Zerstörte malische Bibliothek"Timbuktu ist das Gedächtnis Afrikas"

Die Zerstörung der Bibliothek in Timbuktu "trifft das Herz und die Seele Malis", sagt der Intellektuelle Mohomodou Houssouba. Viele Schriften sind für immer verloren. von Mounia Meiborg

Der malische Intellektuelle Mohomodou Houssouba im November 2011 in Berlin.

Der malische Intellektuelle Mohomodou Houssouba im November 2011 in Berlin.  |  CC BY-SA 2.0 Ludovic Hirlimann/flickr

ZEIT ONLINE: Herr Houssouba, die Islamisten haben in Timbuktu schreckliche Verbrechen begangen. Kurz vor ihrer Flucht vor den französischen und malischen Truppen setzten sie vergangenes Wochenende die wichtigste Bibliothek von Timbuktu, das Zentrum Ahmed Baba, in Brand. Kurze Zeit später hieß es, die meisten Bücher seien vorher in Sicherheit gebracht worden. Wissen Sie, wie groß der Schaden tatsächlich ist?

Mohomodou Houssouba: Nein. Die Lage ist im Moment sehr unübersichtlich. Die Bibliothek ist angezündet worden, so viel ist sicher. Das ist sehr deprimierend.

ZEIT ONLINE: Das Zentrum Ahmed Baba war Bibliothek und Forschungszentrum zugleich. 1973 wurde es mit viel Geld aus Südafrika gegründet, erst vor drei Jahren wurde der jetzt zerstörte Neubau eröffnet. Welche Rolle spielt das Zentrum für die Schriftkultur Timbuktus?

Houssouba: Viele Bücher sind nach wie vor im Privatbesitz von Familien. Aber das Zentrum Ahmed Baba beherbergt die wichtigste Sammlung von Schriften in Timbuktu, weil sie so umfassend ist. Es ist außerdem ein Ort, an dem interdisziplinär und multidisziplinär geforscht wird. Linguisten, Juristen, Theologen, Kalligrafen kommen dorthin und betrachten die Dinge aus ihrer jeweiligen Perspektive. Zusammen gewinnen sie ein vollständiges Bild und können Stück für Stück die Geschichte der Region rekonstruieren. Und mit der Region meine ich nicht den Norden Malis, sondern auch Mauretanien, Senegal und Nigeria; ein großer Teil dessen, was wir heute Sahel nennen.

Anzeige
Mohomodou Houssouba

Mohomodou Houssouba ist Schriftsteller und Afrikaforscher. Er wurde 1965 in Gao geboren. 1991 verließ er Mali, um in den USA in Literaturwissenschaften zu promovieren. Seit 15 Jahren lebt er in der Schweiz, wo er am Zentrum für Afrikastudien Basel lehrt. Houssouba unterrichtet regelmäßig an der Universität von Bamako und ist Mitglied im Rat des "Mali Symposiums für Angewandte Wissenschaften".

ZEIT ONLINE: Welchen Stellenwert haben die Manuskripte von Timbuktu über die Region hinaus?

Houssouba: Wir haben schon jetzt viele Erinnerungslücken in Afrika. Weil der Gebrauch von Schrift nicht sehr verbreitet war, wissen wir wenig über die Geschichte des Kontinents. Die Schriften von Timbuktu sind zentral, um diese Lücken zu schließen. Sie dokumentieren die Kultur, den Handel, die Reisen und die Offenheit, die es hier gegeben hat. Timbuktu ist in gewisser Weise das Gedächtnis Afrikas.

ZEIT ONLINE: Rund 30.000 Bücher befanden sich in der Bibliothek. Was waren das für Schriften?

Houssouba: Juristische Schriften, naturwissenschaftliche, literarische. Es ist eine große Vielfalt, die die Kultur des Nahen und Fernen Ostens der vergangenen Jahrhunderte widerspiegelt. Die Bücher kamen aus Ägypten, Marokko, Tunesien, sogar aus Andalusien. Viele Werke stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Andere sind noch jünger, aus dem 20. Jahrhundert. Zu den wertvollsten Stücken gehören frühe Abschriften des Koran aus dem 12. und 13. Jahrhundert und andere religiöse Texte. Am bedeutendsten sind wohl die Schriften zum islamischen Recht.

ZEIT ONLINE: Was macht die Bücher und Schriftrollen so wertvoll?

Houssouba: Zum einen sind es Objekte, die über Jahrhunderte bewahrt und beschützt wurden. Jede Generation hat sie an die nächste weitergereicht. Dann gibt es den ästhetischen Aspekt. Natürlich gibt es Tausende Abschriften des Korans. Aber wenn ich eine Abschrift aus dem 12. Jahrhundert in der Hand halte, mit einer wunderschönen Kalligrafie und Verzierungen, dann ist die einmalig. Aber der größte Verlust, wenn Bücher wirklich zerstört wären, wären die Ideen, die gedacht und aufgeschrieben wurden. Die Manuskripte und Schriftrollen sind zum großen Teil noch nicht katalogisiert worden. Wenn das Original beschädigt oder zerstört ist, gibt es nirgendwo eine Kopie. Das Wissen wäre verloren.

ZEIT ONLINE: In welcher Sprache sind sie verfasst?

Houssouba: Es gibt zum einen Werke im klassischen Arabisch. Zum anderen Schriften in Ajami, das ist eine Art „sudanisiertes“ Arabisch. Diese Schrift hat sich im Sahel bis hin in den Norden Nigerias ausgebreitet, weil das arabische Alphabet nicht ausreichte für alle phonetischen Laute, die in der Region üblich waren. In dieser Schrift hat man dann entweder das Arabische wiedergegeben, oder die lokalen Sprachen. Das war für die weniger gebildeten Leute einfacher zu lesen.

ZEIT ONLINE: Auf den ersten Blick scheint es absurd, dass die Islamisten islamische Kulturschätze zerstören.

Houssouba: Man spricht ja viel von einem Ikonoklasmus der Salafisten, also davon, dass sie Bilder ablehnen und zerstören, wie jetzt in den Mausoleen und Moscheen. Aber natürlich produzieren sie zugleich selbst eine Masse an neuen Bildern: Bilder von Zerstörung und Qual, die ihrer Propaganda dienen sollen.  

Leserkommentare
  1. Gestern habe ich hier gelesen, die Schriften seien gerettet worden. Und überhaupt auch nicht von den Islamisten aus den Regalen geholt, sondern von "Denkmalschützern". Was immer das für Menschen gewesen sein sollen.

    Nach meinem Eindruck weiß im Moment keiner so genau, was da abgelaufen ist und mit welchem Ergebnis. Dieser Eindruck entsteht bei mir immer dann, wenn Aussagen in einer Zeitung oder zum Beispiel auch in parallel erscheinenden Artikeln sich widersprechen.

    Dann vermute ich, dass es sich um Vermutungen handelt.

  2. Was mich sehr nachdenklich zurück lasst, ist die Tatsache, dass durch die Zerstörung dieser historischen, islamischen Schriften keine tumultartigen Aufstände in der arabischen Welt aufflammen und Menschen getötet werden.

    Ein Spielfilm schafft das mit Leichtigkeit.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Prophylaktische Tumulte? Während man noch gar nicht weiß, was passiert ist?

  3. Prophylaktische Tumulte? Während man noch gar nicht weiß, was passiert ist?

    Antwort auf "Wo sind die Tumulte?"
    • dacapo
    • 30. Januar 2013 22:35 Uhr

    ...... waren es bei anderen Vorfällen auch, denn eine ganz kleiner Teil der Teilnehmer an den Tumulten wusste überhaupt, was jeweils vorgefallen war, wenn es sich auch nur um Karikaturen oder Filmchen handelte. In Mali sind denkmalgeschützte und einmalige architektonische Gebäude zerstört worden, und sicherlich auch eine Menge Schriftgut und sonstige Kunstgegenstände. Davon dürfen Sie ausgehen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Der Begriff "Ajami" bezeichnet nicht ein „sudanisiertes Arabisch" sondern die Verwendung der arabischen Schrift für andere Sprachen (also nicht Arabisch). In Afrika werden bzw. wurden eine ganze Reihe einheimischer Sprachen mit der arabischen Schrift geschrieben. In Timbuktu dürfte das vor allem Songhay sein, und vielleicht noch etwas Fulfulde.

    So wie es momentan aussieht, sind glücklicherweise wahrscheinlich nicht besonders viele Manuskripte zerstört worden:
    http://uk.reuters.com/article/2013/01/30/uk-mali-rebels-manuscripts-idUK...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bibliothek | Gedächtnis | Unesco | Brand | Koran | Algerien
Service