KunstaustauschBürger als Raum-Programmierer

Kultur trifft Politik: Der Künstler Olafur Eliasson schrieb ein Stipendium für Berliner Politiker aus. Guido Brendgens, Referent der Linken, bekam es. Ein Experiment von 

Guido Brendgens und Olafur Eliasson (rechts)

Guido Brendgens und Olafur Eliasson (rechts)  |  © Johannes Bock/UdK Berlin

Der öffentliche Raum ist nicht neutral. Jeder Mensch, der sich durch ihn bewegt, nimmt ihn anders wahr: "Das Gehen selbst bringt den Raum hervor. Wir kreieren den Raum, wir konsumieren ihn nicht. Wir sind verantwortlich für ihn", sagt der Künstler Olafur Eliasson . In seinem Institut für Raumexperimente (IfREx) , das der Universität der Künste Berlin angegliedert ist, betreibt er mit seinen Studierenden künstlerische Forschung . Eliasson und seine Studenten nutzen in ihrem Projekt Walks – Wanderungen – durch die Stadt Spiegel oder laufen rückwärts, um die Alltagsperspektive zu brechen. Mit gefärbten Tauben und Bakterien- und Pilzinstallationen sind Eliassons Studenten international auf Ausstellungen vertreten.

"In der Politik beschäftigen wir uns auch täglich mit Raum, mit Wohnungspolitik und Umweltfragen", sagt Guido Brendgens . Er ist Referent für Stadtentwicklung, Bauen, Wohnen, Verkehr und Umwelt der Fraktion Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus.

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Ein halbes Jahr lang nahm Brendgens als Stipendiat am Programm des IfREx teil; von April bis Oktober besuchte er Veranstaltungen von Eliasson und dessen Studierenden, Ausstellungen in Bunkern oder umgebauten Ballonhallen.  Das halbe Jahr bezeichnen Brendgens und Eliasson als bereicherndes und erfolgreiches Experiment.

Politiker ohne Mut zur Kunst?

Im Winter 2011 hatte Eliasson ein Stipendium an seinem Institut ausgeschrieben . Es richtete sich an "Abgeordnete des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses und deren Mitarbeiter in Fachausschüssen". Ziel sollte sein, "eine direkte Auseinandersetzung zwischen politischer und künstlerischer Praxis durch kritischen Austausch im gemeinsamen Alltag zu ermöglichen". Das Motto des Stipendiums: "Politik ist die Kunst des Möglichen. Kunst ist die Politik des Unmöglichen."

Sich mit der Politik des Unmöglichen zu beschäftigen kam offenbar keinem der 149 Berliner Abgeordneten in den Sinn: Von ihnen bewarb sich niemand. Vielleicht aus Zeitgründen, vielleicht aber auch, weil es anstrengend genug ist, um Wählerstimmen zu konkurrieren als auch noch um die Aufmerksamkeit eines der berühmtesten Künstler der Gegenwart. Denn letztlich ist ein Bewerbungsgespräch bei Olafur Eliasson eine Art Direktwahl, von Angesicht zu Angesicht.

Interesse am öffentlichen Raum

Statt hauptamtlicher Politiker bewarben sich zwölf Mitarbeiter von der SPD , den Grünen , den Piraten und der Linken. Von der CDU – immerhin zweitstärkste Fraktion im Abgeordnetenhaus – bewarb sich niemand. Vier Bewerber wurden eingeladen; Guido Brendgens, 39 Jahre alt, bedacht, freundlich, strukturiert, setzte sich durch. "Mir ging es um den Raum", sagt Brendgens, "nicht darum, im Abglanz eines Künstlers zu stehen."

Vom Institut für Raumexperimente hatte er zuvor nie gehört – und auch nicht von Olafur Eliasson. "Vielleicht ist das symptomatisch", sagt er selbstkritisch und meint damit die Entfernung zwischen der Politik und der Kunst.

Wöchentliche Erfindung des Studienplans

Dabei arbeitet Brendgens selbst seit Jahren an institutionellen Schnittstellen zwischen Architektur und Politik. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Kunstgeschichte war er Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau. 2003 veröffentlichte er mit Norbert König einen Architekturführer Berlin ; vier Jahre später promovierte Brendgens in Architekturtheorie an der Technischen Universität Dresden über Parlamentsbauten in Deutschland. Seit 2007 ist er Referent für Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus.

Das Stipendium am IfREx war undotiert, und Brendgens gerade in Elternzeit. Mit einem normalen Berufsalltag wäre die Teilnahme wohl kaum möglich gewesen. Ein Curriculum gebe es nicht, "das wird jede Woche neu erfunden – ganz anders, als ich Studieren kenne." Durch die Zeit mit Eliasson und den Studierenden habe er den öffentlichen Raum anders wahrzunehmen gelernt, sagt  Brendgens: "Wie wir uns bewegen, als Menschen aufeinandertreffen und den Raum verändern, ist entscheidend. Kunst kann dieses Handeln verdeutlichen, stärker hervorheben und unsere gewohnte Wahrnehmung verändern."

Interdisziplinäre Stipendiaten

Bisher waren Anthropologen, Kuratoren oder Kulturwissenschaftler Stipendiaten an Olafur Eliassons Institut. "Es wäre ein Fehler gewesen, im Laufe der Zeit nicht auch einen Politiker einzuladen", sagt der Künstler. Er sei überzeugt, dass "der immer größere Abstand zum politischen System ein Problem für junge Künstler ist". Hinter jeder Politik stehe auch ein Mensch, der "innerhalb eines eigenen Systems arbeitet und damit auch einen prozessualen Alltag hat".

Das Politiker-Stipendium passt deshalb in die interdisziplinäre Logik des Instituts für Raumexperimente: Denn Eliassons gut 30 reguläre Studenten haben oft zuvor etwas ganz anderes als Kunst studiert, beispielsweise Archäologie oder Medizin. Die Arbeit des 2009 gegründeten Instituts für Raumexperimente ist auf fünf Jahre angelegt. Eliasson sagt, es habe "eine Verantwortung, mit den Teilnehmenden die Umwelt zu entmystifizieren, oder ihnen ihre Umwelt vertrauter zu machen".

Leserkommentare
  1. Idee und Ausführung dieses Stipendiums sind starke, kräftige Zeichen für Politik und Kunst - und damit für uns, die wir leben und denken und geben und nehmen und durch unser Dasein die öffentlichen Räume zu dem machen, was sie sind undoder sein werden, mit sehr viel Zuversicht und Mut sogar sein können.
    Gibt es eine direktere, ausführlichere Auskunft über die Zusammenarbeiten der beiden Herren?

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  • Schlagworte SPD | Bundestag | Künstler | Spiegel | Bewerbungsgespräch | Direktwahl
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