Türkische TageErdoğan niedertrinken!

Unsere Kolumnistin Mely Kiyak entdeckt im Istanbuler Stadtteil Kadiköy kapitalistischen "Cheese Cake". Und protestiert wird hier nicht nur still, sondern auch mit Bier. von 

Ein Bierverkäufer auf dem Gundogdu-Platz in Izmir, wo ebenfalls protestiert wurde.

Ein Bierverkäufer auf dem Gundogdu-Platz in Izmir, wo ebenfalls protestiert wurde.  |  © OZAN KOSE/AFP/Getty Images

Ich fuhr mit dem Schiff nach Kadiköy, das auf der asiatischen Seite Istanbuls liegt. In Istanbul sagt man übrigens nie, dass man auf die europäische oder asiatische Seite fährt. Die Istanbuler nennen jenen Teil ihrer Stadt, der auf der anderen Seite vom Bospours liegt, einfach karşı taraf. Gegenüber im Nâzım Hikmet Kulturzentrum saß ich im Teegarten, dem orientalischen Pendant zum bayerischen Biergarten. Ich tat wirklich nichts anderes als herum zu sitzen. Die Speisekarte kam. Da war er schon wieder! Der Cheese kek! Egal, wo ich gehe, egal wo ich stehe, er verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Cheese kek. Käsekuchen.

Man müsste eine Kulturgeschichte des Käsekuchens schreiben, um herauszufinden, wie er seinen Weg in die Türkei fand. Eine Variante ist, dass es die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks war, die Filterkaffee und New York Cheese Cake importierte. Die andere Erzählung geht so, dass man es jenen almancı, Deutsch-Türken, zu verdanken hätte, die dauerhaft in die Türkei zogen und mit der Kehrwoche auch den Käsekuchen einführten. So sind zahlreiche Erzählungen bekannt, wie almancı alles Mögliche unternehmen, um aus türkischem Yoghurt, Milchrahm und anderen Milcherzeugnissen jenen Magerquark herzustellen, der nötig ist, um dem Kuchen die nötige Konsistenz und seine typische Käsekuchenhaftigkeit zu geben.

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Im Internet gibt es 1,5 Millionen abrufbare Seiten, wenn man Cheese Kek eingibt. Unter den Rezepten finden sich allerlei orientalische Varianten, zum Beispiel mit Sesampaste oder Pistazien. 

Dr. Oetker will die Türken in eine Tütenanrührnation umerziehen

Dass es im Nâzım Hikmet-Kulturzentrum neben Tee und Blätterteigpasteten diesen Kuchen gibt, zeigt einmal mehr die Ambivalenz der politischen Strömungen. Käsekuchen ist ein kapitalistisches Produkt. Seine Wurzel liegt mit Sicherheit in einer G8 Nation. Dr. Oetker hat den Käsekuchentrend in der Türkei kapiert und irgendwie geschafft, sich in die Angelegenheit hineinzumogeln, weshalb jeder Cheese kek in einem Meer von Dr. Oetker Erdbeersoße ertrinkt. Dr. Oetker scheint festen Willens die türkische Selbstmachnation aus reiner Profitgier in eine Tütenanrührnation umzuerziehen.

Mely Kiyak
Mely Kiyak

Jahrgang 1976, ist Publizistin und Schriftstellerin. Zuletzt bereiste sie die verschiedenen politischen Brennpunkte in der Türkei. Über ihre Begegnungen in Istanbul, Anatolien und an der türkisch-syrischen Grenze berichtet sie regelmäßig in der Serie Türkische Tage auf ZEIT ONLINE. Vor wenigen Wochen erschien von ihr "Istanbul Notizen" im neu gegründeten Digitalverlag Shelff.

Dass aber der Cheese kek – man beachte die amerikanisierte Schreibweise – im Teepark eines Kulturzentrums, das die Türkische Kommunistische Partei beherbergt und benannt ist nach dem großen Dichter Nâzım Hikmet, der Zeit seines Lebens gegen die ganze bourgeoise Soße anschrieb, nun dem größten Soßenhersteller der Welt Tür und Tor öffnet, ist ein nie dagewesener Skandal. Der im Rauschen der Platanen des Teeparks und zum Klang des wohligen Schmatzens der kommunistischen Teeparkbesucher gänzlich untergeht.

Was geschah noch? Ich ging in die armenische Kirche und schaute mir den neuen Glockenturm aus Holz an. Leider war nicht Sonntag, so konnte ich die Glocken nicht läuten hören. Anschließend ging ich in die griechisch-orthodoxe Kirche. Aber wirklich nur, weil beide Kirchen nah beieinander liegen. Die touristische Angewohnheit in jede Kirche zu rennen, lehne ich eigentlich strikt ab. Meine deutsche Sozialisation aber hat mir irgendein Verhalten eingebaut, das es mir unmöglich macht, nicht in jede Kirche zu rennen. Meistens geschieht mit mir in Kirchen immer das Gleiche. Ich komme mir albern vor. Weil, man steht drin und dann?

Ich ging also wieder raus und stand einfach so auf dem Platz herum. Natürlich kann man seit zwei Tagen in der Türkei auf keinem Platz stehen, ohne dass sofort jemand kommt und einen fotografiert, weil man vermeintlich als duran adam, Stehender Mann, wahrgenommen wird. Erdem Gündüz, ist DER duran adam, seit er sich am Montag einfach aus Protest gegen die Polizeigewalt und die Medien, die die vier Toten während der Gezi-Proteste beharrlich totschwiegen, auf den Taksim-Platz stellte und diese Performance als stille, aber irgendwie sehr laute Protestaktion einführte

Leserkommentare
  1. Das haben einige ja einige Erdogan Gegner behauptet, dass jetzt ein striktes Alkoholverbotsgesetz in der Türkei in Kraft getreten sei. Das stimmt also doch nicht.

    Nun in der Türkei hat jeder die Freiheit und das Recht dazu ab 18 Jahren ob weiblich/ männlich von 6.00 bis 22.00 alkoholische Getränke im Supermarkt und in Getränkeläden zu kaufen, so viel er will.
    Die neuen Gesetze die durch das türkische Parlament durch die gesetzlich erforderliche Mehrheit der Abgeordneten verabschiedet wurde, ist nicht im Entferntesten so streng ist wie bestehende vergleichbare Alkoholgesetze aus Norwegen, Schweden oder Finnland.
    Vielmehr sind diese Länder westlich und nicht islamisch geprägt.
    Dieses Paradebeispiel zeigt sehr viel mehr das man erkannt hat, was für schwerwiegende Folgen der Konsum von Alkohol für die Gesellschaft haben kann. Auch in der Türkei wird das nicht nur mit dem Koma saufen von Jugendlichen assoziiert, sondern auch mit der Tatsache, dass jedes Jahr zahlreiche Menschen durch Alkohol am Steuer in der Türkei den Tod finden.
    Übrigens Efes Pils vom Fass schmeckt besser als aus der Flasche.

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    • hijuga
    • 19. Juni 2013 19:43 Uhr

    ...sind diese Proteste ja so peinlich. Selbst hier in meiner Stadt (60.000 Einwohner/Baden-Württemberg) bekomme ich nach 22.00 Uhr nicht mehr an jeder Tankstelle Alkohol, sondern nur an einer Auserkorenen mit spezieller Erlaubnis.
    In den USA gibt es auch verschärfte Alkoholgesetze. Dort darf man ja nicht einmal die Flasche Bier öffentlich zeigen.
    [...]

    Gekürzt, da unsachlich und unterstellend. Die Redaktion/ls

    das Eigentliche besteht hier...

    sollte jemand sein Geschaeft verkaufen, kann er es nur an Verwandte von 1. - 2. Grad verkaufen, ohne dass seine Lizenz für Alkoholverkauf erlöscht. Falls jemand Kaeufer ist, der dass nich ist, entfaelt die Lizenz. danach tritt das Gesetz mit der 100 Meter Klausel in Kraft...

    den Rest können Sie sich ausdenken...

    • hakeen
    • 19. Juni 2013 21:56 Uhr

    diese Alkohol-Gesetz ist nicht die erste Gesetz über akoholische Getränke.
    Wissen Sie wie schwerig ein Erlaubnis für ein alkoholosiche Getränke bietende Restaurant zu kriegen? Wissen Sie wie viel Steuer auf alkoholische Getränke gibt? Ein 3 Euro türkische Wein in Kaufhof o.ä. ist 10-12 Euro (25-30Tl) in der Türkei. Es ist das gleiche Wein und ein türkischer Produkt!!! Oder Raki usw..

    Also, es ist klar Erdogan und Co mögen keine alkoholische Getränke und möchten verbieten, sie zu trinken. Er hat vor 3-4 Wochen gesagt, dass manche Gestze sogar von 2 Ayyas (betrunkende alkoholiker, im türkisch ein Schimpfwort) gemacht worden.

    Und ich sehe heute Herr Egemen Bagis hat gesagt, die internationale Presse, die Erdogan als dickköpfig beschreibt, hat Seife-Köpfe. Er meint es besonders für die deutsche Presse, und deswegen sagt er "Seife". Also verstehen sie was er meint?? Kleine Tipp: 2. Weltkrieg.

    Also so ein niedrige Niveau hat ein Minister. Schade für die Türkei!
    Er hatte auch schon andere skandölese Wörter ( zB gegen einen hollansiche Abgeordenete). Googlen Sie "put it into appropriate place"
    und "Egemen bagis"!!!!

    • hijuga
    • 19. Juni 2013 19:43 Uhr

    ...sind diese Proteste ja so peinlich. Selbst hier in meiner Stadt (60.000 Einwohner/Baden-Württemberg) bekomme ich nach 22.00 Uhr nicht mehr an jeder Tankstelle Alkohol, sondern nur an einer Auserkorenen mit spezieller Erlaubnis.
    In den USA gibt es auch verschärfte Alkoholgesetze. Dort darf man ja nicht einmal die Flasche Bier öffentlich zeigen.
    [...]

    Gekürzt, da unsachlich und unterstellend. Die Redaktion/ls

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    Warum genau Alkohol an Tankstellen zu kaufen ist, hat sich mir noch nie erschlossen - mir war dunkel so, daß Saufen und Fahren sich nicht ganz so gut vertragen.

    Alkohol in Gesellschaft in der Bar oder im Restaurant ist mir persönlich weit sympathischer als nächtliches Trinken allein zu Hause mit Alkohol von der Tanke - aber das mag jeder so halten, wie es ihm entspricht.

    Erdogan versucht, Gastronomen + ihr Publikum zu reglementieren, indem Alkohol-Lizenzen kaum noch vergeben werden, das Trinken vor Lokalen bereits verboten (mutmaßlich demnächst auch jeder Ausschank nach 22h) + die Steuern kräftig erhöht wurden http://www.derwesten.de/p... Ob ich mir jetzt nächtliches Ausgehen in Erdogans Istanbul mit einem Gläschen Tee vorstellen möchte? Da schließe ich mich doch lieber der brennenden alten Dame aus dem Artikel an...;-)...

    Falls Sie sich aber noch ein wenig informieren möchten, warum 'ein aufgewühlter Mob mit Mistgabel und Schaufel auf Erdogan los' gegangen ist (eine äußerst objektive Ausdrucksweise, Respekt!) Tip: es war nicht wegen Alkohol http://gezipark.nadir.org... http://gezipark.nadir.org... http://www.reporter-ohne-... http://www.amnesty.de/jah...

    ................................................................................................

    @Mely Kiyak Ein schöner Artikel, gern gelesen!

  2. das Eigentliche besteht hier...

    sollte jemand sein Geschaeft verkaufen, kann er es nur an Verwandte von 1. - 2. Grad verkaufen, ohne dass seine Lizenz für Alkoholverkauf erlöscht. Falls jemand Kaeufer ist, der dass nich ist, entfaelt die Lizenz. danach tritt das Gesetz mit der 100 Meter Klausel in Kraft...

    den Rest können Sie sich ausdenken...

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    Dabei geht es um 100 Meter Entfernung von Moscheen, Schulen, anderen Bildungseinrichtungen wie Nachhilfeinstitute, Bäckereien.
    In Istanbul gibt es allein 4000 Moscheen. Mit der Zeit wird der grösste Teil der Istanbuler Kneipen also schließen müssen.
    Dazu darf keine Alkoholreklame an den Kneippen angebracht werden, also
    Schluß mit den blauen Efes-Leuchtreklamen, mit deren Hilfe man in Städten mit seltenen Gaststätten mit Alkoholausschank diese noch einigermaßen gut finden konnte.
    Auch darf in Filmen kein Alkoholkonsum mehr gezeigt werden. Bei alten oder ausländischen Filmen wird man da die Filme schneiden oder verpixeln müssen. Eine massive Einschränkung der Kunstfreiheit.
    Im internationalen Vergleich ist der Alkoholverbrauch sehr niedrig, trotzdem wurde etliche Male die Alkoholsteuer derartig angehoben, dass für den türkischen Durchschnittsverdiener mittlerweile eine Flasche Raki fast unerschwinglich geworden ist.
    Alkoholkonsum soll unsichtbar werden. In Beyoglu kann man kaum noch draußen trinken. Das ist besonders für Raucher in Anbetracht der extrem rigiden Nichtraucherschutzgesetze schlimm.

  3. ist, dass alle Beführworter auf den Verkaufstopp ab 22:00 Uhr weisen.

    die eigentliche Absicht ist eigentlich Offensichtlich...

    naja wenn man die Medien für sich alleine hat ist es auch kein Kunststück es so aussehen zu lassen...

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  4. genau dieses Gesetz zeigt die Taktik der AKP, die sie führt.

    Sie mischen einfach harmlose (eigentlich offentsichtlich für Jedermann positive ) Themen mit einem Thema, dass sie Ihrem Islamstaat naeher bringt und niemand merkt es (oder kann/will es nicht merken).

    naja es ist halt nicht einfach die Demokratie walten zu lassen, wenn die meisten Bürger erst gar nicht wissen was Demokratie eigentlich ist...

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  5. die 100 Meter Klausel ist,

    man kann keine alkoholischen Getraenke verkaufen, wenn desen Geschaeft 100 Meter in der Naehe von einer Mosche, Schule oder eines KURSES ist...

    die wo eine Lizenz haben sind nicht betroffen, aber neue Lizenzen werden nicht vergeben, solltn die Geschaefte inerhalb dieser 100 Meter sein.

    Naja wenn sie mal als Turist in Istanbul waren, können sie sich ja mal ein Bild davon machen...

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  6. Warum genau Alkohol an Tankstellen zu kaufen ist, hat sich mir noch nie erschlossen - mir war dunkel so, daß Saufen und Fahren sich nicht ganz so gut vertragen.

    Alkohol in Gesellschaft in der Bar oder im Restaurant ist mir persönlich weit sympathischer als nächtliches Trinken allein zu Hause mit Alkohol von der Tanke - aber das mag jeder so halten, wie es ihm entspricht.

    Erdogan versucht, Gastronomen + ihr Publikum zu reglementieren, indem Alkohol-Lizenzen kaum noch vergeben werden, das Trinken vor Lokalen bereits verboten (mutmaßlich demnächst auch jeder Ausschank nach 22h) + die Steuern kräftig erhöht wurden http://www.derwesten.de/p... Ob ich mir jetzt nächtliches Ausgehen in Erdogans Istanbul mit einem Gläschen Tee vorstellen möchte? Da schließe ich mich doch lieber der brennenden alten Dame aus dem Artikel an...;-)...

    Falls Sie sich aber noch ein wenig informieren möchten, warum 'ein aufgewühlter Mob mit Mistgabel und Schaufel auf Erdogan los' gegangen ist (eine äußerst objektive Ausdrucksweise, Respekt!) Tip: es war nicht wegen Alkohol http://gezipark.nadir.org... http://gezipark.nadir.org... http://www.reporter-ohne-... http://www.amnesty.de/jah...

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    @Mely Kiyak Ein schöner Artikel, gern gelesen!

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    Antwort auf "Genau deshalb..."
  7. Das Gesetz schreibt vor, dass im Umkreis von 100 Metern von Gebetshäusern, zu denen dann wohl auch die Kirchen und Synagogen zählen, und Schulen kein Alkohol mehr ausgeschenkt oder verkauft werden darf. Da zwischen den meisten Moscheen und Schulen weniger als zweihundert Meter liegen (man denke sich einen Zirkel um jedes Gebetshaus oder um jede öffentliche oder private Lehranstalt), führt das langfristig dazu, dass Alkohol außerhalb der Städte verkauft wird. Das Problem ist also nicht das 22 Uhr- Gesetz, sondern diese Regelung. Gleichzeitig hinkt der Vergleich mit Ländern, in denen Alkoholverbote nicht mit religiösen Gründen erlassen werden. Zur Erinnerung: Erdogan sprach explizit davon, dass der Glaube Alkohol verbiete und das Glaubensgesetz doch wohl wichtiger sei als andere Gesetze. Das heißt, Einschränkungen im Alkoholverkauf in der Türkei sind also eingebettet in einen anderen Diskurs. Deshalb sind eurozentrische Vergleiche naiv. Witzig wiederum ist, dass die Touristengebiete davon ausgenommen bleiben, weil der Alkohol dort auf einmal nicht gefährlich und problematisch ist. Im Zusammenhang mit anderen Elementen, wie Ausweitung der Korankurse, Verurteilungen wegen Blasphemie, ständiger Förderung und Betonung des sunnitischen Islams im öffentlichen Leben stellt dieses Gesetz einen weiteren Baustein dar. Als nächstes wird die Einführung des Freitags als Feiertag kommen, dann die allmähliche Veränderung der Gesetze. Immer schön Schritt für Schritt.

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  • Schlagworte Türkei | Gezi-Park | Istanbul | New York
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