Clubtrend FootworkDie schnellste Musik der Welt

Der neueste Trend in der Clubmusik kommt aus Chicago und folgt auf Dubstep und Post-Dubstep: Juke und Footwork provozieren mit hektischen Beats und höllischen Bässen. von Andreas Hartmann

DJ Rashad, einer der Protagonisten der Juke-Szene. Sein neues Album "Rollin" ist bei Hyperdub erschienen.

DJ Rashad, einer der Protagonisten der Juke-Szene. Sein neues Album "Rollin" ist bei Hyperdub erschienen.  |  © Hyperdub

Wer kann das alles noch unterscheiden? Was genau sind Dubstep, Brostep, UK Funky und zu allem Überfluss auch noch Post-Dubstep? Dancemusic abseits des in Deutschland weiterhin angesagten Minimaltechno ist extrem unübersichtlich geworden. Dennoch lassen sich selbst so unterschiedliche Phänomene wie der Songwriter-Dubstep von James Blake und das Haudrauf-Geballer von Skrillex gut unter einem Oberbegriff subsumieren: Bassmusik.

Hier hat der Bass nicht mehr bloß die Funktion, den Tänzern Orientierung zu geben, Four-to-the-floor und immer schön im geraden Takt ist passé. Der Bass ist vielmehr ein Querschläger, stiftet Unruhe und sorgt für Verwirrung. Für Tänzer ist das eine echte Herausforderung. Als Dubstep von London beispielsweise nach Berlin durchsickerte und vor allem im Club Berghain eine Heimat fand, konnte man sich zuerst gar nicht vorstellen, wie sich irgendjemand zu den seltsamen Bass-Blähungen sinnvoll bewegen soll. Doch es funktioniert. Bei Dubstep-Partys wird tatsächlich getanzt, und es sieht bei den meisten nicht einmal nach Arbeit aus.

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Hört man nun Juke oder Footwork – zum Unterschied später –, fragt man sich erneut, wie man sich bitteschön zu dieser völlig dekonstruktiven Form von Bassmusik körperlich verhalten soll. Wer schon Dubstep anstrengend findet, bekommt bei Footwork garantiert einen Nervenzusammenbruch. Die Beats knattern in wahnsinniger Geschwindigkeit, dazwischen knallen Bässe wie Bombeneinschläge, und damit die Überforderung perfekt ist, werden Footwork-Tracks gerne mit Hip-Hop- oder Filmsamples garniert. Wie unfertige Collagen wirken die Stücke meist, roh und primitiv. Einfallsreichtum ist wichtiger als der Einsatz neuester Technik, es wird bevorzugt mit alten Drum-Maschinen gearbeitet. Man hört auch schlecht geschnittene Samples und Synthiegetacker, das sich im Nirgendwo verläuft. Die Hauptsache ist, es klingt direkt und handgemacht, als würde jemand ein paar Geräte zum Durchdrehen bringen. Während Dubstep eine raumgreifende Musik ist, die hypnotisch und zeitverzögernd wirkt, ist Footwork die reine Hektik, man hat das Gefühl, viel zu viel passiert hier gleichzeitig.


Das Gerücht erreicht Europa

Noch sind Juke und Footwork in Europa eher ein Gerücht. Dieses aber verbreitet sich immer schneller. Gerade hat der amerikanische Footwork-Produzent DJ Rashad, einer der Protagonisten der vor allem in Chicago beheimateten Szene, mit Rollin eine neue Platte auf dem einflussreichen Londoner Dubstep-Label Hyperdub herausgebracht – ein Anzeichen dafür, dass die neuen Stile auch bald bei uns einschlagen könnten. Über London – die Mutterstadt des Dubstep – kamen in den letzten Monaten auch schon die ersten Juke-Vorboten nach Europa. So veröffentlichte das Londoner Label Planet Mu unter dem Titel Bangs & Works zwei Kompilationen, die den Sound einer lebendigen Subkultur präsentieren, die schon seit Jahren gedeiht. In einer amerikanischen Großstadt ist da etwas herangewachsen, das für europäische Ohren wirkt, als käme es von einem anderen Stern und das doch die urbane Wirklichkeit aus Hektik und Reizüberflutung genial reflektiert.

Klickt man sich auf Youtube durch Footwork-Clips, kommt das Gefühl auf, dem nächsten Breakdance zuzusehen. Auch weil Footwork, so wie einst Breakdance, eher Straßen- denn Clubmusik ist. In Chicago treffen sich hauptsächlich schwarze Jugendliche zu Footwork-Battles in der Nachbarschaft und tanzen tatsächlich zu diesen Beats mit der Wirkung von Nervengift. Und wie sie tanzen! Was fast wirkt wie spastisches Zappeln, sind in Wahrheit Moves mit eigenen Namen. Vor allem die Beine – "Footwork" heißt so viel wie Beinarbeit – stellen verrückte Dinge an und wirken wie aus Gummi, wenn sie sich drehen und winden zu dem pausenlosen Beat- und Bassgeknatter.

Leserkommentare
  1. Das Soundcloud-Sample ist doch total zahm im Vergleich allein schon zu einem beliebigen Skrillex-Werk...
    Und "abartig schnell" finde ich 180bpm nicht. Wer mal schnelle Musik hören will, sollte sich im Oldschool-Bereich namens "Metal" umhören, insbesondere Nile wäre ein Tipp. Viele deren Werke haben flächendeckend 250+ bpm, teilweise 280. Und trotzdem tanzbar... :)

    2 Leserempfehlungen
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    Ich habe noch nie jemanden im Takt zu Slayer tanzen sehen. Höchstens headbangen. Für Tanz ist das aber viel zu schnell.

  2. Was footwork für mich persönlich ziemlich unhörbar macht, zumindest über einen Zeitraum von mehr als 20 Minuten, ist die Absonderlichkeit, dass mehrere Spuren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten gleichzeitig laufen. Und das Ganze dann noch in dieser Geschwindigkeit, die 1/32-Hihats und die Samples, die in scheinbar unendlicher Wiederholung einen kurzen Satz im Hirn einbrennen... all das sorgt für eine unfassbare Hektik.
    Vermutlich kann man sich davor nur retten, indem man dazu tanzt. Aber solche Geschwindigkeiten im Bein muss man auch erstmal ohne Verknotung zustande bringen...

    2 Leserempfehlungen
  3. Das, was man im Video an "Tanzkünsten" sieht ist eher durchschnitt. *gähn*
    Manchem Musikredakteur, der seine geistigen Ergüsse zum Besten gibt, aber höchstwahrscheinlich nicht Bestandteil dieser Musikszene ist, sollte man aufs Klo sperren, dass er sich dort "Erleichtert", statt die Massen mit ihren ... zu beglücken.
    Schön, dass es "Paralleluniversen" gibt, in denen etwas gedeihen kann und das Klischee, dass eine Musik nur in einem Stadtteil mit einer besonderen Ethnie stattfindet, kann sich eigentlich nur in einem Gehirn dargestellt werden, das zur Beschränktheit neigt.
    Es gab auch immer schon in Europa/Deutschland Menschen, die sich mit der Musik befasst haben und nicht auf das "Überschwappen" warteten, das Ihnen ein "Musikredakteur" vorbeten musste.
    Wie seiht es eigentlich mit Big-Beat, Breakbeat und Drum and Bass Einflüssen aus?
    Nun gut!

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  4. Skrillex und dubstep in einem Satz... tzzz

    das ist so, als spräche man von Kabarett und dann kommt man an mit Mario Barth.

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    Ein Hoch auf die EDM-Polizei, was würden wir nur ohne sie (Sie) tun.

    • sid666
    • 10. April 2013 18:14 Uhr

    "Skrillex und dubstep in einem Satz... tzzz" mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. oder vielleicht doch noch ein paar stichworte: baltimore, miami, atlanta, crunk, ghettotech, booty etc.

    und die dubstep parties im berghain fanden mE zu einer zeit statt, als dubstep und techno längs vermählt waren. shackelton & villalobos.

    über dubstep liesse sich so viel schreiben. wo ist dubstep (originär?) eigentlich hin? ist das eigentlich alles wirklich POST? ist das DUBSTEP? was hat es eigentlich im kern mit dieser adaptiven / viralen musik auf sich?

    aber bitte nicht so und nicht in der zeit. schuster & leisten.

  5. Ein Hoch auf die EDM-Polizei, was würden wir nur ohne sie (Sie) tun.

  6. Ich habe noch nie jemanden im Takt zu Slayer tanzen sehen. Höchstens headbangen. Für Tanz ist das aber viel zu schnell.

    Antwort auf "schnell...?"
    • sid666
    • 10. April 2013 18:14 Uhr
    7. tzz zz

    "Skrillex und dubstep in einem Satz... tzzz" mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. oder vielleicht doch noch ein paar stichworte: baltimore, miami, atlanta, crunk, ghettotech, booty etc.

    und die dubstep parties im berghain fanden mE zu einer zeit statt, als dubstep und techno längs vermählt waren. shackelton & villalobos.

    über dubstep liesse sich so viel schreiben. wo ist dubstep (originär?) eigentlich hin? ist das eigentlich alles wirklich POST? ist das DUBSTEP? was hat es eigentlich im kern mit dieser adaptiven / viralen musik auf sich?

    aber bitte nicht so und nicht in der zeit. schuster & leisten.

  7. ...schade, dass, wie so oft wenn musikjournalismus sich um angeblich neue trends bemüht, das ergebnis der berichterstattung ziemlicher kokolores ist. das fängt schon bei der headline an - die 160bpm, bei denen sich footwork in der regel bewegt, haben die euromasters bereits anno '92 locker überholt. und wem der connect von house zu footwork schwer nachvollziehbar erscheint, der oder die muss entweder ein sehr schlechtes gehör haben oder hat sich einfach weder mit dem einen oder dem anderen wirklich beschäftigt.

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