Wolfgang SawallischDer letzte Kapellmeister ist gegangen

Pathos konnte er nicht ertragen, und doch erreichte er seine stärkste Wirkung mit Wagners Musik: Der Dirigent und Pianist Wolfgang Sawallisch ist 89-jährig gestorben. von Georg-Albrecht Eckle

Im Innersten, jenseits von allem, was die große Welt aus ihm machte, war er der letzte Vertreter eines redlichen Standes. Natürlich, auch er wurde zum Star entwickelt, in die Positionen transportiert, die seinen Namen ausmachten: Anfänge in Augsburg, Talentschmiede Aachen (woher Karajan aufstieg), Kölner Opernchef, Chef der Wiener Symphoniker. Und dann der Aufstieg in die bayerischen Höhen seiner Heimat: München – zuerst an der Seite Günther Rennerts, später Bayerischer Staatsoperndirektor und Generalmusikdirektor in Personalunion.

Gerade Letzteres ging gut, weil Sawallisch immer auch ein fleißiger Beamter war. Er hatte ein solides Lieferbewusstsein, eine als Bayer geradezu preußische Disziplin, unpathetisch, allürefrei. Er nahm verzehrende Ämter als Pflicht in Kauf, um eines einzigen Zieles willen: um Musik machen zu können auf höchstmöglichem Niveau. Er war nie ein charismatischer Interpret, musikalischer Visionär oder Prophet. Er war ein intelligenter Praktiker mit dem dezidierten Drang nach Deutlichkeit in der Vermittlung von Musik. Drei Bücher beweisen es – eines heißt: "Im Interesse der Deutlichkeit".

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Sawallisch war ein klarer Kopf, der neidlos bewunderte, was andere Meister seines Faches besaßen und was er nicht hatte: etwa das Magische, das er an Furtwängler verehrte. Er begriff das Genie neben ihm, man denke nur an Carlos Kleiber, diesen Gegentyp zu jedem auch noch so perfekten Kapellmeister. Und genau das war Wolfgang Sawallisch. Aus dieser Perfektion wuchs ihm mit den Jahren die Aura des absoluten Könners. Sein Glanz kam aus der Deutlichkeit seiner Realisation – man wusste vom ersten Ton an, das Schiff fährt sicher durch alle Untiefen, und der Kapitän ist hellwach.

Der Generationenwechsel in Person

In Sawallisch vollzog sich der wahre Generationenwechsel der Interpreten des letzten Jahrhunderts. Mit der Makellosigkeit seines Könnens und rationalen Verstehens löste er die großen Mystiker des Dirigentenpultes ab und machte die Musik zu einer klaren Sache. Das hat man ihm verübelt. Visionäre wie Celibidache verwiesen ihn in die Musikverwaltung. Verständlich, denn Sawallischs Rationalität fordert es heraus. Er konnte kein Pathos ertragen, es wäre denn begründbar gewesen. Und so hat er seine stärkste Wirkung ausgerechnet am Werk des größten Pathetikers erreicht: bei Wagner.

Niemand hätte dessen Musik zusammen mit Wieland Wagner dergestalt entmythologisieren können wie Sawallisch, und das tat dieser Musik zu dieser Zeit so gut. Und gut war, dass gerade dieser Akt einem deutschen Musiker gelang in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Wieland Wagner aber war klug genug, sich von dieser Sachlichkeit auch wieder zu distanzieren. Er dachte geschichtlich voraus, und Sawallisch bedeutete ihm eine Station für die Explosion des neuen Zugriffs. Plötzlich war Emotion etwas, das man sich erarbeiten musste durch klare Strukturen hindurch, um sie sich dann erlauben zu können in richtiger Dosis. Tannhäuser und Holländer wandelten sich zu radikalen musikalischen Dramen von bedrängten Menschen.

Auch hier verstand sich Sawallisch nicht etwa als Revolutionär, sondern als echter, als moderner Traditionalist. Für Wieland Wagner war essenziell, dass seine Aufklärung nicht von einem musikalischen Extremisten getragen wurde, sondern von einem grundehrlichen Makler, von einem Meister musikpraktischer Professionalität, der die Sache auf den Prüfstein stellt und fragt, was es zu bewahren und was es zu erneuern gilt. Dafür, dass Sawallisch seinen Ehrgeiz (und der war enorm) in ein lichteres Wagnerbild setzte, ist ihm aufs Höchste zu danken.

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