Verfassungsrichter DresenUrteilen mit dem geübten Blick eines Filmemachers

Andreas Dresen wird Verfassungsrichter. Was zunächst merkwürdig wirken mag, ist ein echter Glücksgriff. Der Regisseur hat schon oft seine Hellsichtigkeit bewiesen. von 

Der Regisseur Andreas Dresen während der Filmfestspiele in Cannes 2011, wo sein Film "Halt auf freier Strecke" Premiere feierte.

Der Regisseur Andreas Dresen während der Filmfestspiele in Cannes 2011, wo sein Film "Halt auf freier Strecke" Premiere feierte.  |  © Andreas Rentz/Getty Images

 Andreas Dresen wird Verfassungsrichter in Brandenburg . Drei der neun Richter dort dürfen Laien sein. Der Filmemacher wurde mit breiter Zustimmung aller Landtagsfraktionen auf eine der Stellen gewählt. Nun hat er nach einer mehrwöchigen Bedenkzeit zugesagt.

Ein Kulturschaffender auf einem Richterposten? Das gab es mit dem Schriftsteller und Musiker Florian Havemann schon einmal, und enthüllt bei näherer Betrachtung einen großen Reiz: mit der Berufung von Laienrichtern einen Blick von außen in den Verfassungsapparat zu werfen. Damit er vor lauter Kleingedrucktem in den Akten nicht den Blick aufs Wesentliche verliert.

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Das Wesentliche ist die Verfassung und die Frage, ob die Gesetze des Landes die darin verankerten Grundrechte gewährleisten. Künstler zeichnet nun aus, dass sie sich mit den Zuständen auseinandersetzen, wie sie sind, indem sie ihnen eine Vorstellung davon gegenüberstellen, wie sei sein könnten oder sein sollten. Sie entwerfen Zukunft.

Nichts anderes ist die Aufgabe der Verfassungsrichter: Indem sie darüber entscheiden, wie sich in Gesetzen übergeordnete Gedanken wie die Vorstellung von der Würde des Menschen ausprägen und unser Leben gestalten, formulieren sie ebenfalls Zukunft.

Dresen ist zweifelsohne ein besonders geeigneter Kandidat für diese Aufgabe. Der Regisseur hat Filme gedreht wie die Sozialdramen Halbe Treppe und Wolke 9 , dazu einen Film über einen Sterbenden und die Herausforderungen häuslicher Pflege und – im Abstand von knapp zehn Jahren – zwei Dokumentationen über den Landespolitiker Henryk Wichmann , die auf tragischkomische Weise die Realität von Politik und Demokratie vermitteln. Völlig unabhängig davon, dass Wichmann Mitglied einer bestimmten Partei ist (nämlich der CDU ), hat Dresen dem Zuschauer vor Augen geführt, wie deutsche Politik an der Basis funktioniert und in welchem Verhältnis der Bürger zur politischen Klasse steht.

Wenke Husmann
Wenke Husmann

Wenke Husmann ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Immer wieder wurden Dresens Arbeiten gelobt und ausgezeichnet für ihre realistische Darstellung. Dazu gehört für den Filmemacher, sich äußerst intensiv mit seinem Stoff auseinanderzusetzen. Für seine zweite Wichmann-Dokumentation begleitete er den Landtagsabgeordneten ein Jahr lang. Für sein Krebsdrama Halt auf freier Strecke legte er eine ganze Datenbank von Gesprächen mit Ärzten, Sterbebegleitern und Angehörigen an, aus denen er dann die Szenen des Films entwickelte. Zudem arbeitet er auch in seinen Spielfilmen häufig mit Laien. So war der Arzt, der im Krebs-Film die fatale Diagnose überbringt, ein echter Onkologe, der solche Patientengespräche tatsächlich führen muss.

Dresens Bilder wirken – selbst wenn sie fiktional sind – nie geglättet.

Vor allem aber zeigen Dresens Filme nicht nur, wie wir leben. Sie schlagen auch Antworten vor auf die Frage, wie wir leben wollen. Die sind bei ihm nicht einfach, aber stets lebensbejahend. Selbst Halt auf freier Strecke strahlt trotz aller Tragik des Geschehens Optimismus aus. Dresen prägt die Hoffnung, dass wir, so wie wir leben müssen, auch froh leben können. Entsprechenden Respekt bringt er Menschen entgegen, die sich um die Gestaltung des Lebens bemühen, wie der manchmal wahrhaft sisyphoshaft wirkende Wichmann.

Man darf sich also auf die Mitarbeit von Andreas Dresen als Verfassungsrichter freuen. Im besten Falle wird sie sein wie seine Arbeit bisher: hellsichtig und erhellend zugleich.

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Leserkommentare
  1. gelungener Bericht von Frau Husmann dem man nichts hinzufügen muß.

    Auch wir drücken dem neuen Verfassungsrichter die Daumen.

    Vielleicht ein Vorreiter für die Besetzung wichtiger Ämter einmal ganz anders.

    5 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 07. November 2012 19:09 Uhr

    Die Verfassung ist kein Hort der guten Gesinnung, sondern eine Konstruktion, die schon stingente Logik braucht zum funktionieren, will sie nicht zum Spielball der Willkür werden, die dran teilnehmen. Und genau wie nicht jeder Regisseur kann kann auch nicht jeder Richter. Da braucht man auch ein Handwerkszeug.

    Nur so als Gedanke mal gebracht. Aber Herr Dresen wird das wissen und sein Sache bestimmt gut machen.

    "wie sich in Gesetzen übergeordnete Gedanken wie die Vorstellung von der Würde des Menschen ausprägen und unser Leben gestalten, formulieren sie ebenfalls Zukunft."

    Aber grundsätzlich gegenwartsbezogen und immer der Realität ein Stück hinterher, sonst gibts keine Rechtsicherheit. Und mal eben Recht entwerfen wie ein Bild geht auch nicht. Recht ist schliesslich allgmeinverbindlich.

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    Werter TDU, Ihr Kommentar liest sich ein wenig so, als habe Herr Dresen künftig allein die brandenburgische Verfassung zu interpretieren und zu wahren.

    Dem ist aber nicht so - es gibt neun Richter/innen, nur drei davon sind Laien. Da dürfte doch genug geballtes juristisches Fachwissen und die von Ihnen geforderte "stringente Logik" in den Diskurstopf geworfen werden.

    Ich finde die brandenburgische Konstruktion, drei Laien zu berufen, klug und zeitgemäß, solange die Personalauswahl nicht aufgrund von Pöstchengeschachere zustande kommt, sondern qualifizierte Leute berufen werden.

    Wie Sie selbst schreiben: "Herr Dresen wird (...) seine Sache bestimmt gut machen".

  2. als ich die Meldung heute Morgen in der Zeitung las.

    Ich kenne zwar nur seine Filme, aber er wirkt wie ein lebenskluger Mann, mit großem Gespür für die Brüche und Feinheiten des Lebens, kurz: jemand, der komplexe Sachverhalte "ganzheitlich" begreift. Ein Glücksgriff für das Amt.

    Schön, dass er von allen Fraktionen ohne das übliche Herumgezerre gemeinsam nominiert wurde; das allein ist schon eine große Anerkennung.

    Viele Juristen sind hochintelligent und sicher sehr bemüht, einen guten Job zu machen. Nur leider entwickeln sie aufgrund ihrer Berufsbiografie oft einen Tunnelblick. Wer eine nahtlose Laufbahn von Mittelschichtskind - Studium - Referendariat - gutbezahlter Job - hinlegt, dem fehlt manchmal der Blick und das Verständnis für Lebensrealitäten jenseits der eigenen genormten und komfortablen Welt.

    2 Leserempfehlungen
  3. Werter TDU, Ihr Kommentar liest sich ein wenig so, als habe Herr Dresen künftig allein die brandenburgische Verfassung zu interpretieren und zu wahren.

    Dem ist aber nicht so - es gibt neun Richter/innen, nur drei davon sind Laien. Da dürfte doch genug geballtes juristisches Fachwissen und die von Ihnen geforderte "stringente Logik" in den Diskurstopf geworfen werden.

    Ich finde die brandenburgische Konstruktion, drei Laien zu berufen, klug und zeitgemäß, solange die Personalauswahl nicht aufgrund von Pöstchengeschachere zustande kommt, sondern qualifizierte Leute berufen werden.

    Wie Sie selbst schreiben: "Herr Dresen wird (...) seine Sache bestimmt gut machen".

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Die Verfassung"
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    • TDU
    • 07. November 2012 20:34 Uhr

    So wars nicht gemeint, und auch die Schöffen werden ja im Strafgericht vom Berufsrichter korrigiert, wenn sie nach Bauch zu harte oder zu weiche Strafen verhängen oder Sachverhalte zu einfach analogisieren.

    Angeregt hatte mich Kommentar 1. Wichtige Posten anders besetzen: Also Laien können es besser, mit der Erwartung, die werden es irgendwie im Sinne von etwas machen und nicht im Sinne des Rechts. Die leider schon verstorbene Frau Hildebrand hat ja auch Gutes getan, ohne das Recht zu beachten.

    Und ich meine, die Autorin ginge auch etwas leichtfertig um mit der rechtliche Seite aus Sicht der Kultur.

    Das ist halt in der Presse, dass Kommentare und Berichte über Rechtsfragen oft mehr dem Bauch als der Berücksichtigung des Inhalts und Sinns und Zwecks der Gesetze entsprechen.

    Und wenn man einem Richter, der gut Fotographieren und Videos drehen kann einen bedeutenden Regisseurposten anbieten würde, würde vielleicht auch ein Kulturschaffender auf einen Unterschied hinweisen. Bin zwar kein Recht schaffender, aber habs mal vor langer Zeit studiert und manches ist hängengeblieben.

    • Hagmar
    • 07. November 2012 19:49 Uhr
    5. Super!

    Auch ich bin sehr froh, das Andreas Dresen seine Bedenkzeit mit einer Zusage abgeschlossen hat. Nicht nur seine Filme sind eine hervorragende Visitenkarte, auch in Interviews, die ich mit ihm gesehen habe, bekam ich den Eindruck von einem authentischen und wahrhaftigen Menschen. Imponiert hat mir z.B., dass er recht beharrlich darauf bestand, dass auch seine oft dokumentarisch anmutenden Filmszenen eben "Film" sind und nicht die Wirklichkeit, dass es im besten Falle immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein kann. Bescheidener, kluger Mann. Hätten wir doch mehr davon! Brandenburg wird von ihm profitieren.

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 07. November 2012 20:34 Uhr

    So wars nicht gemeint, und auch die Schöffen werden ja im Strafgericht vom Berufsrichter korrigiert, wenn sie nach Bauch zu harte oder zu weiche Strafen verhängen oder Sachverhalte zu einfach analogisieren.

    Angeregt hatte mich Kommentar 1. Wichtige Posten anders besetzen: Also Laien können es besser, mit der Erwartung, die werden es irgendwie im Sinne von etwas machen und nicht im Sinne des Rechts. Die leider schon verstorbene Frau Hildebrand hat ja auch Gutes getan, ohne das Recht zu beachten.

    Und ich meine, die Autorin ginge auch etwas leichtfertig um mit der rechtliche Seite aus Sicht der Kultur.

    Das ist halt in der Presse, dass Kommentare und Berichte über Rechtsfragen oft mehr dem Bauch als der Berücksichtigung des Inhalts und Sinns und Zwecks der Gesetze entsprechen.

    Und wenn man einem Richter, der gut Fotographieren und Videos drehen kann einen bedeutenden Regisseurposten anbieten würde, würde vielleicht auch ein Kulturschaffender auf einen Unterschied hinweisen. Bin zwar kein Recht schaffender, aber habs mal vor langer Zeit studiert und manches ist hängengeblieben.

    Antwort auf "@2 Verfassungsrichter"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Andreas Dresen | CDU | Film | Arzt | Dokumentation | Grundrecht
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