Doku "LCD Soundsystem"Der ewige Hipster James Murphy

Das letzte Konzert der Dance-Punk-Band LCD Soundsystem brachte den Madison Square Garden im April 2011 zum Ausflippen. Ein Dokumentarfilm zeigt die Tage des Auftritts. von Nadine Lange

Ein DJ kriegt die Krise. Plötzlich sind da lauter schlaue Kids, die genauso coole Musik auflegen wie er selbst. Aus dem Internet kennen sie jede wichtige Band seit 1962 und besitzen sogar rare Vinylversionen stilprägender Detroit-Techno-Hits aus den Achtzigern. James Murphy heißt der DJ. Seine Krise durchlitt er vor rund zehn Jahren und machte das Beste daraus: den Song Losing My Edge , in dem er die neue Konkurrenz ausführlich beschrieb.

Es war die erste Single seiner Band LCD Soundsystem. Mit ihr befreite er sich aus seiner misslichen Lage. Denn statt als DJ uncool zu werden, startet er eine Karriere als angesagter Musiker. Zudem gründet er mit Tim Goldsworthy das Label DFA, das in den Nullerjahren genau wie LCD Soundsystem die westliche Popmusik entscheidend mitprägt. Dance-Punk, die Verschmelzung von Disco- und Rockelementen, hieß die Formel der New Yorker. Sie hätte sicher noch eine Weile funktioniert, doch Anfang 2011 verkündet Murphy das Ende von LCD Soundsystem. Ein letztes Konzert im heimischen Madison Square Garden will er noch geben.

Anzeige

Diesen Auftritt im April letzten Jahres sowie einige Tage davor und danach dokumentieren Will Lovelace und Dylan Southern in ihrem sehenswerten Film Shut Up and Play the Hits . Aus dem rund vierstündigen Konzert vor 20 000 Zuschauern hat das Duo einen eindrücklichen Zusammenschnitt erstellt. Alle ausgewählten Songs – darunter North American Scum , Us and Them und natürlich Losing My Edge sind in voller Länge, sehr guter Soundqualität und aus vielen Perspektiven zu sehen. Unwillkürlich beginnt man im Kinosessel mitzuwippen, so lebensnah sind die Live-Bilder.

James Murphy trägt Anzug und wirkt meist recht ernst, gelegentlich melancholisch. Vor allem aber hängt er sich mit seiner tollen Band voll in diese letzte Performance, bei der auch Gäste wie Régine Chassagne und Win Butler von Arcade Fire mitwirken. Zwischen den Stücken ist der 41-Jährige immer wieder im Gespräch mit dem Rockjournalisten Chuck Klosterman zu sehen. Dabei geht es unter anderem ums Versagen, Äterwerden und Murphys ewiges Streben nach Hipster-Wissen.

Der Sänger kommt sympathisch rüber, gerade wegen seiner latenten Unlockerheit. Dass er auch anders kann, ist am Tag nach der Abschiedsshow zu sehen, als er in Hausschuhen mit seiner Bulldogge Gassi geht. Die Szene sieht zwar nachgestellt aus, doch es ist ein schönes Bild: gestern noch den Madison Square Garden zum Ausflippen gebracht, heute verpennt und unerkannt auf einem Bürgersteig in Brooklyn . Die Rock-Rente kann kommen.

Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche

The look of love (Großbritannien; Regie: Michael Winterbottom)
Chroniken der Unterwelt – City of Bones (USA; Regie: Harald Zwart)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Vergangene Filmwoche

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangenen beiden Wochen:

Feuchtgebiete (Deutschland; Regie: David Wnendt)
Kid-Thing (USA; Regie: David Zellner
Apple Stories (Deutschland; Regie: Rasmus Gerlach)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Ihre Rezension

Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.

 Erschienen imTagesspiegel .

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Ich war da, einfach guuut. Muste da hin, ganz einfach...war von Freunden eingelden zum Glueckkk

  2. LCD Soundsystem haben mich immer so schön (un)friedlich durch die Nacht gebracht, das finale Konzert habe ich leider nicht gesehen.

    Immerhin, die Platten (naja, es waren dann doch CD's) waren großes Kopfkino - live, natürlich, das wäre schön gewesen.

    Aber irgendwas wird da schon noch kommen...ohne LCD aber mit Soundsystem eben. Und das ist ja gar nicht so schlecht.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Band | Edge | Konzert | Popmusik | Single | Brooklyn
Service