Einen Menschen wie Dagobert Jäger trifft man nicht alle Tage. Ein Mensch wie Dagobert Jäger trägt 1,23 Euro in seiner Hosentasche mit sich herum, behauptet, das sei alles, was er momentan habe, und trinkt dann nicht mal ein Glas Leitungswasser im Café. Ein Mensch wie Dagobert Jäger sagt: "Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört, Existenzängste zu haben. Es hilft, wenn man mal gar nichts hat und merkt: ist auch nicht so schlimm." Man kommt schon immer irgendwo unter, die paar CDs und Klamotten, die man hat, lassen sich leicht umziehen, und bevor im Mai die Tour zum Debütalbum startet, wird von irgendwoher auch noch ein neues Bühnenoutfit kommen. Der alte Frack ist nämlich zerschlissen und etwas eng geworden. Vielleicht, weil Dagobert Jäger heute zwei Mal täglich Reis isst – anstatt nur ein Mal, wie früher.

Schlank ist er trotzdem. 30 Jahre ist der Schweizer alt und lebt seit zwei Jahren erfolgreich quasi ohne Geld in Berlin. Sich selbst bezeichnet er als Schnulzensänger. Man muss keine fünf Takte seines Erstlings hören und sagt eben das: ein Schnulzensänger. Nach weiteren fünf Takten und nachdem man die Ohren auch für den Text aufgesperrt hat, ergänzt man: ein fantastischer Schnulzensänger.

Zum Einstieg schaue und höre man sich das Video zu Morgens um halb vier an. Da steht dieser leicht ungelenke Schlaks mit zurückgegelten Haaren in seinem Frack auf einer Bühne und gibt den melancholischen Impresario am Mikrofon. Seine Körpersprache erinnert an Max Schrecks Nosferatu, sein Lied beschwört die abgetakeltsten Sehnsuchtsmotive: zusammenkommen, Kinder kriegen, gemeinsam alt werden. Die Musik ist von einer streicherteppichunterfütterten Ohrwurm-Deluxe-Qualität, die in Sachen Üppigkeit der Münchner Freiheit in nichts nachsteht. Und der Text erstrahlt in einer so wenig schamverstellten Direktheit, dass es einem – erst mal noch ungewollt – die Härchen auf dem Unterarm hebt.


Dagobert erläutert: "Ich bin Schlagersänger. Weil: Ich singe nur Liebeslieder. Was anderes fällt mir einfach nicht ein, ich habe sonst nichts zu sagen. Und ich singe auch nur Liebeslieder für Frauen. Was soll ich machen. Ich mag halt Frauen." Leicht könnte einen da der Gedanke beschleichen: Naivling, du gehst brutal in die Falle der neokonservativ-bourgeoisen Idyllik. Aber dann kommt Dagoberts Geschichte und Erscheinung dazu, und schon wird aus dem Einfaltspinsel ein extrem autonomer Künstler, der sein Schaffen einer sehr ehrlich gemeinten – und gemachten – Form der heutigen Minne verschrieben hat. Wenn man diese Geschichte auf dem Infozettel der Plattenfirma liest, befindet man: schön, aber ausgedacht. Wenn Dagobert selbst diese Geschichte erzählt, glaubt man, dass man ihm glauben kann.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Aargau. Seine "Mami", berichtet er, sei "eine verstrahlte Esoterikerin mit einem riesigen Herz, die fest daran glaubt, dass demnächst die Delfine aus den Meeren auffahren und andere Planeten besiedeln". Mit acht Jahren entdeckt Dagobert die Scorpions – eine Liebe fürs Leben. Bis heute sind die Scorpions für ihn "einfach das Beste", Konkurrenz machen den Kunstlederrockern aus Hannover nur David Hasselhoff und der Ex-Flipper Olaf. Tom Waits, Iggy Pop und David Bowie hat Dagobert hingegen abgeschrieben, nachdem er sie auf der Bühne gesehen hatte und sie ihm unsympathisch waren. Dagobert Jäger ist klar aufseiten der "guten Menschen".