Was bedeutet dieser Schritt Ratzingers eigentlich für einen strenggläubigen Katholiken? Nichts weniger als eine tiefe Desorientierung, die auch ein neuer, möglicherweise erfolgreicherer Pontifex Maximus nicht so bald überwinden kann. Wäre die Forderung nach einem Rücktritt des Papstes von einem der üblichen Kirchen- und Papst-Kritiker gekommen, etwa aus dem Munde von Hans Küng, so hätten alle frommen Kinder der Mutter Kirche reflexartig abwehrend reagiert.

Nun ist die zentrale Bastion der Katholischen Kirche aber nicht unter den hinterhältigen Angriffen eines kirchenfeindlichen Pogroms gefallen, sondern einfach implodiert. Unabhängig von der jeweiligen Person, die künftig auf dem Stuhl Petri sitzen wird: Erzbischof Woelki aus der prononciert weltlichen Stadt Berlin hat schlicht recht, wenn er feststellt, Benedikt XVI. habe das Papstamt entzaubert.

Er hat es verweltlicht. Die Kirchen-Traditionalisten stehen vor der schlicht nicht zu bewältigenden Paradoxie, dass ihr Idol sich dem Vorbild einer zurückgetretenen evangelischen Bischöfin annähert. Nach seinem Rücktritt wird Benedikt XVI. alle Sympathie und aller Respekt der Welt zuteil – gibt es giftigere Komplimente? Ratzinger ist die Inkarnation des Erzkonservativen, der unfreiwillig für den Umsturz sorgt. Er könnte als Papst der Paradoxien in die Geschichte eingehen, ob der produktiven oder der desaströsen Paradoxien, das entzieht sich noch irdischer Einsicht.