Jede Zeit hat ihre Plastikwörter. Begriffe, deren einstige Bedeutung durch ihren notorischen, vor allem medialen Gebrauch allmählich abgestumpft ist, unscharf und leer. Transparenz ist so ein Wort, Nachhaltigkeit ein zweites, Kreativität, Authentizität und Zensur, und womöglich ereilt Demokratie bald dasselbe Schicksal, wenn weiterhin jedes selbst verlegte Buch, jede kollaborativ entstandene Software als demokratisch gefeiert wird. Ein Wort gehört in dieses Schwirrvokabelheft der Gegenwart noch unbedingt hinein: der Hipster.

Und das, obwohl noch nie klar war, wer oder was das genau sein soll. Von Anfang an war er ein urbanes Phänomen, das sich jedem konkreten Zugriff wesenhaft entzieht. So wie der Yuppie, der ja je nach Wutstufe auf dem Immobilienmarkt entweder der Neueigentümer einer sanierten Wohnung ist oder bereits der, der seine Miete ohne fremde Hilfe bezahlen kann.

Als vor einigen Jahren Mark Greifs Essayband What was the Hipster? einen neuen, ehrenwerten Erklärungsversuch unternahm, blieb am Ende auch nur ein verschwommenes Bild. Heutige Hipster leben zumeist in westlichen Großstädten, ihr Leben verbringen sie im permanenten Updateprozess als eine Art Avantgarde des Konsums. Sie suchen Distinktion in Plattenwühlkisten oder in den Moden vergangener Jahrzehnte.

Wirklich deutlich wurde nur eines: Der Hipster wird nicht gemocht.

Er ist mittlerweile fast wöchentlich Objekt gesellschaftskritischer Anstandsübungen. Wenn nichts mehr hilft, der Hipster geht immer. Er ist sozusagen der Hustinettenbär des Krawallfeuilletons. Die Angriffe sind zumeist ästhetischer, phänotypischer oder lebensweltlicher Natur. Meist Vermeintlichkeiten und Unterstellungen, aber das genügt ja gemeinhin zur erregten Pathologisierung.

Eine dankbare Projektionsfläche

Es geht gegen die Art, sich zu kleiden (Holzfällerhemd, Röhrenjeans), gegen seine Art, das Leben zu organisieren (Facebook, Twitter, Internet im Allgemeinen) und gegen seine Art zu konsumieren (Bio, Retro). Die FAZ forderte neulich "Schluss mit dem Hipsterspuk!", unklar warum genau, hauptsächlich aber wegen der Klamotten. Der Tagesspiegel fand immerhin, natürlich kritisch gemeint, des Hipsters tiefere Bedeutung: "Wappentier des 21. Jahrhunderts".

Das hängt natürlich davon ab, aus welcher Perspektive man auf dieses Jahrhundert blickt. Was der Hipsterkritiker im urbanen Ballungsraum für eine zeitdiagnostische Großtat halten mag, wirkt von, sagen wir, Ostfriesland aus wiederum unbegreiflich provinziell. Allerdings erklärt es kaum die Irritation, die Hipster offenbar auslösen. Man verachtet sie nicht bloß wegen ästhetischer Einwände gegen Jutebeutel und garantiert zuzahlungspflichtige Brillengestelle. Auch nicht aus schierem Zorn auf bremsenfreie Retro-Rennräder, der eigentlich nur Verkehrswächtern und Unfallärzten zustünde. Hipster seien, so schrieb es kürzlich treffend die taz, "an allem schuld, weil sie unpolitisch sind, sich in der Vergangenheit suhlen und Städte gentrifizieren". Sie sind eine dankbare Projektionsfläche.

In den Tiraden gegen das Hipstertum, abseits von geschmacksterroristischen Urteilen, vereinen sich deshalb auf kuriose Weise nahezu sämtliche gesellschaftliche Debatten. Bequemerweise in ihren Schrumpfformen, also wie üblich. Eine Weltanschauungsrandale, in der man je nach Laune mit Individualisierungskritik und Konsumkritik vulgärsten Gepräges herumtröten kann.

Verklärte Nostalgie hat man als Betriebssystem des Hipsters ausgemacht. Seltsam erscheinen vielen seine modischen Ermächtigungen vergangener oder verrufener Ästhetiken. Anleihen an den hässlichen Kitsch des Camp, an dem sich schon Susan Sontag abarbeitete. Der stilistische Katechismus des Hipsters ist einer ständigen Aktualisierung unterworfen. Ein hochcodierter Konsum, der sich um Regeln arrangiert hat, die vielen nicht verständlich sind. Gemeinhin wird unterstellt, es ginge dabei um Distinktion vom Mehrheitsgeschmack – und Distinktion und Geheimnis und der Anschein von Elitarismus wirken heute meistens wie von selbst als Provokation. Wenn so jemand dann noch die tolle Altbauwohnung bekommt, nimmt es ihm die Volksgemeinschaft übel.

Die Ironie muss mal wieder bestraft werden

Es ist aber noch etwas anderes, das in fast allen Abrechnungen mit dem Hipster aufscheint: eine sonderbare Beschwörung der Ernsthaftigkeit. Denn das Schlimmste am Hipster sei ja das Uneindeutige, sein Bemühen, alles durch die eckige Brille der ironischen Affirmation zu sehen. All die schrillen Einhorn-T-Shirts, die zu engen Hosen, die Truckermützen, der Granny-Look und die augenzwinkernde Vorliebe für längst vergessene oder unhörbare Musik.

Ja, die Ironie! Ihr muss mal wieder der Prozess gemacht werden! Das war schon immer ein lustiger Schaukampf, den damals schon der freudlose Hegel mit den Romantikern anfing. Aus Tradition wissen wir: Ironie ist verdächtig. Mit ihr ist kein sittlicher Staat zu machen und schon lange kein Europa. Weil die Welt nämlich nur mit Ernst gerettet werden kann, wie es jetzt imTagesspiegel stand – sogar dramatisch ins Metaphysische gewendet:

"Tatsächlich ist das Maximum an (politischem) Standpunkt, zu dem sich die jungen, urbanen Coolen in New York und Berlin in der Lage sehen, eine Art Drive-by-Aktionismus: eine Unterschrift unter eine Onlinepetition, ein Flashmob, ein Button im Knopfloch. Der Tweet ersetzt das Parteibuch, das Statement das Argument. Der Hipster hat zu viel Abstand zur Welt, um sich die Frage nach ihrem Wesen zu stellen, geschweige denn, um an ihr zu leiden."

Hier geht es schon längst nicht mehr um die Hipster. Hier röhrt die altväterliche Generalstimme mit, die seit Jahrzehnten die Jugend mit volkspädagogischem Zackizacki quält. Die ihr grundsätzlich geistig-moralische Haltungsschäden diagnostiziert und über ihr mangelndes Engagement in der Gemeinschaft herumstöhnt. Darunter haben seither nicht nur die urbanen Coolen in New York und Berlin oft zu Recht gelitten. Nun kann man sicherlich fragwürdig finden, dass sich durch soziale Netzwerke das Dasein zur Illusion des Dabeiseins gesteigert hat, die vielen oft als Weltteilnahme ausreicht. Bloß hat das wenig mit Ironie zu tun, nichts mit Hipstern und dem fehlenden Leiden an der Welt.

Ernst als Weltkulturerbe

Denn der Ironiker hat das Leiden nicht vergessen, die Ironie ist nur seine Form der Gegenwartsbewältigung. Im Wodka der Ironie ertränke der Lachende seine Hoffnung und seine Verzweiflung, schrieb einst der russische Dichter Alexander Blok. Das kann man böswillig Eskapismus nennen. Oder eben als Vernunftsmittel begreifen, soweit Abstand zu nehmen, bis sich die Tragödien verkleinert haben und das Nichtige vom Wichtigen sich trennt. Um die Welt mal als Aphorismus zu sehen, in dem oft mehr Erkenntnis steckt als in sämtlichen mit erhöhtem Blutdruck verfassten Leitartikeln.

Wenn wie heute jedoch die politische Publizistik nach Haltung schreit wie auf dem Exerzierplatz, hat der Ironiker schlechte Karten. Und wo der Ausrufezeichenjournalismus unentwegt Appelle rausbläst ("Bewegen Sie sich, Frau Merkel!" oder auch: "Schluss mit dem Hipsterspuk!"), liegt es nicht fern, die ironische Lebensform des Hipsters als Feindbild anzusehen; seine codierte kulturelle Performance und sein konsumorientiertes Strebertum zu beklagen, aus dem man gern ein politisches machte. Oder zumindest irgendetwas anderes. Eigentlich egal was. Das Reden über das Hipster-Klischee ist selbst zum Klischee geworden.

Der einzige Trost daran ist nur, dass ein Gespenst keine Schmerzen spürt. Und vielleicht sollten alle Kritiker dieses urbanen Phantoms sich einfach zusammentun und die deutsche Ernsthaftigkeit zum Weltkulturerbe anmelden und zum Naturerbe gleich mit. Dort kann man dann einen Missvergnügungspark errichten und ummauern, alles hätte wieder seinen Namen und seinen Platz und eine Haltung. Es wäre garantiert hipsterfreie Zone. Es sei denn, Ernsteln geriete irgendwann aus der Mode. Dann kämen die Hipster nämlich wieder, gentrifizierten den Park und trügen forthin den heiligen Ernst zu bunten Turnschuhen und fairgehandeltem Flanell und beschallten das ganze Areal mit seltenen (Wühlkiste, Brooklyn!) Live-Bootlegs von Juliette Gréco.

Allerdings fällt es schwer zu glauben, dass es den Hipstergegnern dann besser ginge.