Migrantenverein in BerlinDer verblasste Mythos Türkiyemspor

Einst war Türkiyemspor der legendäre Klub der Kreuzberger Türken, heute stiftet er ihnen keine Identität mehr. Ein Theaterstück erzählt nun den Abstieg des Vereins. von Patrick Wildermann


Der Autor Imran Ayata (links) und der Regisseur Neco Çelik im Kreuzberger Willy-Kressmann-Stadion

Der Autor Imran Ayata (links) und der Regisseur Neco Çelik im Kreuzberger Willy-Kressmann-Stadion  |  © Kitty Kleist-Heinrich/Tagesspiegel

Es ist ein strahlend schöner Sonntagnachmittag im April. Auf den Rängen des Willy-Kressmann-Stadions in Kreuzberg verlieren sich nur wenige Zuschauer. Die meisten haben auf den Eintritt Rentnerermäßigung bekommen. Neco Çelik lässt den Blick über die Minuskulisse und das marode Rund schweifen. "Die schlechte Nachricht", sagt er, "das Spiel dauert 90 Minuten." Er lacht, aber es klingt nicht fröhlich. Kurz nach 14 Uhr, Anpfiff. Türkiyemspor gegen die Reinickendorfer Füchse. Kellerduell in der Berlin-Liga. Es geht gegen den Abstieg.

Çelik, der Theatermacher, betreibt hier Feldforschung. Er inszeniert gerade am Ballhaus Naunynstraße das Stück mit dem vielversprechenden Titel Liga der Verdammten von Imran Ayata. Es ist inspiriert von der Geschichte dieses Kreuzberger Klubs, Türkiyemspor, der mal eine Legende war und heute ein verblassender Mythos ist. Tatsächlich geht es darin um viel mehr. Um Erfolg und Versagen, Hybris und Fall. Wie im Fußball eben.

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Ayata, der Schriftsteller und Fußballkenner, blickt skeptisch auf das anhebende Mittelfeldgeplänkel. "Die stehen nur rum, keiner kämpft", ruft Çelik, "da könnte ich auch mitspielen." "Neco", entgegnet Ayata und schüttelt den Kopf, "du würdest hier keine fünf Minuten mithalten." "Was redest du, ich hab Kondition", protestiert der Regisseur.

Çelik hat von klein auf Fußball gespielt, bei anderer Fügung wäre er vielleicht Profi statt Künstler geworden. Er stand im rechten Mittelfeld beim BFC Südring auf dem Platz, für Türkiyemspor nie, obwohl er gebürtiger Kreuzberger ist. Dafür kickt sein Sohn seit der F-Jugend für den Verein. Und für kurze Zeit saß Çelik sogar im Aufsichtsrat. Das war im vergangenen Jahr, als der Traditionsklub eine Million Miese angehäuft hatte, Insolvenz anmelden musste und der Sturz ins Bodenlose drohte.

"Der 13er ist eine Vollpfeife, der gehört ausgewechselt", winkt Ayata ab. Er selbst hat zwei Jahre C-Jugend-Erfahrung in Ulm zu bieten. Die Bilanz: "gute Übersicht, aber lauffaul." Ayata ist Union-Berlin-Mitglied und seit dem sechsten Lebensjahr Fan von Galatasaray Istanbul. "Aufrücken, der Außenverteidiger!", ruft er in einen Angriff der Reinickendorfer. Kurz tauchen vor dem geistigen Auge die bengalischen Feuer der Süper Lig auf. Echter Fußball, große Emotionen. Der Konter von Türkiyemspor versandet in Höhe der Mittellinie. "Ich möchte gar nicht hinschauen", stöhnt Çelik. "Ich nehm’s zurück, wir könnten doch mitspielen", sagt Ayata.

Es gab auch andere Zeiten. Damals, in den Achtzigern, als die Arena noch Katzbachstadion hieß und zu den Spielen von Türkiyem, dem Migrantenklub, regelmäßig Tausende kamen, in der Spitze 12.000 Zuschauer. Anfang der 90er Jahre stand der Amateurverein kurz vor dem Aufstieg in die Zweite Liga. Was den DFB nötigte, den Begriff "Fußballdeutscher" einzuführen. Schließlich kickten bei dem Klub mit dem Halbmond und dem Berliner Bären im Wappen mehr Spieler ohne deutschen Pass, als die Statuten erlaubt hätten.

Es ist dann nichts geworden mit dem Aufstieg. Aber für die migrantische Community war Türkiyemspor unschätzbar wichtig. "Als Vorbild dafür, dass man es hier aus eigenen Kräften zu etwas bringen kann", sagt Ayata. Und es herrschte Mangel an positiven Identifikationsangeboten. Die türkische Nationalmannschaft fing sich regelmäßig Rekordpleiten ein, die Ligaklubs waren von heutiger Größe weit entfernt, beim Grand Prix wurde das Land verlässlich Letzter. "Worauf sollte man stolz sein?", fragt Çelik. "Auf unsere schwarzen Haare?" 30. Minute. Onur verlängert einen hohen Ball auf den kurzen Pfosten, Baris schiebt ein, Tor, Tor! 1:0 für Türkiyem! "Bisschen zufällig", stellt Ayata nüchtern fest. "Tempo, jetzt nachlegen!", ruft Çelik.

Leserkommentare
  1. mit einigen Schmunzlern :) DIe Suche nach der Identität treibt viele Menschen an und Vereine, speziell Fußballvereine können sehr viel dazu beitragen, aber auf der anderen Seite finde ich es schön, wenn viele Migrantenfußballer bei deutschen Vereinen spielen und akzeptiert werden. Darum ist der Niedergang von Türkiyemspor eigentlich auch wieder fast positiv, weil die eigentlichen Ziele erreicht wurden.
    Die Gedanken rund um Migration und einem Fußballverein auf die Bühne zu bringen ist eine sehr spannende Idee.
    Woran genau lag es eigentlich, dass irgendwann die Zuschauer ausblieben? Ich selbst lebe in einer Stadt mit einem Klub, der in untersten Klassen Zuschauerrekorde aufgestellt hat, wie z.B. in der Kreisklasse 12.000 Zuschauer. Aber irgendwann flaute die Begeisterung ab und übrig blieb ein fast insolventer Verein. Positiver Ausreißer waren fast 25.000 im letzten Jahr in der 4.(!) Liga.
    Auf Dauer braucht jedoch wohl jeder Verein eine Perspektive um auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein und vielleicht hat das bei Türkiyemspor gefehlt. Interessanterweise gibt es bundesweit viele Vereine, die einen Migrationshintergrund haben, von dem wohl einige Fans wenig wissen. Zum Beispiel Borussia Dortmund, als Klub, der gerade in seiner Anfangszeit viele polnische Arbeitsmigranten hatte.

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  2. ...diese italienischen und griechischen Fußballvereine? Man hört kaum noch etwas von denen.

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  3. hier wird ein sehr interessantes Thema besprochen und es gibt gerade mal 2 Kommentare dazu, hingegen sich alle die Finger zum Thema Hoeneß wund schreiben, oder über die Kleidung einer Verbrecherin debattieren. Ist der Alltag wirklich so uninteressant geworden, ist der Artikel zu sehr in einer Nische?

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    Nur weil ein Artikel nicht kommentiert wird, bedeutet das ja nicht gleich, dass er uninteressant ist. Ich fand ihn auch interessant, wüsste aber nicht, was ich als Nicht-Migrant, Nicht-Berliner und Nicht-Fußballfan dazu sagen sollte.

  4. ...und schon wieder diese gedankenlose Gleichsetzung von “Migranten” mit “Türken”.

    Soll so suggeriert werden, es gäbe einen Gegensatz zwischen hermetisch abgeschlossenen “deutschen” Vereinen und einem offenen, "bunten" Verein für Migranten aller Couleur, der nur zufällig einen türkischen Namen trägt?

    Es ist doch genau umgekehrt! Die deutschen Vereine stehen jedermann offen, während offensichtlich türkischstämmige Berliner Fußballer – im Gegensatz zu den meisten anderen Zuwanderergruppen – gerne ihr eigenes Ding machen wollten.

    Liebe Zeit Online: Türkiyemspor ist kein “Migrantenverein”, sondern speziell ein “Türkenverein”! Es gibt in Deutschland auch jede Menge Migranten, die keine Türken sind, was bei den einschlägigen Debatten leider allzu gerne vergessen wird! Und die haben eben allermeistens kein Problem damit, sich in bereits existierende "deutsche" Vereine einzubringen.

    Ihr Weltbild – Deutsche hier, Migranten dort – stimmt einfach nicht. Grundsätzlich habe ich ja kein Problem damit, wenn Türkischstämmige einen eigenen Verein gründen, um ihre Verbundenheit untereinander zu pflegen. Aber dann sollte man als guter Journalist die Dinge auch beim Namen nennen und nicht in Chiffren und verklemmten Codes reden.

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    "Einst war Türkiyemspor der legendäre Klub der Kreuzberger Türken"
    Das steht direkt unter der Überschrieft und man muss kein Türkisch sprechen um festzustellen, wer wohl bei Türkiyemspor spielte und vor allem die Zielgruppe war. Warum man dennoch von Migrantenklub sprechen kann? Weil die tausenden Zuschauer eben nicht nur Türken waren, sondern vor allem Einwanderer aus dem türkischen und arabischen Raum und der ist sehr groß. Worüber genau beschweren Sie sich also, denn der Artikel ist in diesen Punkten nun wirklich nicht mißverständlich, oder?

    Aber mittlerweile habenb sich die türkischen Sportvereine dahingehend geöffnet bzw. erfahren auch einen "gemischten" Zulauf, was aber sicherlich für diese Vereine auch Neuland war/ist.

  5. Nur weil ein Artikel nicht kommentiert wird, bedeutet das ja nicht gleich, dass er uninteressant ist. Ich fand ihn auch interessant, wüsste aber nicht, was ich als Nicht-Migrant, Nicht-Berliner und Nicht-Fußballfan dazu sagen sollte.

  6. Parallelgesellschaften zurückziehen würden, sollten sich mal diesen Artikel ansehen. Die Integration ist in Wirklichkeit schon viel weiter fortgeschritten.
    Fast schon etwas schade, weil da auch etwas Schönes langsam stirbt.

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  7. Ich hab' noch nie von dem Verein gehört. Der war mir bis zu diesem Artikel völlig unbekannt!

    2 Leserempfehlungen
  8. "Einst war Türkiyemspor der legendäre Klub der Kreuzberger Türken"
    Das steht direkt unter der Überschrieft und man muss kein Türkisch sprechen um festzustellen, wer wohl bei Türkiyemspor spielte und vor allem die Zielgruppe war. Warum man dennoch von Migrantenklub sprechen kann? Weil die tausenden Zuschauer eben nicht nur Türken waren, sondern vor allem Einwanderer aus dem türkischen und arabischen Raum und der ist sehr groß. Worüber genau beschweren Sie sich also, denn der Artikel ist in diesen Punkten nun wirklich nicht mißverständlich, oder?

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    sondern um wiederholte bewußte oder zumindest ‘unterbewußte’ begriffliche Irreführung in der Sprache der Medien.

    Wenn in der Politik eine Quote für Deutsche mit Migrationshintergrund gefordert wird, kommt am Ende fast immer türkische Klientelpolitik heraus.

    Wenn von der “Integration der Migranten” die Rede ist, so liegt dem eine Vorstellung zugrunde, es gäbe eine gleichgeschaltete, verschlossene deutsche Mehrheitsgesellschaft, die Zugewanderten pauschal das Leben schwer macht.
    Wenn man aber genau hinschaut, sind die Integrationserfolge und –mißerfolge aber bei den verschiedenen Migrantengruppen höchst unterschiedlich verteilt!
    Würde man also das nebulöse, verbrämende M-Wort hinter sich lassen und die Dinge mit der gebührenden Differenzierung beim Namen nennen, käme man nicht umhin, Ursachen und Handlungsbedarf nicht immer nur bei “den Deutschen” zu suchen, sondern eben auch mal vielleicht teilweise bei den betreffenden, spezifischen Migrantengruppen. Was aber aus Pietätsgründen gerne vermieden wird.

    Zugegeben habe ich mich bei diesem netten, harmlosen Artikel vielleicht etwas zu sehr aufgeregt. Es ist ja durchaus eine Bereicherung, wenn die türkische Community in Berlin einen Fußballverein gründet. Warum nicht?
    Ich hätte meinen Kommentar ja auch gar nicht geschrieben, hätte der Autor zutreffenderweise vom deutschtürkischen Verein Türkiyemspor geschrieben statt fälschlich von “Migrantenverein”. Und stetige, subtile Propaganda ist manchmal gemeiner als ein direktes Gepolter

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  • Schlagworte Berlin | Greenpeace | Aufsichtsrat | Fußball | Türkei | Istanbul
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