US-KolumneWir Amis sind blöd, aber haben Spaß dabei

Warum funktionieren amerikanische TV-Formate besser als deutsche? Weil die Deutschen zu intelligent sind, um Spaß zu haben, findet unser Kolumnist Eric T. Hansen. von 

Ich war ein wenig besorgt, als ich letzte Woche den Artikel in der New York Times über deutsches Fernsehen sah: Ist die Times überhaupt in der Lage, so etwas Kompliziertes und Differenziertes richtig zu würdigen? 

Aber ja! Die Times hat genauso darüber berichtet, wie die deutschen Medien darüber schreiben: Nämlich, mit Häme und Spott. Sie stürzte sich auf Wetten, dass ..? und auf andere Programme wie ein Löwe auf einen nassen Lappen.

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Für die Deutschen ist das natürlich alles nichts Neues. Als Journalist habe ich rund 15 Jahre lang für Medienfachzeitschriften über die deutsche Film- und TV-Branche berichten dürfen, und da hatte ich eine Menge mit TV-Machern zu tun, die allesamt die gleiche verzweifelte Klage von sich gaben: "Warum können die Amis das und wir nicht?"

Die TV-Branche macht aus potenziellen Popkünstlern verängstigte kleine Beamte

Gemeint ist gehobene – ach was, einfach gelungene – Unterhaltung: Manchmal hirnrissig, aber immer wieder mitreißend, professionell, interessant, neu, intelligent, anspruchsvoll, schräg. TV-Serien wie Breaking Bad oder Homeland stellen alles in den Schatten, was Deutschland zu bieten hat. Verzeihen Sie, wenn ich leidenschaftlich oder gar empört klinge: 15 Jahre lang musste ich zusehen, wie höchst motivierte und kreative junge Menschen mit Begeisterung und großen Plänen in die deutsche TV-Branche einsteigen und schon ein paar Jahre später wie Bettvorleger landen: Die TV-Branche macht aus potenziell großen Popkünstlern verängstigte kleine Beamte.

Aber Schwamm drüber. Die Frage, die mich nicht losließ, war: Wieso können die Amis das denn nun und die Deutschen nicht? Unser Geheimnis: Wir Amis sind halt blöd.

Ein leidenschaftlicher Hass auf alles, was als elitär empfunden wurde

Wahrscheinlich der kreativste Aspekt der amerikanischen Unterhaltungskultur ist nämlich das, was wir Anti-Intellektualismus nennen. Dieser hängt mit dem Urknall unserer We-the-people-Kultur zusammen, der Auflehnung gegen das adelige Europa. Ab der gelungenen Revolution 1776 entstand ein leidenschaftlicher Hass auf alles, was als elitär empfunden wurde: übertriebene Tischmanieren (hallo Hamburger), britischer Akzent (heute noch punktet jeder Klassenclown, der die versnobte Briten nachäffen kann), jegliche Pietät gegenüber den höheren Klassen und der Elitenkultur.

Wenn einer gern große Wörter oder lange Sätze benutzt, will er wohl nur davon ablenken, dass er in Wirklichkeit nichts zu sagen hat. Das ist der Grund, warum der arme Farmer in Kansas den Republikanern mehr traut als den gebildeten Demokraten. Während die Europäer sich immer beklagen, dass ihre Politiker doof sind, ist das für uns kein Problem. Im Gegenteil: Es gibt Politiker, die verschweigen, dass sie in Harvard waren. Das ist das Paradoxon: Um in einem großen Land wie Amerika Erfolg zu haben, muss man unheimlich gebildet sein. Aber um Freunde zu gewinnen, darf man es bloß nicht raushängen lassen.

"Isoldes Liebestod könnte schon etwas kürzer sein"

Das durchzieht unsere ganze Kultur. Stimmt, einige der besten Opernhäuser, Museen und Unis der Welt findet man in Amerika, aber wenn ein Intellektueller nicht in der Lage ist, zu sagen: "Ich ertrage schon einiges, aber Isoldes Liebestod könnte schon etwas kürzer sein – um etwa eine Stunde", ist er für uns ein Angeber. Wir haben auch schön exaltierte Intellektuelle wie Noam Chomsky und Thomas Pynchon, aber allgemein wird Literatur eher als Kommunikation begriffen: Wer nicht in der Lage ist, ein großes Publikum mit klaren Aussagen zu erreichen, ist ganz einfach ein schlechter Autor.

Selbst unsere großen Intellektuellen verdanken ihren Erfolg diesem Rezept: Hemingway war deswegen so erfolgreich, weil er eine ganz eigene Art zu schreiben erfand: mit wenigen, einfachen Wörtern und ohne jeden Schnickschnack. Mit diesem grundlegenden Prinzip des Anti-Intellektualismus wurde er zum Intellektuellen.

Auch Mark Twain glaubte fest an Unterhaltung als Kommunikation, im Vorwort zu Huckleberry Finn schreibt er: "Wer in dieser Geschichte eine Absicht zu entdecken sucht, wird rechtlich verfolgt; wer eine Moral sucht, wird des Landes verwiesen; wer versucht, darin eine Handlung zu finden, wird erschossen."

Leserkommentare
  1. Wir Deutschen sind weder intelligenter noch besser als ihr Amis. Wir haben tatsächlich, bitte lasst jetzt mal die 12 Katastrohenjahre 1933 -1945 raus, seit Jahrhunderten eine gewichtige Kulturtradition, und erleben Walt Disney auch heute noch als -pardon-Kasper.
    Auch die Oskarverleihungen sind für uns nettes Entertainment ohne Substanz. Für uns , so glaube ich, ist eure sympathische Kultur holzschnittartig und oft oberflächlich. Ist das arrogant? Vielleicht, da wir seit Goethes Zeiten die Spitze der Weltkultur wieder verlassen haben. Wir lieben euch Amis dennoch oder gerade deswegen.

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  2. Eigentlich kann ich ja nur allen zustimmen, die Fernsehen und all die vielen, gar nicht so verschiedenen Serien fuer eher "unterbelichtet" halten, ganz gleich von welcher Seite des Atlantiks es kommt. Wie man aber die amerikanische Filmkultur derart in den Himmel loben kann, laesst sich auch mit einem gesunden Mass an Patriotismus nicht entschuldigen. Ich lebe schon seit vielen Jahren fuer einen Grossteil des Jahres in Amerika und kann desshalb auf eine "reiche" Film- und Fernseherfahrung vor Ort zurueckblicken. Ins Kino gehe ich hier schon lange nicht mehr, mein Interesse an ueberlangen Spezialeffektorgien und fettigem Popkorn ist gleich Null! Gewiss gibt es die eine oder andere Fernsehserie, real oder fiktive, die ich gern mal sehe. Vom Hocker reisst mich da aber absolut nichts! Was ich aber Dank Internet und Laptop nie verpasse sind SOKO Stuttgart und SOKO Leipzig. Eigentlich freue ich mich schon die ganze Woche auf Donnerstag und Freitag. Auch diese Sendungen wuerde ich nicht unbedingt in die Kategorie "Grosses Kulturgut" einreihen, aber spannend, unterhaltsam und manchmal auch lustig und nachdenklich sind sie allemal!

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  3. Der amerikanische, englische oder französische Zuschauer weiß, dass man in Deutschland gemeinhin nicht englisch spricht. Von diesem Wissen macht er Gebrauch. Ein Film, der etwas anderes suggeriert, erscheint ihm als das, was er ist, eine Fälschung.

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    Auch die Franzosen synchronisieren fast alles, die Amerikaner leisten sich Neuverfilmungen in ihrer Sprache und Filme mit Untertiteln schauen sich in England nur Typen mit komischen Frisuren, Hornbrillen und engen Jeans an...

  4. Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Otto Preminger, Goldwyn & Mayer, die Marx Brothers, Jerry Lewis, Barbra Streisand, Walter Matthau, Woody Allen, Jon Steward, Steven Spielberg, Steve Seagal, Ron Jeremy... usw. usf.

    Und die Mehrzahl von diesen oder ihre Eltern waren Einwanderer aus Europa

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    "Auch wenn einiges dafür spricht, dass das jüdische Element häufig mit einem intimen Verhältnis zur Schriftkultur und einer großen Zahl an hochschupolitischen Bildungsabschlüssen einhergeht, bitte ich Sie doch von dieser Pauschalisierung abzusehen."

    Irgendwie haben anscheinend viele Leute ein Problem mit dem sinnverstehenden Lesen.

  5. Ich habe den Verdacht, dass die Deutschen bald seit Generationen durch die Synchronisationen verblöden. Hollywoodfilme, die mit seltsamen Übersetzungen ("nein, das hat er nicht", "ich liebe Dich, Kleines", "Mein Junge, Dein Vater ist sehr stolz auf Dich", erotisch angehauchten Stimmen und hysterischen Atemgeräuschen der Frauen (haben die da eine eigene Atemmaschine im Studio?) bei uns im Bildschirm ankommen, können ja nur bescheuert wirken. Und dann wird diesen bescheuerten Filmen in Deutschland nachgeeifert. Man kann es jede Woche im Tatort sehen bzw. hören: Im Drehbuch stehen Dialoge, die sich wie eine falsche Übersetzung aus dem Englsichen anhören. Da frage ich mich seit Jahren: Was soll das?

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    das wollte ich auch gerade schreiben. In unseren Synchronisationen geht ungefähr 50% der Handlung verloren. Ernstzunehmende Frauen werden zu dümmlichen Mäuschen und feinsinniger Humor verkommt zum Schenckelklopfer. Dazu nimmt man dann auch gerne mal die Synchronstimme eines drittklassigen deutschen Komikers. Dabei könnten die deutschen Humoranalphabeten eine Menge vom Original lernen.

    in meinem weiblichen Verwandtenkreis höre ich seit einiger Zeit den Ausruf "O mein Gott!" Dieser war in vergangenen Jahren hierzulande nicht heimisch.

    • pylades
    • 05. Februar 2013 23:24 Uhr

    Man könnte noch ZAK oder Stuckrad Late Night ergänzen.

    Noch eine Anmerkung: "Ein Herz und eine Seele" war ein Abklatsch der englischen Serie "Till Death Do Us Part" (1965-1975), ein guter allerdings.

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  6. 63. Emerson

    Erlauben Sie noch eine kulturelle Rückschau. Führende Autoren selbst britischer Geburt sprechen inzwischen von einer deutschen Kulturdominanz seit gut 200 Jahrenren. Die katastrophale Hitlerei, an der ihr Amis durch euren völlig überflüssigen Kriegseintritt im 1. Weltkrieg und eurer Absegnung der Versailler Verträge und dadurch dem Erstarken der deutschen Rechten und Linken Vorschub geleistet habt, ist leider ein Fakt.
    Euer Emerson war viel mehr als der gewaltverherrlichende Alkoholiker Heminway ein Brückenbauer zu unserer deutschen Kultur.
    Walt Disney ist da eher bei seinem Donald Duck.

    • pylades
    • 05. Februar 2013 23:31 Uhr

    Weder werden in den USA britische noch andere europäische Filme synchronisiert, was für die Amerikaner spricht.

    Synchronisationen sind ein Verrat am Film, eine Missachtung der Kunst. Dass diese Unart bei den ach so kulturbeflissenen Deutschen massenhaft Anklang findet, ist die eigentliche Ironie.

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    • H.v.T.
    • 06. Februar 2013 1:28 Uhr

    " Sie liegen doppelt falsch

    Weder werden in den USA britische noch andere europäische Filme synchronisiert, was für die Amerikaner spricht."
    ---

    Das Sie den Satz "Synchronisation von britischen Filmen in den USA" nicht verstehen, obwohl er eigentlich recht schmal ist, irritiert. :)

    Und dann noch altväterlich zu erklären, dass in den USA das Thema Synchronisation keine Rolle spielt: welch Wissensvorsprung. :)

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  • Schlagworte Popkultur | Thomas Pynchon | USA | Urknall | Europa | Harvard
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