Andreas Dresen wird Verfassungsrichter in Brandenburg . Drei der neun Richter dort dürfen Laien sein. Der Filmemacher wurde mit breiter Zustimmung aller Landtagsfraktionen auf eine der Stellen gewählt. Nun hat er nach einer mehrwöchigen Bedenkzeit zugesagt.

Ein Kulturschaffender auf einem Richterposten? Das gab es mit dem Schriftsteller und Musiker Florian Havemann schon einmal, und enthüllt bei näherer Betrachtung einen großen Reiz: mit der Berufung von Laienrichtern einen Blick von außen in den Verfassungsapparat zu werfen. Damit er vor lauter Kleingedrucktem in den Akten nicht den Blick aufs Wesentliche verliert.

Das Wesentliche ist die Verfassung und die Frage, ob die Gesetze des Landes die darin verankerten Grundrechte gewährleisten. Künstler zeichnet nun aus, dass sie sich mit den Zuständen auseinandersetzen, wie sie sind, indem sie ihnen eine Vorstellung davon gegenüberstellen, wie sei sein könnten oder sein sollten. Sie entwerfen Zukunft.

Nichts anderes ist die Aufgabe der Verfassungsrichter: Indem sie darüber entscheiden, wie sich in Gesetzen übergeordnete Gedanken wie die Vorstellung von der Würde des Menschen ausprägen und unser Leben gestalten, formulieren sie ebenfalls Zukunft.

Dresen ist zweifelsohne ein besonders geeigneter Kandidat für diese Aufgabe. Der Regisseur hat Filme gedreht wie die Sozialdramen Halbe Treppe und Wolke 9 , dazu einen Film über einen Sterbenden und die Herausforderungen häuslicher Pflege und – im Abstand von knapp zehn Jahren – zwei Dokumentationen über den Landespolitiker Henryk Wichmann , die auf tragischkomische Weise die Realität von Politik und Demokratie vermitteln. Völlig unabhängig davon, dass Wichmann Mitglied einer bestimmten Partei ist (nämlich der CDU ), hat Dresen dem Zuschauer vor Augen geführt, wie deutsche Politik an der Basis funktioniert und in welchem Verhältnis der Bürger zur politischen Klasse steht.

Immer wieder wurden Dresens Arbeiten gelobt und ausgezeichnet für ihre realistische Darstellung. Dazu gehört für den Filmemacher, sich äußerst intensiv mit seinem Stoff auseinanderzusetzen. Für seine zweite Wichmann-Dokumentation begleitete er den Landtagsabgeordneten ein Jahr lang. Für sein Krebsdrama Halt auf freier Strecke legte er eine ganze Datenbank von Gesprächen mit Ärzten, Sterbebegleitern und Angehörigen an, aus denen er dann die Szenen des Films entwickelte. Zudem arbeitet er auch in seinen Spielfilmen häufig mit Laien. So war der Arzt, der im Krebs-Film die fatale Diagnose überbringt, ein echter Onkologe, der solche Patientengespräche tatsächlich führen muss.

Dresens Bilder wirken – selbst wenn sie fiktional sind – nie geglättet.

Vor allem aber zeigen Dresens Filme nicht nur, wie wir leben. Sie schlagen auch Antworten vor auf die Frage, wie wir leben wollen. Die sind bei ihm nicht einfach, aber stets lebensbejahend. Selbst Halt auf freier Strecke strahlt trotz aller Tragik des Geschehens Optimismus aus. Dresen prägt die Hoffnung, dass wir, so wie wir leben müssen, auch froh leben können. Entsprechenden Respekt bringt er Menschen entgegen, die sich um die Gestaltung des Lebens bemühen, wie der manchmal wahrhaft sisyphoshaft wirkende Wichmann.

Man darf sich also auf die Mitarbeit von Andreas Dresen als Verfassungsrichter freuen. Im besten Falle wird sie sein wie seine Arbeit bisher: hellsichtig und erhellend zugleich.