"Die Feen" in LeipzigTriefende Oper mit ironischem Blick

Richard Wagner hat seine erste vollendete Oper nie auf der Bühne gesehen. In Leipzig feierte nun sein zutiefst romantisches Jugendwerk "Die Feen" Premiere. von Sybill Mahlke

Einer hört Radio, wo über die Kulturwelle MDR Figaro gerade eine Oper angekündigt wird. Sie heißt Die Feen, und der Zuhörer auf seiner Wohnzimmercouch, das Büchlein in der Hand, verfällt der Macht der Töne so total, dass er sich in die Hauptrolle des Arindal versetzt. Er träumt, spielt und singt sie, ohne aus seiner bequemen Strickweste in die Kostümwelt der Szene zu wechseln. Die entfaltet sich unter den Theatermachern Renaud Doucet und André Barbe, die verantwortlich für Regie und Bild seit Jahren als festes Team zusammen sind.

Mit den Feen unter Generalmusikdirektor und Intendant Ulf Schirmer eröffnet die Oper Leipzig ihre Feierlichkeiten anlässlich des Wagnerjahres 2013. "Richard ist Leipziger" heißt der Slogan, den der lokale Richard-Wagner-Verband einmal erfunden und der Stadt vermacht hat. Vielleicht gilt es gerade hier, in der Geburtsstadt des Meisters, historisch etwas auszuwetzen, weil die Theaterdirektion 1834 das diffuse Werk abgelehnt hat. Wagner jedenfalls "verlor das Behagen an dieser Oper", wie er selbst mitteilt, und hat sie auf der Bühne nie erlebt. Cosima berichtet in ihren Tagebüchern, dass er noch in seiner Spätzeit aus der Feen-Ouvertüre gespielt hat, aber sie "gefällt R. nicht".

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Wie viel Vorahnung! Für Richard Wagners Stellung zur Oper ist das Jugendwerk Die Feen grundlegend. Bei den Frauenstimmen gilt Dominanz der Soprane in mehrerlei Gestalt und Farbe. Aus Glanz und Wonne kommt die Fee Ada her, aus dem Feenreich, aber zu harter Not wird ihr die Unsterblichkeit.

Das Frageverbot gefährdet die Ehe

Sie liebt den jungen Königssohn Arindal und darf ihn heiraten, wenn er sie acht Jahre lang nicht nach ihrer Herkunft fragt. Das kann nicht gut gehen, denn natürlich hält der Geliebte es mit dem Frageverbot nicht aus.

Anders als Lohengrin, für den in der Hochzeitsnacht alles schon vorbei ist, genießen Ada und Arindal vorerst die Ehe und haben zwei Kinder. Es fällt schwer, sich ein solches Zusammenleben mit häuslichem Frühstück bei späteren Wagnerpaaren wie Senta/Holländer, Lohengrin/Elsa vorzustellen. Ihnen ist andere Bestimmung auferlegt.

Hier aber handelt es sich um eine romantische Oper in der Tradition Webers und Marschners mit üppigem Zauberapparat, weitschweifig auseinanderdriftend: und doch "im Keime ein wichtiges Moment meiner ganzen Entwicklung".

Wegen der verbotenen Frage herrscht zunächst nur Vertreibung aus dem Paradies, Häufung von Operneffekten, Prüfung, Suche. Aber der Komponist, der sich den Text nach dem Gozzimärchen La Donna Serpente selbst verfertigt hat, strebt aus der orientalischen Gegend schon in seine eigene dramatische Landschaft und erteilt nordische Namen: Morald, Gernot, Gunther und Harald umgeben den Arindal als sein Schwager, Jäger, Höfling oder Feldherr.

Oper im Heute, Geister im Biedermeier

Feenreich, Einöde mit Felsen, Königspalast in der Hauptstadt, herrlicher Feengarten mit hängenden Weidenzweigen reklamiert die Inszenierung in trickreichem Wechsel mit dem bürgerlichen Leipziger Ambiente: Hubpodien voll im Einsatz, ebenso das Lichtdesign (Guy Simard), Bühnenebenen im Wandel und ein heiterer Mischmasch von Kostümen. Die Oper spielt im Heute, Geister und Feen halten sich an die Biedermeiermoden um 1830, während die mittelalterliche Aufmachung der Ritterschaft und ihrer frommen Frauen keineswegs naturalistischen Ernst anstrebt. Es ist eine gebrochene, gespielte Naivität, wie diese Kerle aufmarschieren mit Speer und Schild.

Plötzlich sieht sich unser häuslicher Wagnerianer alias Arindal mit einer goldenen Leier konfrontiert, ohne recht zu wissen, wie er damit umzugehen hat. Denn in Orpheus-Manier soll er jetzt seine Gattin Ada "mit der holden Töne Macht" aus einer Versteinerung befreien, um mit ihr zusammen sogar die Unsterblichkeit zu erlangen.

Leserkommentare
  1. ich finde es unnötig, das Frühwerk Wagners auf die Bühne zu stellen. Die Feen, Das Liebesverbot und Rienzi bleiben deutlich hinter den Geniewerken seit dem Fliegenden Holländer zurück. Das Gebet des Rienzi kann man ja in einer Operngala singen, der Rest dieser Oper ist vor allem Lärm. Wagner war eben - anders als Mendelssohn - kein Wunderkind. Und deshalb sollte man die Opernspielpläne nicht mit mittelmäßigen Stücken, die zurecht der Gnade des Vergessens anheimgefallen sind, zustopfen. Das gilt übrigens ganz ähnlich für Verdi. Die frühen Opern vor Rigoletto sind überaus konventionell und mitunter sogar unsorgfältig komponiert, auch wenn der Gefangenenchor aus Nabucco ein großer Wurf ist. Für den Gefangenenchor gilt eben: Ausnahmen bestätigen die Regel.

  2. Zu den Feen kann ich leider nicht sagen, habe ich nie gehört. Der Rienzi dagegen ist sicher überladen, laut, bombastisch und kein so großer Geniestreich wie meinetwegen der Ring. Aber er ist immernoch gut anhörbar und es ist allemal besser, auch mal Rienzi zu spielen als wenn jedes Winz-Opernhaus in Deutschland zur Zeit meint den Bayreuth-Kanon hoch und runter zu spielen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: So eine zyklische Ring-Aufführung ist für mich immer ein Ereignis, gerade wenn man die Woche Urlaub/Ferien hat und sie eigentlich vollständig Richard Wagner widmen kann. Und trotzdem ist erstmal jede Entscheidung zu begrüßen, die das Reportoire verbreitert. (meinetwegen auch so radikal gekürzt wie es Stölzl an der DOB gemacht hat) Ähnliches gilt für die anderen "großen" Komponisten und Ausgrabungen unbekannterer Namen. (selbst wenn die dann "konventionell" sind: Aber Nabucco hat auch so seine effektvollen Highlights, Macbeth ist super und auch wenn I Masnadieri, Attila, Ernani, Luisa Miller und wie sie alle heißen nicht sooo super wie Traviata, Rigoletto und Co. sind sind sie es wert gespielt zu werden. Analoges bei Strauss -der sowieso häufiger gespielt werden müsste- mit z.B. der Liebe der Danae)

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