Leserartikel

SpracheRettet die starken Verben!

Verbenliebhaberin und Leserin Ariane C. Gehr freut es, wenn jemand Kuchen buk oder ein Feuer glomm. Wir müssen starken Verben Fürsorge angedeihen lassen, fordert sie. von Ariane C. Gehr

"Ihre Bestellung wurde versendet!" Wo andere sich beim Anblick dieser Betreffzeile der lang ersehnten E-Mail des Internetversandhändlers die Hände reiben, hole ich tief Luft und frage mich, wieso meine Bestellung versendet und nicht versandt wurde. Wie kann man nur ein derart schönes Verb auf eine solch entsetzliche Weise verunstalten?

Vor einigen Jahren lernte ich während meines Studiums, dass nicht alle Verben gleich sind. Einige sind stark, andere besonders, die meisten schwach. Ein schwaches Verb bringt nicht die Kraft auf, seinen Stamm in den Vergangenheitsformen zu ändern, sondern erhält einen Zusatz am Ende (tanzen – tanzte). Starke Verben aber verändern ihren Stamm (singen – sang). Ich habe das bestimmt schon hundert Mal erklärt: denen, die es hören wollten (ein sehr kleiner Kreis von Leuten) und denen, die es nicht wirklich interessierte, die sich aber aus Höflichkeit anhörten, was ich zu sagen hatte (die große Mehrheit). Die Abschlussarbeit meines Germanistikstudiums habe ich den starken Verben gewidmet.

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Dass die ohnehin geringe Anzahl verbliebener starker Verben durch unsachgemäßen Gebrauch weiter dezimiert wird, ist mir bewusst geworden, als ich neulich bei einem Gespräch vernahm: "Dem Hans leihte ich mein Auto." Mich schmerzte auch, als eine Mutter ihrem Sohn beibrachte, dass bratete (und nicht etwa briet) tatsächlich die korrekte Vergangenheitsform des Verbs braten sei.

Gesaugt oder gesogen?

Diese Verunglimpfung unregelmäßig gebildeter Verben stößt nicht jedem auf. Deutschlerner würden diese Verbalform gar mit offenen Armen empfangen. Als eine bekennende Verbenliebhaberin und als Germanistin frage ich mich, wieso wir uns diese Kleinodien unseres verbalen Sprachschatzes nicht erhalten. Klingt es wirklich derart fremd, wenn wir etwas durch unseren Strohhalm gesogen und nicht gesaugt haben?

Eine Wiederbelebung verloren gegangener Formen halte ich für absurd und der unangebrachte Gebrauch einer nicht regelmäßigen Form klingt in meinen Ohren konstruiert. So habe ich gestern nicht Staub gesogen. Sprache wandelt sich. Daran kann selbst die Gesellschaft zur Stärkung der Verben, die schwache Verbformen zu gestorkenen erblühen lässt, nichts ändern – so entzückend ihr humoristischer Gegenentwurf zur Simplifizierung der Verbalbildung auch sein mag.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Das Wichtigste in einem Satz ist sein Prädikat. Ein Verb sagt – zumeist – das Entscheidende aus. Wir müssen es hegen und pflegen, dürfen es im tristen Tal zwischen Subjekt und Objekt kein stiefmütterliches Randdasein fristen lassen, sondern müssen dafür Sorge tragen, dass es seine gewichtige Rolle spielen kann. Wolf Schneiders Artikel stimme ich mit ganzem Herzen zu: Wir sollten die Verben lieben! Und ihnen deshalb auch Fürsorge angedeihen lassen.

Wer vermeintliche Relikte alter Zeiten heute in den aktiven Sprachschatz einbaut, erntet häufig der ungewohnten Form wegen erstaunt hochgezogene Augenbrauen. Erzählen Sie doch einfach einmal, dass Ihre Mutter einen Kuchen buk oder das Lagerfeuer noch im Morgengrauen romantisch glomm.

Womöglich lächelt ihr Gegenüber wissend, wenn er Ihren Ausführungen folgt, oder Ihr Kollege erfreut sich an Ihrem wohlbedachten Ausdruck. Vielleicht müssen Sie ja, nachdem Sie das gelesen haben, schmunzeln, wenn Sie sich in ein Buch vergraben, dessen fiktive Figur etwas frug oder zu singen anhub – oder wenn auf Ihrem PC die Nachricht erscheint, dass Ihre Bestellung versendet wurde.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

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    "Jetzt wissen wir was wirklich wichtig ist in diesem unserem Lande ;-)"

    Da fehlt ein Komma :-)

  2. Ich habe mich über diesen Artikel sehr gefreut, da ich mich im Isländischen ständig mit starken Verben herumplage. Oft ist es wirlich schwierig aber sehr schön wenn dann die richtige Form einfällt. Es gibt große Ähnlichkeiten.

    23 Leserempfehlungen
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    Die Ablautketten sind in allen germanischen Sprachen gleich. Deswegen kann man auch beim Isländischen eine ähnliche Beugung sehen. Übrigens: je moderner die Sprache, desto regelmäßiger fällt ihre Grammatik aus. Im Afrikaans, das sich erst in den letzten 300 Jahren entwickelt hat, gibt es nur noch eine handvoll Verben, die nicht regelmäßig gebildet werden - und zu denen gibt es teilweise sogar regelmäßige Alternativbeugungen. Vielleicht ist es ja eine Gesetzmäßigkeit, dass wir Sprache immer vereinfachen. Ich frage mich dann aber, wieso sie im Ursprung so kompliziert waren?

    • thabiso
    • 26. Januar 2013 18:21 Uhr

    Da kann ich der Autorin nur zustimmen!
    Die Deutsche Sprache ist so vielseitig und sensibel - wir können damit deutlich mehr ausdrücken, als wir tatsächlich (vor allem im Alltag) tun.

    Der Umgang mit den Verben ist das eine.
    Etwas anderes ist der Genitiv (, dem ja bekanntlich der Dativ der Tod ist). Es heißt ja auch nicht "Ende diesen Jahres".
    Oder korrekt gewählte Zeiten: Plusquamperfekt und Futur II verlieren im Sprachgebrauch häufig ihre Existenz.

    Traurig, wenn man erst beim Lernen anderer Sprachen plötzlich die eigene erstmals richtig lernt. Oder wenn Menschen, die gerade Deutsch lernen, einen verbessern. Denn sie wissen, was starke und was schwache Verben sind.

    29 Leserempfehlungen
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    • gkh
    • 26. Januar 2013 20:22 Uhr

    Ein Filmtitel heißt "einfach zu haben" statt "leicht zu haben".
    Immer mehr Menschen machen sich etwas "zu einfach" als "zu leicht".

    Und umgekehrt: "schwierig" verdrängt "schwer".
    Ein Jammer…

    Überraschend stellte ich, als ich durch mein Studium bedingt dort hinzog, fest, dass in Thüringen - anders als in meiner niedersächsischen Heimat - das Plusquamperfekt geradezu inflationär verwendet wird. Dort ist es eher das Perfekt, das kaum gebraucht wird.
    Ich stelle eher eine zurückgehende Verwendung des Präteritums fest.

    • Nibbla
    • 26. Januar 2013 18:23 Uhr

    Schmalzkringel. (Simpsons 1. Staffel für Donuts)
    Hinfort! Du garstiges Wesen.
    Sintemal schon gehört.
    Plural von Sphinx? Sphingen
    Erhabenheit.

    Ich mag hochgestochene Sprache.
    Ein Traum :-)

    9 Leserempfehlungen
    • Packal
    • 26. Januar 2013 18:23 Uhr

    "Die Sprache wird heute so schnell umgebildet, dass sie verkommen und verlottert ist. Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit, Schwulst, Ziererei und grammatische Fehlerhaftigkeit nehmen zu." Gustav Wustmann, Philologe, 1891.

    Der gute Herr schrieb Unsinn, Sprache verkommt und verlottert nicht, sie wandelt sich bloß.
    Vielleicht wird jemand in 100 Jahren im Internetarchiv stöbern und sich bei ihrem Artikel denken:
    "Die gute Frau schreibte Unsinn, Sprache muss man nicht hegen und pflegen."

    7 Leserempfehlungen
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    Wie man es nimmt. Objektiv betrachtet hat sich die deutsche Sprache in den letzten 200 Jahren definitiv vereinfacht. Lesen Sie mal ein altes Buch und staunen Sie über den geschliffen-eleganten Sprachreichtum.
    Man könnte darüber recht interessante Reflexionen über den Zeitgeist anstellen. Wir mögen es heute eben effizient. Ein starkes Verb - das ist anstrengend, das fällt aus der Reihe, man ist fast geneigt, es als mißraten anzusehen, und will es in den Ausschußcontainer befördern.

    • Laoyafo
    • 31. Januar 2013 23:20 Uhr

    für einige Entwicklungen. Wenn die Sprache im Laufe der Jahrhunderte immer und immer weiter vereinfacht worden wäre, dann wäre sie schon so weit reduziert, dass nur noch funktionell wichtige Wörter und grammatische Formen existierten. Sprache ist wie eine Nehrung, sie verliert am einen Ende und setzt am anderen Ende zu, je nachdem, wie die Strömung ihr etwas zuträgt. Es ist die Freiheit und vielleicht sogar die Aufgabe der Dichter und Schriftsteller, sie weiterzuentwickeln (dies schrieb ich in einem Wort) und sie zu schützen gegen Verfall, und das kann auch geschehen, indem man neue, vereinfachende Tendenzen nicht bekämpft (was bei manchen Veränderungen vergeblich wäre, denn Sprache wird vom sprechenden Volk gemacht), sondern integriert und neu umformt. Und die Sprache muss ihre Prinzipien in Schutz nehmen. Die starken Verben sind Klangpoesie, es ist nicht von ungefähr, dass unsere Vorfahren singen, sangen, gesungen haben. Sie wollten diesen Vokalwandel, sie sangen und genossen ihn. Sie wollten die Gegenwart durch den hohen Ton und die Vergangenheit durch den tiefen Ton ausdrücken, also eine Aussage durch Klang. Diese Sensibilität darf nicht verlorengehen.

  3. Egal, jedenfalls ein schön geschrobener Leserartikel.

    5 Leserempfehlungen
    • ahaaa
    • 26. Januar 2013 18:37 Uhr
    7. Frage

    Ich schreibe.
    Ich schrieb.

    Was ist mit: ich schrob?

    Das habe ich in letzter Zeit ab und zu im Bekanntenkreis gehört, gibt es "schrob" überhaupt? Das klingt so viel toller als "schrieb".

    Eine Leserempfehlung
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    • Lazy W
    • 26. Januar 2013 19:29 Uhr

    schrub ;-)

    Es gibt ja das wunderbare Adjektiv "verschroben", aber damit hat "schrob" nichts zu tun. Ich denke das ist auf Helge Schneider zurückzuführen, der gerne schwache Verben stark beugt ("...schrob auf der Schreibmaschine" Ode an eine kleine Katze auf "Es gibt Reis, Baby") und sicher eine Ehrenmitgliedschaft in der Gesellschaft zur Stärkung der Verben hat.

    • reinbot
    • 26. Januar 2013 20:14 Uhr

    ...Ich schrob dir dieses Lied,
    du weißt Bescheid,
    als Zeichen meiner Dankbarkeit....

    Aus F.U. - Lieber Staat :)

    Ich dachte eigentlich, ich hätte es erfunden... aber scheint ja noch ein paar mehr zu geben, die denselben Einfall hatten.

    • grrzt
    • 27. Januar 2013 20:13 Uhr

    "schrob" da werden meine Haare ja grau vor Gram, aber immer noch besser als "schreibte"

    "Verschroben" kommt nicht von "verschreiben" sondern von "verschrauben"im Sinne von "zusammenfügen". Jedenfalls nach dem Deutschen Wörterbuch der Grimms. Wenn es neuere Erkenntnisse gibt: Her damit.

  4. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel.
    Gerade heute wollte ich in einem Text das Wort "abgewägt" verwenden und war dann verblüfft, dass die Rechtschreibkorrektur das Wort gar nicht kennt. Dass die richtige Form "abgewogen" heißt, war mir nicht präsent gewesen, da sich die richtige Flexion starker Verben schon so sehr vom Durchschnittswortschatz entfremdet hat.
    Man hätte im Artikel auch darauf eingehen sollen, dass immer häufiger das Perfekt verwendet wird, um schwierige Formen des Präteritums zu umgehen.

    6 Leserempfehlungen
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    Spätestens dann wäre es Ihnen wohl aufgefallen..

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Sprache | Wiederbelebung | Auto
Service