Theateraufführung in LondonSind wir nicht eher Pussy als Riot?

Das Londoner Royal Court Theater veranstaltet eine Hommage an die Pussy-Riot-Aktivistinnen. Politisches Statement oder Wohlfühlanarchie? von Annette Walter

Darstellerinnen des Pussy-Riot-Tags am Royal Court Theatre in London

Darstellerinnen des Pussy-Riot-Tags am Royal Court Theatre in London  |  © Helen Murray

Fünf Frauen in neonfarbenen Kleidern und Strumpfhosen, Pussy-Riot-Schick aus dem H&M-Regal. Sie knien auf dem Boden, bekreuzigen sich, falten die Hände, beten zur heiligen Mutter Gottes, tragen Schwarz-Weiß-Fotos von Wladimir Putin auf die Bühne und bemalen sie hastig. Der russische Präsident bekommt eine leuchtend gelbe Mütze verpasst, sein Gesicht wird mit einem pinkfarbenen Penissymbol verschandelt und das Wort cock , Schwanz, in grellroten Buchstaben auf seine Nase gekritzelt. Zum großen Pogo-Finale streifen sich die Frauen die charakteristischen Strickmützen über, werfen weitere ins Publikum und animieren die Zuschauer, sich ebenfalls zu maskieren. Das vornehmlich weibliche Publikum macht gerne mit.

Man wähnt sich in einer Light-Version des Punkgebet-Videos von Pussy Riot , das seit den endlosen Wiederholungen in Internet und Fernsehen Teil des popkulturellen Gedächtnisses geworden ist. Doch tatsächlich ist man am Royal Court Theatre in London , einer der wichtigsten Bühnen Großbritanniens , im vornehmen Stadtteil Chelsea , mitten in einer Pussy-Riot-Hommage .

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Die Teilrepublik Mordwinien und die Stadt Perm, wo sich die Lager befinden, in denen die russischen Aktivistinnen Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina ihre Strafen absitzen , sind sehr weit weg an diesem Nachmittag. Ist ein britischer Pussy Riot ein mutiges politisches Statement oder eine modische Geste, die man wie eine der Wollmützen nach Lust und Laune aufsetzen und abstreifen kann?

Die Regisseurin Caroline Steinbeis wirkt nach der Aufführung zufrieden und erleichtert, aber auch erschöpft. In einem Probenmarathon von 48 Stunden hat die 32-jährige Münchnerin mit dem sechsköpfigen Ensemble Stücke der russischen und britischen Autorinnen Yaroslava Pulinovich, Yulia Yakovleva, Penelope Skinner, Rachel De-Iahay und E.V. Crowe erarbeitet. Die Texte wirken fragmentarisch, zitieren unter anderem Aussagen von Tolokonnikowa , Aljochina und Samuzewitsch vor Gericht, sind als Antworten auf die Ereignisse in Russland gedacht.

Steinbeis ist sich der Zweischneidigkeit ihrer Inszenierung bewusst. "Wir sind hier so weit entfernt von dem Ort, an dem die Pussy-Riot-Aktivistinnen verhaftet und verurteilt wurden. Russland tangiert uns auf einer sehr bequemen Ebene. Es ist ein Riesenwiderspruch, dass wir als Engländer und Europäer mit so einer Inszenierung reagieren."

Wieso tut sie es trotzdem? Sie wolle eine Debatte entfachen, sagt Steinbeis: Wie definieren sich Künstlerinnen, welchen Feminismus leben sie, sind sie kämpferisch, wollen sie einen riot oder sind sie pussy ? Am Royal Court will man dranbleiben am Thema, nachdem der große Furor vieler Künstler, der die Verhaftung und Verurteilung von Tolokonnikowa, Aljochina und Samuzewitsch begleitete, abgeflaut ist.

Leserkommentare
  1. "..., welchen Feminismus leben sie,..., wollen sie einen riot oder sind sie pussy?"

    Bedeutet das, wer keinen Riot will, ist zur Strafe ein weibliches Geschlechtsteil?
    Und was ist dann wohl ein Riot, in Körperteilen?

    ;)

    Wenn E.V. Crowe tatsächlich nichts einfällt, wogegen sie bei sich zuhause rebellerieren könnte, bestätigt das ja wohl, daß es nur jenseits der westlichen Welt Probleme gibt.

    (Ironie throughout ;))

  2. Wer kommt da wohl zur Debatte?
    Charlotte Roche?

  3. Mag sein,daß ich etwas altbacken daherschreibe, doch ich kann diese Art Feminismus in keinster Weise nachvollziehen, noch akzeptieren oder unterstützen!!
    Es ist eine Sache "feministisch" zu sein, wie es damals vielleicht Beate Rotermund-Uhse war, die sich nach Kriegsende dafür einsetzte,d. Frauen über ihre Sexualität (und deren Folgen)selbst bestimmen konnten, oder wie eine - wenn auch umstrittene -Alice Schwarzer, die sich ( auf ihre eigene Art) für die Gleichberechtigung der Frauen stark macht. Doch wenn ich diese Definition von " Feminismus" lese, die zu Lasten religiöser Gefühle der Mitmenschen geht, die so sehr auf "Auflehnung" beharrt, daß sie die einfachsten Regeln des menschlichen Miteinanders mit den Füßen tritt,allein um der Auflehnung Willen, frage ich mich, welche Werte diese Leute ihren Kindern und den nachfolgenden Generationen mitgeben??! Sorry,aber das entbehrt für mich jeglicher Logik!

  4. Das Wort gefällt mir. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass man durch einige NGOs Putins Haltung im UN-Sicherheitsrat abstrafen will. Genauso wie bei China und der Inselgruppe...

  5. "Ist ein britischer Pussy Riot ein mutiges politisches Statement oder eine modische Geste, die man wie eine der Wollmützen nach Lust und Laune aufsetzen und abstreifen kann?"

    "Mutig" ist das ohnehin nicht, sich im komfortablen England bunte Mützchen aufzuziehen. Die Halbwertzeit politischer Kampagnen nimmt ab, sie werden konsumiert, sind eine Zeit lang modisch, und schnell wieder vergessen.

    Wer denkt z.B. noch an "KONY 2012", die, ohnehin zweifelhafte, Kampagne zur Festsetzung von Joseph Kony, die vor einigen Monaten Millionen Menschen zu einem Klick auf "Ich mag das" veranlassste und sie in einen Rausch der politischen Veränderung versetzte? Eben.

    • E.Wald
    • 05. November 2012 19:01 Uhr

    zu diesem - in meinen Augen - völlig übertriebenen Pussy-Riot-Hype: Das schlechte Gewissen der Satten, die sich als Gegengewicht zum eigenen Wohlergehen gern den Ruhm des selbstlosen Kämpfers geben wollen:
    "Pussy Riot haben etwas getan. Wir sitzen stattdessen in einem Theater und unterhalten uns", kritisiert sie. "Vielleicht sollten wir auch lieber aktiv werden."

    Allerdings gäbe es auch in GB oder bei uns genügend Themen, für die man sich sinnvoll einsetzen könnte, wenn man denn einen Blick dafür entwickelt hätte (ich denke hier z.B. an alte Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, jetzt mit zu magerer Rente zuhause sitzen, weil sie sich keine neuen Schuhe leisten können).
    Dummerweise ist der Einsatz für solche echten Probleme mühsam und unsexy und ziemlich glanzlos; er kann also das Bedürfnis nach dem "Ruhm des selbstlos Engagierten" nicht stillen.

  6. die zeigen auch die Szenen wie sie sich beim Gruppensex im Museum beteiligen oder sich gefrohrene Brathähnchen vaginal einführen. Wenn schon dann alles! Und wie sie Polizeiautos anzünden sollte auch nicht fehlen.

    • Wopo
    • 07. November 2012 17:48 Uhr

    Übertriebener Hype? Iste s nicht eher ein Skandal, dass so eine Behandlung in einem europäischen Land heute noch möglich ist? Ich würde mir viel mehr Solidarität mit Pussy Riot wünschen, auch hier bei uns!

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