An Tag 34 gibt es für Pirka nur noch Paprikachips zum Frühstück. Anfangs brachten noch viele Leute Essen. Suppe, Braten, Kuchen. Die 24-jährige Studentin wohnt seit mehr als einem Monat in einem besetzten Hörsaal in Budapest. Der Raum an der Uni ELTE ist einer der wenigen Orte in der ungarischen Hauptstadt, an den sich Künstler und Studenten zurückziehen können, um zu debattieren und Protestaktionen zu planen. Für unabhängige Universitäten, Kultur und Justiz. Gegen die Diskriminierung von Minderheiten wie Obdachlosen, Juden, Roma und Homosexuellen.

Abends lesen hier Dichter, Musiker treten auf. Unter der Schiefertafel steht ein Haufen Bücher, fast ausschließlich Literatur zur ungarischen Revolution von 1956. Mittlerweile sind Pirkas Augenringe größer als ihre Augen. Das ungarische Parlament hat die Bürgerrechte beschnitten und die Macht des Verfassungsgerichts eingeschränkt.

Die Kritik von Studenten beeindruckt die rechtskonservative Regierung Viktor Orbán nicht. Außerhalb der Aktivistengruppen traut sich auch an den Unis kaum noch jemand, offen zu sprechen, sagt Pirka: "Viele meiner Kommilitonen behaupten, sie hätten keine Meinung."

Knoblauch gegen Orbán

Neben den Studenten versuchen auch ungarische Künstler, dem System Orbán Widerstand zu leisten. Der Kulturbetrieb in Budapest ist längst nicht mehr unabhängig, nur wenige trauen sich, ihre Meinung zu sagen. Die Regierung erschwert den öffentlichen Diskurs, wo sie kann. Der Chef der Oper, der Leiter der Budapester Kunsthalle und der Kulturchef des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sie alle müssen gehen, weil sie nicht in Orbáns nationalistisches Schema passen. Kleinere Kultur- und Versammlungsstätten macht die Regierung einfach zu.

So wie die Kneipe in Budapests jüdischem Viertel. Bis vor einem Jahr trafen sich dort junge Intellektuelle und Aktivisten. Wegen "subversiver Tätigkeiten" hat die Polizei den Kneipenbetrieb verboten. Die Kneipe ist jetzt offiziell ein Kulturzentrum, trotzdem treffen sich hier weiter junge Menschen. Es riecht nach Joints und Kaffee, neben der Theke stapeln sich Club-Mate-Kästen. Im dritten Stockwerk, am oberen Ende der Wendeltreppe, knien Deutsche und Ungarn auf dem Boden. Sie bemalen Bettlaken in rot-weiß-grüner Schrift. Es sind die Mitglieder des satirischen Künstlerkollektivs Knoblauchfront, die sich als Logo das ungarische Nationalgewürz ausgesucht haben.


Ihr Gründer, der 23-jährige jüdische Karikaturist und Philosophiestudent Armin Langer, ist der einzige hier, der einen Anzug trägt. Langer glaubt, dass er durch Kunst und Humor mehr bewirken kann als durch traditionelle Politik. Inspiriert hat ihn die Satire-Gruppe Front deutscher Äpfel, die Nazi-Parolen parodiert.