Zerstörte malische Bibliothek"Timbuktu ist das Gedächtnis Afrikas"
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"Timbuktu mit seiner kulturellen Bedeutung war für die Islamisten eine ideale Bühne"

ZEIT ONLINE: Man nennt Timbuktu die "Stadt der 333 Heiligen". Die Salafisten sind gegen diese mystische Auslegung des Islam.

Houssouba: Die Menschen in Timbuktu haben über die Jahrhunderte ihre eigene Religionspraxis entwickelt. Heilige spielen darin eine große Rolle. Bis heute sind die Einwohner Timbuktus ihren lokalen Heiligen sehr verbunden. Sie versammeln sich an den Mausoleen und beten zu ihnen. Die Islamisten wollen diese alten muslimischen Gemeinschaften, die sich im Sahel herausgebildet haben, zerstören: physisch, materiell und spirituell. Timbuktu mit seiner kulturellen Bedeutung war für sie eine ideale Bühne, um ihre salafistische Ideologie in Szene zu setzen.

ZEIT ONLINE: Die Mausoleen gehören zum Weltkulturerbe der Unesco, einer Organisation, die ihren Sitz in Frankreich hat. Spielt der Hass auf den Westen eine Rolle?

Houssouba: Ja, ich lese das auch als eine Ablehnung säkularer Institutionen, zu denen auch die Unesco gehört. Aber die Taten der Islamisten sind widersprüchlich und inkohärent, die ideologische Erklärung ist oft dünn. Ihr Ziel ist eine globale Unsicherheit.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Menschen auf die Zerstörung ihrer Kultur?

Houssouba: Die Zerstörung trifft das Herz und die Seele Malis. Die Menschen sind in tiefer Trauer. Die Ereignisse werden die Haltung Malis zur Welt verändern. Vor allem aber die Beziehung zu den Nachbarländern Algerien und Mauretanien, aus denen viele der Islamisten stammen.

ZEIT ONLINE: Ist es möglich, die Mausoleen wieder aufzubauen?

Houssouba: Technisch müsste das möglich sein, denn sie sind gut dokumentiert. Aber es gibt natürlich Skulpturen und alte Materialien, die mit der Zerstörung unwiederbringlich verschwunden sind.

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Leserkommentare
  1. Gestern habe ich hier gelesen, die Schriften seien gerettet worden. Und überhaupt auch nicht von den Islamisten aus den Regalen geholt, sondern von "Denkmalschützern". Was immer das für Menschen gewesen sein sollen.

    Nach meinem Eindruck weiß im Moment keiner so genau, was da abgelaufen ist und mit welchem Ergebnis. Dieser Eindruck entsteht bei mir immer dann, wenn Aussagen in einer Zeitung oder zum Beispiel auch in parallel erscheinenden Artikeln sich widersprechen.

    Dann vermute ich, dass es sich um Vermutungen handelt.

  2. Was mich sehr nachdenklich zurück lasst, ist die Tatsache, dass durch die Zerstörung dieser historischen, islamischen Schriften keine tumultartigen Aufstände in der arabischen Welt aufflammen und Menschen getötet werden.

    Ein Spielfilm schafft das mit Leichtigkeit.

    4 Leserempfehlungen
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    Prophylaktische Tumulte? Während man noch gar nicht weiß, was passiert ist?

  3. Prophylaktische Tumulte? Während man noch gar nicht weiß, was passiert ist?

    Antwort auf "Wo sind die Tumulte?"
    • dacapo
    • 30. Januar 2013 22:35 Uhr

    ...... waren es bei anderen Vorfällen auch, denn eine ganz kleiner Teil der Teilnehmer an den Tumulten wusste überhaupt, was jeweils vorgefallen war, wenn es sich auch nur um Karikaturen oder Filmchen handelte. In Mali sind denkmalgeschützte und einmalige architektonische Gebäude zerstört worden, und sicherlich auch eine Menge Schriftgut und sonstige Kunstgegenstände. Davon dürfen Sie ausgehen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Der Begriff "Ajami" bezeichnet nicht ein „sudanisiertes Arabisch" sondern die Verwendung der arabischen Schrift für andere Sprachen (also nicht Arabisch). In Afrika werden bzw. wurden eine ganze Reihe einheimischer Sprachen mit der arabischen Schrift geschrieben. In Timbuktu dürfte das vor allem Songhay sein, und vielleicht noch etwas Fulfulde.

    So wie es momentan aussieht, sind glücklicherweise wahrscheinlich nicht besonders viele Manuskripte zerstört worden:
    http://uk.reuters.com/art...

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  • Schlagworte Bibliothek | Gedächtnis | Unesco | Brand | Koran | Algerien
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