Richard III.Ein Königreich für einen Parkplatz!

Richard III., der hartnäckigste Falschparker der europäischen Geschichte, ist gefunden und England feiert. Nicht auszudenken, was seinen Erben in Deutschland blühen würde. von 

Wo komm ich her, wo geh ich hin? Das sind ja Fragen, mit denen sich ein ordentlicher Metaphysiker so rumärgert. Und man kann nicht sagen, dass die Antworten darauf im Lauf der Jahrhunderte einfacher geworden wären. Schließlich kam ein wesentliches Problem hinzu, das fürderhin zwischen Herkommen und Hingehen stand, nämlich: Wo park ich?

In Deutschland ist das immer wieder Gegenstand von Debatten. Im Land der Carports und eigenen Stellplätze beschäftigt das manche Familienfeier, blockiert abendliche Ausgehpläne und versetzt Wochenendshopper in verheerende Eile. Der Zusammenhang zwischen runtertickenden Parkuhren und nachlässiger Kleiderauswahl der Deutschen ist bisher nicht hinreichend untersucht. Fest steht aber, dass Knöllchen bald teurer werden. Das Verkehrsministerium hat unlängst verfügt: Wer keinen Parkschein hat, zahlt ab April 10 Euro drauf. Unter diesen Umständen ist es natürlich ein Glücksfall, dass Leicester in Großbritannien liegt.

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Dort wurde jüngst der wohl hartnäckigste Falschparker der Geschichte gefunden: Es handelt sich um Richard den III., einst König von England, dessen Gebeine nun entdeckt wurden. Er kam aus Northamptonshire und ging in Leicester, wo er im Namen Heinrich Tudors verraten und ermordet wurde. Acht Schläge auf den Kopf, das war 1485. Seine Leiche: geschändet und in den Fluss geworfen, jetzt wieder aufgetaucht. Auf beziehungsweise unter einem Innenstadt-nahen Parkplatz! Ein Land feiert. Verkehrsämter der Fundgegend drucken neue Broschüren, obwohl Richard nie sonderlich beliebt war, sondern immer als Schurkenkönig galt. Die Briten haben ihm verziehen.

Man kann sich jetzt vorstellen, was los wäre in Kontinentaleuropa, wo man mit Monarchen nie besonders zimperlich umgesprungen ist und ihre heutigen Nachfolger sich nicht mal einen vornehmeren Pinot Grigio gönnen können, ohne gleich bejaucht und verillnert zu werden. Ja, die Könige glauben auch, sie können da umfallen, wo sie umfallen. Ohne Scham und Anwohnerschein. Während wir arme Bürger, ach, undsoweiter… Nachdem jedenfalls schon ein ganzes Forscherteam sämtliche mitochondriale DNA des armen Richard ausgelesen hat, kämen nun die unerbittlichen Premiumrechenschieber der deutschen Bußgeldstelle und legten Schuld auf sein "schuldlos Haupt", wie Shakespeare schon in dessen Namen dichtete.

Etwa so: Von 1485 bis 2013, macht 528 Jahre, 192.720 Tage, 4.625.280 Stunden hochgerechnet auf eine stündliche Durchschnittsparkgebühr von 50 Cent macht: 2.312.640 Euro. Oder 1.983.783 Pfund. Dafür muss eine alte Frau lange stricken, wenn sie nicht Queen Elizabeth heißt. Und es hülfe Richard dabei nicht viel, dass er durchaus als Visionär des umweltschonenden Park&Ride-Konzepts in die Literaturgeschichte eingegangen ist – zumindest wenn man Shakespeare glaubt. Sogar in der Stunde seines Todes soll der König noch gerufen haben: Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!

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Leserkommentare
  1. dass Richard versucht hat, das Gelände zu verlassen ("ein Königreich für ein Pferd"). Auch wenn das nur durch Shakespeare belegt ist, also ggfs. ein fiktiver Charakter dieses Spruchs angenommen werden muss.

    Außerdem war die Doppelnutzung des Geländes (Richard unter der Erde, Autos über der Erde) wegweisend. (Zumal Richard zu einer Zeit geboren wurde, wo es keine unterirdischen Pferdeställe gab.)

    Alles in allem sollte man Richard also die Parkgebühren erlassen.

    Haftbar wären aus meiner Sicht ohnehin nur die Nachkommen seiner Mörder. ;-)

    4 Leserempfehlungen
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    da hat man ihn halt ersatzhalber dortselbst eingelagert

  2. ... hätte sich der Autor der vergallopierten "Glosse" ein Beispiel nehmen sollen. Chapeau!

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  3. So etwas hätte ich der ZEIT gar nicht zugetraut.
    Ob allerdings so politisch korrekt ist...

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    • cmim
    • 05. Februar 2013 14:25 Uhr

    wenn man mit knöllchen in verzug kommt. diese leicht verzerrte optik resultiert aus einer ungemein sympathisierenden perspektive meinerseits. dachte immer, ich bin spezialistin für
    parkgebühren. ironically spoken.

    via ZEIT ONLINE plus App

  4. "...denn schließlich kann nur ein Deutscher auf die Idee kommen und einen solch "visionären" Artikel schreiben!"

    Keinen Rassismus, bitte.

    Wissen Sie im übrigen, ob Herr Hugendick nicht etwa einen britischen Migrationshintergrund besitzt?

  5. Sie können eigentlich kein Deutscher sein, Mr H., bei ihrem unernsten Duktus!

    "bejaucht" hätte vielleicht Potential, Wort des Jahres zu werden?

  6. nur sein momentaner Aufenthaltsort war unbekannt.

    Antwort auf "In Deutschland..."
    • F117
    • 05. Februar 2013 14:58 Uhr
    16. Spiegel

    Damit sind wir endlich auf dem Niveau des Spiegels angelangt und ich erwäge einen weiteren wechsel der online-Zeitschrift.

    Für objektive Berichterstattung, ohne die jagd nach klicks würde ich sogar Geld zahlen!

    @Topic:
    Schön, dass man Ihn gefunden hat. Ich finde es immer wieder interessant, dass man Menschen noch Jahrhunderte später identifizieren kann!

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    ... statt des Wechsels Ihrer Online-Postille, einen kurzen Gang in den Keller.
    Dort lacht es sich leichter.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte DNA | Euro | Fest | Fluss | Monarch | Verkehrsministerium
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