Tanztheater "Masse"Ballett im Berghain

Fünf DJs, drei Choreografen und das Berliner Staatsballett: Mit dem Ballett "Masse" eröffnet das Berghain vor apokalyptischer Kulisse einen neuen Saal. von Sandra Luzina

Diesmal muss kein tätowierter Türsteher überwunden werden, der wie ein Zerberus vor dem Einlass wacht. Wer es in die Halle des Berghain geschafft hat, fühlt sich dennoch auserwählt. Und ist erst mal überwältigt von dem 17 Meter hohen Raum mit den bröckeligen Mauern und rostigen Rohren. Mit dem Tanzabend Masse wurde Sonnabend ein neuer Saal eröffnet. An zehn Abenden tanzt hier das Staatsballett Berlin, danach wird die Halle wieder geschlossen.

Dass sich Hochkultur und Clubkultur begegnen, dass Industrieruinen temporär bespielt werden, ist Berlins Markenzeichen. Doch man fragt sich: wie lange noch? Dass das Projekt Masse einen so gewaltigen Hype ausgelöst hat, liegt nicht nur daran, dass der Malerstar Norbert Bisky das Bühnenbild entworfen hat. Das ambitionierte Projekt ist auch ein Symbol für das, was möglich ist in Berlin. Und es ist zugleich der Abgesang an einen Traum. Denn eigentlich hatten Michael Teufele und Norbert Thormann, die beiden Berghain-Macher, ganz andere Pläne. In dem ehemaligen Kesselhaus sollte ein neuer Veranstaltungsort entstehen. Aus dem "Kubus" – Konzertsaal, Theaterbühne und Galerie in einem – wird nun nichts. Wegen der hohen Stahlpreise war der Umbau der Halle nicht mehr zu finanzieren. Zudem sitzt dem Berghain die Gema im Nacken: Nach der Tarifreform könnten die Gebühren um bis zu 1.400 Prozent steigen. Die 1,25 Millionen, die Kulturstaatssekretär André Schmitz ihnen aus einem Sondertopf für "innovative Orte" anbot, lehnten sie ab.

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Vom Engagement der Berghain-Macher profitiert nun vor allem das Staatsballett Berlin. Der Tanzabend konnte nur realisiert werden, weil Geld aus dem laufenden Clubbetrieb in das Projekt fließt. Außerdem bietet der Abend Malakhovs Truppe die Chance, ihr verzopftes Image aufzupolieren. Masse ist nach Shut Up and Dance. Updated von 2007 bereits die zweite Kooperation zwischen dem Berghain und dem Staatsballett. Fünf bekannte DJs haben die Musik komponiert und beweisen, dass sie mehr können als nur düsteren Elektro oder harten Techno. Ein gewisses Ungleichgewicht herrscht bei den drei Choreografen: Nadja Saidakova und Xenia Wiest, die schon bei Shut Up dabei waren, sind beide Tänzerinnen in Malakhovs Truppe, Tim Plegge dagegen hat sich schon einen Ruf als professioneller Choreograf erworben.

Ein BVG-Bus am Bühnenrand

Der Maler Norbert Bisky beschwört ein apokalyptisches Szenario – das die Choreografen meistens links liegen lassen. Ein verkohlter, ausgeschlachteter BVG-Bus ragt am Bühnenrand empor. Unter dem Wrack kommt Ibrahim Önal hervorgekrochen – doch er wirkt weniger wie der Überlebende einer Katastrophe, sondern wie ein somnambuler Träumer. Plötzlich verdunkelt sich der Raum. Der düstere Menschenblock, der sich rückwärts auf die Rampe zubewegt, könnte auch halluziniert sein. Wenn die Tänzer in ihren wallenden Gewändern einen Kreis bilden, mutet es an wie ein Hexensabbat. Die Leiber wogen und kreisen, immer wieder bricht einer aus, springt empor und wird wieder hineingesogen in die verschlingende Masse. Später teilt sich die Menge in tanzende Atome, die nur flüchtige Beziehungen eingehen.

Am Ende treten alle in Alltagsklamotten nach vorn und beginnen in vielen Sprachen durcheinander zusprechen. Sie erscheinen nun wieder als Individuen mit unterschiedlichen Geschmäckern und Einstellungen. Als eine vertanzte Evolution lässt sich das Stück aber nicht begreifen. Xenia Wiest reiht Bewegungen und Bilder aneinander, aber sie ist zu sehr bemüht, ihren Tänzern Futter zu geben.

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