte?) abhaben möchte kann ich daher sehr verstehen.
    So mancher Kommentator der von leistungslosem Empfangen redet war offenbar noch nie bei Improtheaterfestivals, Poetry Slams usw. usw.. Dort wird z.T. viel gearbeitet und zwar für wenig Geld bzw. umsonst.

    Ich hoffe die City Tax verschwindet nicht in Elite Champus Veranstaltungen wie Opernhäusern, die zwar gut und schön sind, aber 99% der Bevölkerung am Derrière vorbeigehen.

    Tschau,

    the_cat

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