"Eine tägliche Medizin gegen den Wahn des Tages" will das neue niederländische Online-Magazin De Correspondent sein. Noch bevor die Website einen einzigen Artikel veröffentlichte, war sie schon Mittelpunkt der Nachrichten – nicht nur in den Niederlanden. Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University, schrieb auf Twitter, De Correspondent sei "das interessanteste journalistische Start-Up, von dem ich 2013 gelesen habe".

De Correspondent ist auf jeden Fall ein spektakulärer Fall von Crowdfunding. Die Gründer um den 30-jährigen Journalisten Rob Wijnberg brauchten 15.000 Mitglieder, um eine Redaktion aufzubauen und mindestens ein Jahr lang produzieren zu können. Jedes Mitglied sollte jeweils mindestens 60 Euro zahlen. Wohlgemerkt für ein Online-Medium, das es in dem Moment noch überhaupt nicht gab. 30 Tage hatten sich die Initiatoren Zeit gegeben, doch schon innerhalb der ersten 24 Stunden war die erste Hälfte der Summe eingegangen. Eine Woche später war das Projekt finanziert. Etwa 15.000 Leute schenkten der Initiative mehr als 1 Million Euro.

Dies zeige, dass Leser bereit sind, für Qualitätsjournalismus im Internet zu bezahlen, sagt Wijnberg. Der ehemalige Chefredakteur von NRC Next, der jungen Ausgabe des NRC Handelsblad, verspricht, De Correspondent werde mit seinen profunden Analysen, Recherchen und Hintergrundartikeln ein Ruhepunkt jenseits der medialen Dauerkanonade sein.

"Aktuelle Nachrichten hört und liest man schon überall," sagt Wijnberg. "Viele traditionelle Medien schreiben mehr und mehr über genau die gleichen Themen. Wir wollen nicht noch einmal erzählen, was los ist in der Welt, sondern warum es passiert."

Seine Redaktion bestehe aus "eigensinnigen Korrespondenten", die auf persönliche Weise von ihren Recherchen berichten sollen, sagt Wijnberg. Einige renommierte niederländische Journalisten konnte er für De Correspondent gewinnen. Etwa Joris Luyendijk, der auch für den Guardian schreibt. Vor einigen Jahren berichtete er auf fast anthropologische Art über die Biotope des Bankers: Was treibt sie an, wie konnte die Finanzkrise entstehen? "Luyendijk lässt sich von den größeren Fragen hinter die Nachrichten leiten. Damit ist er eine Inspirationsquelle für De Correspondent, sagt Wijnberg. Ein weiteres Vorbild sei das US-Blog The Dish von Andrew Sullivan, das seit Januar nur noch von Lesern finanziert wird, statt wie die meisten großen Onlinemedien auf Werbeeinnahmen zu setzen.

Keine "Zwangsjacke von festen Formaten"

Mit der Digital-Design-Agentur Momkai will Wijnberg viele neue journalistische Formen entwickeln. "Anders als Zeitungen oder Magazine stecken wir nicht in eine Zwangsjacke von festen Formaten", sagt Wijnberg. "Unsere Journalisten können online ihre Recherchen teilen, das Publikum viel aktiver bei ihren Untersuchungen involvieren und die Leser fragen: Was wollt ihr noch wissen zu dem Thema?"

Genau darum entspräche ein Online-Magazin einem der wichtigsten Wesenszüge des Journalismus, findet Wijnberg, der studierter Philosoph ist. "Ich glaube nicht an objektive Nachrichten. Journalismus ist immer work in progress. Man versucht die Welt zu verstehen, und unterwegs berichtet ein Journalist von seinem eigenen, subjektiven Suchlauf."

Kritik gibt es selbstverständlich auch an dem Mitglieder-Modell. Wie will De Correspondent neue Leser erreichen und wirklich relevant werden, wenn seine Inhalte nur hinter einer Paywall verfügbar sind? Wird die Website sich auch nach dem ersten Jahr noch tragen können, wenn die erste Euphorie der Leser verflogen ist?

"Es ist mir total klar, dass es noch viele Fragen gibt. Am meisten für uns selbst", sagt Wijnberg. "Das ganze Projekt ist ein Experiment. Viele Fragen werden wir mit unseren Mitgliedern besprechen. Wenn unsere Abonnenten damit einverstanden sind, verstecken wir nicht alle Inhalte hinter einer Paywall, sondern ermöglichen unseren Autoren, die Artikel über ihre Sozialen Netzwerke zu teilen."

Ab September sollen die ersten Artikel online sein. Mitglieder bekommen zunächst einige Artikel pro Tag, sagt Wijnberg. "Das heutige Budget erlaubt uns nicht, mehr zu produzieren. Deswegen brauchen wir auch noch weitere Abonnenten. Nach Crowdfunding-Gesichtspunkten waren die ersten Wochen schon ein Erfolg. Aber wir haben noch einen Berg Arbeit vor uns."