Holocaust-ÜberlebendeSchicksale, die auf Reisen gehen

Sieben Holocaust-Überlebende haben ihre Erinnerungen in einer Schachtel gesammelt. Schauspieler werden ihre Geschichten, Bilder und Fotos nun um die Welt tragen. von 

Haifa 1950: Benjamin Ginzburg mit Sohn Eytan

Haifa 1950: Benjamin Ginzburg mit Sohn Eytan  |  © 2012, Keep Me in Mind und Benjamin Ginzburg

Benjamin Ginzburg, 93, sitzt bereits geduldig da, als die Gäste in Abendgarderobe eintreffen. Er trägt ein hellblaues Hemd, sein Stock lehnt am Stuhl. Zu ihm soll die Welt an diesem Abend kommen. Seine Tischnachbarn sind der Gesandte der holländischen Botschaft und die Gesandte der Schweiz . Sie werden sich bald zu ihm setzen; zu ihm und seinem Sohn Eytan und seinem Enkel Nimrod, die ebenfalls in das feine Restaurant mit Blick über die Haifaer Bucht gekommen sind, um den Beginn einer Reise zu feiern: Es ist die Reise von Ginzburgs Geschichte und der Geschichten sechs weiterer Holocaust-Überlebender. Sie soll auch dann noch andauern, wenn er und die anderen längst nicht mehr am Leben sind.

Die sieben Überlebenden, die in einem Heim für Holocaust-Überlebende in Haifa leben, haben ihre Erzählungen jungen Schauspielerinnen anvertraut. Alle mehr oder weniger in jenem Alter, in dem sie sich damals befanden, als ihre Welt für immer aus den Fugen geriet. Es sind Geschichten wie diese aus dem Jahr 1942: Sara Samir ist vierzehneinhalb, mit der Mutter auf der Flucht. Ein Mann bietet an, sie in Sicherheit zu bringen. Alleine. Soll sie bei der Mutter bleiben oder mitgehen? Ihre Mutter nimmt ihr die Antwort nicht ab. "Das ist Deine Entscheidung ." Das Mädchen fragt eine Freundin um Rat. Diese sagt: "Aber wenn Du gehst, dann wirst du die einzige Jüdin sein, die überleben wird und du wirst eine große Familie haben müssen." Es gibt auch die Geschichte von jenem Moment im Ghetto "als ich begriff, dass ich keine Eltern mehr habe." Schicksale, die Wunden hinterlassen, die nie heilen können.

Anzeige

Die jungen Schauspielerinnen wollen Botinnen dieser Geschichten sein, sie werden sie weiter erzählen . Und sie werden die Schachteln, die die Überlebenden mit Zeichnungen, Fotos und Erinnerungen aus ihren Leben gefüllt haben, weitergeben an neue Boten. Nächste Station ist Berlin , von dort aus werden die Erinnerungen in alle Länder und Städte reisen, die die Überlebenden in ihren Odysseen passiert haben.

"Keep Me in Mind"
Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Fotostrecke zu öffnen

Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Fotostrecke zu öffnen  |  © 2012, Keep Me in Mind und Siegfried Teller

Keep me in mind heißt das Projekt, das sich die Regisseurin Christina Friedrich als Antwort aufs Vergessen ausgedacht hat. Sie will Lebensspuren sichern und dorthin zurückbringen, wo sie entstanden. Auslöser war ein Zitat. Miriam Kremin, die wie die anderen Ehrengäste dieses Abends in einem Heim für Holocaust -Überlebende in Haifa lebt, hatte der Frankfurter Allgemeinen gesagt: "Wenn wir nicht mehr sind, werden bald Leute kommen, die behaupten, dass das damals alles anders war."

Die gebürtige Ostdeutsche Friedrich hat die Frau daraufhin aufgesucht, ihr zugehört und sie Zeichnungen anfertigen lassen. Dabei überprüfte sie auch ihren eigenen Zugang zur Vergangenheit. Natürlich habe sie im Geschichtsunterricht in der Schule alles über den Holocaust erfahren. Aber wenn sie ihre Großeltern nach den Juden fragte , habe es ein riesiges Schweigen gegeben. Sie hat eineinhalb Jahre viel zugehört, Geschichten herausgelöst, über die Reihenfolge der Erzählungen entschieden, wie sie vorgetragen werden. Jetzt möchte die 47-Jährige an diesem feierlichen Abend also eine "Zeitkapsel" packen und am liebsten für immer auf Reisen schicken. Manchen Gästen ist ihre Inszenierung zu kitschig, sie fühlen sich auch gestört von dem überaus feierlichen Rahmen. Aber die Ehrengäste, um die es schließlich geht, wirken hinterher gelöst.

Benjamin Ginzburg hat zwar seine Botin neben sich, aber an diesem Abend redet er – noch – selbst. Er erzählt, wie er 1943 mit gefälschten Papieren in Europa unterwegs ist, und ihm nach der Arbeit ein deutscher Offizier Salben verabreicht, um seine verbrannte Haut zu lindern. Dabei erklärt ihm der Offizier stolz seinen Hass auf Juden, die er aus drei Kilometer Distanz riechen könne.

Ginzburgs Stationen bis 1945 sind Litauen , Polen , Deutschland, Holland , Schweiz. Er hat sie aufgezeichnet, mit krakeliger Schrift, aber gut lesbar. Auf einem anderen Blatt listete er die "Stimmen des Himmels" auf: Mozart, Tschaikowski , Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Vivaldi, Puccini, Verdi, Mahler, Rossini, Offenbach , Händel, Lehar. Insgesamt acht Seiten befinden sich in dem Umschlag, den die Gäste mit nach Hause nehmen werden.

Leserkommentare
  1. Ich möchte hier zum einen den Überlebenden selbst, die ihre unbegreiflichen Geschichten und Erinnerungen zu Verfügung stellen; denjenigen, die sie sammelten; und zuletzt Ihnen, Frau Dachs, die Sie darüber berichten, meinen Dank für diesen großen Beitrag zur Sicherung dieser Erlebnisse als kaum begreifliches, historisches Relikt unserer Zeit, aussprechen.

    Es sind solche Erinnerungen, ja Erfahrungen, die auch der Jugend heutiger Zeit (zu welcher ich mit meinen 14 Jahren auch gehöre) auf besondere Art und Weise deutlich machen können, was kein anderes Medium zu vermitteln vermag.

    Ein sehr schön angelgetes Projekt. Denn nur das Gute kann das Böse - auch heute noch - wirklich schlagen.

    Keep them in Mind...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Enkel | Erzählung | Holocaust | Zeichnung | Niederlande | Litauen
Service