Nachruf Peter EnsikatNur Satiriker sind Realisten

Peter Ensikat ist tot, der meistgespielte Theaterautor der DDR und später gesamtdeutscher Kabarettstar. Er war ein Illusionist, der sich nie Illusionen machte. von Kerstin Decker

Es war ein Vormittag im Sommer, ein schmaler älterer Mann kam auf das Theater an der Parkaue zu. Er lief schnell, aber nicht aus Übermut, seine Gesichtsfarbe war grau. Wahrscheinlich hätte er sie gar nicht ändern wollen. Ein Kabarettist von urgesundem Aussehen ist eine tendenzielle Geschmacklosigkeit. Sein Beruf ist per se ein Misstrauensantrag gegen alle Gesundheit, alle Selbstgewissheit, egal wie, wo und unter welchem Vorwand sie auftritt. Er lächelte sein schmales, irgendwie defensives Peter-Ensikat-Lächeln. Seine Augen hatten ungefähr die Farbe seines Gesichts, aber sie blickten nicht kalt, nicht lauernd. Gibt es eine graue Wärme?

Kabarettist – ist das überhaupt ein Beruf? Wie erklärt man Peter Ensikat? Die Mehrheitsdeutschen würden es so sagen: "Ensikat ist der Dieter Hildebrandt des Ostens." Das ist völlig richtig. In den achtziger Jahren war er der meistgespielte Kabarett- und Theaterautor der DDR überhaupt. Also Hildebrandt plus, gewissermaßen. Trotzdem, der Identifizierte erklärte sich mit der Aussage grundsätzlich einverstanden, fügte aber hinzu, dass die deutsche Einheit genau dann vollendet sei, wenn Dieter Hildebrandt einmal als "der Ensikat des Westens" vorgestellt werde. Das ist der Realismus des Satirikers. Vielleicht können nur die Satiriker wirklich Realisten sein.

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Der Ensikat des Westens hatte den Hildebrandt des Ostens 1990 gefragt, ob dieser etwa vorhabe, sich mit ihm zu vereinigen. Als der das entschieden verneinte, atmeten beide auf und wussten, dass sie nun miteinander befreundet bleiben können. Ensikats letzte Bücher tragen Titel wie Hat es die DDR überhaupt gegeben? oder Ihr könnt ja nichts dafür. Ein Ostdeutscher verzeiht den Westdeutschen. Seine Autobiografie nannte er Meine ganzen Halbwahrheiten. Was für eine Präzision! Hier wusste einer ganz ohne Illusion, dass kein Selbsterzähler es weiter bringen kann. Ein Kabarettist: ein Illusionist ohne Illusionen.

Geprägt vom West-Berliner Rias-Kabarett

Finsterwalde ist ein guter Herkunftsort für einen Kabarettisten. Aber Peter Ensikat, 1941 geboren – sein Vater fiel zwei Jahre später bei Smolensk –, wusste noch lange nichts von sich und seinem späteren Beruf. Auch nicht, als er wie jeder, der noch bis drei zählen konnte und ein Radio besaß, Die Insulaner hörte, das legendäre West-Berliner Rias-Kabarett. "Wir haben keine Sendung verpasst, wir lebten gewissermaßen von Insulaner zu Insulaner, wir kannten alle Figuren und die Texte konnten wir teilweise auswendig", sagte Peter Ensikat, dessen Name später wie kein zweiter für das Ostberliner Gegenkabarett Distel stehen würde. Der Antikommunismus war gewissermaßen der mentale Naturzustand des Deutschen nach 13 Jahren "tausendjährigem" Reich. Und wahrscheinlich wäre Ensikat niemals Ensikat geworden, hätte ihn da nicht plötzlich einer gepackt. Auf eine Weise, wie es der Leipziger Schauspielstudent nie für möglich gehalten hätte, eiskalt und brennend heiß zugleich: Es war Bertolt Brecht. Brecht und sein Theater am Schiffbauerdamm. Alle seine Weltbegriffe fielen durcheinander. Und dann begann er aufzuräumen.

Was dabei entstand, war das Kabarett des Peter Ensikat, Zeitraum: lebenslang. Dieses merkwürdige, hochpräzise Dafürdagegen. Noch als Schauspielstudent fing er an, im "Rat der Spötter". Seine Ko-Spötter wurden "wegen staatsfeindlicher Hetze" von der Bühne weg abgeholt, als er – wegen Krankheit premierenverhindert – gerade nachträglich gratulieren wollte. Wer öffentlich Witze über den Sozialismus macht, lebt gefährlich, das begriff Ensikat sofort. Kabarett, überlegten die Genossen, sei dem Sozialismus wesensfremd. Schon weil es keine positive Satire gibt. Aber da war es schon zu spät.

Das DDR-Kabarett sollte den Westen bloßstellen, aber das hat nie funktioniert. Das eingemauerte Volk gab den Entlarvern zu verstehen, sich von der Miserablität des Klassenfeinds lieber selbst überzeugen zu wollen, und solange das nicht möglich sei, wolle es nichts davon hören. So wurde das Ostkabarett zum Pfahl im eigenen Fleisch statt in dem des Klassenfeinds. Auf Distel-Karten warteten DDR-Bürger nicht ganz so lange wie auf einen Trabant, manchmal aber zwei Jahre. Sie ließen sich sogar gegen Autoersatzteile tauschen. Das Lachen des Volkes trug Ensikat und die Distel wie eine nie versiegende Welle, höher und höher. Vielleicht ahnte etwas in ihm, wie viel Missverständnis in diesem Lachen steckte. Der Sozialismus ging denen auf der Bühne und im Publikum gleichermaßen auf die Nerven, nur aus verschiedenen Gründen. Und dann durfte er in Berlin nicht mehr auftreten.

Leserkommentare
  1. Ein wirklich tolles Buch fehlt in der Aufzählung:

    "Populäre DDR-Irrtümer"

    Darin erklärt Ensikat z. B., dass diejenigen, die in der DDR Partei- bzw. Linienschulung etc. hatten, nach der Wende ihre Vorteile hatten. Denn aus der Tatsache, dass in diesen Schulungen nur Märchen über den "tollen" Sozialismus erzählt wurden sollte man umgekehrt nicht schließen, dass das, was in den Schulungen über den Westen erzählt wurde, alles falsch gewesen wäre. Mit einfachen Worten: Die Parteikader wurden in den Schulungen auf das Leben bzw. die Nachteile im Westen bereits gut vorbereitet.

    Peter Ensikat hat schon seine eigenen Interpretationen zur deutsch-deutschen Geschichte gehabt.

    Ich hätte gerne von ihm noch mehr gelesen.

    Mein Mitgefühl gilt seiner Familie.

    5 Leserempfehlungen
  2. und wusste, warum der Sozialismus so nicht funktionieren konnte.
    Es lag wohl an den real existierenden Menschen.

    3 Leserempfehlungen
    • dapf15
    • 20. März 2013 11:32 Uhr

    Vielen Dank, Peter Ensikat, für Theater- und Lesevergnügen, auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken blieb.

    Und vielen Dank an Kerstin Decker für den gelungenen Nachruf.

    2 Leserempfehlungen
    • hairy
    • 20. März 2013 21:32 Uhr

    hier zu lesen sind zu dem traurigen Anlass.

    Das höre ich grad:

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/querkoepfe/2009279/

    Ich hoffe, man kann die Sendung noch nachhören; war ausnehmend gutes Kabarett...

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