Film "Große Erwartungen"Dickens' Epos als Fernsehspielchen fürs Kino

Ins Kino kommt eine neue Version von Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen". Helena Bonham Carter erfüllt sie prächtig. Der Rest jedoch bleibt konventionell. von Peter von Becker

Grosse Erwartungen Film

Der geflohene Sträfling Magwitch (Ralph Fiennes) zwingt den kleinen Pip (Toby Irvine) ihm bei der Flucht zu helfen.  |  © Senator Filmverleih

Ein Waisenknabe vom Land begegnet dem großen Unheimlichen in Gestalt eines flüchtigen Sträflings und bald darauf, in einer spukschlossartigen Villa mit verwunschenem Garten, einem sehr schönen Mädchen. Fluch und Verheißung sind nah, also nimmt das Schicksal seinen Lauf. Dem kaum Erwachsenen wird aus mysteriöser Quelle ein Vermögen zuteil, das steigert seine Hoffnungen auf Liebe, Rang und Reichtum. Aus dem schönen Mädchen ist eine zauberhafte junge Frau geworden, die ihn lockt und zugleich zurückweist, wie eine lieblich böse Fee. Ihr Kuss ist süßes Gift.

Die Geschichte hat Charles Dickens vor gut 150 Jahren geschrieben, mit Szenerien und Motiven, als hätte er sie schon für die Leinwand entworfen. Tatsächlich ist wohl kaum ein Roman der Weltliteratur häufiger verfilmt worden als diese Großen Erwartungen, angefangen mit einer amerikanischen Stummfilmversion von 1917. Ganz notwendig erschien Mike Newells neuer Versuch daher nicht. In der bislang letzten Kinovariante der Great Expectations von 1998, die sich als DVD noch in jeder besseren Videothek findet, spielten immerhin Ethan Hawke, Gwyneth Paltrow, Anne Bancroft und Robert De Niro. Aber der Film von Alfonso Cuarón war eine derart hanebüchen dümmliche Übersetzung eines britischen Epos des 19. Jahrhunderts ins heutige, amerikanisch-karibische Irgendwo (mit dem knallchargisten De Niro aller Zeiten), dass die neue Produktion doch größere Erwartungen weckt.

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Und nun haben sie uns wieder: die wabernden Nebel über der Themse, die urenglischen Sümpfe und Marschen, das derbe Gewimmel der Londoner Großstadt von einst und die elegante Lawn and order-Atmosphäre der aristokratischen Parks oder die von Dickens dezent kritisch beleuchtete Snobiety der neureichen Bürger. Das wird alles sorgfältig bebildert, mit einer herausragenden Helena Bonham Carter in der Rolle der Spooky Lady, jener Miss Havisham, in deren Spinnwebvilla die Zeit angehalten ist, um den Tag ihrer Hochzeit, an dem ihr der Bräutigam treulos tragisch abhandenkam, grotesk zu verewigen.

Nur gut bemüht daneben noch Jeremy Irvine als young Mister Pip, die Hauptfigur, oder Ralph Fiennes als spät zurückkehrender, Pips Schicksal wendender Ex-Sträfling. Weil die meisten Akteure in Mike Newells hastiger Nacherzählung des Plots indes weder die psychologische Subtilität noch den melodramatischen Witz (nicht Kitsch!) des großen Romans erreichen, bleibt das alles etwas fernsehspielhaft konventionell. Ohne epischen Atem.

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Selbst Robbie Coltrane, den wir zuletzt als Riesen Hagrid in den "Harry Potter"-Filmen geliebt haben, zeigt die schillernde Figur eines strippenziehenden Anwalts sehr eindimensional, und Holliday Grainger als Estella, das Feenmädchen und Dickens’ kühnste, modernste Erfindung, ist eine Fehlbesetzung. Im Ganzen: Konfektion für mittlere Erwartungen.

Erschienen im Tagesspiegel

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