Soviel Aufregung gab es lange nicht in der ansonsten eher schlagzeilenarmen deutschen Tanzgemeinde. Der Chef des Berliner Staatsballetts, Vladimir Malakhov, wirft hin, der Katalane Nacho Duato rückt in einem Hauruck-Verfahren nach. Und obendrein kündigt die renommierte Choreografin Sasha Waltz an, die Hauptstadt zu verlassen, weil ihre Kompanie Sasha Waltz & Guests an "einer untragbaren Belastungsgrenze angelangt" sei. Ist das nun ein akutes Krisensymptom oder das Ergebnis einer Politik, die Tanz in etwa so behandelt, wie der Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder seinerzeit das Familienressort: als lästiges "Gedöns"?

Vorneweg eine statistische Ehrenrettung: Die Tanz-Sparte, die republikweit am meisten unter Druck steht, ist auf dem Papier die erfolgreichste. Der Bühnenverein berichtet regelmäßig, dass die Platzauslastung in Tanzvorstellungen höher ist als in Schauspiel, Oper und Operette an öffentlich subventionierten Häusern. Auch die Ausgaben für Ballett und andere Tanzformen rangieren deutlich unter denen der Schwesterkünste. Trotzdem ist das Tanzdepartement das liebste Sparobjekt aller Stadtkämmerer.

Woran liegt das? Berlin ist dafür ein schönes Beispiel. Vladimir Malakhov wurde 2004 an die Spitze des neu gegründeten Staatsballetts geholt, um der aus drei Vorgängerkollektiven zusammen geschweißten Truppe ein neues Image zu geben. Der am Moskauer Bolschoi ausgebildete Ukrainer baute in Berlin mit Polina Semionova eine hochkarätige Ballerina auf, der das Publikum zu Füßen lag. Zugleich verließ er sich jedoch ganz auf die Zugkraft der russischen Evergreens: Dornröschen, Schwanensee, Esmeralda und La Bayadère.

Ein Staatsballett ist aber immer auch dem Fortschritt verpflichtet, genau wie Museen und Kunstakademien nicht irgendwo im 19. oder 20. Jahrhundert den Schlussstrich ziehen können. Ein Blick nach Paris oder London, wo die öffentliche Hand weit weniger spendabel ist und Sponsoren den Großteil der Einnahmen beisteuern, zeigt: Eine gute geführte Kompanie hält die Klassiker in Ehren, poliert die Moderne – von George Balanchine über Hans van Manen, Frederick Ashton und Mats Ek bis William Forsythe – auf und begreift sich zugleich als Labor. In München und in Stuttgart haben die Ballettdirektoren und ihre Leitungsteams diese Mission verstanden: es gibt keine Spielzeit ohne mitunter prominent besetzte Uraufführung. Mal scheitert das Unternehmen, mal geht es auf – aber genau diese Courage braucht ein modernes Ensemble.

Exakt dieser Mut ging Vladimir Malakhov ab. Sein Weggang eröffnete Berlins Regierendem Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit die Chance, das Ensemble neu zu positionieren. Mit der Berufung eines Intendanten von Weltrang hätte er die Parole vom führenden Kreativ-Standort Berlin inhaltlich stützen können. 

Stattdessen fiel die Wahl auf Nacho Duato, der zwanzig Jahre lang als Leiter der spanischen Compañía Nacional de Danza für eine durch und durch gediegene Tanzdramatik stand, die er seit 2011 auch am Sankt Petersburger Mikhailovsky-Theater weiterführte. Dessen Patron, der Oligarch Vladimir Kekhman, ringt gerade mit der Staatsanwaltschaft – umso angenehmer für den Spanier, dass die Berliner ihm ab August 2014 den roten Teppich ausrollen. Dass der 56-Jährige nebenbei auch resident choreographer des Mikhailovsky bleibt und für die Petersburger neue Stücke entwickeln soll, wirft ein seltsames Licht auf sein neues Engagement: Wo will der Mann die Zeit hernehmen? Und hat das Berliner Staatsballett, mit fast 90 Tänzern immerhin das größte deutsche Tanzensemble, keine exklusive Betreuung verdient? Auf der Pressekonferenz zur "Zukunft des Staatsballetts" am Donnerstag hieß es dazu nur, man habe das Staatsballett "zeitgenössisch" aufstellen wollen.

Auf der anderen Seite verprellt Berlin gerade eine weltweit gerühmte Kompanie, die genau diese Anforderung erfüllt: Sasha Waltz & Guests nämlich. Für die hat der Kulturhaushalt keinen Cent mehr übrig als bisher. Das bedeutet, dass die Truppe um die Choreografin Sasha Waltz im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens um die Existenz bangen muss. Waltz selbst ist zwar auf Opern- und Tanzbühnen in ganz Europa gefragt, in Paris, Mailand und Sankt Petersburg im Einsatz. Aber nur mit ihren eigenen Leuten hat sie so grandiose Inszenierungen wie die Einweihung des Neuen Museums (2009) hingelegt, so ausdrucksstarke Formate wie Continu (2010) entwickelt. Und dafür hat die Hauptstadt kein Geld, keine Spielstätte – von einem regelrechten Tanzhaus ganz zu schweigen.