Ausstellung Anish KapoorTonnenschwere Leichtigkeit

Der indisch-britische Künstler Anish Kapoor wurde 1992 auf der Documenta entdeckt. Nun zeigt der Martin-Gropius-Bau in Berlin seine spielerischen Skulpturen. von Nicola Kuhn

Anish Kapoors Werk "Untitled" von 1990 ist eines der Werke, die in der umfangreichen Schau "Kapoor in Berlin" im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind.

Anish Kapoors Werk "Untitled" von 1990 ist eines der Werke, die in der umfangreichen Schau "Kapoor in Berlin" im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind.  |  © J. Fernandes and S. Drake/Anish Kapoor/VG Bildkunst, Bonn, 2013

Es war ein tiefes schwarzes Loch, das ihn berühmt machte, 1992. Die Besucher der Documenta IX pilgerten zu Anish Kapoors kreisrunder Erdhöhle und erblickten – ein pudriges Nichts. Die Öffnung im Galerieboden war mit schwarzen Pigmenten ausgefüllt und ließ den faszinierten Betrachter im Unklaren darüber, wie weit es tatsächlich in die Tiefe geht.

Seitdem hat Kapoor der Kunstwelt die unglaublichsten Dinge beschert, tonnenschwere Skulpturen zum Beispiel, die es in ihren Dimensionen mit Hochhäusern aufnehmen können. Aus der Documenta-Entdeckung von damals ist heute ein Superstar geworden, ein Big Shot der Bildhauerkunst, um den sich die großen Ausstellungshäuser der Welt rangeln. In diesem Sommer gastiert er in Berlin, ab Sonnabend ist er mit einer Retrospektive im Martin-Gropius-Bau mit über 70 Arbeiten zu sehen.

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Und doch bleibt der heute 59-Jährige seinen Anfängen treu. Die skulpturale Sprache des seit seinem Studium in London lebenden indischen Künstlers ist unverändert, das Wechselspiel von Volumen und Leere, Suggestion und konkretem Raum. Auch das schwarze Loch, Descent into Limbo, wird immer wieder gegraben, als Wiederaufführung eines bewährten Stücks, diesmal in Saal 5 des Gropius-Baus. Die Technikabteilung musste dafür ihr Büro räumen, denn die Öffnung reicht anderthalb Meter hinab. Für den Betrachter besitzt sie die Dimension des Firmaments. Ein kleines, feines Meisterwerk.

Anish Kapoor zu einer Ausstellung einzuladen oder ihn mit einer Skulptur im öffentlichen Raum zu beauftragen, bedeutet ganz großes Theater. Für Chicago baute er mit Cloud Gate eine gigantische, 110 Tonnen schwere Spiegelfläche, heute ein Wahrzeichen der Stadt. Für die Olympischen Spiele in London entwarf er eine 115 Meter hohe Skulptur aus blutrotem Stahlrohr, die an Tatlins berühmten, nie realisierten Turm für die III. Internationale vor fast 100 Jahren erinnern soll.

Anish Kapoor Teaser
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Um die Bilderstrecke zu sehen, klicken Sie bitte hier  |  © Nic Tenwiggenhorn/Anish Kapoor/VG Bildkunst, Bonn, 2013

Für Kapoor scheint inzwischen fast alles machbar – an Geld und technischem Equipment fehlt es nicht. Die Gefahr besteht, dass dieser Inszenator des Sublimen seiner eigenen Materialschlacht zum Opfer fällt. Dass dies in Berlin dennoch nicht geschieht, liegt an den zauberischen Momenten seiner Kunst. Der Betrachter spürt das wohlkalkulierte Pathos, den Showeffekt: bei der Luftdruckkanone, die alle halbe Stunde einen fetten roten Wachsklumpen in eine Saalecke ballert, bei der sich aus einer Wand wölbenden Rundung mit dem Titel When I am Pregnant. Oder bei der überdimensionalen wächsernen Glocke, die wärmebedingt ständig ihre Gestalt verändert und von einer stündlich rotierenden Scheibe wieder in Form gebracht wird. Aber trotz der Tonnenschwere seiner Materialien wohnt Kapoors Auseinandersetzung mit den Räumlichkeiten des Gropius-Baus etwas Leichtes, Spielerisches inne.

Leserkommentare
  1. Auf Documenta 92 entdeckt?
    Anish Kapoor hat 1991 den Turner Prize gewonnen und war im Jahr zuvor auf der Biennale in Venedig.

    Eine Leserempfehlung
  2. 2. Kunst?

    Ich habe im TV diese "Kunst" gesehen...Lächerlich und geschmacklos!
    Wie auf allen Gebieten - der Mensch gleitet immer mehr ab in die Kloake!

  3. habe acht euro fuer unglaublich grosses leeres theater ausgegeben. inszeniert vom kunsthandel. um den namen endlich auch in berlin bekannt zu machen. wie auch schon nach der eliasson-ausstellung blieb nix. jedes dokumentationsfoto von einer beuys-ausstellung hat mehr, als diese show ohne inhalt und bedeutung. beuys hat nie soviel geld fuer seine arbeit gehabt. wen will kapoor seiner materialschlacht beeindrucken?

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